Mit dem Kopf voran

31.10.2006 um 01:16 Uhr

Wie macht man schlechtes Klima?

Die Massenmedien überschlagen sich wieder einmal mit der Präsentation von Schauermärchen über die Folgen des Klimawandels und Tony Blair erklärt auf Basis des sog. Stern Reports den "Klimanotstand". Wie diese Studie mit selektiver Darstellung von Katastrophenprognosen versucht Schlagzeilen zu erzeugen, war gestern auf Roger Pielke's Prometheus Blog zu lesen (Cherry Picking on Desasters and Climate Change):

The Stern Report has this passage on p. 131:

The costs of extreme weather events are already high and rising, with annual losses of around $60 billion since the 1990s (0.2% of World GDP), and record costs of $200 billion in 2005 (more than 0.5% of World GDP). New analysis based on insurance industry data has shown that weather-related catastrophe losses have increased by 2% each year since the 1970s over and above changes in wealth, inflation and population growth/movement. If this trend continued or intensified with rising global temperatures, losses from extreme weather could reach 0.5 - 1% of world GDP by the middle of the century. If temperatures continued to rise over the second half of the century, costs could reach several percent of GDP each year, particularly because the damages increase disproportionately at higher temperatures.

The source is a paper prepared by Robert Muir-Wood and colleagues as input to our workshop last May on disasters and climate change. Muir-Wood et al. do report the 2% trend since 1970. What Stern Report does not say is that Muir-Wood et al. find no trend 1950-2005 and Muir-Wood et al. acknowledge that their work shows a very strong influence of 2004 and 2005 hurricane seasons in the United States. Muir-Wood et al. are therefore very cautious and responsible about their analysis. Presumably this is one reason why at the workshop Robert Muir-Wood signed on to our consensus statements, which said the following:

Because of issues related to data quality, the stochastic nature of extreme event impacts, length of time series, and various societal factors present in the disaster loss record, it is still not possible to determine the portion of the increase in damages that might be attributed to climate change due to GHG emissions . . . In the near future the quantitative link (attribution) of trends in storm and flood losses to climate changes related to GHG emissions is unlikely to be answered unequivocally.

The Stern Report’s selective fishing out of a convenient statement from one of the background papers prepared for our workshop is a classic example of cherry picking a result from a diversity of perspectives, rather than focusing on the consensus of the entire spectrum of experts that participated in our meeting. The Stern Report even cherry picks from within the Muir-Wood et al. paper.

Why does this matter? The Stern Report uses the cherry-picked information as the basis for one of its important conclusions about the projected costs of climate change(on p. 138),

The costs of climate change for developed countries could reach several percent of GDP as higher temperatures lead to a sharp increase in extreme weather events and large-scale changes.

To support its argument the Stern Report further relies on a significantly flawed report from the Association of British Insurers, which we critiqued here. It’s presentation of the future costs of disasters and climate change is highly selective to put it mildly.

 

28.10.2006 um 20:03 Uhr

Big Brother und der bunte Teller

Eine Politposse besonderer Art spielt sich derzeit um das Weihnachtsgewürz Nr. 1, den Zimt, ab. Weil die EU mit 2 mg/kg sehr niedrige Grenzwerte für die Lebensmittelkonzentration des Zimtbestandteils Cumarin festgelegt hat, setzt sich inzwischen nahezu jedes Weihnachtsgebäck dem Verdacht aus, zur Vergiftung der Konsumenten im Einzelhandel feilgeboten zu werden. Grüne Vorsichtsappostel fordern bereits, wie die Presse berichtet, "durch Zimt belastete Lebensmittel sofort aus den Regalen der Einzelhändler zu verbannen". Seit Lebensmittelkontrolleure Weihnachtsgebäck mit bis zu 76,8 mg/kg Cumarin in Supermarktregalen fanden, steht die Welt und insbesondere die Politikerszene Kopf.

Ein Blick auf die Webseite der Bundesanstalt für Risikobewertung, die sicherlich nicht gerade zu den Abwieglern gesundheitlicher Gefahren zu zählen ist, bringt etwas mehr Licht in das Dunkel der Debatte. Dort wird ein Grenzwert für die tägliche Aufnahme von 0,1 mg Cumarin pro kg Körpergewicht für die sensiblen Naturen unter uns gefordert. Damit soll das Risiko von reversiblen Leberschäden in Form erhöhter Leberenzymwerte im Blut bzw. in schweren Fällen von Leberentzündungen minimiert werden. Sicherheitshalber gleich für alle anderen auch. Also sollte eine 60 Kg schwere Person nicht mehr als 6 mg/Tag dieses Aromastoffs verdrücken. Wenn nun ein Zimtstern nach Angaben des Lebkuchenherstellers Lambertz knapp 6 Gramm wiegt, also in einem der gefundenen "Gift-Zimtsterne" des Handels 0,45 mg Cumarin enthalten sind, dann dürften selbst empfindliche Zeitgenossen täglich 13 Gift-Zimtsterne futtern. Das BfR gibt seinen Segen großzügig sogar für 15 Stück für Erwachsene und 3 Stück für Kleinkinder.

All das sind interessante Informationen, die den vorsorgenden Deutschen sicherlich ausreichend ins Mark fahren und für sich genommen genügend Grund geben, die Weihnachtsfressorgien freiwillig etwas in Richtung Apfel und ähnliche Biokost zu manövrieren. Aber nein, Deutschlands Politiker müssen gleich die autoritäre Lösung wählen und wollen Deutschlands Einzelhandel mit EU-Segen quasi zimtfrei machen. Nach dem Atomausstieg kommt das Zimtmoratorium. Irgendwann wird Weihnachten in Familie dann ganz abgeschafft, weil Gans und "bunter Teller" ja ohnehin schon im Verdacht stehen, "dicke Kinder" und adipöse Eltern zu produzieren. Eine mahnende Weihnachtsansprache vom Bundespräsidenten und eine geschmückte Tanne vor dem Bundestag muß reichen. Auf diesen gesundheitspolitischen Erfolg werden Politiker und Verbraucherschützer sich dann zufrieden einen Schnaps gönnen. Der gilt ja, trotz der 4,3 Mio. alkoholabhängigen Deutschen mit wirklich meßbaren Gesundheitsheitsproblemen, im Supermarkt noch nicht als räumungspflichtig. Was nicht ist, kann ja noch werden. Frohe Weihnachten!

Update: Das BfR bemisst seinen Richtwert für den Verzehr von 15 Zimtsternen an dem Maximalwert der bei Lebensmittelproben gemessen wurde. Diese Angabe ist wenig aussagefähig, berücksichtigt man, dass in den 13 Proben verschiedener Hersteller zwischen 22,0 mg/kg und 76,8 mg/kg gemessen wurden. Eine redliche Angabe hätte sich auf den ermittelten Mittelwert der Proben beziehen und die mittlere Abweichung vom Mittelwert angeben müssen.

Bezüglich der Toxizität von Cumarin teilt das Amt interessante Details mit, die das wahre Ausmaß der Hysterie noch einmal ins rechte Licht rücken: Offenbar gibt es in einer bekannten Studie keine klare Dosis-Toxizitätsbeziehung, was darauf zurückgeführt ist, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung für die hepatotoxische Wirkung sensibel ist. So kann für einen Teil der Bevölkerung bei einer Tagesdosis von 25 mg eine Leberschädigung nicht ausgeschlossen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die zugrundeliegende Studie auf die Gabe von cumarinhaltigen Medikamenten bezieht, bei denen eine im Verdacht hepatotoxischer Verstärkungswirkung stehende Co-Medikation mit Troxerutin erfolgte. Eine reine Gabe von Cumarin hätte demnach wahrscheinlich zu geringeren Wirkungen geführt. Dieser für eine kleine Bevölkerungsgruppe relevante Wert wird nun zur Sicherheit um den Faktor 5 auf 5 mg/kg für die gesamte Bevölkerung reduziert. Hieraus ergibt sich für einen 60 kg wiegenden Erwachsenen ein Wert, der in etwa der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festgelegten täglich tolerierbaren Dosis von 0,1 mg/kg Körpergewicht entspricht.

 

28.10.2006 um 14:43 Uhr

Nonsens, aber mit Gefühl

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Aus dem Umweltlexikon von KATALYSE eine der Kernthesen der sogenannten "sanften Chemie":

These 4: Die Gewalt gegen die Stoffe wirkt auf uns zurück
Die Grundkonzeption einer Sanfte Chemie orientiert sich an der These, dass die gewaltsamen Einwirkungen, die bei den Produktionsstrategien der Harten Chemie den gewählten Ausgangsstoffen zwangsweise auferlegt werden, nicht ohne Wirkung in den Stoffen selbst bleiben. Je gewaltsamer diese Erzwingung bestimmter Reaktionsabläufe erfolgt, um so größer ist das Risiko, dass die so erzeugten Stoffe die ihnen auferlegte Gewalt weiter in sich tragen und - im Sinne einer reziproken Wirkungsbeziehung - auf die Lebenswelt über kurz oder lang gewaltsam zurückwirken. Viele negative Phänomene im Zusammenhang mit der zunehmenden Chemisierung unserer Welt können mit einer solchen Arbeitshypothese eher verstanden und neu bewertet werden. Damit wird deutlich, dass das Konzept der „Gewaltsamkeit“ und ihres Zurückwirkens im Sinn eines heuristischen Prinzips nicht als eine metaphysische, in den Stoffen nicht verifizierbare Qualität zu verstehen ist. Die damit verbundenen Überlegungen, die eine Zurückhaltung und Behutsamkeit im menschlichen Handeln nicht nur gegenüber der Mitmenschheit, der Tier- und Pflanzenwelt fordert, sondern auch gegenüber der unbelebten Welt der chemischen Stoffe, gehört dennoch zu den Ideen, die von den in heutiger naturwissenschaftlicher Denkweise geprägten Fachleuten am schwierigsten nachzuvollziehen sein werden. Und doch ist die Begründung der Sanften Chemie ohne eine neu zu gewinnende Ethik auch gegenüber dem Umgang mit der unbelebten Welt unvollständig.

Das muß man nicht kommentieren... 

25.10.2006 um 18:38 Uhr

Vorsicht Müsli!

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Macht der von vielen als Inbegriff gesunder Ernährungsgewohnheiten gepriesene Verzehr von Cerealien krank? Glaubt man einer italienischen Forschergruppe und ihrer epidemiologischen Studie, dann ist der Cerialienkonsum mit dem Auftreten des Nierenzellkarzinoms assoziiert. Doch statt die Müslitüte vor lauter Angst in den Giftschrank zu verbannen, sollte man sich lieber mit der amüsanten und dennoch fundierten Polemik gegen die "Angst vor dem Nichts" "Die Angsttrompeter" von Heinz Hug den letzten Rest seiner unbekümmerten Freude am Leben bewahren.

23.10.2006 um 14:44 Uhr

Cartoon des Tages

21.10.2006 um 13:02 Uhr

Windige Kalkulation

von: steffenh   Stichwörter: Umweltpolitik

Das HWWA veröffentlichte kürzlich einen Aufsatz, in dem das Unmögliche wahr wird. Obwohl die langfristigen Stromgestehungskosten der Windkraft die Kosten konventioneller Kraftwerke deutlich übersteigen, ermitteln die Autoren einen Effekt, der einen sinkenden Einfluß des EEG auf die Großhandelsstrompreise ergibt. Wie kann das sein? Windkraftstrom ist langfristig vor allem deshalb teuer, weil er hohe Fixkosten bezogen auf die Energieumwandlung erfordert. Die unmittelbaren (Grenz-)Kosten sind dagegen aufgrund der Gratisversorgung mit Wind nahezu vernachlässigbar. Damit ergäbe sich ein außerordentlich billiges Stromzusatzangebot, dass bei gegebener Nachfrage zu einer Reduzierung des Strompreises führt. Die Umlage der EEG-Vergütung auf die Strompreise verursache dabei nur so geringe Zusatzkosten, das der Gesamteffekt insgesamt zu sinkenden Preisen führt. Dabei betonen die Autoren, das kritische Problem der Regel- und Reserveleistung in ihren Kalkulationen nicht berücksichtigt zu haben.

Wo ist der Haken? Wie kann eine Kraftwerksstruktur, trotz erhöhter Gesamtkosten, plötzlich sinkende Strompreise verursachen? Haben wir es hier mit einem ökonomischen Perpetuum Mobile zu tun. Richtig ist, dass die Windkrafteinspeisung das Stromangebot zunächst erhöht, auch richtig, dass deren variable Kosten sehr niedrig sind, wenn man den neuralgischen Punkt der Regel- und Reserveleistung einmal außen vor lässt. Insofern würden die Großhandelsstrompreise bei unverändertem Angebot aus konventionellen Kraftwerken tatsächlich sinken. Doch welche Wirkung hat die EEG-Vergütung auf das Angebotskalkül der Stromanbieter? Da sie die Aufnahme der eingespeisten Windenergie nicht beeinflussen können, erhöht die Einspeisevergütung ihre fixen Kosten und damit die Durchschnittskosten des Unternehmens. Da ein Unternehmen beim herrschenden Marktpreis die Produktionsmenge anbietet, bei der die Durchschnittskosten minimal sind (bei dieser Menge ist die Differenz aus Erlösen und Gesamtproduktionskosten maximal) und die Einspeisevergütung die Fixkosten und damit das Minimum der Durchschnittskosten erhöht, führen die zusätzlichen EEG-Kosten mittelfristig zu einer sinkenden Angebotsmenge. [korr. 28.11.07] Für ein Teil der Energieversorger lohnt sich das Angebot bei erhöhten durchschnittlichen Kosten nicht mehr oder ein zukünftiges Mehrangebot ist nicht wirtschaftlich.  Die teure Abnahmeverpflichtung durch das EEG führt demnach zu einer Verdrängung des Stromangebots aus den konventionellen Kraftwerken der Anbieter. Das reduziert jedoch wiederum das Gesamtangebot am Strommarkt, was letztlich bei gegebener Stromnachfrage preissteigernd wirkt. Diese Angebotsreaktion der Stromproduzenten wird jedoch von Autoren der Studie völlig vernachlässigt.

Die Vernachlässigung der vorzuhaltenden Regel- und Reserveleistung ist ein weiteres Manko der Analyse. Die Regel- und Reseveleistung muß vom Kraftwerksbetreiber entweder vorgehalten werden und kann daher nicht verkauft werden oder muß am Markt kurzfristig eingekauft werden. Dadurch reduziert sich gleichzeitig das Angebot und steigt die Nachfrage am Strommarkt, was sich ebenfalls in steigenden Preisen äußert.

Letztlich sind die langfristigen Folgen der durch das EEG verursachten hohen Kosten der Kraftwerksstruktur zu berücksichtigen. Höhere Stromerzeugungskosten bedeuten reduzierte Gewinnerwartungen und damit geringere Investitionen. Das bedeutet bei gegebener Stromnachfrage ein geringeres Angebot mit dem entsprechenden preiserhöhenden Effekt.

Das Bedauerliche an derartigen Studien sonst seriöser Forschungsinstitute ist, dass die defizitäre Logik mancher wissenschaftlicher Modelle, unhinterfragt Wasser auf die Mühlen derer schüttet, die ihre Gewinne mit Hilfe der Politik zu Lasten der Allgemeinheit maximieren wollen. Die längst totgeglaubte Suche nach dem Perpetuum Mobile feiert so im politischen Interessenzirkus ihre Auferstehung.

19.10.2006 um 18:29 Uhr

Schmutzige Armut

von: steffenh   Stichwörter: Umweltschutz

Der Spiegel präsentiert die zehn schmutzigsten Orte der Welt. Nicht zufällig liegen diese Orte in den ärmsten Ländern dieser Erde. So erreichte Russland 2005, Heimat von gleich drei dieser Orte, nur gut ein Drittel des deutschen und gerade mal ein sechstel des Pro-Kopf-Einkommens ($-PPP) von Luxemburg. Die restlichen "Drecknester" sind in noch ärmeren Ländern. Die Forschung zur sogenannten "Umwelt-Kuznets-Kurve" zeigt, dass es bei vielen Schadstoffen einen umgekehrt U-förmigen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Wachstum und Umweltbelastung gibt. Während mit steigendem Einkommen die Umweltbelastung bei vielen wichtigen Schadstoffen zunächst zunimmt, existiert ein Umkehrniveau ab dem Wirtschaftswachstum zu einer Verminderung der Umweltbelastung führt. Wirtschaftliches Wachstum hat sich als notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für eine Verbesserung der Umweltsituation erwiesen. Letztlich kommt es auf die institutionellen Bedingungen an, unter denen sich die betreffenden Staaten entwickeln. Da die Marktkräfte letztlich auch den Preis und damit die Nachfrage nach Umweltqualität bestimmen, ist es wichtig die politischen Rahmenbedingungen so zu setzen, dass der knappe Faktor Umwelt seinen adäquaten Preis erhält. Der Schlüssel hierzu ist die Zuweisung und Absicherung von Eigentumsrechten an den Umweltgütern. Nur so kann vermieden werden, dass die Umwelt von uns allen ohne Rücksicht auf Schadenskosten ge- und übernutzt wird.

16.10.2006 um 16:02 Uhr

Gute Frage...

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Michael von Mahalanobis fragt: "Why is it that most people who say that money can't buy happiness also favour heavy governmental redistribution?". Eine Leserin antwortet: "I was thinking the same thing last night. Money can't buy health, but it can sure buy happiness, because even if a person decides they don't want it, it can make them happy just to give it away."

Als Wähler oder politischer Akteur für Umverteilungspolitik mitantwortlich zu sein macht zufrieden, schließlich hat man damit das Gefühl, Hilfebedürftigen geholfen zu haben. Hinzu tritt das bei vielen Menschen ausgeprägte Bedürfnis, Einkommensunterschiede zu nivellieren, eine offenbar als menschheitsgeschichtlich uralte Adaption fortbestehende Spielart der "altruistischen Bestrafung". Ob die Umverteilung wirklich hilft und ob die Bestrafung über den instinktiven Reflex hinaus gerechtfertigt ist, scheint dabei häufig eher unerheblich zu sein.

13.10.2006 um 18:28 Uhr

Wer suchet, der findet...

von: steffenh   Stichwörter: Klimaforschung

...und wer mit immer besserer Technik genauer beobachtet und misst, der sieht oft mehr als jemals zuvor. Und das führt dann manchmal dazu, dass man die Klimaerwärmung und die gestiegene Zerstörungskraft von Wirbelstürmen etwas zu leichtfertig in einen kausalen Zusammenhang bringt. Dieses Problem behandeln Landsea et. al. in dem aktuellen Aufsatz "Can We Detect Trents in Extrem Tropical Cyclones?" im Science-Magazine. Im Miami Herald wird er hierzu zitiert:

More satellites with improved imagery mean that you get `stronger' hurricanes without the hurricanes changing at all.

12.10.2006 um 18:18 Uhr

Rationale Ignoranz

von: steffenh   Stichwörter: Gesundheitspolitik

Obwohl auch für gesetzliche Krankenversicherte seit 1996 Wahlfreiheit bei der Wahl der Versicherung besteht, sind die individuellen Anreize zur Kontrolle der Gesundheitskosten nicht besonders hoch. Jedenfalls können nach einer AOK-Erhebung 42 Prozent der Befragten keinerlei Angaben über ihre monatlichen Abgaben an ihre Krankenkasse machen. Lediglich 14 Prozent wissen über ihre exakte Kostenbelastung bescheid. Obgleich gesetzlich Krankenversicherte mit hohen Einkommen durch eine Wechsel der Krankenversicherung durchaus beachtliche Ersparnisse einfahren können, scheint sich für Bezieher geringerer Einkommen allein wegen der Bindung der monatlichen Belastung an das Einkommen der Vergleich zwischen den Krankenkassen, deren Preiswettberb ohnehin durch den Risikostrukturausgleich wesentlich eingeschränkt ist, mit sinkendem Lohn immer weniger zu lohnen. Insofern induziert die ökonomisch sinnlose, weil von den tatsächlichen Kosten nahezu unabhängige Bindung der Krankenkassenbeiträge an das Einkommen bei den Versicherten nicht nur geringe Anreize, die eigenen Gesundheitskosten zu reduzieren, sondern verhindert auch wirksam den Wettwerb zwischen den Krankenkassen, weil ein großer Teil der Mitglieder durch einen Wechsel offenbar so wenig zu gewinnen hat, dass sich nicht einmal ein Blick auf die Einkommensbescheinigung lohnt.

Update: Allein um die Transparenz der Kostenbelastung zu erhöhen, wäre die vermeintliche "paritätische Finanzierung der Krankenkassenbeiträge durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber" gegen eine vollumfängliche Prämienzahlung durch den Arbeitnehmer zu ersetzen. Entgegen jeglicher ökonomischer Logik glauben viele Versicherte, dass der Arbeitgeberanteil an den Krankenkassenbeiträgen keinen Einfluß auf die eigene Kostenbelastung hat. Entsprechend halbiert sich ihr Interesse, sich für eine Kasse mit einem günstigeren Beitragssatz zu entscheiden. Da aber nach ihrer Produktivität bezahlte Arbeitnehmer all die Beträge zwangsläufig in ihrer Lohntüte vermissen, die bei den Arbeitgebern als sogenannte Lohnnebenkosten anfallen, ist diese Annahme eine traurige Illusion.

12.10.2006 um 10:36 Uhr

Alles eine Frage der Perspektive

von: steffenh   Stichwörter: Gesundheitspolitik

Es gibt gute Gründe dem gesundheitspolitischen Gemurkse der Bundesregierung skeptisch zu begegnen. Aber es gibt auch sehr schlechte Argumente gegen Veränderungen, die aber, weil sie bei sehr vielen einen sicheren solidarischen Reflex auslösen, leider sehr erfolgreich vom Kern der Debatte ablenken: Die Sicherung von Arbeitsplätzen.

11.10.2006 um 14:28 Uhr

Deutschland in Zahlen

Für alle, die den im Umlauf befindlichen Mythen und Märchen des Alltags endlich einmal ordentliches Datenmaterial entgegensetzen wollen, hat das Statistische Bundesamt das Statistische Jahrbuch 2006 erstmals vollständig und kostenlos ins Netz gestellt.

11.10.2006 um 13:54 Uhr

Trabi-Qualität zum Preis der S-Klasse

von: steffenh   Stichwörter: Gesundheitspolitik

Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg zur Gesundheitsreform:

Sie finden die Debatte um die Gesundheitsreform kompliziert? Sie wollen den viele hundert Seiten starken Entwurf aus Ulla Schmidts Ministerium nicht lesen? Das macht nichts. Um die Reformpläne zu beurteilen, reicht ein kleines Gedankenexperiment: Demnächst müssen die Deutschen den Kaufpreis für ihren Neuwagen nicht mehr an den Autohersteller oder Händler zahlen, sondern an einen zentralen Autofonds. Der Fonds verteilt dieses Geld gleichmäßig an alle Autohersteller. Wer als Käufer Extras will, zahlt dem Hersteller zusätzlich einen Aufpreis, der allerdings auf ein Prozent des Einkommens begrenzt ist. Zudem werden die Unternehmen zwangsweise im "Bund der Autohersteller" zusammengeschlossen. Verhandlungen mit ihren Zulieferern dürfen nicht mehr die einzelnen Unternehmen führen, sondern nur der Bund der Autohersteller und seine Landesgliederungen.

Es ist ziemlich klar, wohin ein solches Arrangement nach einigen Jahren führen würde: Die Neuwagen hätten Trabi-Qualität zum Preis der S-Klasse. Außerdem gäbe es lange Wartelisten. Für viele Landsleute liegt die Erinnerung an einen solchen "Automarkt" keine zwanzig Jahre zurück.

Doch die Mehrheit der Deutschen hat einen solchen "Automarkt" nie erlebt. Vielleicht ein Grund, weshalb sich derartige sozialistische Phantasien so penetrant in den Köpfen halten.

 

10.10.2006 um 10:57 Uhr

Politische Instabilität und Umweltzerstörung

von: steffenh   Stichwörter: Umweltschutz

 Häufig werden wirtschaftliche Entwicklung und Erhalt der natürlichen Ressourcen als Zielkonflikte dargestellt. Dieses Satellitenbild der Grenzregion zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik deutet darauf hin, dass diese Sichtweise zu einfach ist.

Die Abholzung tropischer Regenwälder ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, dass Länder mit höherem Einkommen und politischer Stabilität wesentlich bessere Voraussetzungen für den Umweltschutz bieten als Armut und Rechtsunsicherheit. Während die arme Landbevölkerung Haitis mangels Infrastruktur und Elektrizität den Regenwald für die Brennholzgewinnung und Subsistenzwirtschaft abholzt, dominiert in der benachbarten Dominikanischen Republik trotz stärkerer Industrialisierung und höherem Energieverbrauch das Interesse am Erhalt der natürlichen Ressourcen. Politische Stabilität erlaubt es der Bevölkerung, mit Öko-Tourismus höhere Einkommen als mit der kurzsichtigen Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen zu verdienen.

06.10.2006 um 22:36 Uhr

Das Pfeifen im Walde

von: steffenh   Stichwörter: Märkte, machens, möglich

 Auf nature-rings.de kann man gegen eine Naturschutzspende Tierstimmen als Klingeltöne aufs Handy runterladen. Zwar zieren sich die Macher, vom Verkauf der Töne zu sprechen, aber das ist wohl eher ein semantischer Trick. Was solls, Hauptsache der Spendenerlös kommt wünschenswerten Investitionen zugute.

 

 

 

06.10.2006 um 22:20 Uhr

Warum arme Länder arm sind

von: steffenh   Stichwörter: Bücher

Ein Auszug aus Tim Harfords "Ökonomics" bei Eurozine:

Man nennt Duala die "Achselhöhle Afrikas". Treffender könnte die Beschreibung gar nicht ausfallen, liegt es doch exakt unter der überhängenden "Schulter" Westafrikas. Die Stadt Duala wird von Malaria geplagt, ist feucht, hässlich und stinkt zum Himmel. Doch für einen Kameruner ist Duala der Ort, an dem die Post abgeht. Kamerun ist wirklich ein sehr armes Land. Der Durchschnittsbürger von Kamerun ist acht Mal ärmer als der durchschnittliche Weltenbürger und beinahe fünfzig Mal ärmer als der typische Amerikaner. Im Jahr 2001 fuhr ich nach Duala, weil ich herausfinden wollte, wieso das so ist (weiterlesen).

Vielen Dank für den Tipp Rainer!

06.10.2006 um 12:54 Uhr

Geld stinkt nicht

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Das Kommerz über Ideologien siegt ist eine angenehme Seite des Marktes. Hier geht es um Gewinne und nicht um Weltanschauungen. Und so passiert es, dass eine Moschee von einem Unternehmen gebaut wird, dessen Spenden auch an rechtsextremistische Parteien fließen. Jetzt könnte man sich darüber beklagen, dass die islamische Gemeinde mit dem Auftrag ihre eigenen Feinde finanziert. Aber auch die demonstrierenden Neonazis werden sich ärgern, wenn sie erfahren, dass einer ihrer Unterstützer aus blanker Profitgier für den Gegner die Ärmel hochkrempelt. Patt!

05.10.2006 um 23:31 Uhr

Illustre Gesellschaft

Die gute Nachricht, Tim Harfords "Ökonomics" steht endlich in den Buchläden und sogar im Reisebuchhandel. Die nicht so gute Nachricht, manche Bücherverkäufer liegen mit ihrer Interpretation des saloppen Untertitels gründlich daneben und präsentieren das Buch neben allerlei literarischem Ramsch im Humor-Regal. Beobachtet im Hamburger Hauptbahnhof.

05.10.2006 um 15:16 Uhr

Mindestlöhne: Zu schön um wahr zu sein

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

David Neumark, Ökonomie-Professor der amerikanischen University of California, Irvine, fasst in dem aktuellen Aufsatz "The Economic Effects of Minimum Wages" die Ergebnisse der empirischen Forschung zur Wirkung von Mindestlöhnen zusammen:

The central goal of raising the minimum wage is to raise incomes of low-income families and reduce poverty. There are three reasons why raising the minimum may not help to achieve this goal. First, a higher minimum wage may discourage employers from using the very low-wage, low-skill workers that minimum wages are intended to help. Second, a higher minimum wage may hurt poor and low-income families rather than help them, if the disemployment effects are concentrated among workers in low-income families. And third, a higher minimum wage may reduce training, schooling, and work experience—all of which are important sources of higher wages—and hence make it harder for workers to attain the higher-wage jobs that may be the best means to an acceptable level of family income.

The evidence from a large body of existing research suggests that minimum wage increases do more harm than good. Minimum wages reduce employment of young and less-skilled workers. Minimum wages deliver no net benefits to poor or low-income families, and if anything make them worse off, increasing poverty. Finally, there is some evidence that minimum wages have longer-run adverse effects, lowering the acquisition of skills and therefore lowering wages and earnings even beyond the age when individuals are most directly affected by a higher minimum.

Via Marginal Revolution

04.10.2006 um 14:17 Uhr

Politiker müssen gut aussehen

von: steffenh   Stichwörter: Ökonomie

Im April wurde hier unter dem Titel "Müssen Politiker gut aussehen?" der Aufruf zu einer Teilnahme an einer Internet-Umfrage der skandinavischen Ökonomen Henrik Jordahl, Niclas Berggren und Panu Poutvaara gepostet. Jetzt liegen mit dem Paper "The Looks of a Winner: Beauty, Gender and Electoral Success" erste Ergebnisse der Auswertung dieser Umfrage vor und die Antwort lautet: Ja.

Es nützt Politikern offenbar sehr, gut auszusehen und zwar mehr, als kompetent, intelligent, symphisch und vertrauenswürdig zu sein. Wenn die Befragten in der Studie allein aus Attraktivität auf Kompetenz schließen, dann spricht das Bände bezüglich der "Rationalität" der Wähler bei ihrem Beitrag zur Regierungsbildung. Ein interessantes Ergebnis der Umfrage war zudem, dass Frauen tendenziell weibliche Kandidaten bevorzugen, Männer dagegen nicht zu "diskriminierendem" Wahlverhalten neigen.

Die Forschungsarbeiten werden im Übrigen mit einem neuen Online-Fragebogen auf Politiker außerhalb Finnlands ausgeweitet.