Mit dem Kopf voran

21.12.2006 um 10:12 Uhr

Wer schützt uns eigentlich vor dieser Behörde?

von: steffenh   Stichwörter: Energiepolitik

Das Bundeskartellamt erfindet die Ökonomie neu und mahnt den Energieerzeuger RWE ab, weil dieser den Börsenpreis für Emissionsrechte in seine Preise einkalkuliert. Die Bundesregierung und Teile der Opposition klatschen laut Beifall. Warum das ganz grober Unfug ist, dem wirtschaftlich agierenden Energieversorgern nichts anderes übrig bleibt und in diesem Verhalten die wesentliche Klimaschutzwirkung des Instruments liegt konnte man hier schon des öfteren nachlesen. Insofern ist dieser populistische Schulterschluß bestenfalls dazu geeignet, dem bildungsresistenten Bundesbürger über das Weihnachtsfest die Illusion der Geborgenheit durch einen sich aufopfernd kümmernden Staat zu geben. Als Konsument wird er hiervon sicher nicht profitieren, denn die Begrenzung der Einpreisung wird angebotssenkend wirken und die Attraktivität von Neuinvestitionen in Erzeugungskapazitäten noch weiter reduzieren. Die Einpreisung kommt dann trotzdem und mit Sicherheit noch spürbarer. Doch dann wird es vielleicht eine andere Bundesregierung sein, die auf das Wehklagen seiner Bürger reagieren muß. Und wieder wird uns das Kartellamt schützen wollen. Ich allerdings würde mich noch sicherer fühlen, wenn mich endlich mal jemand vor dem Kartellamt schützt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenParker8 schreibt am 21.12.2006 um 12:56 Uhr:Wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, sich <a href="http://www.bundeskartellamt.de/wDeutsch/aktuelles/2006_12_20.shtml">die Begründung des Bundeskartellamtes</a> anzuschauen, dann wüssten Sie, dass man dort keineswegs so doof ist, wie Sie vermuten.
  2. zitierensteffenh schreibt am 21.12.2006 um 13:35 Uhr:Der Zusammenhang zwischen angeblich marktbeherrschender Stellung (die Marktkonzentration wird heute von keinem ernst zunehmenden Ökonomen mehr als Marktmachtindikator verwendet) ändert nichts an der Einpreisungsnotwendigkeit der Zertifikatspreise. Wer sich mit der Preisbildung auf oligopolistischen Märkten etwas ausführlicher beschäftigt hat, wird wissen, dass mit zunehmender Marktmacht weniger und nicht mehr des Zertifikatspreises überwälzt werden kann, weil eine volle Überwälzung zu Absatzverlusten führt, die den Gesamtumsatz und damit den Gewinn reduzieren. Auch diese Hausaufgabe hat das Bundeskartellamt nicht gemacht und Sie, Parker8, auch nicht. Ich denke mir etwas bei meinen Beiträgen...
  3. zitierensteffenh schreibt am 21.12.2006 um 14:08 Uhr:Das zweite Argument der mangelnden Alternativen ist nicht weniger weit hergeholt wie das erste Argument. Seit beginn des Emissionshandels sind die Emissionsrechte an den europäischen Strombörsen zu einem positiven Preis gehandelt worden und jedes Unternehmen konnte seine freien Rechte dort handeln. Eine Eigenverwendung schlug also stets mit den entsprechenden Kosten der entgangenen Verkaufserlöse zu Buche. Die Pressemitteilung des Bundeskartellamts hat somit nichts Neues bzw. Überzeugendes zu bieten. Aber vielleicht kann mir ja Parker 8 eine schöne Argumentationslinie in die Kommentarliste schreiben?
  4. zitierenParker8 schreibt am 21.12.2006 um 17:28 Uhr:Der Vorwurf, das Kartellamt bestreite grundsätzlich die Möglichkeit der Einpreisung, ist also unhaltbar. Da sind wir schon mal einen Schritt weiter.

    Der Gegensatz zwischen der Stromwirtschaft auf der einen Seite, sowie dem Kartellamt und dem Wirtschaftsministerium auf der anderen, liegt in der Beurteilung der Wettbewerbssituation. Das Kartellamt ist aus Vergleichen zu dem Schluss gekommen, RWE hätte den Preis “bei wirksamem Wettbewerb” nicht durchsetzen können.

    Die Elastizität, die Sie im theoretischen Rahmen unterstellen ("weil eine volle Überwälzung zu Absatzverlusten führt"), wird nicht jeder Beobachter attestieren.
  5. zitierensteffenh schreibt am 21.12.2006 um 18:01 Uhr:Welche Kosten ein Unternehmen in seine Preise einkalkulieren wird,kann kein Kartellamt festlegen. Egal wie sich das Kartellamt entscheidet, die Energieversorger werden ihre Preise und ihre Angebotsmengen so setzen, dass sie ihrer Gewinne maximieren. Das kann man über die Menge und den Preis regeln, egal wie, der Preis wird immer mindestens auf dem Niveau der Grenzkosten liegen. Da aber der Preis der Zertifikate ganz real zu den Grenzkosten beiträgt, wird er Einfluss auf die Angebotsmenge der Energieversorger haben. Da diese sich einer sehr unelastischen Nachfrage gegenüber sehen (die allerdings unter Berücksichtigung der Wettbewerber, von denen an der "Grenze" jeder unabhängig vom Marktanteil den gleichen Einfluss auf den Preis hat, größer als im Monopolfall ist) werden sie versucht sein, möglicht viel dieser zusätzlichen Kosten in den Preis zu überwälzen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie unter den gegeben Marktbedingungen dauerhaft den vollen Zertifikatspreis einpreisen können. Je größer aber die Marktmacht eines einzelnen Anbieters ist, umso stärker beeinflusst er durch seine Preissetzung seinen eigenen Absatz, muß also die Absatzmenge bei seiner Preissetzung berücksichtigen, was zu einer geringen Überwälzbarkeit führt. Lediglich im Fall sog. isoelastischer Nachfrage, bei der die Gesamtausgaben der Nachfrager durch Preisänderungen vollständig kompensierende Mengenreaktionen immer gleichbleiben, wäre im echten Monopolfall eine volle bzw. mehr als 100%-Überwälzung möglich. Im Wettbewerbsfall dagegen wird bei sehr unelastischer Nachfrage eine Erhöhung der Grenzkosten der Anbieter zu einem fast vollständigen Niederschlag in den Preis führen. Insofern könnte man die volle Überwälzung sogar als einen Beleg für Wettbewerb im Strommarkt werten. Solange aber unsere Kartellbehörde Marktmachtprobleme nach einem überkommenen Wettbewerbsmodell und das mit einem untauglichen Wettbewerbsmass bewertet ist ihr nicht zu trauen. Letztlich macht sich die Politik hier nur zur Bühne für die Verteilungskonflikte zwischen Energieversorgern und energieintensiver Industrie. Alles was den Energieversorgern die Gewinne versaut wird deren langfristige Investitionswilligkeit und damit die Höhe der Erzeugungskapazitäten reduzieren. Und je weniger Angebotskapazitäten vorhanden sind, umso geringer wird in der Zukunft auch der Wettbewerb sein. Das macht sich dann erst recht in den Preisen bemerkbar. Aber Parker8, sie können von mir aus gern weiter über den "gerechten Preis" nachdenken.
  6. zitierenParker8 schreibt am 22.12.2006 um 17:03 Uhr:Tja, mit dieser preistheoretischen Textbook-Reflexion hat auch der wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsminister aufgewartet. Ebenfalls ohne jede empirische Verifikation.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie Leute, die die deutsche Volkswirtschaft ansonsten an Verkrustung zerbrechen sehen, wenn es um Gewinne geht, von deren marktwirtschaftlicher Grundierung felsenfest überzeugt sind. Anyways - schöne Festtage!
  7. zitierensteffenh schreibt am 24.12.2006 um 09:00 Uhr:Danke für die schöne Grüße. Weniger originell die Kritik an der Argumentation, ohne selbst eine empirische und vor allem logisch begründbare Erklärungsalternative geboten zu haben. Jeder legt sich seine Antworten zurecht. Die Ökonomen können zumindest die Testbarkeit ihrer Hypothesen reklamieren.

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