Mit dem Kopf voran

09.03.2006 um 23:26 Uhr

Denn sie wissen nicht was sie tun

Wie man den Klimaschutz wieder besseren Wissens teurer machen kann als er ohnehin schon ist zeigen uns die aktuellen Verlautbarungen aus dem Umweltministerium, den Unternehmen den Bau neuer Kohlekraftwerke durch eine für 18 Jahre garantierte Menge an Emissionsrechten schmackhaft machen zu wollen. Sicher wird der Umweltminister damit sein Ziel, die Kohle am Leben zu erhalten erreichen, denn dieses Versprechen setzt den Energieversorgern den Anreiz ihre Anlagen nicht allein nach den Effizienzanreizen des Marktes, sondern auch nach dem Versprechen der Politiker zu konzipieren.


So ist damit zu rechnen, dass potentielle Betreiber von neuen Kohlekraftwerken Anlagen errichten, die zwar Kohle als Bedingung für möglichst hohe Zertifikatszuteilungen verbrennen, dies aber mit möglichst hohem Wirkungsgrad, damit später noch reichlich Emissionsrechte zum Verkauf übrigbleiben. Doch ein hoher Wirkungsgrad in Kohlekraftwerken ist kein Selbstzweck, geht es doch darum die Emissionen dort zu vermindern wo es am billigsten ist. Allein weil diese Allokationsregel den technologischen Anpassungsspielraum der Energieversorger künstlich einengt und die Unternehmen von billigeren Alternativen ablenkt, ist dies nicht gegeben. Im Endeffekt hat die SPD zwar ihre Kohle und damit die Gunst ihrer Stammwähler im Ruhrpott gerettet, die Zeche bezahlen aber die Konsumenten, da teure Vermeidungstechnologien zwangsläufig zu hohen Preisen der Emissionsrechte führen, die nach der betriebswirtschaftlichen Logik so weit wie möglich auf die Energiepreise überwälzt werden.


Ob die Bundesregierung sich mit diesem Schritt leichter aus dem Dilemma des umstrittenen Atomausstiegs befreien kann, ist im Übrigen auch höchst unklar. Atomenergie operiert mit sehr niedrigen Kohlendioxidvermeidungskosten. In einem Emissionshandel, der wegen einer Vielzahl von Sonderregeln zu besonders teuren Vermeidungsmaßnahmen anregt und damit die Zertifikatspreise in die Höhe treibt, hat die Atomenergie besondere Vorteile. Dies jedoch wird die Betreiber gewiss nicht veranlassen, bei ihrer Forderung nach einer Laufzeitverlängerung locker zu lassen.


Wie immer haben wir es mit dem klassischen Problem zu tun. Die Politik versteht die Funktionsweise ihrer eigenen Regulierung nicht und die Unternehmen wissen geschickt, diese Situation auszunutzen.


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenParker8 schreibt am 12.03.2006 um 12:46 Uhr:Indem der Staat Zertifikate verschenkt, sinkt deren Preis aber auch. Das ist im Moment die Entwicklung.
  2. zitierensteffenh schreibt am 14.03.2006 um 00:57 Uhr:Lieber Parker8 wie soll das gehen. Wenn der Staat die Zertifikate verschenkt, hebt er damit deren Knappheit nicht auf. Die Knappheit führt aber dazu, dass sie zu einem positiven Preis gehandelt werden. Der kann nur sinken, wenn entweder das gesamte Emissionsziel reduziert wird oder die Produzenten Methoden finden Emissionen billiger zu vermeiden. Das kann durch einen allgemeinen Produktionsrückgang oder technischen Fortschritt oder die Reduzierung der Preise für CO2-arme Brennstoffe geschehen. Insofern muß man sich diese Indikatoren anschauen, bevor man diese so beliebte Thesen von der Entlastung durch eine bedarfsgerecht Zuteilung glaubt. Stell dir einfach vor, du baust ein Haus und jemand schenkt dir einen Sack Zement. Fünf Minuten später kommt jemand vorbei und bietet dir für den Sack Zement 50 €. Was kostet es dich, wenn du den Sack Zement trotzdem verbaust. Na, exakt 50€, die du dem jemand nicht abgeknöpft hast. Und aus genau dem selben Grund sind geschenkte Emissionsrechte nicht kostenlos für die Unternehmen. Sie haben einen Marktwert und der belastet die Produktionskosten und zwar solange wie am Markt eine positive Nachfrage nach CO2 besteht. Economics 101.
  3. zitierenParker8 schreibt am 20.03.2006 um 20:28 Uhr:Gemach, steffenh. Das sollte kein Affront gegen Ihre Econ 101-Kenntnisse sein. Ich meinte dieses Stückchen Realität hier:



    Handelsblatt Nr. 050 vom 10.03.06 Seite 38



    CO2-Markt entspannt sich



    Experten erwarten sinkende Preise für Emissionsrechte - Auch Strom dürfte billiger werden



    UDO RETTBERG | FRANKFURT Der Preis für Kohlendioxid-Emissionsrechte wird nach Ansicht von Experten in den kommenden Monaten sinken. Damit dürften auch die hohen Strompreise nachgeben, weil die Versorger ihren Kunden die Verschmutzungsrechte in Rechnung stellen. \"Die Fundamentaldaten des Marktes werden sich in den nächsten Monaten deutlich ändern\", sagt der geschäftsführende Direktor des Finanzdienstleisters Natsource, Paul Vickers. Denn in den kommenden Monaten dürften zusätzliche Verschmutzungszertifikate auf den Markt kommen und den Nachfrageüberhang ausgleichen.



    Immer mehr europäische Unternehmen erhalten von den Aufsichtsbehörden so genannte CO2-Kredite für umweltfreundliche Projekte, die zu einem Rückgang der Treibhausgase führen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Unternehmen der Agrar- und Forstwirtschaft oder der Energietechnologie, deren Projekte zum Beispiel in Asien nachgewiesenermaßen den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) reduzieren. Diese Unternehmen dürften diese CO2-Emissionskredite auf dem Markt anbieten und so zu einer stärkeren Ausbalancierung der Kräfteverhältnisse führen.

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