Mit dem Kopf voran

21.06.2004 um 17:00 Uhr

Wohlstand: Deutschland vs. USA

Im Wohlstands-Ranking schafft Deutschland leider gerade einmal in das Mittelfeld der US-Bundesstaaten und liegt damit etwa auf der Höhe von Arkansas. Gegenüber den Top-Regionen der USA sehen wir leider ziemlich blaß aus. Lediglich Luxemburg kann da einigermaßen mithalten.
 
 
Das schreibt das Opinion Journal des Wallstreet Journal bezugnehmend auf eine aktuelle Studie des schwedischen Timbro-Instituts und ergänzt dazu:

So what is Europe's problem? "The expansion of the public sector into overripe welfare states in large parts of Europe is and remains the best guess as to why our continent cannot measure up to our neighbor in the west," the authors write. In 1999, average EU tax revenues were more than 40% of GDP, and in some countries above 50%, compared with less than 30% for most of the U.S.

We don't report this with any nationalist glee. The world needs a prosperous, growing Europe, and its relative economic decline is one reason for growing EU-American tension. A poorer Europe lacks the wealth to invest in defense, a fact that in turn affects the willingness of Europeans to join America in confronting global security threats. But at least all of this is a warning to U.S. politicians who want this country to go down the same welfare-state road to decline.

Das Timbro-Institut selbst meint dazu:

Stark differences become apparent when comparing official economic statistics. Europe lags behind the USA when comparing GDP per capita and GDP growth rates. The current economic debate among EU leaders lacks an understanding of the gravity of the situation in many European countries. Structural reforms of the European economy as well as far reaching welfare reforms are well overdue. The Lisbon process lacks true impetus, nor is it sufficient to improve the economic prospects of the EU.

via Mahalanobis

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensteffenh schreibt am 21.06.2004 um 18:20 Uhr:... Was machen die Amerikaner? Fällt das Öl bei denen vom Himmel oder werden texanische Ölproduzenten gezwungen es ihren Landsleuten zu einem Preis unter dem Weltmarktpreis zu kaufen. Wohl kaum. Die USA verspüren den Druck des Ölpreises genauso wie andere Länder und verdienen auch mit ihrem vergleichsweise geringen Marktanteil am Weltölabsatz nicht ihren ganzen Wohlstand mit Öl wie saudische Scheichs.

    Niemand sagt das Ökonomie einfach ist, also sollte man sich bei der Burteilung von wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen auf dieser Welt nicht auf seine Bauernschläue verlassen. Vielleicht hilft dieser Weblog ja den einen oder anderen auf den Weg der Erkenntnis...
  2. zitierenredbull schreibt am 21.06.2004 um 18:58 Uhr:Wobei Absatz zwei von dem Artikel ein echter Hammer ist:



    A poorer Europe lacks the wealth to invest in defense, a fact that in turn affects the willingness of Europeans to join America in confronting global security threats. But at least all of this is a warning to U.S. politicians who want this country to go down the same welfare-state road to decline.



    Da wird als Zweck für Wohlstandsmaximierung das Argument angeführt, dass die Europäer dann mehr in Verteidigung investieren könnten, um den USA beizustehen.



    Das ist ein Witz im Quadrat. Man muss bei Sicherheitspolitik nicht bei den Symptomen ansetzen, sondern bei den Ursachen.



    Die Ursachen sind:

    1. Eine verfehlte Nahostpolitik der USA

    2. Unzureichendes Kräftegleichgewicht im Welthandel, was zur Armut in vielen Ländern und so zu Radikalismen führt.



    Zu 1 will ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Das ist politisch. Zu 2.: würden die westlichen Industrienationen, allen voran Hr. Bush und die EU, ihre Industrie- und Agrarsubventionen abbauen und ihre Zollschranken abbauen, d.h. wirkliche Globalisierung praktizieren und nicht eine protektionistische Wirtschaftspolitik unter dem Deckmantel Globalisierung, dann hätten z.B. Agrarimporte aus den ärmsten Ländern dieser Welt eine Chance auf den hiesigen Märkten. Das würde 100-mal mehr Wohlfahrts- und Sicherheitsgewinne einfahren, als jeder Euro im Entwicklungs- oder (noch dümmer wie vom o.g. Institut vorgeschlagen) Verteidigungsetat.



    Die Verquickung von falscher Sicherheitspolitik und vermeintlicher ökonomischer Schlussfolgerung diskreditiert die gesamte Berichterstattung des WSJ. Ich hoffe nur, dass es ein Kommentar und keine normale Nachricht war...
  3. zitierensteffenh schreibt am 21.06.2004 um 19:43 Uhr:Hoffe ich auch. Soweit ich die Original-Studie bisher überflogen habe, kommt dieser Interpretation nicht von dort.
  4. zitierenMStastny schreibt am 22.06.2004 um 05:31 Uhr:Da wird als Zweck für Wohlstandsmaximierung das Argument angeführt, dass die Europäer dann mehr in Verteidigung investieren könnten, um den USA beizustehen.



    Meines Achtens auch nicht sonderlich intelligent formuliert. Aber: Die Europäer könnten bei der Entwicklungshilfe (zB: Afghanistan, Irak) um einiges tiefer in die Tasche greifen - was man als indirekte Verteidungsausgaben auffassen könnte.



    Eine verfehlte Nahostpolitik der USA



    Als Ökonometriker würd ich mir die Frage stellen, in welchem Ausmaß die verfehlte Nahostpolitk der USA (und anderen Nationen...) zur gegewärtigen Lage geführt hat. Ich bin der Überzeugung, dass die Politik/Religion in den als Gefahrenherd betrachteten Ländern als Hauptverantwortlicher für die Misere zu nennen ist.



    würden die westlichen Industrienationen, allen voran Hr. Bush und die EU, ihre Industrie- und Agrarsubventionen abbauen und ihre Zollschranken abbauen,



    Abbauen was das Zeug hält, meine Devise. Was man jedoch nicht vergessen sollte: 1. Es gibt genug unterentwickelte Länder die Agrarprodukte importieren müssen und von einem durch Subventionen künstlich niedriggehaltenen Weltmarktpreis profitieren. 2. Es ist schon fraglich, inwieweit sich manche Entwicklungsländer in Cacun nicht selbst ins Bein geschossen haben (mangelnder Verhandlungswille) 3. Es wird immer vergessen, dass der aufzuteilende Kuchen keine konstante Größe hat. Die entwickelten Länder sind NICHT auf Kosten der anderen Länder reich geworden. Dieses Imperialismus-Unterdrückungs-Bla-Bla hilft niemanden.
  5. zitierensteffenh schreibt am 22.06.2004 um 10:04 Uhr:Sehe ich auch so. Allerdings profitieren sie von den künstlich reduzierten Weltmarktpreisen nur kurzfristig, wie sie eben auch von der Entwicklungshilfe bestenfalls kurzfristig was haben. Denn die Subventionen können kaum als Hilfe zur Selbsthilfe angesehen werden, wenn sie dazu beitragen das Entwicklungsländer ihre komparativen Kostenvorteile in bestimmten Landwirtschaftsbereichen verlieren.

    Ich habe leider auch keine Ahnung wie man die nichtsnutzige Ausbeutungs-Attitüde aus den Köpfen der Leute verbannen kann.
  6. zitierenredbull schreibt am 22.06.2004 um 11:58 Uhr:Unterdrückungs-Bla-Bla sollte es eigentlich nicht sein. Ich bin nur der Meinung, dass durch eigene Leistung verdientes Geld sinnvoller ist als jede Entwicklungshilfe.



    Die EU Agrarpolitik ist in diesem Zusammenhang einfach nur ein Witz. Was hat denn ein Entwicklungsland ausser Agrarprodukten und Rohstoffen anzubieten. Für letztere gibt es einen halbwegs funktionierenden Weltmarkt, für erstere überhaupt nicht. Damit beraube ich doch auf Agrarexporte angewiesene Ländern sämtlicher Einnahmemöglichkeiten.



    Das mit der unglücklichen Cancungeschichte sehe ich ebenfalls wie Du. Das habe ich rückblickend auch nicht verstanden.
  7. zitierenGini schreibt am 11.11.2008 um 15:41 Uhr:Bei den Vergleichen zwischen EU oder Deutschland mit den USA wird ein riesiger Fehler gemacht. Der besteht darin, dass zwei Faktoren völlig unberücksichtigt bleiben.

    1. Das BSP / BIP wird zur ermittlung des pro Kopf Einkommens durch die Bevölkerungszahl geteilt. Des weiteren wird richtigerweise eine paritäten Kaufkraft ermittelt. Allerdings berücksichtigt das Ergebnis nicht, dass in Europa ein großer Teil der Staatseinnahmen wieder beim Bürger landet (Arbeitslosenversicherungen, Krankenversicherungen, Rentenversicherungen, Subventionen...).

    2. Die Einkommensverteilung in den USA unterscheidet sich massiv von der in Deutschland und den EU-15 Staaten. Das bedeutet, dass der kumulierte und dann durch die Bevölkerungszahl geteilte BSP Betrag, diese ungleichmäßige Einkommensverteilung egalisiert und unberücksichtigt läßt. Offensichtlicher ist das bei kleinen ölfördernden Staaten. Hier weiß und sieht jeder, dass das hohe pro Kopf Einkommen dadurch zustande kommt, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung über unglaubliche Werte "erwirtschaftet" (Ölverkauf).

    In den USA fließen in das BSP Börsenumsätze, Umsätze der großen Ölkonzerne etc. In der Folge ist eine Ungleichverteilung. Für alle die mehr dazu wissen möchten, empfehle ich eine Suche nach dem Stichwort: Gini-Koeffizient
  8. zitierenRe: Gini schreibt am 11.02.2009 um 00:23 Uhr:Gini hat recht, dieses Papier der beiden schwedischen "Forscher" ist ziemlicher Blödsinn. Hab nur einen Teil gelesen, dann wurde es mir zu lächerlich.

    Erst einmal sollte man sich anschauen, wie die Amerikaner ihr BIP ermitteln:
    http://www.chrismartenson.com/crashcourse/chapter-16-fuzzy-numbers (Englisch)

    Deren BIP besteht zu über 30% aus Werten, die keinerlei Leistung gegenüberstehen und somit fei erfunden sind. Also kann man diese schöne Zahl schonmal in die Tonne drücken.

    Trotzdem kann man sich ja mal die BIP/Kopf Zahlen der amerikanischen Bundesstaaten anschauen und mit Deutschlands Bundesländern vergleichen:

    USA Top 5 (in Dollar)
    1 District of Columbia 124,363
    2 Delaware 59,288
    3 Connecticut 50,332
    4 Massachusetts 46,721
    5 New York 46,617

    In D.C. leben trotz dieser 6-stelligen Zahl 19% der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Sprich, nur weil dort sehr viele der großen amerikanischen Anwaltsfirmen und Kongressabgeordnete, Lobbyisten etc. verkehren, geht deren BIP/Einwohner durch die Decke. Der GINI-Koeffizient ist wohl 3. Welt Niveau.

    Deutschland Top 5 (in Dollar)
    1 Hamburg $73.750
    2 Bremen $58.394
    3 Hessen $52.388
    4 Bayern $50.981
    5 Baden-Württemberg $48.180

    Sieht garnicht so dramatisch aus oder?

    Der andere Punkt wäre privater Konsum. Die Amis leben auf Pump wie keine andere Nation, nicht nur der öffentliche Sektor, sondern auch die privaten Haushalte. Deutschland hat eine Sparquote von 11%, die USA von unter 1%. Die USA haben außerdem die höchste private Verschuldung.
  9. zitierenRobert Neal schreibt am 05.11.2009 um 23:17 Uhr:meine Schwedischen Forscher!
    Willkommen in Jahr 2009 in der Amerikanischen Wohlstandskrise!

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