Grüne Ziele: Die Tobin-Steuer
Vielen Dank an res publica für die Mühe, die Kernpunkte des Grünen Parteiprogramms zusammenzufassen. Das gibt uns die Möglichkeit deren Kernelemente in loser und ungeordneter Reihenfolge einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Fangen wir mit der Tobin-Steuer an:
Die Tobin-Steuer, benannt nach ihrem geistigen Urheber dem Ökonom und Nobelpreisträger James Tobin, ist das Lieblingskind linksliberaler, globaler Finanzmarktregulierung. Mit Hilfe dieser Steuer soll eine Reduzierung globaler Finanzspekulationen, die mutmaßlich, jedenfalls nach Lesart globalisierungskritischer NGOs wie ATTAC, verantwortlich für Währungskrisen mit ihren häufig fatalen wirtschaftlichen Folgen sind. Bislang ist Kritik an der Tobin-Steuer häufig im Zusammenhang mit ihrer schwierigen globalen Umsetzbarkeit erfolgt, setzt sie doch ein einheitliches Handeln aller Länder voraus, soll vermieden werden, dass die Steuer durch die Umleitung von Finanzmarktbewegungen in nichtteilnehmende Staaten umgangen wird. Dass die Steuer für sich genommen keine gute Idee ist, wird dabei beflissentlich vergessen, vielleicht auch deshalb, weil Ideen nobelpreisdekorierter Autoritäten mitunter selten kritisch hinterfragt werden.
Die Tobin-Steuer erhöht die Kosten internationaler Kapitalbewegungen, dass heißt sie erschwert die Möglichkeit von Unternehmen, sich bei Kapitalmangel im eigenen Land im Ausland zu refinanzieren. Das behindert Investitionen, vor allem in den Ländern der Dritten Welt, die sich ohnehin schon durch eine besondere Knappheit des Produktionsfaktors Kapital auszeichnen. Prinzipiell ist die Tobin-Steuer damit mehr als eine simple Steuer, den sie wirkt wie eine Zollschranke für internationale Kapitalbewegungen, die ausländische Investitionen und damit den gesamten Welthandel verteuert. Ihre Protagonisten weisen des öfteren auf die geringfügige Höhe des angestrebten Steuersatzes von 0,05% bis 0,25% auf das bewegte Kapitalvolumen hin. Doch berücksichtigt man, dass für die erfolgreiche Abwicklung internationaler Investitionsprojekte oftmal erheblich Transaktionsvolumina nötig sind, können die Kosten enorm sein und Auslandsinvestitionen zugunsten einheimischer Investitionen behindern. Das damit Potentiale der internationalen Arbeitsteilung und die Nutzung komparativer Kostenvorteile durch die Produktion an Standorten mit den geringsten Faktorkosten erschwert wird, macht diese Steuer noch weniger attraktiv.
Die Tobin-Steuer soll laut ihrer Verfechter internationale Finanzspekulationen, offenbar ein Dorn im Auge der Globalisierungskritiker, und nicht sinnvolle Investitionen behindern. Beides lässt sich jedoch nicht sauber voneinander trennen, so überhaupt belegbar ist, weshalb die Spekulationen mit Kapital etwas Schädliches sind. Finanzspekulationen, also der Handel mit Derivaten (Optionsscheine, Futures u.ä.) ist Kern internationaler Sicherungsgeschäfte, mit denen sich Unternehmen weltweit vor den Kostenbelastungen von Preis- und Währungsschwankungen schützen. Der Kauf von Derivaten, etwas dem Recht, Rohstoffe zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem vorab vereinbarten Preis kaufen zu können, setzt voraus, dass es jemanden gibt, der bereit ist die Risiken der Preis- und Wechselkursschwankungen gegen ein Entgelt zu übernehmen, eben jemand, der auf bestimmte Preisentwicklungen spekuliert und dieses Risiko durch eine Vielzahl weiterer Sicherungsgeschäfte abfedert. Werden diese Sicherungsgeschäfte durch die Tobin-Steuer verteuert, verteuern sich auch die Derivate, mit Ergebnis einer schlechteren Absicherbarkeit der Unternehmen gegen Preis- und Wechselkursschwankungen. Dies wiederum würde die Unternehmen davon abhalten, mit Ländern die sich durch besonders hohe Preisvolatilitäten und instabileWährungen, häufig Entwicklungsländer, intensiven Handel zu betreiben. Sicherlich keine große Hilfe für deren ohnehin schwache Volkswirtschaften. Schließlich erscheint es wenig realistisch, dass eine Steuer mit relativ geringen Steuersätzen Kapitalbewegungen und Währungsgeschäfte verhindert, mit denen mitunter enorme Profite erzielt werden können. Was auch nicht wünschenwert ist, wenn etwa wie bei der Asienkrise (pdf) 1997 gigantische Verluste durch den Abzug von Kapital verhindert werden können.
Was die Protagonisten der Tobin-Steuer wohl am meisten fasziniert ist die Möglichkeit, mit der Tobin-Steuer enorme Steuereinnahmen realisieren zu können, die dann von einer möglichsten zentralen Institution wie der UNO für allerlei entwicklungspolitische Abenteuer ausgegeben werden können, deren Erträge nicht selten in den Taschen der korrupten Staatsoberhäupter von Dritte-Welt-Staaten landen.
Da kann man sich bei den Grünen nur bedanken für diese tolle Idee. Gutes wollen bedeutet eben nicht automatisch Gutes zu tun. Das sollten sich die Grünen einmal mehr hinter ihre häufig ziemlich „grünen Ohren“ schreiben.
Eine ausführlichere Kritik an der Tobin-Steuer kann unter anderem in dem Buch von Johan Norberg "In Defense of Global Capitalism", dass in einer früheren Fassung auch in deutsch unter dem leider ebensowenig politisch korrekten Titel "Das kapitalische Manifest" erschienen ist, nachgelesen werden. Generell ein guter Lesestoff, für diejenigen die globalisierungskritische Gutmenschenparolen einmal einem theoretischen und empirischen Lakmustest unterziehen möchten.

Die Finanzmarktkrise sollte nicht aus allgemeinen Steuergeldern finanziert werden. Schon daher ist die Einführung der Finanzumsatzsteuer oder erweiterten Tobin-Steuer sinnvoll.
Mit freundlichen Grüßen aus dem Werra-Meißner-Kreis in Hessen
Philipp Schmagold
M.A. der Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeographie
E-Mail: Philipp(a)Schmagold.de
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Antrag: Kosten der Finanzmarktkrise durch die erweiterte Tobin-Steuer
finanzieren
zur Bundesdeligiertenkonferenz vom 14.11.2008-16.11.2008 in Erfurt.
Antragstext: Die BDK von Bündnis 90/DIE GRÜNEN möge beschließen:
Bündnis 90/ Die Grünen setzen sich für die Einführung einer Finanzumsatzsteuer, einer erweiterten Tobin-Steuer ein. Die zu realisierenden Einnahmen der Finanzumsatzsteuer auf Verkauf, Weiterverkauf oder Neubündelung von Finanzprodukten des internationalen Handels zwischen Währungsräumen sollen der Finanzierung von Kosten einer Finanzmarktkrise oder Wirtschaftskrise dienen. Überschüsse können in den Bereichen Armutsbekämpfung, Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz wichtige zusätzliche Impulse finanzieren.
Begründung:
Die Finanzmarktkrise ist in Deutschland angekommen. Weiterhin nicht umgesetzt sind Mitsprache und Kontrollrechte sowie nachhaltige Regeln für die Finanzmärkte. Wenn nun seitens des Finanzministeriums der wirtschaftlich angeschlagenen Hypo Real Estate mehrere Milliarden Euro an Bürgschaften zugesichert werden, so sollten daraus resultierende Kosten nicht dem Steuerzahler aufgebürdet werden.
Bündnis 90/ Die Grünen setzen sich für eine solidarische Wirtschaftsordnung ein, die auf dem Prinzip der nachhaltigen Entwicklung beruht und den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Deshalb sind Bündnis 90/ Die Grünen entschieden für eine sozial-ökologische
Ausgestaltung des Globalisierungsprozesses und eine Demokratisierung der Wirtschaft. Besondere Aufmerksamkeit widmen Bündnis 90/ Die Grünen der neoliberalen Globalisierung der Finanzmärkte. Viele der dort getätigten Transaktionen dienen nicht mehr der Finanzierung von Investitionen, Waren- oder Dienstleistungshandel, sondern ausschließlich der Jagd nach schnellen Renditen. Diese Situation bildet eine wesentliche Ursache für die Instabilität der Finanzmärkte, die immer wieder, wie auch derzeit, zu schweren Wirtschaftskrisen mit internationalen Kettenreaktionen führt. Die Krisen in Mexiko (1994), Südostasien (1997), Russland (1998), den USA (2008) und zahlreichen anderen Ländern haben über Nacht die Früchte jahrelanger Entwicklungsarbeit zerstört.
Deshalb sind Regulierungsmechanismen dringend erforderlich. Das ist auf verschiedene Weise möglich. Deswegen ist unter der Berücksichtigung EU-rechtlicher Vorgaben zu prüfen, ob und wie eine Umsatzbesteuerung in diesem Bereich eingeführt werden kann. Eine weiterentwickelte Tobin-Steuer sollte für internationale Geschäfte zwischen Währungsräumen das Tempo an den Finanzmärkten reduzieren, diese stabilisieren und überschwängliches Verhalten -wie z.B. die Ausnutzung minimaler Preisunterschiede- bremsen. Dazu beitragen kann auch die konsequente Austrocknung der zahlreichen Steueroasen wie die Schweiz, Monaco, Liechtenstein, Luxemburg, Andorra und Malta.
Der Nobelpreisträger für Ökonomie James Tobin hatte 1972 angeregt, in bescheidenem Umfang alle Transaktionen auf den Devisenmärkten zu besteuern, um diese zu stabilisieren und gleichzeitig Einkünfte für die Staaten und die Internationale Gemeinschaft zu schaffen. Würde jeder Kauf oder Verkauf einer Währung mit einer Steuer von einem Prozent belegt, wäre das ausreichend, um zumindest einem Teil der so genannten Arbitragegeschäfte - der "Wette auf eine Kursschwankung" - den Nährboden entziehen
Die Einführung dieser Steuer würde keinerlei besondere technische Schwierigkeit bereiten. Ihre Anwendung würde lediglich dem liberalen Credo der Regierungen und der großen Finanzinstitutionen zuwiderlaufen, die unentwegt predigen, dass es zum aktuellen Steuersystem keine Alternative gebe. Ihre Einführung ist ausschließlich eine Frage des politischen Willens.
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Hint ergrundinformation:
Der Antrag basiert auf dem BDK-Antrag http://basis.gruene.de/bag.wirtschaft/beschl/Tobin-Steuer.doc aus 2001 und dem Antrag der GRÜNEN-Fraktion im Deutschen Bundestag http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/075/1607531.pdf aus 2007. Neu
ist das Argument der Finanzierung von Kosten der Finanzkrise.