Mit dem Kopf voran

29.09.2006 um 17:48 Uhr

Unter einer Decke?

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Glaubt man den Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums, dann wünschen sich zwei Drittel der Deutschen rauchfreie Gaststätten. So, so, dann haben wir es also in der Realität mit einer Verschwörung der Raucher, korrumpierter Nichtraucher und der meisten deutschen Gastwirte gegen die Nichtraucher zu tun. Offenbar bestechen die Raucher gemeinsam mit den sie tolerierenden Gästen mittels ihres hohen Konsums von Speisen und Getränken bei ihren häufigen Restaurantbesuchen die Wirte dafür, dass Raucher nicht von der Mehrheit der Bevölkerung aus deutschen Wirtshäusern verbannt werden. Offenbar sind Märkte immun gegen die Diktatur der Mehrheit über eine Minderheit der Bevölkerung. Ein weiterer Grund, warum mir freie Märkte so sympatisch sind.

Anmerkung: Der Autor ist überzeugter Nichtraucher und meidet extrem verqualmte Kneipen. Diese Tatsache veranlasst ihn jedoch nicht dazu, Rauchern die Legitimität der Offenbarung ihrer Präferenzen in Wirtshäusern abzusprechen. Er zieht im Zweifel die Abstimmung mit den Füßen vor.

28.09.2006 um 23:28 Uhr

Mehr kleine Kneipen?

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

Die Regierungskoalition hat sich auf Eckpunkte für einen besseren Nichtraucherschutz geeinigt. So sollen Lokale ab 75 qm Grundfläche rauchfreie Zonen einführen, wogegen in kleineren Restaurants Rauchen generell erlaubt bleiben soll.

In der momentan unregulierten Situation ist es nur für wenige Lokale lukrativ, die zusätzlichen Investitionen für eine Abtrennug von rauchfreien Zonen auf sich zu nehmen. Offenbar mangelt es an der Nachfrage der Kunden nach einer Trennung von Rauchern- und Nichtrauchern beim geselligen Bierchen. Deshalb ist wohl zu erwarten, dass die Wirte erfinderisch sind und die Größe ihrer Restaurant auf unter 75 qm reduzieren, um dem zusätzlichen Kostenaufwand aus dem Weg zu gehen.

27.09.2006 um 09:14 Uhr

Verkehrte Welt

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Wofür wird das Unternehmensmanagement eigentlich bezahlt? Niemand wird mir für die Behauptung widersprechen, die Honorierung erfolgt für die Maximierung des Unternehmensgewinns. Der Unternehmensgewinn ist bekanntlich dann am größten, wenn die Differenz zwischen dem Erlösen und den Kosten maximal ist. Und das wiederum kann das Management durch die Variation der Inputfaktoren, kurzfristig vor allem Arbeit und Rohstoffe, bewerkstelligen. Wenn also der Siemens-Vorstandschef Kleinfeld mit einer Gehaltserhöhung bedacht wird, dann hat man ihn für die gewinnmaximierende Variation der Faktoreinsätze, also gerade für die Reduzierung der Unternehmenskosten, vor allem durch Personalabbau bezahlt. Der Mann macht ganz einfach seinen Job und wird dafür gut bezahlt. Geht seine Strategie der Unternehmensumstrukturierung auf, dann wird es nicht bei diesen Vorschußlorbeeren bleiben. Wenn nicht, dann wird er wie viele andere vor ihm gehen müssen. Kleinfeld wird schließlich nicht von den Siemens-Angestellten dafür bezahlt, dass er ihnen um den Preis der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens den Job sichert.

Wirft man Kleinfeld und dem Siemens-Aufsichtsrat also Instinktlosigkeit vor, weil der Mann angesichts sozialer Härten seiner Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung erhält und fordert von ihm einen Akt der Selbstlosigkeit, dann sollte man zunächst einmal selbst in sich gehen und fragen, wo der eigene Beitrag zur Lösung des Problems liegt. Wir alle profitieren von Kostensenkungen und Entlassungen in Unternehmen, entweder weil wir die Konsumenten billiger werdender Produkte oder selbst Anteilseigner über irgendeine Sparanlage oder einen Aktienfond sind. Jeder reibt sich die Hände über billiger werdende Handys und Waschmaschinen oder plant schon die nächste Urlaubsreise aus den Dividenden seiner Ersparnisse. Wer aber nimmt das gesparte Geld und gibt es einem der armen, von der Entlassung bedrohten Siemens-Mitarbeiter? Ich habe noch keinen von derartig großzügigen Plänen reden gehört. Schon gar nicht einen der besonders laut polternden Politiker oder Funktionäre, die ja bekanntlich nicht gerade zu unseren ärmsten Mitbürgern zählen. Und solange wir mit dieser Inkonsistenz in unserem eigenen Verhalten nicht reinen Tisch gemacht haben, sollten wir uns nicht anmaßen über die vermeintliche Gier von Herrn Kleinfeld zu urteilen.

Ergänzung: Sicherlich gibt es auch Interessenskonflikte zwischen dem Management eines Unternehmens und den Unternehmensbesitzern. Wenn also die Vergütungshöhe und die Leistung des Management sich im Nachhinein als unverhältnismäßig erweisen sollte, haben die Anteilseigner ein Problem und einen berechtigten Grund sich zu beklagen.

26.09.2006 um 08:53 Uhr

Zitat des Tages

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Prof. Don Boudreaux von Cafe Hayek zitierte gestern in einem Eintrag den französischen Nationalökonomen Frederic Bastiat aus Kapitel 10 von "Economic Harmony" :

After all, what is competition? Is it something that exists and has a life of its own, like cholera? No. Competition is merely the absence of oppression. In things that concern me, I want to make my own choice, and I do not want another to make it for me without regard for my wishes; that is all. And if someone proposes to substitute his judgment for mine in matters that concern me, I shall demand to substitute my judgment for his in matters that concern him. What guarantee is there that this will make things go any better? It is evident that competition is freedom. To destroy freedom of action is to destroy the possibility, and consequently the power, of choosing, of judging, of comparing; it amounts to destroying reason, to destroying thought, to destroying man himself. Whatever their starting point, this is the ultimate conclusion our modern reformers always reach; for the sake of improving society they begin by destroying the individual, on the pretext that all evils come from him, as if all good things did not likewise come from him [emphasis added].

26.09.2006 um 00:39 Uhr

Die Ökonomie des Übergewichts

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

Russell Roberts Interview mit Darius Lakdawalla von der RAND-Corporation und dem National Bureau of Economic Research über die Ursachen des Wohlstandsleidens Übergewicht geht der Frage nach, ob die zunehmenden Gewichtsprobleme eine Ursache des Fastfoods oder sinkender Lebensmittelpreise und den Veränderungen unserer Arbeitsbedingungen sind.

25.09.2006 um 23:47 Uhr

Rationale Räuber

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

Unter den richtigen Umständen wäre jeder Mensch ein Krimineller. Selbst Jugendliche, bei denen der Hang zur Kriminalität und Gewaltätigkeit besonders häufig als "irrational" bezeichnet wird, reagieren in Experimenten auf Veränderungen von Anreizparametern in mit der ökonomischen Theorie rationalen Verhaltens erstaunlich konsistenter Weise. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls die beiden Ökonomen Michael S. Visser und William T. Harbaught in ihrem NBER-Paper "AN EXPERIMENTAL TEST OF CRIMINAL BEHAVIOR AMONG JUVENILES AND YOUNG ADULTS":

This is the first paper where individuals’ responses to potential criminal opportunities and the associated costs are analyzed in an experimental setting. We design an experiment where subjects are exposed to exogenous variations in the relative tradeoffs between three important aspects of criminal opportunities – the amount of loot they can take from another person, the probability of detection, and the fine. We conducted the experiment with juveniles and young adults, age groups that are near the peak ages for participation in petty crime and who are frequently labeled as “irrational” and “unresponsive to deterrence.” We find that behavior among this group with respect to petty criminal decisions is not completely rational. However, it is approximately as consistent with the theoretical requirements of rational choice behavior as are the choice behaviors for consumption goods. Furthermore, we find that, in aggregate, responses to changes in criminal opportunities areconsistent with the laws of demand. Our estimates indicate that both participation in crimeand the amount of loot stolen respond to exogenous variations in relative prices, with the response of the demand for loot being stronger.

Die mangelhafte innere moralische Instanz des Menschen - ein Thema des Romanklassikers "Clockwork Orange" von Anthony Burgess - scheint also durchaus ein universelles Phänomen zu sein.

Via Stumbling and Mumbling.

25.09.2006 um 14:58 Uhr

Beratungsresistenz der Politik

Dass die Vielzahl der Sachverständigenräte für die Bundesregierung nur eine Feigenblattfunktion besitzen und deren Sachverstand bestenfalls aus politischem Kalkül und nicht aus echtem Beratungsbedarf in Anspruch genommen wird, zeigt die Reaktion von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit bei "Sabine Christiansen" im ARD auf die Entscheidung der Bundeskanzlerin, den Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Bert Rürup in die Debatte um die Gesundheitsreform einzubeziehen:

Also da muss eine politische Lösung her - und nach Möglichkeit schnell. Ob da noch neue Experten helfen, ich glaube es nicht mehr.

Es geht schon lange nicht mehr um sachgerechte Problemlösungen unter Einbeziehung fundierten Expertenwissens, sondern um einen Deal, der die Machtbalance der Regierungskoalition nicht stört. Viel deutlicher hätte man es nicht sagen können.

24.09.2006 um 23:03 Uhr

Schnäppchen-Tickets

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

"Lass dir dein Lehrgeld wiedergeben." dachte ich bei mir, als ich Samstagabend, ausgestattet mit einer zum offiziellen Vorverkaufspreis erstandenen Eintrittskarte, am Einlass zum einzigen Deutschland-Konzert von Pearl Jam in der Kindl-Bühne in der Wuhlheide mehrere verzweifelte Verkäufer übriggebliebener Tickets beobachtete. Hier hätte man wohl von den hohen Opportunitätskosten der Kartenverkäufer profitieren können. Nun gut ein Denkanstoß fürs nächste mal. Ruhig mal ein Risiko eingehen. Nach ein paar akustischen Anlaufschwierigkeiten zeigte die Band dann, dass sie noch immer zu den Großen des Rock'n Roll zählt. Als Eddi Vedder, rührend und unfreiwillig komisch in abgelesenem und äußerst gebrochenem Deutsch seinem toten Freund Johnny Ramones Tribut zollte und ihm dann den Song "Come Back" in den Himmel nachsang und die Band, für deren politische Äußerungen zwar auch desöfteren die Kritik eines Musikerkollegen zutrifft, "Green Disease" mit meiner Lieblingstextstelle "...Tell the captain "This boat's not safe, and we're drowning." Turns up he's the one making waves. Waves. Waves." spielte, war das verpasste Schnäppchen längst vergessen.

Link: Michael Munger "A Fable of the OC".

23.09.2006 um 11:03 Uhr

Die Ökonomik allein erziehender Mütter

von: steffenh   Stichwörter: Wirtschaftspolitik

Libertad Gonzales hat in ihrem Aufsatz “The Effect of Benefits on Single Motherhood in Europe. Evidence from the ECHP.” den Einfluß von öffentlichen Sozialleistungen auf die Häufigkeit allein erziehender Mütter untersucht:

This paper uses data from the eight waves of the European Community Household Panel (1994-2001) to estimate the impact of welfare benefits on the incidence of single motherhood and headship among young women across European countries. The regressions include country fixed effects as well as time trends that are allowed to vary by country, to account for fixed and trending unmeasured factors that could influence both benefit levels and family formation. The analysis also accounts for individual characteristics and labor market conditions. The results suggest that benefit levels have a small but significant positive effect on the prevalence of single mothers. An increase in yearly benefits of 1,000 euros is estimated to increase the incidence of single mother families by about 2 percent.

Pressebericht in der The Sunday Times, August 2006.

22.09.2006 um 07:42 Uhr

Flowchart des Tages

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

22.09.2006 um 01:52 Uhr

Eine unbequeme Wahrheit für Al Gore...

von: steffenh   Stichwörter: Klimapolitik

...so lautet die Kritik von Björn Lomborg (Apocalypse No!) bei Projekt Syndicate zu dem im Oktober auch in Deutschland anlaufenden Klimawandel-Schauerstück von Al Gore "Eine unbequeme Wahrheit":

Lichtspielhäuser überall werden in Kürze den Film des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore über die Klimaerwärmung zeigen. „An Inconvenient Truth“ wird sowohl in Amerika als auch in Europa von der Kritik hoch gelobt und wird mit größter Wahrscheinlichkeit weltweit ein großes Publikum ansprechen. Doch während der Film voller Emotionen und provozierender Bildern steckt, kommen rationale Argumente darin zu kurz.

„An Inconvenient Truth“ stellt drei Behauptungen auf. Erstens: Die globale Erwärmung ist eine Tatsache. Zweitens: Sie wird katastrophale Folgen haben. Drittens: Sie zu bekämpfen, sollte unsere oberste Priorität sein. So lästig es den Produzenten des Films jedoch sein mag: Nur die erste Aussage entspricht den Tatsachen.

...

Warum sollte es angesichts dieser Herausforderungen unsere oberste Priorität sein, den Klimawandel aufzuhalten? Gores Versuch einer Antwort hält der Überprüfung nicht stand.

...

Auf dem Höhepunkt seinen Films argumentiert Gore, dass zukünftige Generationen uns Vorwürfe machen werden, dass wir uns nicht zum Kyotoprotokoll bekannt haben. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich fragen werden, warum in einer Welt, die von „unbequemen Wahrheiten“ nur so überquillt, Gore sich auf die eine konzentrierte, wo wir mit größtem Kostenaufwand am wenigsten erreichen können.

Empfehlenswert auch dieser schon etwas ältere Schlagabtausch zwischen Björn Lomborg und Ernst-Ulrich von Weizsäcker.

21.09.2006 um 13:22 Uhr

Sonnenstich?

von: steffenh   Stichwörter: Klimapolitik

Die heiße Sonne Kaliforniens scheint so manchem Politiker die Hirnmasse zu zersetzen. Der Verdacht drängt sich einem auf, wenn man lesen muß, dass der amerikanische Bundesstaat Kalifornien sechs Automobilproduzenten wegen der klimaschädigen Wirkung der Abgase ihrer Autos verklagt hat. Demnächst werden amerikanische Automobilhersteller wohl auch verklagt, weil ihre Produkte das Tatwerkzeug von Verkehrunfällen sind. Oder warum verklagt man nicht einfach die Hersteller von Messern für die tiefen Wunden, die eine unsachgemäße Verwendung ihrer Produkte mitunter verursacht? Für eine Wählerstimmenmaximierung kann offenbar nichts dumm genug sein. Ihre deutschen Kollegen zeigen jedoch, dass auch in Deutschland die heiße Sonne nicht unbedingt weniger schädliche Wirkung hat. Denn noch immer sind es die Autofahrer, die durch Kaufentscheidung und Fahrverhalten die Emissionen ihrer Fahrzeuge verursachen. Da Klimagase erst schädlich sind, wenn sie entstanden sind, macht es auch Sinn, die Schere erst beim Benzinverbrauch anzusetzen. Dafür gibt es die Ökosteuer, alle anderen Maßnahmen kann man getrost in unter der Kategorie Populismus und Interessengruppenpolitik verschlagworten. Entweder versucht man bei den Wählern die Illusion zu erzeugen, man könne die Klimaschutzkosten auf die Unternehmen abwälzen oder man macht sich bewußt oder unbewußt zum Handlanger derjenigen, die mit dem Klimawandel richtig Kasse machen wollen.

20.09.2006 um 15:27 Uhr

Die Sonne und der Klimawandel

von: steffenh   Stichwörter: Klimaforschung

N. Scaffeta und B. J. West in der Septemberausgabe der "Geophysical Research Letters" zum Einfluß der Sonneneinstrahlung auf die Temperaturvariabilität der Nordhalbkugel der Erde:

We study the solar impact on 400 years of a global surface temperature record since 1600. This period includes the pre-industrial era (roughly 1600–1800 or 1600–1900), when negligible amount of anthropogenic-added climate forcing was present and the sun realistically was the only climate force affecting climate on a secular scale, and the industrial era (roughly since 1800–1900), when anthropogenic-added climate forcing has been present in some degree. We use a recent secular Northern Hemisphere temperature reconstruction (Moberg et al., 2005), three alternative total solar irradiance (TSI) proxy reconstructions (Lean et al., 1995; Lean, 2000; Wang et al., 2005) and a scale-by-scale transfer climate sensitivity model to solar changes (Scafetta and West, 2005, 2006). The phenomenological approach we propose is an alternative to the more traditional computer-based climate  model approach, and yields results proven to be almost independent on the secular TSI proxy reconstruction used. We find good correspondence between global temperature and solar induced  temperature curves during the pre-industrial period such as the cooling periods occurring during the Maunder Minimum (1645–1715) and the Dalton Minimum (1795– 1825). The sun might have contributed approximately 50% of the observed global warming since 1900 (Scafetta and West, 2006). We briefly discuss the global cooling that occurred from the medieval maximum (1000–1100 AD) to the 17th century minimum. Citation: Scafetta, N., and B. J. West (2006),  Phenomenological solar signature in 400 years of reconstructed Northern Hemisphere temperature record, Geophys. Res. Lett., 33, L17718, doi:10.1029/2006GL027142.

20.09.2006 um 13:31 Uhr

Wahrgenommene Inflation

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

In ihrem jüngsten Heft "Preise in Deutschland 2006" aus der Reihe "Im Blickpunkt" berichtet das Statistische Bundesamt über die Preisentwicklung in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren. Viele anschauliche Grafiken und ein leicht verständlicher Text illustrieren die extrem unterschiedliche Entwicklung der Güter- und Dienstleistungspreise in den vergangenen Jahren. Hierbei wird auch noch einmal auf das Problem "Euro = Teuro?" und auf die Ursachen des Unterschieds zwischen der tatsächlichen und subjektiv wahrgenommenen Teurungsrate eingegangen:

 

 

Was mir am Rande noch auffiel, ist die unterschiedliche Preisentwicklung öffentlicher und privater Dienstleistungen im Kultur- und Sportbereich. Während der subventionierte Besuch der Oper oder eines öffentlichen Schwimmbads kontinuierlich teurer geworden sind, blieb die Preissteigerung beim Kinobesuch seit der Einführung des Euros bemerkenswert niedrig. Woran mag das wohl liegen?

20.09.2006 um 09:43 Uhr

Armes Land...

Armut und Unterernährung gehören in Afrika nach wie vor zur Tagesordnung. In der Studie "Growing Green - The Challenge of Sustainable Agricultural Development in Sub-Saharan Africa" haben Douglas Southgate (Ohio State University) und Dougla H. Graham (Prof. emeritus Ohio State University) die Folgen für Menschen und Umwelt sowie die Ursachen analysiert:

Ursachen der geringen landwirtschaftlichen Produktivität:

  • Preiskontrollen, staatliche geförderte Marktkonzentration und bürokratische Hürden reduzieren Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb in der Landwirtschaft.

  • Hohe Steuern auf landwirtschaftliche Exporte, bei gleichzeitigen administrativen Höchstpreisen für die Stadtbevölkerung.

  • Unzureichende Investition in Transportinfrastruktur hindert den Transport der Vorprodukte und der landwirtschaftlichen Güter und macht das Land anfällig für regionale Nahrungsmittelengpässe.

  • Internationale Hilfe geht häufig an den Bedürftigen vorbei in die Landwirtschaftsbürokratie und verbessert damit noch die Bedingungen für die Belastung der Landwirtschaft.

Folgen für die Umwelt:

  • Mangel an Düngereinsatz führte zur Bodenerosion und Entwertung der Böden.

  • Kleinbauer weichen daher permanent auf neues Land aus und zerstören dabei die natürliche Umwelt.

  • Extensive Landwirtschaft ist wichtigste Ursache für Entwaldung. Der Anteil der Landwirtschaft an der Urwaldzerstörung ist in Afrika größer als in jeder anderen Region.

Moderne Landwirtschaftsmethoden notwendig:

  • Reduzierung der Kosten verbessert Ernährungssituation.

  • Erhöhte Wettbewerbsfähigkeit im Exportsektor.

  • Produktivitätssteigerungen setzen mittel- bis langfristig Arbeitskräfte frei, die andernorts Beschäftigung finden und damit zur Diversität der einheimischen Wirtschaft, Spezialisierung und geringere Anfälligkeit gegenüber wirtschaftlichen Schocks und Naturkatastrophen (z.B. Dürre) führen.

  • Besteuerung höherer landwirtschaftlicher Einnahmen (mit geringeren Sätzen) setzt Mittel für den Ausbau der Infrastruktur frei.

  • Umweltschutz durch reduzierte Bodenerosion und verminderte Entwaldung.

18.09.2006 um 17:21 Uhr

Gammelspinat

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Laut Washington Post hat eine kalifornische Bio-Farm offenbar zu viel und zu unkontrolliert mit "natürlichem" Dünger gearbeitet und mit hoher Wahrscheinlichkeit durch fäkale Verunreinigungen eine Kontamination von Spinat mit dem pathogenen Keim Escheria coli verursacht. Man muß also nicht unbedingt geldgieriger Fleischhändler oder skrupelloser Gentechnik-Bauer sein, um in den Verdacht zu geraten, die Gesundheit seiner Konsumenten zu riskieren. Ein sorgloser Bio-Bauer schafft das auch.

Erratum: "Sorglos" ist eigentlich ein zu scharfes Wort, auch wenn es üblicherweise zum Sprachgebrauch erbitterter Kritiker bestimmter Technologierichtungen in der Wirtschaft zählt. Eigentlich zeigt dieser Fall nur, dass es keine Art der Landwirtschaft gibt, die völlig risikolos ist. Daher ist eher die Forderung nach einem Nullrisiko für bestimmte Produktionstechniken als sorglos zu bezeichnen, wenn gleichzeitig die bevorzugte "organische" Landwirtschaft diese Eigenschaft nicht für sich beanspruchen kann. Denn wir verzichten mit einer einseitigen Festlegung auf die Reduzierung dieser Risiken mit neuen technischen Möglichkeiten. Insofern ist das ein Plädoyer, alle verfahrenstechnischen Möglichkeiten mit dem selben Leisten zu messen.

Link: Study yields mixed findings about microbes on organic produce

 

16.09.2006 um 20:22 Uhr

Kinderleicht

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

Ein Schnappschuß im Potsdamer Stadtpark. Das sog. öffentliche Güter (wegen der prinzipiellen Ausschließbarkeit von der Nutzung und einer möglichen Nutzungskonkurrenz eigentlich private Güter oder Mautgüter) zumindest teilweise (ebenso wie der Schloßpark Sanssouci) durch die Nutzer finanziert werden können, beweist dieses kleine Mädchen. Papa und Mama verzichten auf einen Tasse Kaffee und schon kann die ganze Familie ausgelassen durchs Grüne toben und dabei eine Vielzahl von Freizeitmöglichkeiten nutzen. Wem das Vergnügen nicht den Euro wert ist, der sollte den Park nicht besuchen, denn er genießt ihn nicht wirklich. Und warum sollte der Staat für Trittbrettfahrer viel Geld ausgeben? Wer es vernünftig findet, jemandem für das Schwarzfahren in einer halbleeren U-Bahn 40 Euro abzuknöpfen, kann seine Abneigung gegen Eintrittsgebühren in öffentliche Parks nicht logisch begründen. In beiden Fällen verursacht ein zusätzlicher Nutzer keine nennenswerten zusätzlichen Kosten. Dennoch muß die Dienstleistung zur Verfügung gestellt werden. Warum nicht wie in Nahverkehrsmitteln oder im Kino von den Nutzern?

16.09.2006 um 02:36 Uhr

Das Eigentor des Wohlfahrtsstaats

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Der deutsche Wohlfahrtsstaat dümpelt vor sich hin, doch dessen Nutznießer sehen dabei zu, weil ihnen der Streit um die verbleibenden Stücke des schrumpfenden Kuchens allemal lieber ist, als die Hoffnung auf einen nicht ganz leichten Aufstieg. Das Vorsorgeprinzip wird auch in der Sozialpolitik zum Bremsklotz einer optimistischen Zukunft. Hans Werner Sinn liefert die Zahlen:

Die wirkliche Erklärung für Deutschlands politische Stagnation ist, dass es einfach keine Mehrheit für liberale Reformen gibt, denn solche Reformen würden zunächst zu viele Verlierer mit sich bringen. Deutschland ist ein Land mit einem umfassenden Sozialsystem, das 31% des BIP des Landes über den Regierungssektor für soziale Zwecke ausgibt. Nicht weniger als 41% der wahlberechtigten Bevölkerung leben in erster Linie von Regierungsleistungen wie staatliche Renten, volle öffentliche Stipendien, Arbeitslosenunterstützung, Invalidenrente und Sozialhilfe. (Im Osten Deutschlands liegt diese Zahl bei kolossalen 47%.)

Unter den Erwachsenen, die tatsächlich wählen, bilden die Empfänger öffentlicher Leistungen eine klare Mehrheit. In Übereinstimmung mit diesen Zahlen, zahlen die 10% der oberen Einkommensbezieher mehr als 50%, und die oberen 20% mehr als 80% des gesamten Steueraufkommens, während 40% der Einkommensbezieher überhaupt keine Einkommensteuer entrichten. Kein Wunder also, dass eine riesige Mehrheit der Bevölkerung und sogar eine knappe Mehrheit der christdemokratischen Wähler eine Stärkung der sozialen Orientierung des Staates gegenüber einer stärkeren Orientierung am Markt bevorzugt.

16.09.2006 um 01:03 Uhr

blend a business

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Was qualifiziert eigentlich einen Produzenten von Kosmetika und Haushaltschemikalien zum Einsatz der Gewinne aus dem Verkauf ihrer Produkte für wohltätige Zwecke? Die steuerliche Absetzbarkeit dieser Ausgaben? Anders formuliert, warum kaufen wir nicht einfach die billigste, wirksame Zahnpasta, spenden das gesparte Geld selbst für SOS-Kinderdörfer und setzen die Spende von unserer eigenen Einkommenssteuer ab? Warum belohnen wir Unternehmen mit Kundentreue und zusätzlichen Umsätzen für Handlungen, die wir selbst tun könnten, aber immer wieder unterlassen? Oder warum fordern wir von Unternehmen wohltätiges Engagement mit unserem Geld, dass wir dann selbst nicht mehr spenden können? Warum erwarten wir nicht einfach, dass Unternehmen sich auf ihre Kernkompetenz, die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen konzentrieren? Glauben wir wirklich, Unternehmen, die nichts anderes als Gruppen von Menschen sind, tragen mehr gesellschaftliche Verantwortung, als wir, die selben Menschen als einzelne Konsumenten. Worin liegt eigentlich der Sinn einer Erwartungshaltung, die uns unterm Strich zum Opfer cleverer Marketingkampagnen macht?

15.09.2006 um 22:59 Uhr

Gleichheit nach Branchen

von: steffenh   Stichwörter: Wirtschaftspolitik

Wer bisher so naiv war und glaubte die SPD-Forderung nach einem Mindestlohn hätte etwas mit der finanziellen Absicherung eines angemessenen Lebensstandards für alle Beschäftigten zu tun, der muß sich spätestens durch die Äußerungen von Franz Müntefering zu einem nach Branchen gestaffelten Mindestlohn eines Besseren belehren lassen. Offenbar sieht nach Ansicht der SPD-Spitze ein angemessener Mindestlebensstandard für unterschiedliche Branchen unterschiedlich aus, obwohl so eine Mindestlohnregelung, die Menschen allein wegen ihrer Branchenzugehörigkeit unterschiedlich behandeln würde, nun so gar nicht der Gleichheitsutopie der Sozialdemokratie entspricht. Viel offener hätte der Vizekanzler wohl nicht durchblicken lassen können, dass es ihm letztlich doch nur um die Absicherung der Tarifkartelle zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern geht, also den Machterhalt einer Funktionärsriege und einer Reihe wettbewerbsscheuer Unternehmen. Was Anderes soll auch hinter einem Konzept stehen, von dem inzwischen nur noch völlig bildungsresistente Idealisten die Lösung der bestehenden Arbeitsmarkt- und Armutsprobleme erwarten.

Link: Der Aufsatz "Leadership, Prisoners' Dilemmas and Politics" von J.R.Clark und D.R.Lee illustriert mit Hilfe spieltheoretischer Überlegungen sehr anschaulich, warum das politische Paktieren der Tarifparteien ein typisches Principal-Agent-Problem organisierter Interessenvertretungen ist:

Rather, our argument is that there are other policies that also harm the long-run prospects of the most disadvantaged in minority communities, but which are widely seen, and easily depicted, as helping minorities. These are policies that provide particular entitlements and transfers to those who satisfy specified conditions, with those conditions invariably discouraging some people from taking full advantage of the opportunities they do have. We understand that any attempt, whether public or private, to help those who are disadvantaged confronts the problem of reducing the cost of remaining disadvantaged. But there are reasons to believe that this problem is intensified in the public sector for a number of reasons, one of which is the leadership incentive discussed in this article. As we have argued, leaders of groups have strong personal incentives to lobby government for benefits for their groups that can easily be justified as necessary to overcome past wrongs (or prevent those wrongs from becoming worse because of the threat of receiving the suckers’ payoff in a prisoners’ dilemma), that perpetuates the groups’ need for political leaders, and for which the leaders can easily claim credit. To our minds, this provides at least a partial explanation for our argument that leaders of certain groups concentrate their lobbying efforts on securing political entitlements that create dependency on government programs rather than on eliminating political barriers to opportunity that would reduce that dependency.