Kategorische Entmündigung
Selbst das Geschäft mit dem Tod meinen Politiker noch regulieren zu müssen. Und es geht bei dem geforderten Verbot von Dignitas auch nicht einmal um die Sicherheit der Bürger, denn wovor sollen todkranke Menschen, die statt unterstütztem Suizid in einem Hospiz oder unter der Obhut der Palliativmedizin auf ihr Ende warten müssen, noch geschützt werden. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Moralapostel fast aller Parteien sich zum Büttel derjenigen machen, die glauben das Monopol für den richtigen Weg ins Jenseits zu besitzen.

Und mehr als alles andere wollen sie wahrscheinlich eine Justizministerin, die ihnen klarmacht, was sie wollen. Schon wieder könnte ich brechen.
Ich spreche mich damit nicht kategorisch gegen Sterbehilfe aus. Es dürfte aber auch klar sein, dass man auf diesem gebiet sehr schnell in Dilemmasituation kommen kann, aus der es keinen "guten" Ausweg gibt.
Die im Beitrag vom 29.9.2005 enthaltene Unterstellung halte ich für perfide und absolut indiskutabel. Wer jemanden, der in einer solchen Frage, eine andere Auffassung vertritt, derartiges unterstellt, hat sich für die weitere Debatte nach meiner Auffassung disqualifiziert.
Hier geht es um den Tod von Menschen, die so oder so sterben, es sich aber aussuchen wollen, wo, wie und wann sie sterben. Was gibt es da zu regulieren? Ich erwarte von meinem Staat, dass er sich in diese Entscheidung gefälligst nicht einmischt, weil ich keinen Grund sehe, weshalb er hier die größere Entscheidungskompetenz als jeder einzelne Betroffene hat. Ich kann schließlich auch nichts daran finden, dass Sterbehilfe als Dienstleistung gegen ein Entgeld angeboten wird. Wer dies nicht freiwillig bezahlen will kann sich in ein Hospiz begeben oder die Leistungen der Palliativmedizin in Anspruch nehmen. Das auch das Lebensende Kosten verursacht, die von irgendjemand zu tragen sind, dürfte doch wohl klar sein.
Es ist mir eigentlich egal, was du für indiskutabel hältst, auch wenn deine Formulierung hier drohend den Zeigefinger schwingt. Es wird in der Debatte eben keine qualifizierte Antwort darauf gegeben, weshalb Dignitas die schlechtere Alternative zu Hospiz und Palliativmedizin sein sollte. Und da kann ich nur annehmen, dass beides für die entsprechenden Akteure ein tolles Geschäft ist. Oder verdienen Krankenhäuser und Ärzte daran etwa nicht?
"kategorische" Entmuendigung kann ich nicht unbedingt erkennen. Meines Erachtens muesste die Frage der Muendigkeit in konkreten Extremsituationen genauer erarbeitet werden.
Warum konnte den beiden Deutschen im aktuellen Fall nicht zugemutet werden, sich selbst Gift zu verschaffen oder sich auf andere Weise das Leben zu nehmen? Nicht die Selbsttoetung steht zur Debatte, sondern die Dienstleistung.
Bei der Dienstleistung sollte auch beachtet werden, dass Angehoerige moeglicherweise keine teure Pflege mehr zahlen und/oder die emotionale Belastung durch das lange Sterben abkuerzen moechten. Inwieweit koennen schwerkranke Menschen einem solchen Druck widerstehen?
Hier ein Artikel ueber eine richterliche Entscheidung in der Schweiz. http://www.nzz.ch/2007/02/02/il/newzzEXOF3YO9-12.html
Daraus zitiert: "Bei psychisch kranken Menschen erweise sich die Frage der Verschreibung für einen begleiteten Suizid zwar als besonders heikel. Nach neuen ethischen, rechtlichen und medizinischen Stellungnahmen sei jedoch selbst in solchen Fällen eine Verschreibung des Mittels nicht generell ausgeschlossen."
Ist Dir dabei so ganz wohl?
Pflegekosten sparen und emotionale Belastung abkuerzen, ist das Recht des Sterbenden. Ich hatte aber von den Angehoerigen gesprochen.
Wie kann sicher gestellt werden, dass es tatsaechlich der Sterbende ist, der frei entscheidet und dass er nicht unter Druck gesetzt wurde?
Ist das eine Aufgabe, die Du einer privaten Organisation wie Dignitas ueberlassen wuerdest?
den Hospizen wuerde ich auch nicht zutrauen, in erster Linie im Interesse der Sterbenden zu handeln. Naturgemaess werden eigene Interessen immer an die erste Stelle gesetzt.
Wenn aber Deine Sichtweise allgemein waere, wuerde Dignitas von Staat und Presse nicht mehr besonders beobachtet werden.
Alter und/oder schwerkranke Menschen sind moeglicherweise nicht mehr in vollem Mass imstande, fuer ihre eigenen Interessen einzutreten. Das ist der Punkt. Eine katgorische Entmuendigung waere eine ueberzogene Massnahme. Eine ebenso kategorische Muendigerklaerung ebenfalls.
Das Problem ist, dass wir diese Momente nicht vorausplanen können und wissen, was und in welcher Qualität wir in der Phase der Unmündigkeit denken (können), fühlen (können) etc. - vielleicht wandelt sich ja unser Profitdenken (was wir vielleicht jetzt haben) und wir freuen uns über jede Minute, die wir noch am Leben sind, wissend, dass diese vielleicht die letzte sein könnte und danach im Zweifel nichts mehr - jeder Fehler und vorzeitige Lebensbeendigung wären dann eine Tragödie...
Im übrigen gibt es Studien (bestimmt ein Leichtes, diese im Netz zu finden), die aussagen, dass der Wunsch nach Selbsttötung dem Empfinden entspringt, für die Angehörigen eine Last zu sein bzw. die Angst vor dem Altersheim sowie Schmerzen - vielleicht könnte man eher hier anpacken und etwas ändern als die einfachste Lösung, nämlich den Tod, zu wählen?
"Aber wozu..."
- Dann die Gegenfrage: Wozu leben?
Sterben tun wir alle, auch ohne Hilfe...
Weil der Tod endgültig ist und zumindest bei Einsamkeit, Verlust der Lebensqualität und Schmerzen noch andere Mittel vorgeschaltet / ausprobiert werden können, das Mittel "Tod" kann man nur einmal verwenden - sicher, wenn man in geldwerten Kostendimensionen denkt, ist der Tod vielleicht vergleichsweise am preiswertesten. So eine Denkweise entspricht (noch) nicht unserer Gesellschaft, sondern eher eine solidarische (sonst hätten die Krankenkassen schon längst Verträge mit Dignitas durchgesetzt).
"Warum soll der Mensch über den Umgang mit diesen Problemen nicht selbst entscheiden können?"
Momentan fehlen die Auswahlmöglichkeiten, um tatsächlich entscheiden zu können aus Alternativen und nicht aus Hilflosigkeit und schlechtem Gewissen den Angehörigen gegenüber. Es gibt noch keine zufriedenstellende Palliativmedizin und nichts umfassend Zufriedenstellendes gegen Einsamkeit und verlorene Lebensqualität. Aber vielleicht ja bald ein Unternehmen "Auxilia", das sowas anbietet.
Im übrigen kann man schon jetzt z.T. entscheiden, welche medizinischen Leistungen man erhalten möchte - und welche nicht. Und es gibt Hospize, in die man sich begeben kann.
"Und letztlich wird niemand gezwungen, sich von Dignitas in den Tod helfen zu lassen."
Noch nicht...
"Eigenartige Denkweise..."
- dito!
;-)