Mit dem Kopf voran

31.08.2006 um 13:27 Uhr

Hinter den Kulissen des Karibik-Paradises

Die australische Journalistin Caroline Overington über ihre ernüchternden Erfahrungen im Land von Rum und Rumba:

Two years ago, I was given what quickly became an awful assignment. I was told to visit Cuba. Oh sure, like everybody I thought: dark rum, hot nights, fat cigars, the rumba.

The reality was very different. Cuba was wretched. Every day the photographer and I encountered distressing scenes of women, children and ageing Cubans living in terrible poverty.

...

Elsewhere, we found barefoot children searching through rubbish bins for food. There is a large black population in Cuba - many of them are descendants of sugar-cane cutters - and there were many blacks among the beggars. Women with babies at the breast tugged at our clothes, begging for pennies.

In the Western-style bars, beautiful Cuban girls hung off the arms of Western men.

We drove into the countryside and found people living with open sewers and dirt floors, with no food, no coffee, no rum, no pork, no music, none of the things a Cuban needs to thrive.

...

It was a terrible shock because, like many people, I'd believed the hype about Cuba: that it was a socialist paradise; that Castro was a visionary leader; that the Cuban people were happy communists. In fact, Castro is a gutless dictator who has never been brave enough to hold a presidential election. Yet across the West he continues to be celebrated as some grand, visionary leader, instead of being derided as a lunatic on his last legs. (Link)

 

31.08.2006 um 00:50 Uhr

Europas mentale Blockade?

Der Harvard-Ökonom Alberto Alesina beschreibt in seinem Beitrag "Europe" in der diesjährigen Sommerausgabe des NBER-Reporter die Ursachen der wirtschaftlichen Entwicklungsdefizite Europas gegenüber den USA und geht dabei vor allem auf die wichtigsten Problembereiche Arbeitsmarktregulierung, Steuerpolitik, Überzentralisierung innerhalb der EU und die zwiespältige Wirkung der gemeinsamen europäischen Währung ein. Sein Fazit:

Europeans talk about a "European model," something that Germans refer to as a "social market economy," and they contrast it to the Anglo-American free market model. Unfortunately, much of this thinking about a "European model" is fuzzy and ends up facilitating political compromises with privileged insiders. Europe does not have to adopt the American model; it certainly can have something distinct from it, say a system of efficient competitive markets coupled with extensive but efficient redistributive programs and social protection. Northern European countries are moving in this direction, but the major European countries are far from it. In these countries, the combination of regulation, protectionism, high tax rates, and redistributive programs end up creating unnecessary distortion and often directing flows of resources not to the truly needy but to politically powerful categories. Measure of effectiveness of welfare states in moving in the desired direction for income flows from rich to poor vary dramatically across European countries; northern European countries do relatively well, Mediterranean countries are the worst. Lack of swift reforms in many European countries does not depend only on the inability of their leaders. Europeans themselves remain very suspicious of market liberalization. An interesting case in this respect is Germany. This country has received recently the "political shock" due to the assimilation of former East Germans. Evidence shows that their Communist experience has accustomed them to extensive government intervention and, as a result, they have moved the preference of the average German in this direction.(7) Europe faces great challenges in the near future. The need for reforms is clear; the political will is lacking.

Via Economist's View .

30.08.2006 um 13:41 Uhr

Vernachlässigte Folgen des Krieges

Neben den unmittelbaren menschlichen Opfern und ökonomischen Schäden verursachen Kriege auch weniger sichtbare, oft erst später spürbare Probleme für Umwelt und Gesundheit. Hierzu Arne Jernelov in "Umweltschäden durch den Krieg im Libanon".

 

29.08.2006 um 23:59 Uhr

Einen Tiefen See graben und wieder zuschütten...

Der Vorschlag des Bundesverkehrsministers, Arbeitslose als Busbegleiter einzusetzen, ist nicht neu, wurde bereits von anderen Politikern in etwas anderer Form formuliert und besitzt in Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen lange Tradition in der Bundesrepublik. Er zeigt, dass die Angst vieler Technikkritiker, uns könne die Arbeit irgendwann ausgehen, völlig unbegründet ist, allein weil es Unmengen an guten und eben leider auch schlechten Ideen gibt, Menschen mit Tätigkeiten zu versorgen. Wohlgemerkt gute und schlechte Ideen. In der Arbeitsmarktpolitik ist offenbar die irrige Auffassung verbreitet, dass nur solche Aufgaben für Arbeitslose sinnvoll sind, die der Phantasie von Politikern entspringen. Während Forderungen von Unternehmern nach Lohnkostensenkungen und mehr Lohnflexibilität und wirksamen Modellen der Lohnsubventionierung in der Regel auf Ablehnung aus dem linken politischen Lager stoßen, sind Niedriglohnjobs in handverlesenen zumeist öffentlichen Bereichen eine Förderung wert. Warum das so ist, kann sicher keiner der Ideengeber schlüssig begründen. Warum sollte ein Busbegleiter, für dessen Beschäftigung das Nahverkehrsunternehmen selbst gerade einmal ein Euro ausgeben will, eine höhere Produktivität haben und damit gesellschaftlich sinnvoller sein, als ein mit dem selben Lohnsatz bezahlter Gebäudereiniger in einem privaten Unternehmen? In beiden Fällen erwirtschaften die Langzeitarbeitslosen vergleichsweise geringe Werte, die nur einen niedrigen Lohn rechtfertigen, der für ein würdiges Leben nicht ausreicht. Wenn aber die Beschäftigungsidee nicht von Unternehmen am Arbeitsmarkt artikuliert wird und potentielle Arbeitgeber nicht einmal bereit sind einen Euro für die Anstellung der Langzeitarbeitslosen zu zahlen, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es sich um reine Beschäftigungstherapie handelt, also das sprichwörtliche Ausheben und wieder Zuschütten einer Grube als bloßen Zeitvertreib. Die einzige Möglichkeit, sinnlose Beschäftigung zu vermeiden, besteht darin, alle Nachfrager nach Arbeit in den Wettbewerb um die Arbeitslosen treten zu lassen und ihnen freien Raum bei der Lohnsetzung zu gewähren. Reicht die Bezahlung nicht für einen akzeptablen Lebensstandard aus, dann sollte die Gesellschaft die Lücke füllen. Ein international bewährter Ansatz ist das jüngst von der FDP und seit langen von einigen Ökonomen geforderte Bürgergeld. Fürchtet man aber, dieses Arbeitsmarktinstrument würde die finanzielle Kraft des Staates überfordern, so könnte man ja zumindest jährliche Tranchen von Langzeitarbeitslosen an alle Unternehmen meistbietend "versteigern" und wenigstens deren Verdienstlücke stopfen. Es wäre garantiert, dass sich die richtigen Leute den Kopf über potentielle Jobs zerbrächen und die Arbeitslosen nun nützliche, da mit einem positiven Preis bewertete Aufgaben bekämen. Die Gesellschaft gewänne Produktivität und Wohlstand. Nur eins wäre nicht mehr möglich: Kein Politiker könnte sich mehr mit einer schlauen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme profilieren. Aber auch nicht mehr lächerlich machen.

 

28.08.2006 um 11:43 Uhr

Probanden für eine Lärmstudie gesucht

Das europäische Lärmforschungsprojekt Silence macht gegenwärtig eine Internetumfrage zur Lärmwahrnehmung und -belästigung (via Instititut für Arbeitspsychologie an der Universität Dortmund) in der Wohn- und Arbeitsumgebung. Nach dem ca. fünf Minuten in Anspruch nehmenden Ausfüllen des Online-Fragebogens erhält der Teilnehmer eine grafische Auswertung seiner persönlichen Lärmwahrnehmung und -empfindlichkeit.

26.08.2006 um 17:42 Uhr

Nutzungskonkurrenz?

In der Debatte um die Biomassenutzung für die Erzeugung von Energie ist immer wieder die Rede von einer Nutzungskonkurrenz zur Produktion von Lebensmitteln. Dabei wird dieses Argument sehr gern benutzt, um Einfuhrrestriktionen von Energierohstoffen aus der Dritten Welt zu begründen. Energiepflanzen würden auf Flächen wachsen, die zur Erzeugung von Nahrungsmitteln der einheimischen Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stehen. Sicherlich führt eine zunehmende Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen für die Erzeugung von Energiepflanzen zu einer Verknappung von Land für die Nahrungsmittelproduktion. Jedoch wird diese nur dann verdrängt, wenn der Anbau von Energiepflanzen lukrativer als die Produktion von Nahrungsmitteln ist. Folglich verdienen die Bauern mit dem Energiepflanzenanbau mehr als mit alternativen Landnutzungsmöglichkeiten. Mit diesen Einkommen lassen sich dann Lebensmittel aus Regionen erwerben, in denen die Lebensmittelproduktion einträglicher ist.

Mitunter ist dieser Strukturwandel jedoch mit Anpassungsproblemen verbunden und zwar vor allem dann, wenn die Nutznießer der Energiepflanzenproduktion und bisherige Landnutzer nicht identisch sind, etwa weil die Verteilung von Land nicht dem Marktmechanismus, sondern staatlich gestützter Vetternwirtschaft gehorcht. Doch lässt sich dieser Zustand nicht auf die Dritte Welt pauschal übertragen und somit nicht als Ausschlußkriterium für den Import von Energiepflanzen etwa aus Brasilien anwenden. Denn wer dieser Logik folgt, der müsste sich bei jeder Banane die er ißt und jeder Tasse Kaffee die er trinkt, Gedanken darüber machen, dass der Anbau dieser Produkte irgendwelche alternativen Nahrungsmittelpflanzen verdrängt und die einheimische Bevölkerung sich nicht allein von Bananen und Kaffee ernähren kann. Es gibt viele Gründe für eine vorsichtige Herangehensweise an die Nutzung von Energiepflanzen. Vor allem die widersprüchliche Umweltbilanz und die mangelnde Rentabilität sprechen gegen eine Euphorie und die massive Förderung. Doch die Verdrängung von alternativen Produktionsmöglichkeiten ist nur dann ein Problem, wenn der Staat dabei durch eine üppige Förderung nachhilft.

Update: Die Vertreter der Nutzungskonkurrenzthese lassen sich sehr schön vor den Karren der Bauerlobby spannen, deren Interesse, wie es Joseph Stiglitz so anschaulich in "Der Tod der Entwicklungsrunde" beschreibt, herzlich wenig mit dem Schicksal armer Bauern in der Dritten Welt zu tun hat:

Das vielleicht empörendste Beispiel ist Amerikas Einfuhrzoll von $ 0,54 pro Gallone auf Ethanol, wogegen Öl zollfrei ist und für Benzin nur ein Zoll von $ 0,5 pro Gallone erhoben wird. Demgegenüber steht die Subvention von $ 0,51 pro Gallone Ethanol, die US-Unternehmen erhalten (ein Großteil davon geht an eine einzige Firma). Daher können ausländische Hersteller nicht konkurrieren, es sei denn, ihre Kosten sind um $ 1,05 pro Gallone niedriger als die der amerikanischen Hersteller.

Durch die gewaltigen Subventionen sind die USA zum größten Ethanolhersteller der Welt geworden. Und dennoch können sich einige ausländische Firmen trotz dieses enormen Vorteils immer noch auf dem amerikanischen Markt behaupten.

Das brasilianische Ethanol aus Zucker kostet in der Herstellung viel weniger als das amerikanische Ethanol aus Mais. Brasiliens Unternehmen sind bei weitem effizienter als Amerikas subventionierte Industrie, die mehr Energie darauf verwendet, dem Kongress die Subventionen zu entlocken, als ihre Effizienz zu verbessern. Einige Studien deuten darauf hin, dass mehr Energie benötigt wird, um das amerikanische Ethanol herzustellen, als darin enthalten ist. Wenn Amerika diese ungerechten Handelsschranken aufhöbe, würde es mehr Energie aus Brasilien kaufen und weniger aus dem Nahen Osten. Offensichtlich unterstützt die Regierung Bush lieber Ölproduzenten aus Nahost, deren Interessen oft von denen der USA abweichen, als Brasilien. Selbstverständlich drückt die Regierung dies niemals so aus. Zumal die Energiepolitik von den Ölunternehmen gestaltet wird, spielen Archer Daniels Midland und andere Ethanolhersteller einfach mit beim korrupten System der „Wahlkampfspenden für Subventionen“.

25.08.2006 um 08:05 Uhr

Keine Theorie ist eine schlechte Theorie

Tina's SozLog macht micht auf eine interessante These von Peter Klein zur Verbreitung von Weblogs unter Ökonomen aufmerksam, die sich auf den ersten Blick wie eine Kritik anmutet, doch eigentlich mehr auf eine wichtige Funktion von Weblogs in der fachlichen Auseinandersetzung hindeutet:

Blogging requires a certain temperment, a particular way of thinking. The best bloggers have not only catholic interests, but also — more important — a belief that they can explain a variety of interesting and important phenomena with a few basic principles, consistently applied, and in just a short paragraph or two. This is exactly the way most economists think. “Give me a simple model, and I can explain the world.” Those who prefer more subtle, complex, and ambiguous modes of thought are apt to find blogging an unsatisfying pursuit.

Ein einfaches Denkmodell ist die Voraussetzung für die Ableitung und den Nachweis kausaler Zusammenhänge. Doch viele, denen die Axiome der Ökonomen und davon abgeleitete Thesen über menschliches Verhalten unzulässig erscheinen, haben oft genug kein solideres Theoriegebäude zu bieten. Was aber ist besser, als theoretische Überlegungen so schnell wie möglich mit Hilfe eines Weblogs unter die Leute zu bringen und sie damit einer öffentlichen Debatte auszusetzen. So wird von Anfang an die Spreu vom Weizen getrennt. Und wenn sich diesem Prozedere vor allem die in der öffentlichen Meinung oft umstrittenen Ökonomen aussetzen, dann ist das doch nur zu begrüßen.

24.08.2006 um 09:54 Uhr

Lieber keine Bäume pflanzen?

Die Klimaforschung kommt immer wieder mit bemerkenswerten Neuigkeiten in die Schlagzeilen. So berichtet der Artikel "The Methan Mystery" im Augustheft des Wissenschaftsmagazins Nature über neue Forschungsergebnisse, nach denen lebende Pflanzen im globalen Maßstab so große Mengen des besonders wirksamen Klimagases Methan freisetzen, dass eine Überprüfung des Anteils der Klimagasemissionen durch den Menschen am Treibhauseffekt ratsam erscheint:

It took 18 years, but Paul Crutzen and Eugenio Sanhueza finally found a use for their data. In 1988, the two atmospheric chemists had discovered large amounts of the greenhouse gas methane building up at night over Venezuela. This March, they dusted off their data and used them to calculate a surprising number: that the world's tropical savannahs may produce 30 million to 60 million tonnes of methane each year1.

Remarkably, that number is similar to one reported in January, when a German chemist announced that living plants give off methane2. His claim rattled many, because textbooks hold that methane is produced from organic matter decaying in oxygen-free environments, not from living plants. If true, his finding could account for a substantial fraction of the methane entering the atmosphere — potentially throwing off calculations of how much humans contribute.

23.08.2006 um 09:09 Uhr

Angriff durch Dilettanten

Der schlaue Professor aus Halle stellt in seiner Tagesspiegel-Kolummne "Angriff der Dilettanten" eine interessante Frage in der Debatte um den Bombenterrorismus in Deutschland (Regelmäßige Leser wissen, dass ich dem Autor schon das eine und andere Mal nicht folgen mochte.): Wie gefährlich wären die misslungenden Bahn-Attentate eigentlich gewesen? Anhand der für die Öffentlichkeit verfügbaren Information und unter Anwendung einiger Grundkenntnissen der Chemie - so der Autor - sei es nicht unwahrscheinlich, dass hier eher ein paar fanatische Dilettanten am Werk waren. Dementsprechend lautet auch das Fazit:

Aus den misslungenen Bahnanschlägen kann deshalb nicht geschlossen werden, dass Deutschland bereits ins Fadenkreuz des hoch professionellen Terrorismus nach dem Muster von Al Qaida geraten wäre. Vielmehr sieht – nach den derzeit bekannten Informationen – alles nach einem schlecht vorbereiteten Angriff durch Amateure aus. Auch dagegen muss sich der Staat wehren – aber bitte mit Augenmaß und ohne voreilige Panikmache.

Das "der Staat" sich zu wehren beginnt, kann man aus all dem politischen Aktionismus dieser Tage nur zu gut ablesen. Nur gewinnt man dabei den Eindruck, dass es sich hier auch um einen "Angriff der Dilettanten" handelt. Seitens der Politik ist jedenfalls nicht erkennbar, ob sie sich um eine systematische Untersuchung des Verhältnisses des vorhandenen Risikos und der Nutzen der vorgeschlagenen Terrorbekämpfungsmaßnahmen bemüht. Solange ist nur eines sicher: Die Terrorgefahr bietet wie viele andere nationale Krisen für Politiker und ihr Klientel einen willkommenen Anlass, den Zugriff des Staates auf die Freiheit und den Wohlstand seiner Bürger zu vergrößern.

22.08.2006 um 00:04 Uhr

"Natürlicher" Wettbewerb

Der Wettbewerb auf dem Markt für Bioprodukte erfolgt offenbar mit harten Bandagen. Kein Wunder, haben doch die etablierten Anbieter durch den Einfall der Supermärkte in das Bioproduktspektrum ein erhebliches Maß an Substitutionskonkurrenz zu erleiden. Unter diesen Bedingungen können die kleinen Einzelhändler ihre oftmals deutlich höheren Kosten nicht mehr durch überdurchschnittlich hohe Margen decken. Noch immer läßt sich ein Liter Biomilch, dessen Herstellung vergleichsweise geringe Zusatzkosten verursacht, mit erheblich zusätzlichen Preisaufschlägen verkaufen:

Durchschnittliche Preise und Marktspanne bei Trinkmilch in Deutschland 12/2001 (Spiller, 2002, S.41)

Milchpreis Konventionelle Ware
Ökologische Ware
Unterschied Konventionell-Bio
Erzeugerpreis EUR 0,33
EUR 0,41
24%
Verarbeitungsspanne EUR 0,32
EUR 0,55
72%
Endverbraucherpreis EUR 0,65
EUR 0,95
48%

Quelle: C. Schweizer: Analyse des Preisbildungsprozesses bei Biomilch in der Schweiz, Diplomarbeit, 2003.

Kein Wunder also, dass der Wettbewerb mit unlauter erscheinenden Mitteln und einer gehörigen Portion Ideologie geführt wird. Letztlich muß sich der Verbraucher entscheiden, ob er durch den Kauf von Bioprodukten die Natur und Umwelt oder überkommene Einzelhandelsstrukturen retten möchte. Das fiese Konkurrenzgeklapper jedoch sollen die Hersteller und Händler unter sich selbst ausmachen. Gegen den Kunden wird dieser Prozess langfristig keine Chance haben. Die von einigen Kommentatoren geforderten Eingriffe des Staates, in der Landwirtschaft schon destruktiv genug, sind hier jedoch sicherlich fehl am Platze.

Lesetipp: Tim Harford beschreibt in seinem bald in auch in deutscher Sprache erscheinendem Buch "Ökonomics" die Preisdifferenzierungsstrategien von Lebensmittelanbietern, unter denen die Hochpreisstrategie der Bioprodukte der letzte Schrei ist. Doch Wettbewerb wirkt auch hier wieder Wunder.

Via B.L.O.G.

 

18.08.2006 um 11:02 Uhr

Kindergärten kostenlos?

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zieht eine wahltaktische Trumpfkarte und verspricht kostenfreie Jahre in den Kindergärten für die Stadt in öffentlichen und gemeinnützigen Einrichtungen. Ungeachtet dessen, dass die Finanzierung dieses Unterfangens noch völlig in den Sternen steht ist dieses Vorhaben noch aus einem ganz anderen Grund problematisch. Statt den Qualitätswettbewerb unter den Kindergärten durch das gerade eingeführte Kita-Gutscheinsystem weiterzuentwickeln und auszubauen, macht er mit dieser Wende nichts anderes, als die Kindergärten wieder von wirtschaftlichen Anreizen zu entkoppeln. Einrichtungen, die bislang durch attraktive Angebote für Eltern mit Gutscheinen interessant waren, sind dann wieder auf eine zentrale Finanzierung angewiesen. Das raubt ihnen den unmittelbaren Anreiz zu Leistung einer hohen Betreuungsqualität. Zudem dürfte die Nachfrage nach kostenlosen Plätzen zu Lasten der Anbieter privater Kinderbetreuung gehen. Das öffentliche Angebot wird noch stärker nachgefragt, obwohl die finanziellen Mittel knapp sind. Private Anbieter werden mangels Nachfrage aus dem Markt gehen. So ist zu erwarten, dass es bei der Versorgung mit Betreuungsplätzen in Kindergärten zu noch stärkeren Engpässen kommt. Eine Alternative wäre gewesen, die Kita-Gutscheine an alle Eltern zu vergeben und ihnen eine weitgehende Verwendungsfreiheit zu erlauben. Der Wettbwerb einer Vielzahl von Kindergärten mit verschiedenen Betreuungskonzepten und der Anreiz der Einrichtungen, bei hoher Qualität Kosten zu sparen wäre zu erwarten. Die negative Prognose des Wowereit-Modells erscheint gar nicht so weit hergeholt, haben wir doch langjährige Erfahrungen mit kostenfreier Schulbildung durchaus zweifelhafter Qualität mit permanent steigenden Bildungsausgaben.

17.08.2006 um 14:10 Uhr

Von nichts kommt nichts

von: steffenh   Kategorie: Klimawandel

 Der europäische Umweltinformationsservice ENDS Europe Daily berichtet heute in einem Newsletter von einer neuen Studie, die uns noch dramatischere Folgen des Klimawandels in Formen von Wald- und Buschbränden, Dürre und Flutkatastrophen prophezeit. Alles nichts neues, solche Studien gibt es wie Sand am Meer. Glaubt man aber den Machern von ENDS Daily, dann wollen die britischen Forscher auch herausgefunden haben, dass bei einem Temparaturanstieg von mehr als 3 Grad Celsius Bäume mehr Kohlendioxid freisetzen als sie vorher durch die Photosynthese aufgenommen haben:

Rising temperatures from global warming will increase the risk of forest fires, droughts and flooding in many parts of the world over the next two centuries, according to new research from scientists at Bristol University in the UK. The greater threat to ecosystems will persist even if temperatures rise by less than an international target of two degrees, says the study, published this week. The scientists also warn that a rise of more than three degrees would probably cause trees to start emitting more CO2 than they absorb.

Man muß kein Chemiker sein, um hier das Grübeln zu bekommen. Katastrophennachrichten können offenbar nicht dumm genug sein. Wo die Bäume für die Zellatmung den zusätzlichen Kohlenstoff zur Oxydation von mehr als dem vorher aufgenommenen Kohlendioxid her haben wollen, ist mir schleierhaft. Ein Blick auf die Webseite der Urheber der Studie lässt dann auch ahnen, dass die ENDS Daily-Macher bei der Interpretation der zugegeben rudimentären Informationen über die Studie schlichtweg intellektuell überfordert waren. Dort wird eine gänzlich andere Aussage gemacht:

The researchers also found that if the temperature increase is more than 3°C, land carbon sinks could release their stored carbon, starting a positive feedback loop that would increase atmospheric carbon dioxide.

Und die Moral von der Geschicht. Glaub so manchem Newsletter nicht.

17.08.2006 um 10:08 Uhr

Keine Anlageempfehlung

von: steffenh   Stichwörter: Journalismus

Unter der Rubrik Parkett Geflüster witzelt im heutigen Tagesspiegel ein Wirtschaftsredakteur über die Dummheit malaysischer Bankräuber, die sich offenbar nicht sehr clever anstellen und Pannen in Serie produzieren. Und er zieht ein Fazit:

Merke erstens: Überfalle keine Bank in Malaysia. Zweitens: Lege dein Geld dort an - die Diebe sind zu dumm.

Wenn deutsche Wirtschaftsjournalisten glauben, eine Geldanlage bestehe in der Deponierung von Bargeld in einem Banktresor, dann kann man dem deutschen Zeitungsleser nur empfehlen, sein Geld nicht in das Abo einer deutschen Tageszeitung anzulegen.

16.08.2006 um 16:32 Uhr

tazBlog fordert Gewinnmaximierung

Für die Autoren des Prinzenbad-Blog, eines der tazBlogs, geht die Tarifvielfalt in den Berliner Freibädern nicht weit genug:

Und überhaupt….diese Eintrittspreise. Die Tarife könnten eigentlich auch noch differenzierter und phantasievoller gestaltet sein.

Wenn die wüßten, dass die Erfüllung ihrer Forderung zu einer ganz und gar nicht im Sinne der üblichen Äußerungen der taz liegenden Maximierung der Monopolgewinne des Schwimmbadbetreibers führen würde, wären sie mit dieser Forderung bestimmt etwas vorsichtiger. Preisdifferenzierung dient in ihren vielseitigen Spielarten Unternehmen auf Märkten mit beschränkter Konkurrenz der weitmöglichen Abschöpfung der Zahlungsbereitschaft von Konsumenten. Gleichzeitig erfüllt sie die Funktion einer kostenoptimierenden Nachfragesteuerung. Alles im Sinne maximaler Unternehmensgewinne. Dass davon in der Regel auch die Konsumenten profitieren, haben die Autoren des tazBlogs schon bemerkt. Nun dürfte eigentlich auch die Erkenntnis nicht mehr so schwer sein, dass Gewinnmaximierung, als konstituierendes Element einer Marktwirtschaft, nicht zwangsläufig des Teufels ist. Auf diese Denkleistung werden wir bei der taz jedoch noch eine Weile warten müssen.

16.08.2006 um 10:15 Uhr

Tigerfarmen

In dem interessanten Beitrag "Sell the Tiger to Save It" in der New Yorck Times schlägt Barun Mitra, Direktor des indischen Liberty Institute, vor, die vergeblichen Artenschutzversuche der Vergangenheit durch eine pragmatische Marktlösung zu ersetzen. Der Bedarf nach Produkten des Tigers für die traditionelle chinesische Medizin, der heute zu diesem Zweck im großen Maßstab gewildert wird, ließe sich seiner Ansicht nach problemlos aus Tigerfarmen decken. Dort wird diese leicht zu züchtende Raubkatze, genau so wie andere Nutztiere des Menschen gehalten, zwangsläufig geschlachtet und verarbeitet. So werden freilebende Tiger geschützt und die bedrohten Arten erhalten. Zudem entsteht für die einheimische Bevölkerung eine neue Einkommensquelle. Bisherige Wilderer könnten zum Beispiel ins Tigerzuchtgewerbe einsteigen.

Natürlich kann man auch an die Vernunft der Menschen appellieren, allein aus Tierschutzgründen auf Heilmethoden unter Verwendung von Produkten aus wildlebenden Tieren zu verzichten. Entsprechende Aufklärung ist wünschenswert, reicht aber bei weitem nicht aus. Moralische Appelle haben ebensowenig gebracht, wie Millioneninvestitionen in das Verbot und die gewaltsame Unterbindung der Wilderei. Weder der Tiger noch das Nashorn oder der Elefant haben davon in den vergangenen Jahren wirklich profitiert.

Interessantes zur Rolle unterschiedlicher Interessengruppen im internationalen Artenschutz: The Ivory Bandwagon: International Transmission of Interest-Group-Politics , W.H.Kaempfer; A.D.Lowenberg, The Independent Review, Fall 1999.

15.08.2006 um 10:19 Uhr

Geld ist Zeit

Kassenpatienten müssen in der Regel länger auf Facharzttermine warten wie Privatpatienten. Im Schnitt gut das Doppelte. Unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass ein Arzt an einem Privatpatienten im Durchschnitt auch das Doppelte verdient, ist das nicht weiter verwunderlich. Denn setzt man die Vergütung der GKV mit der Basis der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) bzw. Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) gleich, rechnet ein Arzt von einem Kassenpatienten in etwa den 1,3 bis 1,7-fachen Satz ab. In der privaten Krankenversicherung kann er vom 2,3-fachen (Regelsatz) bis zum 3,5-fachen Satz (Regelhöchstsatz) abrechnen, bei einzelnen Versicherungsunternehmen sogar darüber hinaus. Nun mag die annähernd gleiche Relation der Vergütung und Wartezeiten eher zufällig sein, unfair ist sie sicher nicht. Zumindest nicht vom Standpunkt der Ärzte aus. Proteste sollten also an eine andere Adresse gehen. Denn wer den Preis rationiert, rationiert das Angebot.

 

14.08.2006 um 10:01 Uhr

Chancen, die ich meine

Vor 26 Jahren versuchte der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman mit seinem Buch "Free to Choose" (deutsche Ausgabe "Chancen, die ich meine") und einer zehnteiligen Fernsehserie etwas Licht in das Dunkel der öffentliche Wahrnehmung über die Funktionsweise von Märkten und die Wirkung staatlicher Interventionen zu bringen. Nun gibt es die zehn Folgen der nach wie vor aktuellen Fernsehserie bei Google-Video:

Volume 1: Power of the Market
Volume 2: The Tyranny of Control
Volume 3: Anatomy of a Crisis
Volume 4: From Cradle to Grave
Volume 5: Created Equal
Volume 6: What’s Wrong With Our Schools?
Volume 7: Who Protects the Consumer?
Volume 8: Who Protects the Worker?
Volume 9: How to Cure Inflation
Volume 10: How to Stay Free
Via Greg Mankiw's Blog

14.08.2006 um 00:55 Uhr

Des Strauchdiebs letzte Zuflucht

von: steffenh   Stichwörter: Wirtschaftspolitik

"Der Patriotismus ist die letzte Zuflucht, an die sich der Strauchdieb klammert."

Bob Dylan's berühmte Textstelle aus dem Song "Sweatheart Like You" vom Album Infidels fiel mir am Wochenende auf den Videobildschirmen einer Berliner U-Bahn ins Auge. Es erinnerte mich an den DBResearch-Beitrag "Economic Patriotism: New Game in Industrial Policy?" Trotz seiner Vorteile für Wohlstand und Entwicklung bringt die Globalisierung nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer mit sich. Diese appelieren häufig an den wirtschaftlichen Patriotismus der Öffentlichkeit und der Politik und zielen damit auf politische Unterstützung durch eine protektionistische Wirtschaftspolitik. Diese zeigt sich im politischen Alltag allerdings nicht nur in Form von strukturerhaltenen Maßnahmen für Altindustrien, sondern auch in dem Versuch durch staatliche Interventionen einzelnen Firmen oder Branchen auf neuen Märkten zu Lasten der Allgemeinheit Weltmarktvorteile zu verschaffen. Wie Erfahrungen der internationalen Industriepolitik zeigen, führen derartige Eingriffe jedoch selten zum erhofften Ziel. Was kümmert das die "Strauchdiebe" in Berlin und Brüssel, solange dieser Fluchtweg zu ihren ganz privaten Zielen führt.

 

11.08.2006 um 11:54 Uhr

Baby-Boom durch Haushaltsgeräte

In einem Report der Deutsche Bank Research wird Technologischer Fortschritt im Haushaltsbereich als ein Erklärungsansatz des Baby-Booms der Nachkriegszeit, einer Unterbrechung des säkularen Abwärtstrends der vergangenen 100 Jahre, diskutiert. Danach hat die durch technischen Fortschritt getriebene Einkommensentwicklung die Opportunitätskosten zusätzlicher Kinder zwar erhöht, Produktivitätssteigerungen in den privaten Haushalten durch neuartige Haushaltsgeräte wirkten diesem Trend jedoch entgegen und konnten ihn temporär überkompensieren. Erst die Sättigung der technischen Haushaltsausstattung und die Reduzierung der haushaltsbezogenen Kostenminderung ließen die Geburtenrate wieder sinken.

Wenn das so ist, dann brauchen wir Produktivitätssteigerungen im Bereich der außerhäuslichen Kinderversorgung, um zumindestens in diesem Bereich der Erziehung die Opportunitätskosten von Kindern zu senken. Für die Politik stellt sich also die Frage: Wie sehen Rahmenbedingungen aus, die Erziehung bei wachsender Qualität billiger machen? Hier kann man sich wiederum im inszwischen sehr kompetitiven, globalisierten Haushaltsgerätesektor ein paar Anregungen suchen. Wie wärs mit Deregulierung, mehr Wettbewerb und einer Senkung der Abgabenlast?

11.08.2006 um 08:34 Uhr

So fern und doch so nah

von: steffenh   Stichwörter: Medien

Gleich auf der dritten Seite druckte der Berliner Tagesspiegel gestern den Beitrag "Suche nach Leben" über den mörderischen Weg illegaler mexikanischer Einwanderer in die USA ab. Auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema. Warum aber war die tödlich endende Flucht illegaler Einwanderer vor der deutschen Polizei der gleichen Zeitung nur eine Randnotiz wert?