Kein gutes Marketing
Ich hatte gestern das Vergnügen das Gemeinschaftssymposium der Industrieverbände BDI/BDZ/HdB"Infrastrukturausbau in Deutschland im Griff der Überregulierung"
verfolgen zu dürfen. Bei allem Verständnis für die Klagen über den zähen
Planungsprozess im Infrastrukturausbau muß gesagt werden, dass auch die Referenten der
Industrie nicht in der Lage sind, über den Schatten ihrer
Partikularinteressen zu springen und nach einer den Kern unseres
Infrastrukturproblems in Angriff nehmenden Politik zu suchen.
Zwar war ganz am Rande der Debatte ein Bekenntnis der Industrie zu
einer nutzerfinanzierten Neuordnung von Infrastrukturausbau und
-betrieb zu vernehmen, doch scheint es noch nicht im allgemeinen
Bewußtsein unserer Wirtschaftsvertreter angekommen zu sein, dass der
gegenwärtig praktizierte politische Planungs- und Finanzierungsprozess
die eigentliche Ursache der Konflikte zwischen Wirtschafts- und
Umweltinteressen ist. So manches von Bauindustrie und Zementherstellern
sowie Regionalpolitikern favorisierte Infrastrukturprojekt würde in der
Tat keine ordentliche Nutzen-Kosten-Analyse überstehen und dennoch wird
von beiden Seiten eingeklagt, dass einmal beschlossene Projekte nun
möglichst rasch ohne weitere Störung durch Verwaltungshemmnisse und
Verbandsklagen umzusetzen sind. Wer derartige Positionen vertritt muß
sich nicht wundern, dass die Interessenartikulation seitens der
Wirtschaft in der Öffentlichkeit häufig nicht auf Gegenliebe stößt.
Daher würde die deutsche Wirtschaft gut daran tun, wenn sie das
Funktionieren des Marktmechanismus nicht nur dann einfordern würde,
wenn dies in ihrem unmittelbaren Interesse ist. Vielmehr sollte der
gegenwärtigen politischen Infrastrukturplanung eine klare Absage
erteilt werden und der Ausbau der Infrastruktur unter Berücksichtigung
der durch die individuelle Zahlungsbereitschaft der Kraftfahrer artikulierte Infrastrukturnachfrage
gefordert werden. Eventuell würde so der eine oder andere
Autobahnkilometer nie das Licht der Welt erblicken, aber es würde
wenigstens sichergestellt, dass die Straßen nicht nur aus den Taschen
der Allgemeinheit für die Taschen von Politikern und
Wirtschaftsvertretern errichtet würden. Der gebetsmühlenartige Verweis
auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Erhalt der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit zeugt nicht von einer auf langfristige
wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet Interessenartikulation.
Verkehrsengpässe und Staus werden nicht einfach durch neue Straßen,
sondern vielmehr durch eine knappheitsgerechte Bepreisung der
Straßennutzung reduziert. Ohne Nutzerfinanzierung füllt sich fast jede
Straße nach kurzer Zeit wieder durch induzierten Verkehr
und es muß weiter Beton in die Landschaft gekippt werden. Im Interesse
aller sollte das vermieden werden, denn Zement und Bauarbeiter lassen
sich auch für andere nützliche Dinge einsetzen. Schließlich kann die
Zementindustrie ihr Geld nicht nur mit Straßen verdienen, Blumenkübel
würden es manchmal auch tun.
