Mit dem Kopf voran

01.10.2007 um 13:52 Uhr

Öl im Schlußverkauf

von: steffenh   Kategorie: Klimawandel

Wenn am Ende der Saison neue Klamotten in die Warenlager drängen, werden die alten Kleider auf dem Grabbeltisch verramscht. Alles muß raus! Schließlich repräsentiert der Preis von Dingen, die nicht mehr produziert werden müssen, sondern lediglich Lagerplatz in Anspruch nehmen, die Kosten der Lagerhaltung und den entgangenen Erlös, den man von der jeweils zahlungskräftigsten Person erwarten könnte. Machen sich die Schönen und Reichen unter uns über die Trends der neuen Saison her, wird der Rest von gestern der weniger zahlungskräftigen Käuferschar vorgeworfen. Eigentlich eine feine Sache, schließlich kommen so auch weniger betuchte Bürger in den Genuss halbwegs modischer Fummel.

Was aber hat das mit dem Klimawandel zu tun? Eine ganze Menge, wie der Münchener Ökonom Hans Werner Sinn uns in seinem neuen Aufsatz "Public Policy against Global Warming" erläutert. Heute verkauftes Öl ist nicht nur deshalb so teuer, weil die Produktionskosten so hoch sind, sondern weil heute verkauftes Öl morgen nicht mehr verkauft werden kann. Geht der Anbieter einer Ölquelle davon aus, dass er mit zunehmender Knappheit des brennbaren Goldes, durch zukünftige Verkäufe mehr erlösen kann als heute, besteht für ihn ein Anreiz nicht alles Öl heute auf den Markt zu werfen, sondern sich in Geduld zu üben. Also reduziert er sein Angebot, was bei gegebener Nachfrage zu einem Preis führt, der über den unmittelbaren Produktionskosten liegt. Ökonomen nennen diese Preiskomponente allgemein den intertemporalen Schattenpreis.

Führt die Politik in dieser Situation zur Nachfragesenkung eine Wertsteuer auf fossile Brennstoffe ein oder reduziert sie die Nachfrage durch die Förderung von regenerativen Energiesubstituten, erzeugt sie einen Schlußverkaufseffekt bei den fossilen Brennstoffen. Weil zukünftige Erlöse sinken, vergrößert sich das Angebot an fossilen Rohstoffen und der Marktpreis nähert sich mehr und mehr den eigentlichen Produktionskosten an. Mit dem Ergebnis, dass der Energiepreis trotz Besteuerung weniger stark steigt und in Ländern ohne nachfragesenkende Politik sogar sinkt, so dass der gesamte Energieverbrauch auch steigen kann. Für das Klima ist durch diese Politik daher vergleichsweise wenig gewonnen.

Also was tun? Isolierte Klimapolitik, wie sie die EU gegenwärtig praktiziert bringt nichts. Steuern auf den Energieverbrauch belasten die Volkswirtschaft, reduzieren aber gleichzeitig die Energiepreise jenseits der europäischen Grenzen. Es mag tröstlich sein, dass unsere hohe Mineralölsteuer die billigen Spritpreise der USA subventioniert hat. Die Förderung der Erneuerbaren Energien ist nicht nur eine besonders ineffiziente Form der Umverteilung, sondern sie trägt auch kaum zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen bei, wenn sie die fossilen Energieträger billiger macht. Wenn man Klimapolitik und Emissionsminderungen für notwendig erachtet, dann sollte man nicht den Energieverbrauch, sondern die Emissionen reduzieren und zwar weltweit.

Via Marginal Revolution.


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