An sich liegt die Berliner Programmillustrierte Zitty mit ihrer Analyse des EU-Agrarmarktes nicht falsch:
Wer legt eigentlich fest, wie viel Butter, Milch und ähnliche Produkte kosten?
Die Milchpreise werden jährlich in Verhandlungen zwischen Molkereien
und Einzelhandelskonzernen festgelegt. Aber eines steht fest: Von
marktwirtschaftlichen Verhältnissen, wo Angebot und Nachfrage den Preis
bestimmen, ist die gesamte europäische Lebensmittelproduktion weit
entfernt - zum Schaden fast aller Beteiligten. Die Europäische Union
schottet ihre Märkte gegen Importe ab und beraubt damit die Bauern in
Nicht-EU-Ländern der Chance, ihren Absatz und ihr Einkommen zu
steigern. Sie subventioniert gleichzeitig den Export von
Agrarprodukten, fördert also mit Steuermitteln die Überproduktion in
Europa. Und sie greift mit Produktionsquoten und Stilllegungsprämien in
den Markt ein. Das Schlimmste: Dieses komplizierte Geflecht hat nicht
einmal die gewünschten Effekte.
Aber dann kommt wieder einmal die geballte Macht des ökonomischen Analphabetismus:
Beispielsweise lag der Milchpreis in
den vergangenen 20 Jahren aus Sicht der Bauern kontinuierlich zu
niedrig, Zehntausende mussten aufgeben. Denn infolge der Überproduktion
konnten die Handelskonzerne die Preise diktieren.
Aha, weil die Handelskonzerne so niedrige Preise diktierten produzierten die Bauern soviel Milch, dass Zehntausende aufgeben mussten. Das macht irgendwie keinen Sinn. Die Bauern mussten vor allem deshalb aufgeben, weil landwirtschaftliche Großbetriebe mit niedrigen Stückkosten das Rennen gemacht haben. Sie haben Milch aufgrund von Preisgarantien im Überfluß produziert und die Überschüsse mit EU-Subventionen ins Ausland verkauft. Die Einzelhandelsunternehmen nutzten nichts anderes als ihre Macht als Großnachfrager, nahmen also große Milchmengen ab, die ihnen die großen Produzenten für entsprechend günstige Preise verkaufen konnten. Bauern, die kostenseitig dem Automatisierungstrend nichts entgegensetzen konnten oder wollten, haben bevor sie
das Feld räumten immerhin noch ihre Milchquote verschachern können. Auch europäische Bauern müssen sich langsam daran gewöhnen, dass Qualität, Menge und Preis letztlich durch die Konsumenten und nicht durch Wunschdenken und eine Melange aus politischen Aktivitäten in Berlin und Brüssel bestimmt werden. Und Zitty-Journalisten müssen lernen, dass Ökonomie keine Frage der Ideologie, sondern der Realität ist. Und das betrifft dann auch den Rest des Artikels.