Mit dem Kopf voran

31.07.2006 um 19:55 Uhr

Teure Pfunde!

von: steffenh   Stichwörter: Gesundheitspolitik

Alles redet von der Wunderpille Acomplia gegen Übergewicht, einem neuartigen Medikament, dessen Wirkstoff Rimonabant im Gehirn für das Hungergefühl verantwortliche Rezeptoren blockiert. Ganze 80 Euro soll eine Monatspackung kosten, wohl auch deshalb ist das Medikament aus Kostengründen nur für extrem Übergewichtige über 18 Jahren zugelassen. Ganz zu schweigen von den Nebenwirkungen, wie Stimmungsschwankungen oder Ängstlichkeit.

Kein Wunder, dass in unserem Gesundheitssystem die Kosten explodieren. Kurieren wir doch eigentlich auch auf einfacherem Wege lösbare Probleme mit teurer High-Tech-Medizin. Zugegeben, nicht jeder kann sich überwinden regelmäßig Sport zu treiben und auf das glücklich machende Futtern vor der Glotze verzichten. Aber zu der abspeckenden Wunderdroge gibt es eine ebenso wirksame, völlig nebenwirkungsfreie und obendrein wesentlich billigere Lösung.

Bereits vor Wochen hatte ich auf die Shangri-La-Diät des amerikanischen Psychologie-Professors Seth Roberts aufmerksam gemacht, eine Schlankheitskur, bei der man mit zwei Gläsern Zuckerwasser oder einigen Esslöffeln geschmacksarmen Speiseöls pro Tag eine ebenso sichere Zügelung seines Appetits erreicht. Und das für ganze 3 bis 4 Euro pro Monat, wendet man die Zuckerwassertherapie an. Die Methode hat nicht nur in den USA eine Menge begeisterter Anhänger gefunden, nein, selbst meine Mutter hatte in wenigen Wochen fast 5 kg ohne Hungerfrust abgespeckt. Wenn das sich herumspricht, dann wars das mit dem Verkaufserfolg des Pharmaherstellers, der sich von dem dauerhaft einzunehmenden Präparat ordentliche Umsätze verspricht.

Hat eigentlich einer meiner treuen Leser die Shangri-La-Diät mal ausprobiert? Mit 1,82 m Körpergröße, gut 70 kg Körpermasse und 30-40 km Laufstrecke pro Woche bin ich leider nicht der richtige Proband für einen Selbstversuch. Erfahrungsberichte würden mich also brennend interessieren. Natürlich übernehme ich auch für die Folgen dieses Beitrags keine Haftung!

Update: Alle Leserinnen sind ab sofort eingeladen auf dem neuen Weblog "Der Shangri La Diät Blog" weiter zu berichten und zu diskutieren.

31.07.2006 um 15:58 Uhr

Wo sind die Arbeitsplätze?

Immer wieder hört man klagen, Globalisierung und Billiglohnkonkurrenz führen zum Abbau von Arbeitsplätzen in den Industrieländern. Insbesondere im Textil- und Bekleidungsgewerbe wird immer wieder über die Gefahr für Arbeitsplätze in den Industrieländern durch die Billiglohnkonkurrenz aus den Entwicklungsländern geklagt. Tatsächlich ist es jedoch nicht der billige Textilarbeiter aus Shanghai, der die Textilarbeiter in Europa arbeitslos macht, sondern bestenfalls der technische Fortschritt. So kann man in der EU-Broschüre "Statistik kurz gefasst - Die Textilindustrie in der EU" erfahren, dass die Beschäftigung in der Textilindustrie zwischen 1991 und 2001 um 28% gesunken ist, obwohl die Bruttowertschöpfung nahezu unverändert blieb. Allein der technische Fortschritt hat dazu geführt, dass die Wertschöpfung pro Beschäftigten, also die Produktivität um 32% gestiegen ist. Der Textil-Protektionismus der EU hat entgegen seiner sozialen Lippenbekenntnisse wohl keinen einzigen Arbeitsplatz, sondern lediglich die Profite der Textilindustrie gerettet. Dafür auch noch einen Preisaufschlag beim Klamottenkauf abdrücken zu müssen, ist schon ärgerlich.


31.07.2006 um 10:17 Uhr

Quotengeschacher

Medien und Öffentlichkeit sind empört, dass der Wert von Kohlendioxid-Emissionsrechten im Rahmen des EU-Treibhausgashandels soweit es möglich ist von den Energieversorgern in die Strompreise überwälzt wird. Dabei sollten wir mit diesem Phänomen doch völlig entspannt umgehen, denn schließlich gibt es bereits seit 1984 eine Quote für ein Konsumgut, das vielleicht ebenso essentiell wie elektrischer Strom ist: die Milchquote.

Früher waren die Quoten nicht wirklich handelbar und es gab um ihre Verteilung ein ähnliches Geschacher wie um die knappen Emissionsrechte vor der Bekanntgabe des Nationalen Allokationsplan (NAP). Erst seit dem Jahre 2000 entspannte sich die Situation innerhalb der Quotenzeiträume etwas, als der offizielle Börsenhandel erlaubt wurde. Doch die Jagd nach der Anfangszuteilung der Milchquoten hat nicht an Schärfe verloren, geht es doch nicht nur um ein bloßes Angebotsrecht, sondern um handfeste Knappheitsgewinne aus dem Quotenhandel. Und spätestens seit dieser Zeit zahlen wir mit jedem Liter Milch, jedem Joghurt und jedem Stück Butter auch den schlichten Handelswert eines Milchverkaufsrechts mit.

Anders als beim Kohlendioxid, das zumindest im Verdacht steht eine klimaschädliche Wirkung zu haben, gibt es die Milchquote nur um die Bauern zu disziplinieren, sich gegenseitig nicht die Preise in den Keller zu konkurrieren. Eine echte Knappheit oder externe Kosten für die Gesellschaft, die vom Staat reguliert werden sollten, liegen nicht vor, sondern werden durch die Quote erst geschaffen.

Der Konsument zahlt also gleich zweimal: Einmal sind die Bauern in der Lage bei gegebener Nachfrage für eine geringere Angebotsmenge höhere Preise zu verlangen (die bekommen sie durch die Interventionspreise der EU ohnehin) und dazu bezahlen wir noch die "Windfall Profits" der glücklichen Quotenbesitzer. Immerhin kosteten die Quoten im Juni dieses Jahres regional unterschiedlich zwischen 0,28 und 0,70 €/kg Milch.

Und da sage mal noch jemand europäische Politiker hätten keine Erfahrungen mit dem Quotenhandel. Zumindest die Experten vom Umweltministerium hätten sich ja mal mit ihren Kollegen aus der Landwirtschaftssparte unterhalten können.

31.07.2006 um 00:25 Uhr

BP Statistical Review of World Energy 2006

Der aktuelle Überblick über weltweite Energiereserven, -verbräuche und -preise schlechthin (auch in deutsch). Die Daten kommen als Excel-Files und ganz neu in Form eines Online-Tools, mit dem man sich Energy-Charts der Wahl schnell und übersichtlich zusammenklicken kann.


29.07.2006 um 19:30 Uhr

Der Fisch stinkt vom Kopf her...

von: steffenh   Stichwörter: Umweltpolitik

...und der sitzt in Brüssel. Die Gemeinsame Europäische Fischereipolitik ist ein trauriges Beispiel für staatliche Interventionen, bei denen man ziemlich lange nachdenken muß, wem sie eigentlich langfristig nutzen. Wem sie nichts bringen, ist auf jedem Fall klar. Dem Fisch und den Konsumenten. Der eine stirbt, der andere zahlt dafür. Sehr aufschlußreich sind vor allem die Regeln der gemeinsamen Marktorganisation der Fischerei und der Aquakultur. Während die eine Hand der Politik glaubt nun endlich mit zögerlichen Subventionskürzungen sowie zeitlichen und räumlichen Fangaufwandsbeschränkungen den Druck aus der Fischerei nehmen zu können, wird mit der anderen Hand ordentlich viel Geld für Aktivitäten ausgegeben, die es für die Fischereiwirtschaft attraktiv machen, sich an diesen Auflagen möglichst vorbei zu mogeln.

So führt eine Verkürzung der Fangsaison in der Regel zu einem erhöhten Angebot während der erlaubten Fangzeit und folglich  sinkenden Marktpreisen. Das sollte die Lust auf die Jagd nach dem Fisch etwas dämpfen. Doch was macht die EU? Sie legt über dem Marktpreis liegende Interventionspreise fest und garantiert den Fischern eine vollständige Abnahme der Fänge zu diesem Preis. Und damit die mit der Vermarktung betrauten Erzeugerorganisationen mit dem temporären Überangebot keine Absatzprobleme bekommen, wirft die EU der Branche noch Subventionen für die Lagerung der Fänge hinterher. Was hält den Fischer davon ab, den Fisch mit mehr Fangtechnik jetzt vollständig in der kürzeren Zeit einzufangen? Nichts, denn der Preis stimmt ja trotzdem. Und damit den Fischern die Zeit über die lange Warterei auf die nächste Jagdsaison nicht zu lang wird und sie nicht etwa gezwungen sind Boot und Fangtechnik zu verschrotten und sich einen einträglicheren Job zu suchen, zahlt die EU dem sich an Land langweilenden Fischer noch ein ausreichendes Übergangsgeld. So kann er erholt, im vollen Jagdeifer die Plane vom Kahn nehmen und in der kommenden Saison wieder in See stechen.

EU-Politiker und Fischer glauben offenbar, was für die Landwirtschaft recht ist, kann für die Fischerei nur billig sein. Nur scheinen sie dabei zu übersehen, dass die Maßnahmen, die an Land zu viel "Bestandspflege" und Überproduktion verursachen, im Wasser das Gegenteil bewirken. Der Bauer auf seiner Scholle weiß, dass vor dem Ernten die Aufzucht von Pflanzen und Tieren steht. Der Fischer auf dem Boot, weiß das eigentlich auch, aber Brüssels Interventionen lassen ihn immer wieder vergesslich werden. Wenns schief läuft denkt er wie alle: Papa Staat wirds schon richten.

29.07.2006 um 12:17 Uhr

Doha platzte...

...und die EU benutzte den spitzesten Stachel, erfährt man drüben bei Marginal Revolution:

In total, a number of countries must share responsibility for the breakdown. Brazil and other Third World food exporters probably were too ambitious on behalf of the developed countries, India refused to accept more competition in its comparatively weak industries, and the US position remained opaque while the country for too long hid behind the protectionist positions of other member states. However, the bottom line is that the main culprit - the member bearing most of the responsibility - is the European Union. The problem continues to be that the official policy of the union is controlled by Southern European countries with strong agricultural lobbies - and the policy is therefore rather clearly dictated by Paris. French top politicians have throughout the negotiations ‘protected’ French farmers against cuts in tariffs or support measures - Jacques Chirac and Dominique de Villepin both went on air in national media to ensure their voters that France would veto any liberalization - which makes the country the Global Public Enemy Number One. Yet, another part of the story that needs to be told is that other EU members also made an indirect effort. The EU as a whole and traditionally liberalist countries such as the UK and Denmark in particular are all accomplices.

Zitiert aus Christian Bjørnskov "The Breakdown in the WTO - Who's to Blame?"

27.07.2006 um 07:15 Uhr

Wes' Brot ich eß...

Die meisten Bürger finden es nach einer Forsa-Umfrage schlecht, dass Bundestagsabgeordnete eine Doppelfunktion in Wirtschaft und Parlament einnehmen. Diese Debatte hatte sich kürzlich über die beabsichtigte Übernahme des Hauptgeschäftsführer-Postens in einem Spitzenverband der deutschen Wirtschaft durch einen CDU-Bundestagsabgeordneten erneut entzündet. Natürlich drängt sich bei einem solchen Posten schnell der Verdacht der Befangenheit auf. Doch fällt auf, dass die öffentliche Wahrnehmung in dieser Angelegenheit etwas einseitig ist. So beschwert sich beispielsweise niemand über die Doppelfunktion eines prominenten SPD-Bundestagsabgeordneten als Parlamentarier und Präsident einer europaweit agierenden Interessenvereinigung, zu deren Mitgliedern ebenfalls zahlreiche Wirtschaftsunternehmen und deren Verbände zählen. In dieser Angelegenheit sollten wohl alle Verdächtigen mit dem selben Leisten gemessen werden.

26.07.2006 um 14:56 Uhr

Sexy Europa!?

Pünktlich vor der Übernahme der EU-Presidentschaft hatte die Regierung von Österreich im vergangenen Jahr 500000 Euro in die Hand genommen, um vor allem den männlichen EU-Bürgern eine echte Freude zu machen. Offenbar handelte man nach dem Motto, etwas Geld zum Scharfmachen, der Rest wird dann den bedürftigsten Lobbyisten und Bürokraten zum Höhepunkt in den Allerwertesten geschoben. Ganz großer Sex!



26.07.2006 um 00:17 Uhr

Besser im Bündel?

Rayson vom B.L.O.G. und ich diskutieren die spannende Frage, ob eine Bündelung des Windows-Betriebssystems mit anderen Zusatzprogrammen dem Konsumenten schadet oder nicht, wie sinnvoll also die Forderung nach einer billigeren, abgespeckten Windows-Version durch den Gesetzgeber ist. Ich sehe in der Bündelung kein Problem und folge damit der Argumentation von McCormick, Shugart II und Tollison in ihrem Paper "A Theory of Commodity Bundling". Rayson sieht das anders und meint, eine derartige Praxis verhindere Konkurrenz und blockiere somit Innovationen. Der Disput ist noch nicht beendet. Wer kennt sich hiermit aus? Die Debatte ist eröffnet.

Update: Interessant dürfte wohl auch dieser aktuelle Survey-Artikel zum Thema sein: Does Economics Provide a Reliable Guide to Regulating Commodity Bundling by Firms? A Survey of the Economic Literature von Bruce H. Kobayashi

This article surveys the voluminous economic literature on commodity bundling. While bundling has been widely studied, the vast majority of the papers are theoretical models of bundling. These models generally contain restrictive assumptions regarding the existence of monopoly in some markets, and the nature of rivalry in others. The models also generally ignore obvious and ubiquitous reasons firms may use bundled discounts. Moreover, these models have not been subject to robustness checks, nor have their assumptions been tested empirically.

As a result, while the literature has demonstrated that use of bundling can generate anticompetitive harm, it does not provide a reliable way to gauge whether the potential for harm would outweigh any demonstrable benefits from the practice. Thus, this review of the economic literature generally confirms the SG's position in 3M v. LePage's regarding the underdeveloped state of the economics literature and the wisdom of delaying the promulgation of antitrust standards for bundling. In the future, economists should seek to expand their understanding of both the anticompetitive and procompetitive reasons firms engage in bundling. This will entail studying the reasons bundling is adopted by firms without market power, relaxing the assumption of monopoly in theoretical models, and generating testable hypothesis and the data to test them.

25.07.2006 um 00:23 Uhr

Rohstoffpreise und Wettbewerbsfähigkeit im (Zerr-)Spiegel der Massenmedien

Wirtschaftsjournalismus ist ein Traumjob. Je dramatischer die Geschichte um so besser, die sachliche Qualität ist sekundär. Daher macht die Suche nach Fakten wenig Sinn und kostet keine wertvolle Zeit.

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Beitrag "Rohstoffe werden knapp" im heutigen Tagesspiegel. Da wird zunächst der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Metalle, Herr Dörner und seine Angst um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Metallverarbeiter, zitiert, weil sich die Preise für einige Metalle in den vergangenen zwei Jahren dramatisch erhöht hätten. Wolfram etwa um 332 %, Titan um 364 % und Vanadium gar um 646 %. Dass es sich bei den Angaben um einen nominalen Preisanstieg handelt mag man über die Kürze der Zeit noch verkraften. Kein Wort fällt jedoch darüber, dass für diese Metalle die Weltmarktpreise in den vorhergehenden Jahren real einen teils gigantischen Einbruch erlebt hatten. So kostete Wolfram in der Hochpreisphase der siebziger Jahre noch real das knapp siebenfache des Preises von 2002, Titan 1981 real das doppelte wie 2002, Vanadium 1976 gar das achtfache des 2002er Preises. Bei fast allen, auch einigen im Artikel genannten Metallen sind zudem die Produktionsmengen in der Vergangenheit stetig gestiegen. Von einer physischen Knappheit kann nicht die Rede sein. Neu sind auch die erheblichen Preisschwankungen in so kurzer Zeit nicht, wie die umfangreiche Ressourcenstatistik des U.S Geological Surveys zeigt.

Die Industrie poltert, die Presse tritt den Quark breit. So ist nicht einsichtig, warum die deutsche Metallindustrie durch die Weltmarktpreissteigerungen an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Konkurrenz verlieren soll, wenn doch die Weltmarktpreise - wie der Name es sagt - für alle Unternehmen weltweit steigen. Eine spezifische Benachteilung läge bestenfalls vor, wenn spezifisch deutsche Produktionsfaktoren teurer würden. Über hohe Steuern und unflexible Löhne, echte Wettberwerbsnachteile deutscher Unternehmen, steht aber kein Wort in dem Artikel.

Metalllobbyist Dörner klagt dann über die geostrategische Konzentration der Rohstoffe in wenigen Regionen und nennt dabei Brasilien und China. Gerade diese Länder zeichnen sich jedoch durch eine relativ hohe politische Stabilität aus. Wo hier also das besondere Risiko liegt ist unklar. Bei den genannten afrikanischen Ländern ist das Argument nicht ganz von der Hand zu weisen. Wie nicht anders zu erwarten, wird das unvermeidliche DIW mit seinen Befürchtungen gegenüber preisdiktierenden Konzernen mit Marktmacht bemüht. Dort wird man nicht müde, die Konzentration von Marktanteilen als Marktmachtindikator zu verwenden, ungeachtet dessen, dass fast jedes Einsteiger-Lehrbuch der Ökonomie die Eignung dieses Indikators in Frage stellt.

Kein Wunder, dass die Oberlobbyisten der deutschen Industrie beim BDI die Politik in die Pflicht nehmen wollen und fordern, dass die Bundesregierung "die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Rohstoffen wieder auf die politische Agenda setzt" und wir eine nicht näher definierte "integrierte, zukunftsfähige, strategische Rohstoffpolitik" bekommen. Wir können also gespannt darauf warten, mit welchen Mitteln die Politik der Metallindustrie die Rohstoffpreise auf ein "erträgliches Maß" zukünftig herunter subventioniert. Ungehinderter Welthandel ohne staatliche Interventionen wird wohl leider nicht das Instrument der Wahl sein. Und auf einen informativen und kritischen Wirtschaftsjournalismus wird man auch noch lange warten müssen.

24.07.2006 um 11:13 Uhr

Hybrid-PKWs: Kleiner Durst, hoher Energieverbrauch

Hybrid-PKWs wie Toyota Prius & Co. stehen ganz oben auf der Hitliste von Umweltverbänden, doch dies offenbar nur, weil die Bewertung ihrer ökologischen Vorteile allzu leichtfertig einseitig auf die unmittelbaren Umweltprobleme des Spritverbrauchs fokusiert. Eine umfangreiche Studie über den Energieverbrauch von PKWs über den gesamten Lebenszyklus kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass das Hybrid-Fahrzeuge auf indirekte Art wahre "Dreckschleudern" sind. So verursacht ein Toyota Prius über den gesamten Lebenszyklus einen Energieverbrauch von mindestens 3,25 US-$/Meile. Er liegt damit sogar über dem Energieverbrauch der vielgescholtenen SUVs, der bei den häufiger auch auf deutschen Straßen zu sehenden Einsteigerfahrzeugen im Mittel nur 1,34 US-$/Meile beträgt.

Insbesondere im Bezug auf Treibhausgasemissionen, bei denen ja bekanntlich der Ort der Emissionen gleichgültig ist, erweisen sich somit die Hybrid-Fahrzeuge, für deren Produktion zumeist Energie aus fossilen Energieträgern eingesetzt wird, als Bärendienst am Klimaschutz. Der Import eines Hybrid-PKWs bedeutet demnach nichts anderes, als den Export des Großteils der Emissionen ins Herkunftsland, während die Klimaschutzbilanz hierzulande glänzt.

Als kleine Faustregel für die eigene Kaufentscheidung kann man dem Gutachten entnehmen: Wer nicht nur vordergründig als Umweltfreund gelten möchte, der braucht sich einfach nur das Fahrzeug mit dem wenigsten Schnickschnack und vielen standardisierten Bauteilen zu kaufen. Hier führen hocheffiziente Massenproduktion und der Verzicht auf aufwendige Bauteile sowie energieverbrauchsintensive High-Tech-Materialien zu einer niedrigen Energie- und - bei gegebener Energieversorgungsstruktur - geringer Gesamtumweltbelastung. Hybrid-Fahrzeuge, vollgestopft mit aufwendiger Technik und teuren Materialien, haben hier das Nachsehen. Zur Illustration noch ein paar sehr anschauliche Grafiken:







23.07.2006 um 10:58 Uhr

Wir haben es in der Hand!

Bradford DeLong, amerikanischer Ökonom, über den bedauernswerten Zustand des wirtschaftspolitischen Journalismus und das einzige Gegenmittel in "Das Boulevardpressen-Syndrom" auf Project Syndicate:

Das Problem ist nicht, dass die Washington Post und andere entsprechende Zeitungen Leute engagieren, die dumm oder faul sind. Das Problem ist, dass das Liefern präziser Informationen weit unten auf der Prioritätenliste eines normalen Nachrichtenreporters steht. Was zählt, ist, dass Sie Furore machen. Im Auge behalten, wer politisch auf dem Weg nach oben bzw. unten ist. Ihre Herausgeber zufriedenzustellen, damit sie Ihren Artikeln einen besseren Platz einräumen, und Ihren Quellen zu gefallen, damit sie weiter mit Ihnen reden. Verglichen mit diesen Notwendigkeiten lässt sich wenig dabei gewinnen, die Öffentlichkeit über die wahre Funktionsweise der Wirtschaft und die Dilemmata der Wirtschaftspolitik zu informieren.

Tatsächlich ist die Wirtschaft Hollywood als Quelle von Klatsch über die Reichen und Berühmten deutlich unterlegen, doch nehmen sich die Meldungen zur Geburt von Brad Pitts und Angelina Jolies Baby neben einem Großteil der Wirtschaftsberichterstattung hochgradig seriös aus. Ebenso ist der Staat der Fußballweltmeisterschaft als Sportspektakel heillos unterlegen, aber ein Großteil der politischen Berichterstattung konzentriert sich darauf, wer gut und wer schlecht gespielt hat.

Was können wir gegen all dies unternehmen? Die Antwort ist einfach: Es ist eine Frage der Nachfrage, nicht des Angebots. Schließlich werden nur wenige Menschen Journalisten, um die Öffentlichkeit gezielt in die Irre zu führen. Wenn wir für Wirtschaft und Politik einen besseren Journalismus verlangen – so wie wir eine hervorragende Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft fordern – dann bekommen wir ihn auch.


23.07.2006 um 10:50 Uhr

Staatsmonopol

Mit ihrem zweistufigen Mindestlohnkonzept plant die SPD jetzt ganz offiziell die gesetzliche Absicherung des Lohnkartells der Tarifparteien. Eigentlich ein Fall fürs Kartellamt. Aber auf diesem Auge sind unsere "Wettbewerbshüter" ja bekanntlich blind.


21.07.2006 um 15:01 Uhr

Zitat des Tages

So why do pop artists go political, despite the risk of ridicule, misunderstanding, and ineffectuality? The answer can be found in that old joke about why dogs lick their balls: because they can. Political pop, alas, is usually just as productive.

Brian Doherty im "Reason"-Artikel "Neil Young's Quioxic Crusade"

21.07.2006 um 10:35 Uhr

Markige Worte - mickriger Inhalt

Mit "So geht es nicht!" betitelt der sozialistische Präsident Venezuelas Hugo Chavez eine Meinungsäußerung in der Berliner Zeitung, in der er wie viele seiner linken Zeitgenossen Symptome mit Problemursachen verwechselt und zu den typischen diktatorischen Lösungsmustern seiner Klientel aufruft. Stein des Anstosses ist der Verkehrskollaps der Großstädte und die damit verbundene Umweltbelastung.

Doch der Problembeschreibung folgt eine absurde, inhaltsleere Haßtirade auf die individuelle Freiheit der (mobilen) Menschen, die sich eben nicht, wie Männer vom Schlage Chavez es fordern, einem zentral, von einer regierenden Minderheit konstruierten Lebensmuster unterwerfen wollen. Vor allem begreift der Mann nicht, dass die Probleme die er beschreibt die Symptome einer Kollektivierung von Umwelt und Infrastruktur, eben seines sozialistischen Idealbilds, sind. Verstopfte Straßen entstehen, weil die Autofahrer nicht für die individuellen Kosten der Straßenbenutzung aufkommen und stattdessen nach planwirtschaftlicher Manier Beton in die Landschaft gekippt wird, der dann von allen mangels Rationierungsmechanismus Preis übernutzt wird, bis schließlich die Kosten der Warterei nicht mehr zu ertragen sind. Der Kraftstoffverbrauch, ein weiterer Stein des Anstosses, wurde bereits an der Tankstelle bezahlt. Wenn die Kosten der Umweltverschmutzung in dessen Preis nicht enthalten sind, dann liegt es wiederum daran, dass die Nutzung der Umwelt als Abgashalde kollektiviert wurde oder wie gerade Chavez es praktiziert, Erdöl zu nicht kostendeckenden Preisen unters Volk subventioniert wird. Auch begreift der Mann nicht, dass Aussagen von "Wissenschaftlern", nach denen die Übertragung westlicher Konsummuster auf die ganze Welt in eine ökologische Katastrophe gipfelt, schon deshalb unrealistisch sind, weil allein die zunehmende Knappheit der Umweltressourcen zu Preis- und folglich Verhaltensänderungen führt, die diese Konsequenz verhindern.

Die Abschaffung der Individulität des Menschen durch kollektivistische Weltbilder ist so wenig wünschenswert wie hilfreich. Die Erfahrungen des Kommunismus zeigen, dass das Ergebnis weder ein gesellschaftliches, noch ein ökologisches Paradies ist, sondern vielmehr in diktatorischen Zwangsstaaten gipfelt, denen aufgrund ökonomischer Defizite schlichtweg die Ressourcen für den Umweltschutz fehlen. Nicht nur Venezuela ist ein Musterbeispiel hierfür. Stattdessen sollte der Individualismus auch im Umweltschutz ernst genommen werden. Jeder zahlt das was er nutzt, ob es die Straßen mit einer Maut oder die Abgasemissionen mit einer entsprechenden Umweltabgabe sind.

20.07.2006 um 11:27 Uhr

Politische Zensur

Wie das Ärzteblatt heute meldet, will die Bundesregierung die Kritik der Krankenkassen an der Gesundheitsreform notfalls mit rechtlichen Schritten unterbinden. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums meint, die gesetzlichen Krankenkassen hätten für eine Kritik an der Gesundheitsreform als Körperschaften des öffentlichen Rechts kein "politisches Mandat".

19.07.2006 um 19:20 Uhr

Ach wie großzügig!

Nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr verspricht die Modekette C&A die Mehrwertsteuererhöhung nicht an ihre Kunden weitergeben zu wollen. So zumindest stand es in den vergangenen Tagen gleich in mehreren Tageszeitungen geschrieben. Bemerkenswert hieran ist nicht der Versuch von C&A die kommende Mehrwertsteuererhöhung für eine kleine Werbekampagne auszunutzen. Nein, es ist die Tatsache, dass unsere Massenmedien derartigen ökonomischen Nonsens unkommentiert abdrucken.

In jedem Standardlehrbuch der Mikroökonomie kann man nachlesen, dass eine Steuererhöhung zwischen dem Marktanbieter und dem Nachfrager aufgeteilt wird. Weder kann es sich ein Unternehmen leisten dauerhaft die Steuererhöhung selbst zu tragen, noch ist es in der Lage die Steuer vollständig zu überwälzen. Inwiefern das gelingt ist von der Mengenreaktion der Nachfrager auf Preisänderungen und der Mengenreaktion der Anbieter auf Änderungen des Nettopreises für ihre Produkte (Verkaufspreis - abzuführender Steuerbetrag) abhängig. Ist die Nachfrage der Konsumenten im Vergleich zum Angebot sehr unelastisch tragen die Konsumenten die Hauptlast der Steuer. Umgekehrt, reagieren die Anbieter mit ihrer Angebotsmenge relativ weniger auf die Nettopreisänderungen wie die Nachfrager auf Preiserhöhungen, ist also die Nachfrage viel elastischer als das Angebot, tragen die Anbieter die Hauptlast der Steuer. Selbst ein Monopolist ist nicht in der Lage aus der Mehrwertsteuererhöhung Kapital zu schlagen. Er muß berücksichtigen, dass die Nachfrager bei Preiserhöhungen die nachgefragte Menge reduzieren und macht von dieser Reaktion die Preiserhöhung abhängig. Es ist sogar möglich, dass der Preisanstieg höher ist als der Steuerbetrag, weil die Beziehung zwischen dem Verkaufspreis und den Grenzkosten des Anbieters von der Nachfrageelastizität der Konsumenten abhängt. Je unelastischer die Nachfrage umso stärker kann die Steuererhöhung in die Preise überwälzt werden. Der Gewinn des Monopolisten fällt jedoch mit Erhebung der Steuer, weil der Absatzrückgang die Ertragserhöhung aus der Preiserhöhung überkompensiert. Kassieren wird letztlich nur der Staat. Anbieter und Konsumenten verlieren, da zu dem höheren Preis ein Teil der Konsumenten nicht mehr konsumieren will, obwohl die Produkte eigentlich zu Kosten, die unter deren Zahlungsbereitschaft liegen, hergestellt werden könnten. Die hierdurch entstehenden Nutzen- und Gewinneinbußen sind der Wohlfahrtsverlust der Steuererhöhung.

So ärgerlich die Mehrwertsteuererhöhung ist, so wenig ernstzunehmend sind die Drohungen einer 1:1-Überwälzung in die Preise. Aber auch von Statements einer selbstlosen Enthaltsamkeit der Anbieter wie C&A sollte man sich ebensowenig einlullen lassen.

Update: Auch dem Gesundheitsministerium mangelt es an dem notwendigen ökonomischen Sachverstand in Sachen Mehrwertsteuererhöhung, was ja bekanntlich nichts Neues ist:

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wird die Krankenkassen nach Angaben Vaters (A.d.R.: Sprecher des Gesundheitsministeriums) zudem auffordern, bereits jetzt Vorbereitungen zu treffen, damit Vertragsverhandlungen mit Pharmaunternehmen und Apotheken ab Januar 2007 aufgenommen werden können. Ziel müsse es sein, dass ein Teil der Mehrkosten, die den Krankenkassen durch die Mehrwertsteuererhöhung entstehen, durch die Pharmaunternehmen und die Apotheken getragen werden, machte Vater deutlich (Quelle: Ärzteblatt).


18.07.2006 um 11:19 Uhr

Der "Hockeystick" wird zum Bumerang

Die paleoklimatologische Ikone der Klimaforschung, der sog. "Hockeystick", Ergebnis der im letzten IPCC-Bericht gehypten Studie von Michael Mann und Koautoren, nach der die 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts die wärmsten Jahre des vergangenen Milleniums sind, ist bereits nach der Bewertung durch den kürzlich erschienenen NAS-Report erheblich kürzer geworden. Während die methodischen Mängel von den Gutachtern des o.g. Reports noch mit Samthandschuhen angefasst wurden, was von den Medien offenbar als Absolution interpretiert wurde, erntete die Analyse jetzt unter dem kritischen Blick von drei Statistikern (sog. "Wegman-Report" für das U.S. House Commitee on Energy & Commerce, Kurz- und Langfassung) eine vernichtende Kritik:

‘It is important to note the isolation of the paleoclimate community; even though they rely heavily on statistical methods they do not seem to be interacting with the statistical community. Additionally, we judge that the sharing of research materials, data and results was haphazardly and grudgingly done. In this case we judge that there was too much reliance on peer review, which was not necessarily independent. Moreover, the work has been sufficiently politicized that this community can hardly reassess their public positions without losing credibility. Overall, our committee believes that Dr. Mann’s assessments that the decade of the 1990s was the hottest decade of the millennium and that 1998 was the hottest year of the millennium cannot be supported by his analysis.’

18.07.2006 um 09:36 Uhr

Ein Schuss in den Ofen

Wer die Reichensteuer der Bundesregierung nach wie vor für eine gute Idee hält, der sollte sich die Probleme anschauen, die sich Frankreich mit seiner "Solidaritätssteuer", einer Kombination aus Spitzeneinkommens- und Vermögenssteuer, eingehandelt hat. Auch wenn die geplante Steuer nicht die Vermögen, sondern "nur" zusätzliche Einkommen, also das "Humankapital" trifft, besteht kein Grund zur Erleichterung. Für gut ausgebildete, potentielle Spitzenverdiener gibt es einen Grund mehr Deutschland den Rücken zu kehren.




17.07.2006 um 11:30 Uhr

Fisch kaputt

Eine ausgesprochen empfehlenswerte Bestandsaufnahme des bedauernswerten Zustands der Meere und eine schonungslose Kritik an dessen politischen Ursachen hat Charles Clover mit seinem Buch "Fisch kaputt" vorgelegt. Das Buch beschreibt viele Details der Überfischung der Weltmeere und stellt dabei vor allem die unrühmliche Rolle (S.117-139) der Gemeinsamen Europäischen Fischereipolitik heraus. Erst hat Brüssel mit Subventionen und Kontrolldefiziten europäische Fischer zu Dieben in ihren eigenen, immer leerer werdenden Fischgründen gemacht. Jetzt, wo der Rückgang der Fischbestände auch den Bestand der hochgerüsteten Fangflotte gefährdet, alimentiert die EU neue Beutezüge in internationalen Gewässern.

Anders als viele Umweltorganisationen vermengt der Autor dabei nicht die notwendige Kritik am Raubbau der Meere mit einer diffusen Kritik an einer marktwirtschaftlichen Nutzung der Meere. Nicht die Kollektivierung der Fischbestände sowie eine simple Verschärfung der Kontrolle und Reglementierung der Fangindustrie sieht er als Lösung. Diese Versuche können als gescheitert angesehen werden. Überzeugend wird in dem Buch dargestellt, dass eigentumsrechtliche Lösungen mit handelbaren Fangrechten, wie sie in Island und Neuseeland bereits an der Tagesordnung sind, den deutlich besseren Weg zur nachhaltigen fischereiwirtschaftlichen Nutzung der Meere weisen. Aber auch der Konsument ist nach seiner Ansicht eine Schlüsselfigur im Kampf um das Überleben vieler Meeresbewohner. Bevor man sich ganz gesundheitsbewußt die wöchentliche Fischmahlzeit einverleibt, sollte man schauen, ob diese Mahlzeit auch gesund für die Fischbestände ist. Und man soll es kaum glauben, Clover zeigt, das McDonalds Fish Mäc unter diesem Aspekt so manchem Gourmet-Fisch im teuren Restaurant vorzuziehen ist.