Mit dem Kopf voran

26.08.2006 um 17:42 Uhr

Nutzungskonkurrenz?

In der Debatte um die Biomassenutzung für die Erzeugung von Energie ist immer wieder die Rede von einer Nutzungskonkurrenz zur Produktion von Lebensmitteln. Dabei wird dieses Argument sehr gern benutzt, um Einfuhrrestriktionen von Energierohstoffen aus der Dritten Welt zu begründen. Energiepflanzen würden auf Flächen wachsen, die zur Erzeugung von Nahrungsmitteln der einheimischen Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stehen. Sicherlich führt eine zunehmende Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen für die Erzeugung von Energiepflanzen zu einer Verknappung von Land für die Nahrungsmittelproduktion. Jedoch wird diese nur dann verdrängt, wenn der Anbau von Energiepflanzen lukrativer als die Produktion von Nahrungsmitteln ist. Folglich verdienen die Bauern mit dem Energiepflanzenanbau mehr als mit alternativen Landnutzungsmöglichkeiten. Mit diesen Einkommen lassen sich dann Lebensmittel aus Regionen erwerben, in denen die Lebensmittelproduktion einträglicher ist.

Mitunter ist dieser Strukturwandel jedoch mit Anpassungsproblemen verbunden und zwar vor allem dann, wenn die Nutznießer der Energiepflanzenproduktion und bisherige Landnutzer nicht identisch sind, etwa weil die Verteilung von Land nicht dem Marktmechanismus, sondern staatlich gestützter Vetternwirtschaft gehorcht. Doch lässt sich dieser Zustand nicht auf die Dritte Welt pauschal übertragen und somit nicht als Ausschlußkriterium für den Import von Energiepflanzen etwa aus Brasilien anwenden. Denn wer dieser Logik folgt, der müsste sich bei jeder Banane die er ißt und jeder Tasse Kaffee die er trinkt, Gedanken darüber machen, dass der Anbau dieser Produkte irgendwelche alternativen Nahrungsmittelpflanzen verdrängt und die einheimische Bevölkerung sich nicht allein von Bananen und Kaffee ernähren kann. Es gibt viele Gründe für eine vorsichtige Herangehensweise an die Nutzung von Energiepflanzen. Vor allem die widersprüchliche Umweltbilanz und die mangelnde Rentabilität sprechen gegen eine Euphorie und die massive Förderung. Doch die Verdrängung von alternativen Produktionsmöglichkeiten ist nur dann ein Problem, wenn der Staat dabei durch eine üppige Förderung nachhilft.

Update: Die Vertreter der Nutzungskonkurrenzthese lassen sich sehr schön vor den Karren der Bauerlobby spannen, deren Interesse, wie es Joseph Stiglitz so anschaulich in "Der Tod der Entwicklungsrunde" beschreibt, herzlich wenig mit dem Schicksal armer Bauern in der Dritten Welt zu tun hat:

Das vielleicht empörendste Beispiel ist Amerikas Einfuhrzoll von $ 0,54 pro Gallone auf Ethanol, wogegen Öl zollfrei ist und für Benzin nur ein Zoll von $ 0,5 pro Gallone erhoben wird. Demgegenüber steht die Subvention von $ 0,51 pro Gallone Ethanol, die US-Unternehmen erhalten (ein Großteil davon geht an eine einzige Firma). Daher können ausländische Hersteller nicht konkurrieren, es sei denn, ihre Kosten sind um $ 1,05 pro Gallone niedriger als die der amerikanischen Hersteller.

Durch die gewaltigen Subventionen sind die USA zum größten Ethanolhersteller der Welt geworden. Und dennoch können sich einige ausländische Firmen trotz dieses enormen Vorteils immer noch auf dem amerikanischen Markt behaupten.

Das brasilianische Ethanol aus Zucker kostet in der Herstellung viel weniger als das amerikanische Ethanol aus Mais. Brasiliens Unternehmen sind bei weitem effizienter als Amerikas subventionierte Industrie, die mehr Energie darauf verwendet, dem Kongress die Subventionen zu entlocken, als ihre Effizienz zu verbessern. Einige Studien deuten darauf hin, dass mehr Energie benötigt wird, um das amerikanische Ethanol herzustellen, als darin enthalten ist. Wenn Amerika diese ungerechten Handelsschranken aufhöbe, würde es mehr Energie aus Brasilien kaufen und weniger aus dem Nahen Osten. Offensichtlich unterstützt die Regierung Bush lieber Ölproduzenten aus Nahost, deren Interessen oft von denen der USA abweichen, als Brasilien. Selbstverständlich drückt die Regierung dies niemals so aus. Zumal die Energiepolitik von den Ölunternehmen gestaltet wird, spielen Archer Daniels Midland und andere Ethanolhersteller einfach mit beim korrupten System der „Wahlkampfspenden für Subventionen“.


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