Mit dem Kopf voran

14.01.2005 um 18:57 Uhr

Das Trugbild des Exportweltmeisters

Johann Eekhoff, Ökonomie-Professor an der Uni Köln, im Handelsblatt über die trügerischen Vorteile eines Exportüberschusses: 

Wenn gravierende Beschäftigungsprobleme im Inland bestehen, hilft es nicht, auf hohe Exportüberschüsse und auf den starken Euro und damit auf eine vermeintliche Wettbewerbsfähigkeit zu verweisen. Denn insbesondere Exportüberschüsse können ein Indikator für wirtschaftliche Schwierigkeiten sein. Eine zu starke Regulierung, zu hohe Steuern und Abgaben gemessen an den staatlichen Leistungen, zu hohe Löhne und Lohnzusatzkosten, zu hohe Energiekosten usw. können nicht nur gleichzeitig mit hohen Exportüberschüssen auftreten; sie können die Ursache der Exportüberschüsse sein, aber im negativen Sinne, nämlich als Kapitalflucht. Deshalb sollte sich niemand an das schöne Bild des Exportweltmeisters klammern, sondern beharrlich dafür eintreten, die Produktions- und Beschäftigungsbedingungen im eigenen Land zu verbessern, um mobiles Risikokapitel anzuziehen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenMachopan schreibt am 17.01.2005 um 22:54 Uhr:Dieser bemerkenswerten Erkenntnis habe selbst ich nichts mehr hinzuzufügen. Einer der wenigen Ökonomen, die nicht nur kollektiven Unsinn reden. Nur den Rückschluss mit der Kapitalflucht sehe ich etwas anders, denn dieses Kapital fließt sehr wohl zurück. Allerdings in die falschen Taschen und wird nicht zu Investitionen und Verbesserungen am Arbeitsmarkt eingesetzt.
  2. zitierenkinimod schreibt am 18.01.2005 um 02:21 Uhr:Scheint mir nicht besonders logisch, dass \"Kapitalfeindlichkeit\" Ursache für hohe Handelsbilanzüberschüsse sein soll. Tatsächlich haben wir in den ersten 10 Monaten 2004 eine Leistungsbilanz von +133 Mrd. € und eine Kapitalbilanz von -111 Mrd. € (http://www.bundesbank.de/download/presse/pressenotizen/2004/20041210bbk2.pdf), was dem gesagten etwa entspricht, aber wo da ne _Ursache_ sein soll, leuchtet mir nicht ein. Die Leute ziehen doch nicht das Kapital ab und kaufen mit dem Geld deutsche Waren.
  3. zitierensteffenh schreibt am 19.01.2005 um 01:17 Uhr:Deutsche nehmen mehr ausländische Währungen ein als sie für Güter im Ausland ausgeben, also importieren. Was machen sie damit, sie bringen sie anderweitig ins Ausland, vor allem in Form von Investitionen im Ausland, nur so kann die Zahlungsbilanz am Ende ausgeglichen sein. Der Euro wandert ins Ausland durch die Devisennachfrage und muß wieder ausgegeben werden. Da die Kapitalbilanz negativ ist muß er wohl in Güterkäufe geflossen sein. Auf jeden Fall zeigt die Kapitalverkehrsbilanz, dass ausländische wie deutsche Anleger eher vorsichtig sind ihr Geld bei uns anzulegen.



    An Machopan:

    Deine Argumente erinnern mich immer an einen offenen Brief von Arnold Kling an Paul Krugman:



    Do you see any differences between those two types of arguments?



    I see differences, and to me they are important. Type C arguments are about the consequences of policies. Type M arguments are about the alleged motives of individuals who advocate policies.



    In this example, the type C argument says that the consequences of eliminating the minimum wage would not be those that I expect and desire. We can have a constructive discussion of the Type C argument -- I can cite theory and evidence that contradicts Krueger and Card -- and eventually one of us could change his mind, based on the facts.



    Type M arguments deny the legitimacy of one\'s opponents to even state their case. Type M arguments do not give rise to constructive discussion. They are almost impossible to test empirically.



    http://www.techcentralstation.com/100703B.html



  4. zitierenMachopan schreibt am 19.01.2005 um 07:46 Uhr:@das_team.

    Kannst du das was du zu sagen hast auch in deutscher Sprache ausdrücken? Oder fällt da die Diskussion schwerer, weil mehr Leute verstehen um was es eigentlich geht und man sich nicht so schön hinter Anglizismen und der niedergeschriebenen Meinung fremdsprachiger Wissenschaftler verstecken kann, die mit ihrem Artikel eigentlich was ganz anderes gemeint haben?

    Es nützt einem Menschen, der kein (eigenes) Dach über dem Kopf und nicht genug zu essen hat nichts, wenn man ihm mit wissenschaftlicheb Abhandlungen oder den Briefwechsel von \"Fachleuten\" den strittigen Grund dafür erklären will.

  5. zitierensteffenh schreibt am 19.01.2005 um 10:21 Uhr:Es kommt vor, dass man Zitate verwendet um seine Gedanken auszudrücken. Ich denke du hast schon verstanden, was ich sagen wollte und zwar, dass ich bei deinen Argumenten, so berechtigt der Hintergrund oft ist, häufig das Gefühl habe, dir ist die Suche nach Motiven für schlechte Politik manchmal wichtiger ist, als die Klärung der Wirkung und Konsequenzen. Deine Reaktion etwa auf den Sinn-Artikel schien mir eher Ergebnis der Frustration über das Verteilungsergebnis seiner Vorschläge als einer nüchternen Diskussion seiner Plausibilitätsüberlegungen zu sein. Was nützt es sich immer wieder über die richtigerweise miese Situation in diesem Land aufzuregen, wenn die Lösungsvorschläge (also eben immer dieses Argumente der Wichtigkeit lohngestützter Binnennachfrage bei unveränderter oder noch verstärkter Arbeitsmarktregulierung) inzwischen lange genug ihre Wirkungslosigkeit bewiesen haben. Dem Menschen ohne eigenem Dach übern Kopf nützt es nähmlich auch nichts, wenn man ihm mit intuitiven Argumenten den Rücken stärkt, ohne nüchtern über die Wirksamkeit der zunächst offensichtlichen Heilmittel nachzudenken. Und daher würde mich dann eher mal interessieren, was ganz konkret dich an den Argumenten der Ökonomen stört. Das wären dann die o.g. Typ C Argumente, über die man diskutieren kann. Insofern würde ich an deiner Stelle auch mal versuchen den Ökonomen mal etwas genauer zuzuhören, als vorschnell über ihnen den Stab zu brechen. Ich hoffe du nimmst mir meine Kritik nicht allzu übel, denn eigentlich liegen die Ursachen unserer Frustration gar nicht so weit auseinander.
  6. zitierenkinimod schreibt am 19.01.2005 um 22:22 Uhr:Sorry, ich finde deine Argumentation nicht schlüssig. Die einzigen beiden Sätze, die mit meiner Kritik zu tun haben, sind: \"Der Euro wandert ins Ausland ...und muss wieder ausgegeben werden. Da die Kapitalbilanz negativ ist muss er wohl in Güterkäufe geflossen sein.\" Du tust so, als ob Kapitalabfluss und ausgeglichene oder sogar negative Leistungsbilanz nicht zusammen auftreten könnten. Die Euros, die ins Ausland geflossen sind, können durchaus auch dort ausgegeben werden, zumindest kurzfristig. Mittelfristig würde zwar durch den Kapitalstrom das Geld in Deutschland weniger, die Preise sänken und das kurbelte dann den Export der Firmen an, die dann noch nicht pleite wären. Aber das trifft nicht zu. Deutschland hat eine jahrzehntelange Tradition, dass seine Lohnstückkosten schneller sinken als die der europäischen Nachbarländer. Es hat zwar de-facto-Lohnsenkungen gegeben, was einer Geldverknappung entspricht, aber die sind mehr durch die Drohung mit der Kapitalabwanderung als durch deren Wirkung auf die Geldmenge begründet, die ja netto gewachsen ist.
  7. zitierensteffenh schreibt am 20.01.2005 um 01:03 Uhr:Die Zahlungsbilanz ist definitorisch die Differenz aus Devisenzuflüssen und -abflüssen. Devisenzuflüsse resultieren aus Güter- und Dienstleistungsverkäufen (Deutsche verkaufen Waren gegen Dollar) und Kapitalzuflüssen (Ausländer kaufen inländische Währung um diese hier zu investieren), Devisenabflüsse dagegen aus dem Kauf ausländischer Güter (mit Devisen) und Kapitalabflüssen (Deutsche verkaufen inländische Währungen um diese im Ausland zu investieren). Folglich bedeutet ein Leistungsbilanzüberschuß ein Defizit der Kapitalverkehrsbilanz, sonst wäre die Zahlungsbilanz nicht ausgeglichen. Wenn wir mehr Devisen durch Güterverkäufe eingenommen haben, als wir mit Güterimporten ausgegeben haben, dann heißt das, wir haben den Rest der Devisen für ausländische Investitionen ausgegeben. Leider kann ich den Rest deiner Argumentation nicht ganz nachvollziehen
  8. zitierenkinimod schreibt am 20.01.2005 um 11:45 Uhr:Die Zahlungsbilanz muss nicht ausgeglichen sein, oder?
  9. zitierenMachopan schreibt am 20.01.2005 um 14:12 Uhr:@das_team

    Vermutlich hast du recht und wir haben wirklich den gleichen Standpunkt.

    Nur scheinen wir Rücken an Rücken zu stehen und jeder schaut in eine andere Richtung um seine Position zu verteidigen.

    Dabei ist es gut zu wissen, dass man den Rücken frei hat :-)
  10. zitierensteffenh schreibt am 20.01.2005 um 23:15 Uhr:Die Zahlungsbilanz ist rein definietorisch ausgeglichen, weil sie alle Zahlungsströme zwischen dem In- und Ausland einschließt. Also wenn Ausländer in Deutschland Waren kaufen, dann erhalten Deutsche den Gegenwert in Dollars, den diese in Form von BAnkeinlagen oder dollarnominierten Anlagen halten. Defizite und Überschüsse sind stets nur in den die Zahlungsbilanz bildenden Einzelbilanzen möglich.



    Beispiel:



    The U.S. Balance of Payments, 1991

    (billion dollars;

    + is surplus of receipts, - is deficit)

    --------------------------------------------------------------------------------



    Merchandise trade -73.4

    Services +45.3

    Investment income +16.4

    Balance on goods, services and income -11.7

    Unilateral transfers +8.0

    Balance on current account -3.7

    Nonofficial capital* -20.5

    Official reserve assets +24.2

    Balance on capital account +3.7



    Total balance 0



    * Includes statistical discrepancy.

    SOURCE: U.S. Department of Commerce, Survey of Current Business.

    --------------------------------------------------------------------------------






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