Mit dem Kopf voran

19.12.2006 um 02:26 Uhr

Dumm, dümmer, zitty

von: steffenh   Stichwörter: Beobachtungen

Das Berliner Stadtmagazin zitty übt sich zur Weihnachtszeit mal wieder in fundamentaler Gesellschaftskritik. Während sich alle Welt darüber freut, dass Konsumenten und Produktanbieter zunehmend auch die Umweltqualität in den Fokus ihrer Verbrauchs- und Produktionsentscheidung rücken und daher, wenn auch manchmal nicht besonders informiert, dafür aber mit nahezu religiösem Eifer, zunehmend auf die ökologische und politische Verträglichkeit ihrer Einkäufe achten, können die Macher der zitty sich für diesen Bewusstseinswandel nicht so richtig begeistern. Denn es geht ihnen letztlich nicht um Nachhaltigkeitserwägungen beim Konsum, sondern um eine pauschale und damit ziemlich diffuse Kapitalismuskritik, eine Kritik, die sie im vorletzten Heft (23.11.-06.12) nicht wirklich sinnvoll mit Leben füllen konnten.

So steht im Editorial, dass "wir hier in der zitty ... mit dem Kapitalismus natürlich grundlegende Probleme (haben): Wir sind dagegen, dass die Reichen immer reicher werden, Leute ohne Arbeit Menschen zweiter Klasse sind und Bildung vom Kindergarten an eine Frage des Geldes ist." Nun, meine liebe zitty, wen meinen Sie mit ihrer Klassifikation der Reichen? Im Verhältnis zu unseren Mitbürgern in der Dritten Welt sind wir doch alle reich. Sollte das Anlass genug sein, das wirtschaftliche Wachstum langsam einzustellen (Wir sind ganz nebenbei gegenwärtig auf gutem Wege dazu in Deutschland)? Sollte die zitty dies nicht gleich zum Anlass nehmen, seine Kunden zum Boykott des Stadtmagazins aufzurufen, um zu vermeiden, dass die Redaktion noch mehr Reichtum mit diesem Wurstblättchen anhäuft? Auch ist nicht ganz klar, was das zitty-Team am Reichtum der Mitbürger eigentlich stört. Sollte da etwa ein gewisser Neidreflex durchscheinen? Zumindest hätten es die Leser verdient, etwas über die Hintergründe der zitty-Kritik aufgeklärt zu werden. Das betrifft auch die beiden anderen Punkte der Gesellschaftsmäkelei, die als Wohlfühl-Statements vom linken Flügel der Leserschaft gern unhinterfragt aufgesogen werden und es daher immer wieder in die Cover-Story schaffen.

Leute ohne Arbeit sind zweifellos ohne Arbeit und können sich deshalb bedauerlicherweise kein besonders opulentes Konsumniveau leisten. Doch niemand diskriminiert sie deshalb absichtlich, selbst den gutmeinenden Politikern, die mit ihren arbeitsmarktpolitischen Abenteuern in vielen Fällen den Jobmangel zu verantworten haben, kann man diesen Vorwurf nicht direkt machen. Obwohl, sicher bin ich mir da nicht, gewisse Vorwürfe sind da sicher angebracht. Aber redet die zitty der Askese nicht selbst das Wort? Und eigentlich haben sie ja recht, wenn gemeint wird, dass Bildung vom Kindergarten an eine Frage des Geldes ist. Schließlich ist Bildung nicht umsonst, irgendjemand muß zugunsten der Investition in "Humankapital" zunächst erstmal auf Konsum verzichten. Das Bildung aber in Deutschland in Relation zu ihrer Effektivität ziemlich teuer ist, liegt letztlich an den bildungspolitischen Experimenten hierzulande, die ganz beträchtlich den Geist der von der zitty-Mannschaft artikulierten Gesellschaftskritik atmen.

Dankbar wendet sich also der aufmerksam gewordene Leser nach diesem Aufgalopp dem versprochenen Hintergrundartikel über die rettende Macht des Verbrauchers und die Problemchen der zitty-Leute zu. Aha, zitty stellt fest "Bio gibt es jetzt auch in schick." Und man identifiziert natürlich die USA und deren Prominenz als Urheber eines Lifestyles, den die zitty-Macher nun erst recht mit Argwohn beäugen. Und endlich lässt der Autor die Katze aus dem Sack: "Wieviel Interesse an der Nachhaltigkeit bei den Prominenten wohl übrig bliebe, wenn der Genuss wegfiele, ist spekulativ." Aha, dass Problem ist nicht die Belastung der Umwelt, die Arbeitslosigkeit oder zu viel Armut. Nein, es ist der Kapitalismus und vor allem der Genuss, den die neue Bewegung der bewussten Konsumenten leider nicht mehr wie in den Achtzigern in Frage stellt. Auch der Biomarkt wird inzwischen von der zitty als kapitalistischer Konsumverführer dingfest gemacht.

Doch bleiben die tieferen Wurzeln dieser Kritik für den Leser dann doch vergraben, weil der Rest des Beitrags nicht mehr als eine Art Werbeverkaufsveranstaltung für politisch korrekte Versandhäuser ist, die, anders als als die trenderheischenden Newcomer des Ökobusiness, wirklich nur "die guten Dinge" und andere merkwürdige Kinkerlitzchen aus Stahl, Holz und manch anderem natürlichen Werkstoff unter die Leute bringen. Dazu gehören etwa so nützliche Dinge wie Bernstein als Räucherstoff gegen Zahnweh, Kofpschmerzen und Streß, der nebenbei bemerkt als fossiler Rohstoff bei der Verbrennung nicht klimaneutral und damit weder "gut" noch "öko" ist. Aber wollen wir mal nicht so pingelig sein. Schließlich geht es den zitty-Machern auch nicht so sehr um den Umweltschutz, sondern um Kapitalismuskritik und die Abkehr vom Genuss.

Zu gern würde ich mal die Redakteure der zitty bei den mühsamen Versuchen der Umsetzung ihres asketischen Alltags beobachten. Ob sie dazu neben ihren sicherlich rein berufsbedingten Besuchen in der Vernisage hier und dem Gourmet-Restaurant dort überhaupt die Gelegenheit haben? Wahrscheinlich zwingt sie der erbarmungslose Kapitalismus im Allgemeinen und der Gewinn aus dem Verkauf der zitty an ihr systemkritisches Publikum im Besonderen zu bitteren Zugeständnissen und der einen oder anderen Designer-Jeans, dem szenigen 50€+-Haarschnitt und dem verbrauchsarmen Smart-Trendmobil. Mir kommen die Tränen. Wer das wie ich nicht länger mit anschauen kann, sollte einfach zur Konkurrenz wechseln und der zitty damit zeigen, wozu der Kapitalismus auch gut ist.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenGernot Kieseritzky schreibt am 19.12.2006 um 10:41 Uhr:Hi Steffen!
    Die Zielgrupper der Zitty sind halt Berliner Studenten, also die typischen Wohlstandskinder, für die Globalisierungskritik im Trend liegt, aber die zu faul sind, sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Das ist auch die typische Wählerklientel der Grünen, die bevorzugt in Friedrichshain/Kreuzberg lebt, und sich die teuren "Fair-Trade"-Produkte leisten kann.

    Grüße,
    Gernot
  2. zitierenAngelInChains schreibt am 27.12.2006 um 14:04 Uhr:"Die Zielgrupper der Zitty sind halt Berliner Studenten, also die typischen Wohlstandskinder"

    Wohlstandskinder. Soso. Wer von Ihnen ist Berliner Student oder kennt Berliner Studenten persoenlich? In meinem Studienalltag habe ich zwar auch solche, wie Sie sie beschreiben, kennen lernen muessen, aber verallgemeinern kann man hier laengst noch nicht. Oder leben Sie gerne mit Vorurteilen?

    "Nun, meine liebe zitty, wen meinen Sie mit ihrer Klassifikation der Reichen? Im Verhältnis zu unseren Mitbürgern in der Dritten Welt sind wir doch alle reich"

    Wir moegen mehr Geld besitzen, als Menschen in der 3. Welt. Aber solange ein Mensch nicht genug Geld hat, um sich zu ernaehren, so lange gerade Kinder hungern muessen, was sehrwohl auch in unserem Land geschieht, kann man zumindest bei diesen Leuten bestimmt nicht von Reichtum sprechen. Ach uebrigens, in der 3. Welt gibt es auch eine gewisse Oberschicht. Die schlaegt sich die Baeuche voll, waehrend die Massen hungern.

    "Leute ohne Arbeit sind zweifellos ohne Arbeit und können sich deshalb bedauerlicherweise kein besonders opulentes Konsumniveau leisten. Doch niemand diskriminiert sie deshalb absichtlich"

    Ich nehme an, Sie gehoeren nicht zu den Aermeren? Sonst wuessten Sie, dass diese Menschen sehrwohl Diskriminierung ausgesetzt sind. Von den Kindern und Jugendlichen, die von Mitschuelern verpruegelt werden, weil sie nicht der neusten Mode folgen koennen, weil sie das Geld dazu nicht haben, bis hin zu den High-Society-Mittvierzigern, die abwertend ueber "die Unterschicht" sprechen. Auch das ist Diskriminierung. Vielleicht sollte man mal darueber nachdenken?
  3. zitierensteffenh schreibt am 27.12.2006 um 14:26 Uhr:Kritik 1: Nun ich selbst hab in Berlin vor ein paar Jahren studiert und damals neben dem Studium gearbeitet, um mir einen akzeptablen Lebensstandard zu gönnen. Es war, mit etwas zusätzlichem Arbeitsaufwand möglich. Und ich habe mehr Studenten mit eigenem Auto als mit unvermeidbaren Mietschulden gekannt. Insofern weiß ich wovon ich rede und der Autor des Kommentars, selbst Student, kennt seine Kommilitonen auch sehr gut.

    Kritik 2: Den Schuh zieh ich mir nicht an, weil ich genau das meinte. Wir Deutschen sind in Relationen zu Armen aus der Dritten Welt reich. Niemand hungert hierzulande aus Geldmangel, sondern bestenfalls, weil er aus mitunter bedauerlichen Gründen sein Leben nicht richtig organisiert bekommt.

    Kritik 3: Nun die Kinder werden aber nicht verprügelt, weil ihre Eltern keine Arbeit haben, sondern weil sie nicht die richtigen Turnschuhe tragen. Der Begriff der Diskriminierung wird in Regel je nach Belieben überdehnt. Es gibt einen Unterschied zwischen echter Diskriminierung und dem Gefühl der Diskriminierung, weil man sich aus wirtschaftlichen Gründen vom Konsumniveau der Anderen ausgeschlossen fühlt. All das ist bedauerlich und sollte verändert werden, rechtfertigt aber keine Manipulation der Begrifflichkeit, um Sozialprobleme für die eigenen Klassenkampfparolen zu instrumentalisieren.

    Im Übrigen ist dieses ewige "wahrscheinlich haben sie diese Probleme selbst nicht und können sich deshalb nicht in sie hineindenken" so wenig überzeugend wie sinnstiftend und überdies anmaßend. Betroffenheitsgeblubber ohnehin nicht zur Problemlösung bei.
  4. zitierenAngelInChains schreibt am 27.12.2006 um 14:58 Uhr:Zu 1) "Und ich habe mehr Studenten mit eigenem Auto als mit unvermeidbaren Mietschulden gekannt." - Das ist es. Sie haben MEHR relativ reiche Studenten gekannt. Mehr heisst aber nicht gleich "alle".

    Zu 2) "Niemand hungert hierzulande aus Geldmangel, sondern bestenfalls, weil er aus mitunter bedauerlichen Gründen sein Leben nicht richtig organisiert bekommt." - Sie glauben, jeder, der arbeiten woellte, bekaeme auch Arbeit? Und zwar eine solche, dass er davon ein Leben ohne zu grosse Entbehrungen fuehren koennte?

    Zu 3) "Nun die Kinder werden aber nicht verprügelt, weil ihre Eltern keine Arbeit haben, sondern weil sie nicht die richtigen Turnschuhe tragen" - Verstehen Sie den Zusammenhang nicht? Ja, sie werden diskriminiert, weil sie nicht die "richtige" Kleidung tragen. Und wieso tragen sie nicht die "richtige" Kleidung? Weil die Eltern keine Arbeit und damit nicht genug Geld haben, diese "richtige" Kleidung zu kaufen! Und es geht hier nicht darum, dass irgendein Kind sich ausgeschlossen FUEHLT, da es den Lebensstandart "der Anderen" nicht hat, sondern darum, dass die Menschen mit diesem hoeheren Lebensstandard das Kind aktiv als "minderwertiges armes Schwein" ausgrenzen. Das IST Diskriminierung.
  5. zitierensteffenh schreibt am 27.12.2006 um 16:19 Uhr:Vielleicht vermeiden Sie es in Ihren Kommentaren mal, mir ständig irgendwelche Aussagen zu unterstellen. Nicht richtig organisiert steht dafür, dass es menschen gibt, die trotz der ihnen zustehenden Sozialhilfe bedauerlicherweise nicht klar kommen. Das ist eine bittere Feststellung und hat nichts damit zu tun, dass ich glaube jeder würde die Arbeit bekommen die er möchte. Jeder bekommt bestenfalls die Arbeit, die jemand anderes ihm zu einem bestimmten Lohn anbietet, der wiederum eventuell nicht den Ansprüchen des Arbeitssuchenden entspricht. Das wiederum ist eine ganz andere Debatte, die ebenfalls nicht mit Polemik gelöst wird. Und auch nicht mit mehr Umverteilung, denn die funktioniert trotzt aller politischer Lippenbekenntnisse in der Realität nicht in Richtung Bedürftiger, sondern stehts in Richtung der cleversten Lobbyisten, wobei davon noch ein großer Teil in den bürokratischen Strukturen der Interessengruppen und des Staates verschwindet. Eine Arm vs. Reich-Debatte ala zitty schafft keinen Arbeitsplatz...

    Sie können hier übrigens gern weiterpöbeln. Vergessen Sie dabei nicht, dass ich an keiner Stelle gesagt habe, dass mir Armut und Arbeitslosigkeit gleichgültig ist, sondern lediglich zum Ausdruck gebracht habe, dass nicht der Reichtum, sondern die Armut unser Problem ist. Eine ideologisch unterfütterte Politik, die das Armutsproblem durch Abschaffung des Reichtums erreichen will, wird merken, dass ein kleinerer Kuchen noch schwieriger zu verteilen ist. Aber wozu nach Problemlösungen suchen, wenn es doch viel einfacher ist dem Diskussionsgegner Dummheit und einen schlechten Charakter zu unterstellen.

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