Mit dem Kopf voran

09.06.2006 um 00:18 Uhr

Aus der Traum?

Wenn es nach dem Interesse der Unterhaltungsindustrie ginge, wären die Tage des russischen iTunes&Co-Herausforderers AllOfMP3.com bald gezählt. Vorbei die Zeit günstiger Audiofiles in allen denkbaren Formaten und ohne Kopierbeschränkungen. Während die Unterhaltungsindustrie meint der Service wäre illegal und würde ohne Genehmigung der Musiker und Copyright-Besitzer operieren, kontert das Unternehmen, es wäre ein legaler Anbieter in Russland, würde international keinerlei Werbung betreiben, ausländische Kunden vor der rechtlichen Grauzone der Nutzung warnen, seit Januar 2006 direkte Verträge mit den Urheberrechtsbesitzern und Musikern besitzen und entsprechende Tantiemen zahlen. Offenbar soll das Ende von ALLOfMP3.com sogar zur Bedingung für Russlands Aufnahme in die WTO gemacht werden (weitere Details hier).

Via Against Monopoly.

08.06.2006 um 12:32 Uhr

Selektive Argumentation

Wie man mit der gezielten Auswahl von Ergebnissen einzelner wissenschaftlicher Studien eine gewünschte These eindrucksvoll untermauert, zeigt auf sehr anschauliche Art der gestrige Beitrag "Abgas, stimulierend wie Bergluft" im Berliner Tagesspiegel. Dort werden die dramatischen Folgen eines mit einer erhöhten Konzentration von Kohlendioxid verbundenen Wachstumsschubs schädlicher Pflanzen und Insekten beschworen.

Kein Wort wird aber darüber verloren, dass man genauso gut eine Reihe anderer Studien zitieren könnte, die zu einem entgegengesetzen Ergebnis kommen. So findet sich etwa auf der Webseite www.co2science.org eine Zusammenfassung von Studien, die eine hemmende Wirkung erhöhter Kohlendioxidkonzentrationen auf pflanzenfressende Insekten belegen. Dass mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre und ein wärmeres Klima auch das Wachstum von Nutzpflanzen anregt, ist ebenfalls seit langem bekannt.

Im Übrigen treten die geschilderten Wirkungen nicht, wie im Text beschrieben, schon bei in wenigen Jahren zu erwartenden Kohlendioxidkonzentrationen auf, sondern erst bei gegenüber dem heutigen Niveau um 50 Prozent erhöhten Konzentrationen.  Gegenwärtig liegt die globale Kohlendioxidkonzentration bei rund 380 ppm. Das entspräche also knapp 570 ppm, einer Kohlendioxidkonzentration, die selbst bei den (eher unwahrscheinlichen) Szenarien des IPCC mit besonders hohem Emissionswachstum frühestens um die Mitte dieses Jahrhunderts erreicht werden dürfte.


07.06.2006 um 06:03 Uhr

Urheberrechts- und Patentschutz: Innovationsmotor oder staatlicher Monopolschutz?

In ihrem neuen Buch "Against Intellectual Monopoly" (frei verfügbare Rohfassung) vertreten die beiden Ökonomen Michele Boldrin und David K. Levine die These, dass der Schutz intellektuellen Eigentums durch den Staat entgegen der vorherrschenden Lehre keine notwendige Voraussetzung für Innovationen ist, sondern vor allem wohlfahrtsmindernde Monopolmacht sichert:

It is common to argue that intellectual property in the form of copyright and patent is necessary for the innovation and creation of ideas and inventions such as machines, drugs, computer software, books, music, literature and movies. In fact intellectual property is not like ordinary property at all, but constitutes a government grant of a costly and dangerous private monopoly over ideas. We show through theory and example that intellectual monopoly is not neccesary for innovation and as a practical matter is damaging to growth, prosperity and liberty.

Interessant auch der Weblog von David K. Levine u.a. "Against Monopoly".

06.06.2006 um 02:02 Uhr

Kunst oder attraktive Nutzlosigkeit?

So mancher mag sich schon einmal gefragt haben, weshalb Menschen nicht nur arbeiten, um sich ernähren und fortpflanzen zu können, sondern nebenbei auch noch der Kunst und Kultur frönen. Evolutionsbiologen haben eine ganz schlichte Erklärung für dieses Rätsel: Es ist die exzessive Nutzlossigkeit künstlerischer Betätigung: Die Ausführung von Tätigkeiten, die viel Zeit und Geschick erfordern, ohne zu körperlicher Fitness oder zum Überleben beizutragen, ist ein Beleg für gute Gene des sich künstlerisch Betätigenden. Hierzu der Biochemiker Arne Jernelöv in einem Artikel des Project Syndicate:

Folgt man dieser Argumentation, so ist das, was den Dichter, Maler oder Sänger attraktiv macht, die Nutzlosigkeit, verbunden mit der Schwierigkeit, seines Tuns. Je schwieriger und nutzloser das Handeln, desto besser und sexuell attraktiver wird der Ausführende. Natürlich braucht man sich dabei des unterschwelligen Wunsches nach sexueller Attraktivität überhaupt nicht bewusst zu sein. Die Mechanismen funktionieren auch so. Der Dichter, Maler oder Sänger mag glauben, sein Tun beruhe auf hochgeistigen Motiven – Wissenschaftler wissen es besser.

Dabei ist Wissenschaftler sein auch nicht einfach! Allerdings: Folgt man der Logik der natürlichen Auslese, braucht der Naturwissenschaftler zur Steigerung seiner sexuellen Attraktivität nur dafür zu sorgen, dass die Ergebnisse seiner Arbeit völlig nutzlos sind.

Sehr ausführlich setzt sich der Evolutionsbiologe Geoffrey Miller in seinem Buch "Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Evolution des Geistes" mit diesem Thema auseinander. Hier entwickelt er die These, dass nicht nur die Kunst, nein auch die gesamte Intelligenz des Menschen eine extreme Ausprägung zur Schau getragener Nutzlosigkeit ist. Wer nach der Lektüre dieses Buches immer noch glaubt, wir Menschen wären etwas Besonderes, der ist echt ein Affe.
 


06.06.2006 um 00:57 Uhr

Arbeitsplatzerhalt als Steuersparmodell?

Erbschaftssteuern haben einen unangenehmen Effekt, sie gefährden langfristige Kapitalanlagen, also auch Unternehmen und die damit verbundenen Arbeitsplätze beim Generationswechsel. Statt jedoch wenigstens dem britischen Beispiel der Steuerbefreiung bei mindestens zehnjähriger Unternehmensfortführung einfach zu folgen, ist in der Bundesregierung der Streit darüber entbrannt, ob die Steuerbefreiung an den Erhalt von Arbeitsplätzen gebunden werden soll oder nicht.

Was auf den ersten Blick als beschäftigungsfördernd erscheint, kann sich mittel- bis langfristig als unternehmerische Rentabilitätsbremse entpuppen, weil diese steuerliche Maßnahme die unternehmerische Entscheidung zwischen dem Einsatz von Kapital und Arbeit verzerrt. Notwendige Umstrukturierungen und eine Modernisierung der vererbten Unternehmen werden verhindert. Obwohl vom Markt nicht hinreichend belohnt, werden Arbeitskräfte als Steuersparmodell erhalten. Die Arbeit wird letztlich nicht vom Markt, sondern vom Fiskus entlohnt, weil dieser Kapital erbschaftssteuerlich anders behandelt als Arbeitsplätze. Es dürfte zweifelhaft sein, ob die übermäßige Kostenbelastung der deutschen Löhne durch diese indirekte Entlastung sinnvoll kompensiert werden kann.

02.06.2006 um 15:55 Uhr

Wird die Fertilitätsrate von Frauen unterschätzt?

Brandon Berg von Catallarchy meint, dass die niedrige Fertilitätsrate von Frauen aufgrund der faktischen Verschiebung des Gebäralters nach oben möglicherweise systematisch unterschätzt wird:

Back in March, I mentioned that postponement of childbirth could create an illusion of declining fertility and provided a crude proof-of-concept example. However, it was never really clear to me what the magnitude of this effect would be or whether it could plausibly account for a significant portion of the recent decline in European fertility rates. I finally got around to creating a somewhat more realistic model this weekend.

I found that the effect could be fairly significant. When mean maternal age is increasing at a rate of one month per year, total fertility rate is understated by 8%. At two months per year, TFR is understated by 14%. At three and four months per year, it’s understated by 20% and 25%, respectively. At six months per year, it’s understated by a full third. Increases in mean maternal age at first birth (presumably a reasonable proxy for median maternal age at all births) has been roughly one to two months per year in much of Western Europe, so this could presumably account for perhaps a 0.1-0.3 point reduction in TFR—probably not enough to bring them up to replacement levels, but maybe enough to convince some people that the sky isn’t falling quite so rapidly as they thought.