Mit dem Kopf voran

31.10.2007 um 11:32 Uhr

Im falschen Film

von: steffenh   Kategorie: Klimawandel

Leider sitze ich nicht im Kino, denn es ist der falsche Film. Bedauerlicherweise ist es auch keine Film, sondern die Realität einer Gesellschaft, die trotz modernster Technik zuweilen im intellektuellen Mittelalter verharrt. Haben vor Jahrhunderten noch Kleinkriminelle, Hexen und Ungläubige am Pranger gestanden, macht die moderne Variante des Gutmenschen nun Jagd auf die vermeintlich katastrophalen Folgen unserer technischen Entwicklung. Eben noch als technische und gesellschaftliche Errungenschaft gefeiert, müssen heute das Internet und deren Nutzer wegen Klimavergehen den Bösewichten der Vergangenheit Gesellschaft leisten. Fleißige Technokraten rechnen dazu minutiös nach, wie hoch der ökologische Fingerabdruck jeden einzelnen Mausklicks ist. Warum nur Jagd auf Autofahrer, Interkontinentalreisende und Kühlschranknutzer machen, wenn auch der letzte Blogger noch als gewissenloser Schlingel geoutet werden kann.

Aber warum bei arglosen Google-Nutzern haltmachen? Die Menschheit strotzt nur so von Energieverschwendern und Klimaverwesern. Nehmen wir beispielsweise Deutschlands Kranke, Siechende und kreisende Frauen. Jedes Jahr verursacht die Inanspruchnahme stationärer medizinischer Leistungen enorme Energieverbräuche und Kohlendioxidemissionen. Rechnet man etwa die Verbräuche und Emissionen von Bremens Krankenhäusern auf gesamtdeutsche Krankenhauskapazitäten um, dann kommt man auf nicht weniger als 58 Mio. MWh Primärenergie und 13 Mio. t CO2. Wieviele Mausklicks und Suchanfragen wären möglich und wie oft könnte unsere Klimaschutzbürokratie in ihrer Mission für das Klima ohne schlechtes Gewissen um die Welt jetten, würden wir uns diesen zivilatorischen Luxus sparen.

Offenbar brauchen wir erst so absurde Beispiele, um uns klar zu machen, wie sinnlos dieses mechanische Aufrechnen von Energieverbräuchen und Klimagasemissionen ist, wenn diesen Zahlen nicht der Wert  gegengerechnet wird, den unsere Gesellschaft aus der jeweiligen Nutzung von Energieressourcen zieht. Nichts spricht dagegen auf die Suche nach ökonomisch sinnvollen Energiesparpotentialen zu gehen. Immerhin setzen wir damit Ressourcen für sinnvollere Verwendungen frei. Doch die vollkommen zusammenhangslose Ökobilanzierung der menschlichen Zivilisation deckt nicht nur den begrenzten Denkhorizont seiner Protagonisten, sondern irgendwie auch eine dürftige moralische Grundhaltung auf. Kann bitte mal jemand diesen Film, nein, diese Realität anhalten.


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