Look out for the last man alive!

10.09.2006 um 02:18 Uhr

"Das glaubste vielleicht!"

von: Doubtfool   Kategorie: Blog Tour

Stimmung: Terry Pratchett - "Johnny and the Bomb"
Musik: "Wheel of Time"-Soundtrack - "More ahead"

 

Stellt euch vor, ihr könntet in der Zeit zehn Jahre zurück reisen und euer damaliges Ich treffen. Was würdet ihr ihm sagen wollen? Vor was wollt ihr es warnen? Welche Ratschläge gebt ihr ihm mit auf den Weg?

[Jegliche zeitreisentheoretische Paradoxa sind zum Zwecke dieses Blogeintrages außer Kraft gesetzt, ihr müsst euch also keine Sorgen um Paralleluniversen, multiples Kaskadenversagen und kleine Mönche mit Besen machen. Haut rein.]
 

Zuletzt sahen wir Centis Vergangenheit.

So. Nun ich also. Hmpf. Die Welt (oder zumindest das Forum) schaut vorbei, und mein Blog ist das reinste Chaos. Die Kommentare zu ersten Eintrag sind weg (DANKE Blogigo!), der Rest ist fast nur Mist und der einzige einigermaßen vernünftige Eintrag wurde von Unbekannt überschrieben (DANKE Blogigo!). Na ja, so ist das nun mal. Und ich bin ein Chaot.

Ich soll also etwas zu/über mein(em) Ich von vor zehn Jahren schreiben? Nicht unbedingt die leichteste Aufgabe. Ohne Zeitparadoxa! Ha! Hahahahaha! Ich! Sonst noch etwas? Darüber hinaus, mein 96er Ich ist/war zwölf Jahre alt und hat(te) auch so schon genug Probleme mit seiner Vergangenheit und Gegenwart, ohne das seine zukünftige Gegenwart in der Vergangenheit (seiner Gegenwart) etwas über seine Gegenwart und Vergangenheit erzählt. Also, die Vergangenheit und Gegenwart des zukünftigen Ichs, also dessen, welches dieses hier gerade schreibt. Mit anderen Worten, ohne dass das zukünftige Ich des vergangenen Ichs diesem etwas über dessen Zukunft erzählt. Nein, das sind noch keine Zeitparadoxa, das ist nur Grammatik, und Ihr lest sie (vermutlich; wer weiß, welchen Zeitbegriff Ihr habt) nur in einer Zeit.

Was das Ganze jedoch wirklich schwierig macht, ist die Tatsache, dass ich meine Vergangenheit nicht ändern will. Würde ich das tun, würde ich mich nicht zu dem Menschen entwickelt haben, der ich jetzt bin – und trotz allem, was ich an meiner Person auszusetzen habe, bin ich doch recht zufrieden mit mir. Aber erzähl das mal einer meinem damaligen Ich! Der Gute würde mich dafür zusammenfalten, und das sogar mit Recht. Er würde mir vermutlich das gleiche vorhalten, was ich immer gegen Jenseitsvorstellungen (ob nun Himmel oder Hölle) gehabt habe, nämlich dass keine nachträgliche Gerechtigkeit das aktuelle oder vergangene Unrecht aufwiegt, weil ansonsten die Bedeutung des „Jetzt“ ad absurdum geführt wäre. Ich komme mir ein bisschen vor wie Alan Rickman aka „Die Stimme“ in ‚Dogma’, als er Bethany über ihr Schicksal aufklärt – ich wünschte, ich könnte mir das ersparen, aber ich kann es nicht. Und im Gegensatz zur Szene im Film will ich es eben auch nicht. Ich bin Ich, nicht nur meine Stimme – und selbst mein Avatar würde meine Vergangenheit nicht schonen, nein, er tatsächlich ganz sicher nicht. (Ich habe den Film gerade gesehen; zum zweiten Mal. Es war mal wieder angebracht. Wann habe ich ihn das erste Mal gesehen? Nun, nicht vor zehn Jahren, so alt ist der Film noch nicht, oder? Egal, schaut ihn euch an, es lohnt sich sehr! Nicht nur Alan Rickmans wegen.)

Nun, jedes Gespräch mit mir würde meine Vergangenheit und damit auch ihr Ergebnis (die Gegenwart) umschreiben – mit ungewissem Ergebnis. Also lasse ich es sein und belasse alles so, wie es war/ist. Um aber die Form zu wahren und eine Botschaft an mein damaliges Ich zu versenden, bedienen wir uns einfach eines Gesprächs in einem Traum, welcher nach dem Aufwachen wieder vergessen ist. So dürfte nichts passieren. Mein damaliges Selbst war zwar bereits einigermaßen erfahren darin, aktiv zu träumen und einen Traum nach seinen Wünschen zu formen (Eine Fähigkeit, die mit den Jahren immer besser wurde, bis ich sie vor ziemlich genau einem Jahr scheinbar völlig verlor. Jetzt mache ich das gleiche mit der wachen Welt.) aber ich habe nicht nur ebenfalls einen „Heimvorteil“, sondern auch noch ein paar Jährchen mehr Erfahrung mit meinem Geist. Also dann:

 - Du hast die Hölle hinter dir, ich weiß. Und du hast sie auch noch vor dir. Ich würde dir gerne sagen, dass du das schlimmste schon geschafft hast, aber ich weiß nicht, ob das wirklich der Wahrheit entspricht. Immerhin, zumindest dürfte es dich nicht mehr kalt überraschen. Deine Probleme werden weitergehen, unterbrochen von zumindest länger werdenden Phasen unbefriedigender, aber wenigstens einigermaßen ruhiger Mittelmäßigkeit. Später werden sie durch neue Probleme ersetzt, die auf ihre eigene Art mindestens genauso schlimm sind. Danach hast du es überstanden!

- Auch, wenn du es jetzt für absolut unmöglich hältst, dass das jemals wieder geschieht, aber du wirst es wieder lernen, einen Moment wie selbstverständlich zu nehmen und ihn nicht zu bezweifeln. Irgendwann wirst du jeden Tag irgendwie das Gefühl haben, dass sich die ganze Welt um dich dreht – weil sie sich um dich dreht! Du wirst eines Tages einen Zustand der Selbstsicherheit und der Zuversicht erreichen, für den viele andere Menschen tatsächlich ihre Seelen verkaufen. Speaking of, auch deine Abneigung gegen den Begriff „Seele“ wird sich legen.

- Genauso werden Menschen eines Tages das, was du tust und bist, gutheißen und dir sagen, dass du ihr Leben bereicherst. Einige, aber nicht alle dieser Menschen wirst du selbst sein.

- Dass du mit der Musik aufhören wirst, ist zwar schade, aber zu verkraften.

- Du bist nicht immun gegen die Wirkungen von Psychologie, Poesie, Musik, Symbolen sowie die des anderen Geschlechts auf dich. Du wirst jedes auf seine eigene Weise zu schätzen und zu nutzen wissen – und dich fragen, wie du vorher ohne leben konntest und wolltest.

- Das Leben wird dich in verschiedene Formen prügeln, aber eines Tages wirst du dich in gleicher Weise revanchieren, wenn auch nicht so, wie du es dir jetzt vorstellst.

- Auch wenn du sie häufig für nervig, ahnungslos und überheblich hältst, so sind deine Eltern doch immer für dich da und werden es auch immer sein. Vielleicht muss deine Umwelt auch eines Tages nicht mehr unter deinem Jähzorn leiden – das wird zwar auch besser, ist aber noch nicht ganz erledigt. Besser? Na ja… Klappe da hinten! *seufz* Quod erat demonstrandum.

- Fantasy im Allgemeinen und „Der Herr der Ringe“ im Besonderen lohnen sich mehr, als du es dir vorstellst. Bleibe unbedingt dabei!

- *seufz* Ich habe es inzwischen vergessen, und von dir werde ich ja keine Antwort erhalten, aber ich wüsste zu gern, wozu du einiges von diesem Zeug aufgehoben hast/aufheben wirst, das ich heute beim Schreibtischaufräumen gefunden habe. Das ist doch größtenteils nur Schrott, der vor sich hinstaubt!

- Ich werde es noch bitter bereuen, dass du dich für die Schule so gut wie niemals wirklich anstrengen musstest und auch ohne Disziplin gute Noten bekommen hast! Mach trotzdem weiter so! ;-)

- Auch der härteste Stein wird irgendwann vom gefrierenden Wasser zersprengt oder wird von Wind und Regen zu Sand zermahlen, während der Baum zwar jedes Mal Blätter im Winter und Äste im Sturm verliert, aber immer wieder neue Triebe schlagen kann – die auch Felsen brechen können. Du hast glücklicherweise mehr von einem Baum in dir, als von einem Stein.

- Realität ist ein vielseitig Ding. Es ist durchaus Platz für Magie darin, und du wirst sie eines Tages beherrschen – oder was glaubst du, wie ich dir das alles gerade mitgeteilt habe? Ja, das meine ich ernst. Aber du musst noch viele Fehler machen, bis du das erkennst. 

So. Und jetzt sieh bitte in diesen wirbelnden Strudel voller Nichts und Farben. Noch etwas näher… 

Gut. Damit wäre das auch erledigt. Wobei ich das ganze jetzt nur bedingt produktiv fand. Die wirklich einschneidenden Veränderungen in meinem Leben fanden im Zeitraum von vor fünf Jahren bis vor einem Jahr statt, und mein zwölfjähriges Ich hat vielleicht gerade mal die Hälfte des Weges dahin beschritten (inhaltlich, nicht zeitlich). Er muss ja die ganzen Fehler noch machen, bevor er sie als solche erkennt.

Noch besser wäre eine Botschaft von meinem zukünftigen Ich, aber das würde mir natürlich nichts sagen, weil es damit ja seine Vergangenheit… und so weiter.

Hmmm…    

Moment mal! Alter Ego, hast du dich vorhin in den Traum eingemischt?

Bitte? Ich habe diese peinliche Angelegenheit bewusst verschlafen.

Gewissen?

Ich? Nein.

Oookay, Avatar?

Nein. Ich verstehe das selbst nicht. Und ich mag es nicht, wenn Dinge geschehen, die sich mir entziehen.

Khaibit und Barabbus würden mich niemals dazu anhalten, meinen Jähzorn zurückzufahren, und Melancholie war es mit ziemlicher Sicherheit auch nicht, oder?

Nein.

Dann bleibt nur noch eine Möglichkeit. 

Ich verdammter Mistkerl! Eines Tages, wenn ich nicht mehr daran denke, zahle ich mir das heim, ich warte es nur ab!

Bevor ich an Broken weitergebe, noch das Lied, ohne welches dieser Blogeintrag nicht vollständig wäre:

The Levellers - Confess

My friend, well, he walked me down
theses roads I`d never know.
The salvation of my soul, myself the only goal.
There were pleasures I thought I`d seen
and some I never knew.
There were people dressed in rainments of an uncertain hue
and the chances that I thought I`d had many I missed.
There were devils bearing gifts and angels on the piss.

For my sins I will confess and now I`ll never lie!
There`s nobody that was ever here that`s never wondered why!
And I`ve lived my life the best
every second to defy!
Will nobody that was ever here grieve me when I die?

On the first day I met myself
coming back from the third.
I believed in what I was doing.
I swallowed every word,
every word that I was told by the great and the good.
I bit the poisened apple, `cos I felt that I should.

For my sins I will confess and now I`ll never lie!
There`s nobody that was ever here that`s never wondered why!
And I`ve lived my life the best
every second to defy!
Will nobody that was ever here grieve me when I die,
when I die?

Now that I come to it I can`t recall
what it was I achieved just before my fall.
I saw visions of uglyness, I visited shame
but I know should I come to it
I`d do it all again!

For my sins I will confess and now I`ll never lie!
There`s nobody that was ever here that`s never wondered why!
And I`ve lived my life the best
every second to defy!
Will nobody that was ever here grieve me when I die?
And I`ve lived my life the best
every second to defy!
Will nobody that was ever here grieve me when I die,
when I die?
Will nobody that was ever here grieve me when I die?

 

Weiter mit Broken.


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