Das Berliner Stadtmagazin zitty übt sich zur Weihnachtszeit mal wieder in fundamentaler Gesellschaftskritik. Während sich alle Welt darüber freut, dass Konsumenten und Produktanbieter zunehmend auch die Umweltqualität in den Fokus ihrer Verbrauchs- und Produktionsentscheidung rücken und daher, wenn auch manchmal nicht besonders informiert, dafür aber mit nahezu religiösem Eifer, zunehmend auf die ökologische und politische Verträglichkeit ihrer Einkäufe achten, können die Macher der zitty sich für diesen Bewusstseinswandel nicht so richtig begeistern. Denn es geht ihnen letztlich nicht um Nachhaltigkeitserwägungen beim Konsum, sondern um eine pauschale und damit ziemlich diffuse Kapitalismuskritik, eine Kritik, die sie im vorletzten Heft (23.11.-06.12) nicht wirklich sinnvoll mit Leben füllen konnten.
So steht im Editorial, dass "wir hier in der zitty ... mit dem Kapitalismus natürlich grundlegende Probleme (haben): Wir sind dagegen, dass die Reichen immer reicher werden, Leute ohne Arbeit Menschen zweiter Klasse sind und Bildung vom Kindergarten an eine Frage des Geldes ist." Nun, meine liebe zitty, wen meinen Sie mit ihrer Klassifikation der Reichen? Im Verhältnis zu unseren Mitbürgern in der Dritten Welt sind wir doch alle reich. Sollte das Anlass genug sein, das wirtschaftliche Wachstum langsam einzustellen (Wir sind ganz nebenbei gegenwärtig auf gutem Wege dazu in Deutschland)? Sollte die zitty dies nicht gleich zum Anlass nehmen, seine Kunden zum Boykott des Stadtmagazins aufzurufen, um zu vermeiden, dass die Redaktion noch mehr Reichtum mit diesem Wurstblättchen anhäuft? Auch ist nicht ganz klar, was das zitty-Team am Reichtum der Mitbürger eigentlich stört. Sollte da etwa ein gewisser Neidreflex durchscheinen? Zumindest hätten es die Leser verdient, etwas über die Hintergründe der zitty-Kritik aufgeklärt zu werden. Das betrifft auch die beiden anderen Punkte der Gesellschaftsmäkelei, die als Wohlfühl-Statements vom linken Flügel der Leserschaft gern unhinterfragt aufgesogen werden und es daher immer wieder in die Cover-Story schaffen.
Leute ohne Arbeit sind zweifellos ohne Arbeit und können sich deshalb bedauerlicherweise kein besonders opulentes Konsumniveau leisten. Doch niemand diskriminiert sie deshalb absichtlich, selbst den gutmeinenden Politikern, die mit ihren arbeitsmarktpolitischen Abenteuern in vielen Fällen den Jobmangel zu verantworten haben, kann man diesen Vorwurf nicht direkt machen. Obwohl, sicher bin ich mir da nicht, gewisse Vorwürfe sind da sicher angebracht. Aber redet die zitty der Askese nicht selbst das Wort? Und eigentlich haben sie ja recht, wenn gemeint wird, dass Bildung vom Kindergarten an eine Frage des Geldes ist. Schließlich ist Bildung nicht umsonst, irgendjemand muß zugunsten der Investition in "Humankapital" zunächst erstmal auf Konsum verzichten. Das Bildung aber in Deutschland in Relation zu ihrer Effektivität ziemlich teuer ist, liegt letztlich an den bildungspolitischen Experimenten hierzulande, die ganz beträchtlich den Geist der von der zitty-Mannschaft artikulierten Gesellschaftskritik atmen.
Dankbar wendet sich also der aufmerksam gewordene Leser nach diesem Aufgalopp dem versprochenen Hintergrundartikel über die rettende Macht des Verbrauchers und die Problemchen der zitty-Leute zu. Aha, zitty stellt fest "Bio gibt es jetzt auch in schick." Und man identifiziert natürlich die USA und deren Prominenz als Urheber eines Lifestyles, den die zitty-Macher nun erst recht mit Argwohn beäugen. Und endlich lässt der Autor die Katze aus dem Sack: "Wieviel Interesse an der Nachhaltigkeit bei den Prominenten wohl übrig bliebe, wenn der Genuss wegfiele, ist spekulativ." Aha, dass Problem ist nicht die Belastung der Umwelt, die Arbeitslosigkeit oder zu viel Armut. Nein, es ist der Kapitalismus und vor allem der Genuss, den die neue Bewegung der bewussten Konsumenten leider nicht mehr wie in den Achtzigern in Frage stellt. Auch der Biomarkt wird inzwischen von der zitty als kapitalistischer Konsumverführer dingfest gemacht.
Doch bleiben die tieferen Wurzeln dieser Kritik für den Leser dann doch vergraben, weil der Rest des Beitrags nicht mehr als eine Art Werbeverkaufsveranstaltung für politisch korrekte Versandhäuser ist, die, anders als als die trenderheischenden Newcomer des Ökobusiness, wirklich nur "die guten Dinge" und andere merkwürdige Kinkerlitzchen aus Stahl, Holz und manch anderem natürlichen Werkstoff unter die Leute bringen. Dazu gehören etwa so nützliche Dinge wie Bernstein als Räucherstoff gegen Zahnweh, Kofpschmerzen und Streß, der nebenbei bemerkt als fossiler Rohstoff bei der Verbrennung nicht klimaneutral und damit weder "gut" noch "öko" ist. Aber wollen wir mal nicht so pingelig sein. Schließlich geht es den zitty-Machern auch nicht so sehr um den Umweltschutz, sondern um Kapitalismuskritik und die Abkehr vom Genuss.
Zu gern würde ich mal die Redakteure der zitty bei den mühsamen Versuchen der Umsetzung ihres asketischen Alltags beobachten. Ob sie dazu neben ihren sicherlich rein berufsbedingten Besuchen in der Vernisage hier und dem Gourmet-Restaurant dort überhaupt die Gelegenheit haben? Wahrscheinlich zwingt sie der erbarmungslose Kapitalismus im Allgemeinen und der Gewinn aus dem Verkauf der zitty an ihr systemkritisches Publikum im Besonderen zu bitteren Zugeständnissen und der einen oder anderen Designer-Jeans, dem szenigen 50€+-Haarschnitt und dem verbrauchsarmen Smart-Trendmobil. Mir kommen die Tränen. Wer das wie ich nicht länger mit anschauen kann, sollte einfach zur Konkurrenz wechseln und der zitty damit zeigen, wozu der Kapitalismus auch gut ist.