Mit dem Kopf voran

12.11.2007 um 16:00 Uhr

Kategorische Entmündigung

von: steffenh   Kategorie: Gesundheitspolitik

Selbst das Geschäft mit dem Tod meinen Politiker noch regulieren zu müssen. Und es geht bei dem geforderten Verbot von Dignitas auch nicht einmal um die Sicherheit der Bürger, denn wovor sollen todkranke Menschen, die statt unterstütztem Suizid in einem Hospiz oder unter der Obhut der Palliativmedizin auf ihr Ende warten müssen, noch geschützt werden. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Moralapostel fast aller Parteien sich zum Büttel derjenigen machen, die glauben das Monopol für den richtigen Weg ins Jenseits zu besitzen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenDavid schreibt am 12.11.2007 um 16:06 Uhr:
    In der „Bild am Sonntag“ lehnte Zypries Sterbehilfe in Deutschland kategorisch ab. „Verzweifelte Menschen in großer seelischer oder körperlicher Not wollen keinen Vertrag über den Tod abschließen“, so die Ministerin.


    Und mehr als alles andere wollen sie wahrscheinlich eine Justizministerin, die ihnen klarmacht, was sie wollen. Schon wieder könnte ich brechen.
  2. zitierenFG___ schreibt am 12.11.2007 um 17:35 Uhr:Ich denke, dass es kaum ein Geschäft eher zu regulieren gilt als das Geschäft mit dem Tod. Auch wenn Dir das vielleicht zu kategorisch moraliserend ist: Mit dem Tod macht mein kein Geschäft und ich erwarte von meinem Staat, dass er das unterbindet.
    Ich spreche mich damit nicht kategorisch gegen Sterbehilfe aus. Es dürfte aber auch klar sein, dass man auf diesem gebiet sehr schnell in Dilemmasituation kommen kann, aus der es keinen "guten" Ausweg gibt.

    Die im Beitrag vom 29.9.2005 enthaltene Unterstellung halte ich für perfide und absolut indiskutabel. Wer jemanden, der in einer solchen Frage, eine andere Auffassung vertritt, derartiges unterstellt, hat sich für die weitere Debatte nach meiner Auffassung disqualifiziert.
  3. zitierensteffenh schreibt am 13.11.2007 um 09:51 Uhr:@ FG:

    Hier geht es um den Tod von Menschen, die so oder so sterben, es sich aber aussuchen wollen, wo, wie und wann sie sterben. Was gibt es da zu regulieren? Ich erwarte von meinem Staat, dass er sich in diese Entscheidung gefälligst nicht einmischt, weil ich keinen Grund sehe, weshalb er hier die größere Entscheidungskompetenz als jeder einzelne Betroffene hat. Ich kann schließlich auch nichts daran finden, dass Sterbehilfe als Dienstleistung gegen ein Entgeld angeboten wird. Wer dies nicht freiwillig bezahlen will kann sich in ein Hospiz begeben oder die Leistungen der Palliativmedizin in Anspruch nehmen. Das auch das Lebensende Kosten verursacht, die von irgendjemand zu tragen sind, dürfte doch wohl klar sein.

    Es ist mir eigentlich egal, was du für indiskutabel hältst, auch wenn deine Formulierung hier drohend den Zeigefinger schwingt. Es wird in der Debatte eben keine qualifizierte Antwort darauf gegeben, weshalb Dignitas die schlechtere Alternative zu Hospiz und Palliativmedizin sein sollte. Und da kann ich nur annehmen, dass beides für die entsprechenden Akteure ein tolles Geschäft ist. Oder verdienen Krankenhäuser und Ärzte daran etwa nicht?
  4. zitierenDavid schreibt am 13.11.2007 um 14:49 Uhr:Naja, es sind auch viele dagegen, die nicht finanziell oder anderweitig involviert sind. Es besteht auf diesem Gebiet noch ein hohes Maß an Tabuisierung. Bis ich einem Arzt das Gegenteil nachweisen könnte, würde ich dann schon annehmen, daß er aufgrund des Tabus Gegner ist, nicht aufgrund finanzieller Interessen.
  5. zitierensteffenh schreibt am 13.11.2007 um 15:36 Uhr:Ja das sind wie Bruce Yandle es sagen würde die Baptisten, wohingegen die Bootlegger auf den Zug aufspringen um damit etwas Kleingeld zu verdienen. Frag mal ein Hospiz oder ein Krankenhaus, ob es gern seinen Laden dicht machen würde, weil seine Geschäfte jetzt Dignitas übernimmt.
  6. zitierensteffenh schreibt am 13.11.2007 um 15:37 Uhr:Apropos Yandle: http://en.wikipedia.org/wiki/Bootleggers_and_Baptists
  7. zitierenRuth schreibt am 14.11.2007 um 14:07 Uhr:Steffen,

    "kategorische" Entmuendigung kann ich nicht unbedingt erkennen. Meines Erachtens muesste die Frage der Muendigkeit in konkreten Extremsituationen genauer erarbeitet werden.

    Warum konnte den beiden Deutschen im aktuellen Fall nicht zugemutet werden, sich selbst Gift zu verschaffen oder sich auf andere Weise das Leben zu nehmen? Nicht die Selbsttoetung steht zur Debatte, sondern die Dienstleistung.

    Bei der Dienstleistung sollte auch beachtet werden, dass Angehoerige moeglicherweise keine teure Pflege mehr zahlen und/oder die emotionale Belastung durch das lange Sterben abkuerzen moechten. Inwieweit koennen schwerkranke Menschen einem solchen Druck widerstehen?

    Hier ein Artikel ueber eine richterliche Entscheidung in der Schweiz. http://www.nzz.ch/2007/02/02/il/newzzEXOF3YO9-12.html

    Daraus zitiert: "Bei psychisch kranken Menschen erweise sich die Frage der Verschreibung für einen begleiteten Suizid zwar als besonders heikel. Nach neuen ethischen, rechtlichen und medizinischen Stellungnahmen sei jedoch selbst in solchen Fällen eine Verschreibung des Mittels nicht generell ausgeschlossen."

    Ist Dir dabei so ganz wohl?
  8. zitierensteffenh schreibt am 14.11.2007 um 15:16 Uhr:Warum soll eine Selbsttötung unproblematisch, die Hilfe dabei jedoch ein Problem sein. Immerhin hilft Dignitas ja nicht jedem beim "Selbstmord", sondern nur in eingeschränkten hoffnungslosen Situationen. Mein Standpunkt ist schlichtweg, dass jeder Mensch den Zeitpunkt seines Todes selbst entscheiden können sollte und sei es um Pflegekosten zu sparen. Es bleibt eine freie Entscheidung. Die Abkürzung der emotionalen Belastung durch langes Sterben ist ja genau das beste Argument für Sterbehilfe.
  9. zitierenRuth schreibt am 15.11.2007 um 08:53 Uhr:Aber wer kontrolliert Dignitas, wem sie bei der Selbsttoetung hilft und wem nicht?

    Pflegekosten sparen und emotionale Belastung abkuerzen, ist das Recht des Sterbenden. Ich hatte aber von den Angehoerigen gesprochen.

    Wie kann sicher gestellt werden, dass es tatsaechlich der Sterbende ist, der frei entscheidet und dass er nicht unter Druck gesetzt wurde?

    Ist das eine Aufgabe, die Du einer privaten Organisation wie Dignitas ueberlassen wuerdest?
  10. zitierensteffenh schreibt am 15.11.2007 um 10:25 Uhr:Ja definitiv, ich überlasse das meiste in meinem Leben privaten Organisationen, die allein deshalb "Qualität" liefern, weil sie eine Reputation zu verlieren haben. Glaubst du ernsthaft, dass Dignitas, die von Staat und Presse so aufs Korn genommen werden, ihre Opfer über die Maßen ausnehmen. Das traue ich ebenso der Palliativmedizin zu, die einen Menschen durchaus gegen seinen Willen am Leben erhält, weil sie damit ihr Geld verdient. Wer Dignitas Böses unterstellt, muss sich auch gefallen lassen, dass man den Ball an die anderen Bande zurück spielt.
  11. zitierenRuth schreibt am 15.11.2007 um 13:00 Uhr:Steffen,

    den Hospizen wuerde ich auch nicht zutrauen, in erster Linie im Interesse der Sterbenden zu handeln. Naturgemaess werden eigene Interessen immer an die erste Stelle gesetzt.

    Wenn aber Deine Sichtweise allgemein waere, wuerde Dignitas von Staat und Presse nicht mehr besonders beobachtet werden.

    Alter und/oder schwerkranke Menschen sind moeglicherweise nicht mehr in vollem Mass imstande, fuer ihre eigenen Interessen einzutreten. Das ist der Punkt. Eine katgorische Entmuendigung waere eine ueberzogene Massnahme. Eine ebenso kategorische Muendigerklaerung ebenfalls.
  12. zitierensteffenh schreibt am 15.11.2007 um 13:35 Uhr:Diese Sichtweise stürzt dich aber in das Dilemma, dein Schicksal von Bürokraten, Ärzten und ähnlichen Leuten bestimmen zu lassen, die im Zweifel auch kein spezielles Interesse an dir haben. Ich gehe hier von mir aus und würde sagen, dass ich entweder so verzweifelt bin, dass ich für Sterbehilfe zahlen will oder Hoffnung habe und mich noch weiterer medizinischer Torturen unterziehe. Sollte ich aber das Stadium der "Unmündigkeit" erreicht haben, dann sind auch die Konsequenzen von Fehlern für mich als Individuum nicht mehr groß. Vielleicht hätte ich noch ein paar Monate unter intensivmedizinischer Behandlung überlebt. Aber wozu, wenn ich davon selbst nicht mehr profitiere. Für mich persönlich spricht daher nichts gegen Selbstherrschaft, auch wenn es um das Ende des eigenen Lebens geht. Wer will entscheiden, ob dass die "richtige" Entscheidung war. Wer sieht die Welt mit meinen Augen? Die gesundheitspolitischen Sprecher der Parteien, unsere Gesundheitsministerin oder irgendein Palliativarzt?
  13. zitierenGast A schreibt am 17.11.2007 um 11:53 Uhr:"Sollte ich aber das Stadium der "Unmündigkeit" erreicht haben, dann sind auch die Konsequenzen von Fehlern für mich als Individuum nicht mehr groß. Vielleicht hätte ich noch ein paar Monate unter intensivmedizinischer Behandlung überlebt. Aber wozu, wenn ich davon selbst nicht mehr profitiere."

    Das Problem ist, dass wir diese Momente nicht vorausplanen können und wissen, was und in welcher Qualität wir in der Phase der Unmündigkeit denken (können), fühlen (können) etc. - vielleicht wandelt sich ja unser Profitdenken (was wir vielleicht jetzt haben) und wir freuen uns über jede Minute, die wir noch am Leben sind, wissend, dass diese vielleicht die letzte sein könnte und danach im Zweifel nichts mehr - jeder Fehler und vorzeitige Lebensbeendigung wären dann eine Tragödie...

    Im übrigen gibt es Studien (bestimmt ein Leichtes, diese im Netz zu finden), die aussagen, dass der Wunsch nach Selbsttötung dem Empfinden entspringt, für die Angehörigen eine Last zu sein bzw. die Angst vor dem Altersheim sowie Schmerzen - vielleicht könnte man eher hier anpacken und etwas ändern als die einfachste Lösung, nämlich den Tod, zu wählen?

    "Aber wozu..."

    - Dann die Gegenfrage: Wozu leben?
    Sterben tun wir alle, auch ohne Hilfe...
  14. zitierensteffenh schreibt am 17.11.2007 um 17:45 Uhr:Woher kommt eigentlich das Vertrauen vieler Leute, dass andere Menschen die eigene Notsituation besser einschätzen können als man selbst. Die Last von den Angehörigen neben mag ein Motiv sein, aber es gibt andere. Schmerzen, der Verlust der Lebensqualität etc. Warum sollen unerträgliche Schmerzen, Einsamkeit u.a. unbedingt mit dem Leben bezwungen werden, wenn auch der Tod eine Alternative ist? Warum soll der Mensch über den Umgang mit diesen Problemen nicht selbst entscheiden können? Niemand beantwortet hier diese Frage. Und letztlich wird niemand gezwungen, sich von Dignitas in den Tod helfen zu lassen. Bis zum letzten Atemzug Qualen an lebenserhaltenen Systemen unter Zwang zu erleiden, scheint dagegen ein legitimer Umgang mit der Not des Endes zu sein. Eigenartige Denkweise...
  15. zitierenGast A schreibt am 20.11.2007 um 20:54 Uhr:"Warum sollen unerträgliche Schmerzen, Einsamkeit u.a. unbedingt mit dem Leben bezwungen werden, wenn auch der Tod eine Alternative ist?"

    Weil der Tod endgültig ist und zumindest bei Einsamkeit, Verlust der Lebensqualität und Schmerzen noch andere Mittel vorgeschaltet / ausprobiert werden können, das Mittel "Tod" kann man nur einmal verwenden - sicher, wenn man in geldwerten Kostendimensionen denkt, ist der Tod vielleicht vergleichsweise am preiswertesten. So eine Denkweise entspricht (noch) nicht unserer Gesellschaft, sondern eher eine solidarische (sonst hätten die Krankenkassen schon längst Verträge mit Dignitas durchgesetzt).

    "Warum soll der Mensch über den Umgang mit diesen Problemen nicht selbst entscheiden können?"

    Momentan fehlen die Auswahlmöglichkeiten, um tatsächlich entscheiden zu können aus Alternativen und nicht aus Hilflosigkeit und schlechtem Gewissen den Angehörigen gegenüber. Es gibt noch keine zufriedenstellende Palliativmedizin und nichts umfassend Zufriedenstellendes gegen Einsamkeit und verlorene Lebensqualität. Aber vielleicht ja bald ein Unternehmen "Auxilia", das sowas anbietet.
    Im übrigen kann man schon jetzt z.T. entscheiden, welche medizinischen Leistungen man erhalten möchte - und welche nicht. Und es gibt Hospize, in die man sich begeben kann.

    "Und letztlich wird niemand gezwungen, sich von Dignitas in den Tod helfen zu lassen."

    Noch nicht...

    "Eigenartige Denkweise..."

    - dito!
    ;-)

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