Mit dem Kopf voran

12.01.2006 um 23:31 Uhr

In Vino Veritas

Das Weinhandelsabkommen der EU mit den USA hat nicht nur in Winzerkreisen für Aufruhr gesorgt, weil die EU damit zunächst unter Auflagen in den USA zulässige Weinbereitungsverfahren anerkennt. Dass es beim Wehklagen der deutschen Winzerzunft nicht allein um die Sorge um den Konsumenten, sondern um handfesten Protektionismus geht, beschreibt ein Editorial auf Eno Worldwine sehr treffend:

Spaß beiseite! Hinter der Kampagne stecken jede Menge unsauberer, unlauterer Argumente und ein ernster, wirtschaftlicher Kern. Die Argumentation läuft in fast allen offiziellen Kommentaren und Medienartikeln nach dem Schema: USA = Industrie und Chemie, Europa = Natur und Idylle, sprich handwerklich gemachter und sozusagen moralisch "sauberer" Wein. Wie lächerlich diese Art von Gegenüberstellung ist, dürfte jedem klar sein, der in seinem Leben einmal eine der riesigen Weinfabriken an der Mosel (oder in Italien oder in Frankreich ....) besucht hat. Industrieller als hier ist das Produkt Wein tatsächlich kaum noch zu erzeugen.

Mehr noch! Der Großteil jener Techniken und Methoden, die von deutschen oder europäischen Verantwortlichen jetzt eimerweise mit Krokodilstränen bewässert werden, stammen gar nicht aus den USA oder anderen Überseeländern, sondern wurden im Alten Europa erfunden. Woodchips waren seit Jahrhunderten in Bordeaux beliebt und wurden jetzt auf italienischen Antrag von der EU offiziell zugelassen, maschinelle Konzentratoren werden in Europa inzwischen hundertfach häufiger verwendet als in Übersee, Tannine aus dem Zwei-Zentner-Sack sind in Toskana und Piemont wahrscheinlich so populär wie Aromahefen in allen Ländern der EU, aufgesäuert wird nicht nur im heißen Kalifornien, sondern auch im Burgund, auf die Erfindung und erfolgreiche Vermarktung der Mikrooxidation ist der Franzose Patrick Ducournau stolz wie ein Schneider, und dass die Deutschen ihre Weine nicht nur chaptalisieren, sondern auch nach erfolgter Gärung noch mit Mostreserve süßen dürfen, versteht in der Welt außer uns niemand. Weltmeister bei der Produktion der inkriminierten Weinchemikalien sind wir Deutschen allemal.

Wie nett, dass deutsche Funktionäre und Politiker jetzt auf einmal die rigorose Deklaration solcher önologischen Praktiken auf den Etiketten fordern. Jahrzehntelang fürchteten sie das nämlich wie der Teufel das Weihwasser. Vielleicht spielen die Kalifornier, Australier oder Südafrikaner ja mit! Sicher werden Europas Erzeuger ihre Kunden dann freiwillig auf den Gebrauch von mechanischen Konzentratoren und Oxidationskeramiken hinweisen, darauf, dass die Weine mit Polyvinylpolypyrrolidon gesäubert, mit dem Gelben Blutlaugensalz geschönt, mit Glucanase filtrierfähig gemacht, mit Sorbinsäure stabilisiert, mit Most gesüßt und ihre Hefen mit Ammoniumsalzen genährt wurden. Brave New World, pardon brave Old World! Sagte doch jemand, zu Recht: "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!"

Der Hintergrund der ganzen Aufregung ist ja mitnichten das gerade unterzeichnete Handelsabkommen, sondern viel mehr die Tatsache, dass die Weine der Überseeländer erstmals deutlich über 10 Prozent des Importmarkts belegen - und die 10-Prozent-Marke am Gesamtmarkt scheint nicht mehr fern....

Ebenfalls sehr erhellend der Eintrag "Amerikanischer Wein? Nein Danke!" auf dem Winzerblog. Kalifornischer Rotwein wird mir in Zukunft wohl noch besser schmecken.





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