Kursbuch Lebensbalance - Texte und Weghinweise für Geist & Seele

27.09.2007 um 15:09 Uhr

Ein kleiner Junge wird erwachsen - aus dem Leben von Walther Lechler (2)

Therapie und Selbsthilfe
Ein kleiner Junge wird erwachsen     
  -  aus dem Leben von  Walther L.   - 2 -


Ich bekam ein Stipendium, um in Frankreich Medizin zu studieren, um der Verantwortlichkeit
in meiner Ehe zu entfliehen. Während meines Aufentaltes in Paris ließ sich meine Frau von mir scheiden.
Später fand sie jemand, der wirklich ein reiferer Mensch war und Verantwortung für eine Ehe übernehmen konnte. Er übernahm auch die Verantwortung für meine Tochter. Ich konnte diese Verantwortung nicht übernehmen.
Da es bei uns in Deutschland zu viele Ärzte gab, hatte ich kein Einkommen. Im Jahr 1954 trat ich im Alter von 30
in München in die amerikanische Armee ein und diente dort vier Jahre als Arzt. Ich dachte, ich könnte in die Vereinigten Staaten auswandern.

Während des ersten Monats meines Dienstes, kam ein Sergeant in mein Büro und sagte :
"Sie sind unser neuer Battalions–Arzt ;  ich möchte gern mit Ihnen reden.
 Wissen Sie etwas über die Alcoholics Anonymus ?"  Ich antwortete : "Alcoholics Anonymus ?  Nein."
Ich dachte, das sein Club, wo die Leute anonym trinken, damit man ihnen keinen Vorwurf machen kann.

Nachdem ich die Zwölf Schritte gelesen hatte, meinte ich, es sei eine Sekte, eine der vielen Sekten, die in den Vereinigten Staaten existieren. Da ich aber einmal in den Vereinigten Staaten leben wollte, meinte ich, es sei
doch besser, diese Sekte kennen zu lernen. An den Namen des Sergeanten kann ich mich nicht mehr erinnern.
Aber heute glaube ich, dass Engel wirklich existieren, dass
sie in der Gestalt menschlicher Wesen erscheinen.
Der Sergeant fragte mich, wie ich Alkoholiker behandeln würde. Ich sagte : "Das ist leicht. Ich habe darüber in den medizinischen Vorlesungen gehört. Sie sind keine Freude für einen Arzt.  Sperr sie einfach ein, beobachte sie, leg
sie trocken und entlasse sie. Wenn sie einen Rückfall haben, dann sperre sie wieder ein, und wieder und wieder."
Er fragte : "Warum kommen Sie nicht zu unseren Meetings und sehen sich unseren Weg an ?"
Die Gruppe hatte sich erst seit Oktober 1953 getroffen, und es waren nur drei Deutsche in dieser amerikanischen Gruppe.  AA existierte also tatsächlich damals noch nicht in Deutschland.
Ich nahm regelmäßig an geschlossenen Meetings teil, und sie adoptierten ihren Battalions–Arzt. Sie behandelten mich sehr höflich, bis sie eines Tages bemerkten, ich sollte die Watte aus meinen Ohren nehmen und in meinen Mund stecken.
Das war eine wirklich rührende Art, mir zu sagen, dass ich lernen sollte, zuzuhören.
Es war ein guter Rat.
Am Anfang verletzte es mich ein bisschen.  Aber da sie mir gegenüber so nett waren, beschloss ich den Rat anzunehmen.  In jener Zeit wurde ich auch mit Al–Anon bekannt.  Nach dem AA – Meeting gingen wir
gewöhnlich zu einem Soldaten nach Hause und hatten dort ein AL–Anon–Meeting.

Ich bin dem Sergeant sehr dankbar, weil ich all diese Geschichten dieser Männer hören durfte.
Ich verstand, dass es meine eigenen Geschichten waren.
Ich erkannte, dass ihr Leben und mein Leben sehr ähnlich waren, mit dem Unterschied, dass ich nicht trank.
Ich fand aber viele Arten, wie man verantwortungslos leben konnte.
Ich konnte mich mit ihnen identifizieren und wollte zu ihrer Gemeinschaft gehören.  Ich fühlte mich eigentlich
elend bei dem Gedanken, dass ich tatsächlich nicht zu ihnen gehörte, da ich ja kein Alkoholiker war. Ich sagte
ihnen nicht, dass ich deswegen zu ihnen kam, weil ich einer von ihnen sein wollte, um von ihnen angenommen zu sein; dass es dies war, wonach ich suchte.
Ich fand eine Gemeinschaft, wo ich mich nicht mehr verbergen musste; wo ich nicht immer den starken Mann zu spielen hatte ; wo ich nicht alles zu wissen brauchte; wo ich meine Schwächen und mein Versagen zugeben konnte; wo ich nicht gerichtet oder verdammt, sondern angenommen und sogar geliebt wurde, wirklich geliebt.
In der Welt draußen, dachte ich, ich müsse eine Rolle spielen, viele verschiedene Rollen : Ich musste eine Rolle spielen bei meiner Freundin; eine Rolle als Battalionsarzt; eine Rolle bei den Soldaten; eine Rolle wenn ich als Deutscher in eine Stadt kam; eine Rolle als ein Arzt. In der AA konnte ich mich befreit fühlen, frei, weil hier keine Rolle erforderlich war, außer der, ein offener Mensch zu sein, aufrichtig zu sein; und das war alles.

Diese Gabe zu bekommen, angenommen zu sein, war etwas Wunderschönes. Im Rückblick fühlte ich damals keine große Wandlung in mir selbst.  Heute aber kann ich sehen, das das 12-Schritte-Programm der AA, das ich in den Meetings kennen lernte, eine starke Wirkung auf mich hatte.
Ich fühlte eine Führung von Gott, die damit begann, dass der Sergeant mir von der AA erzählt hatte. Ich fühlte mich nicht mehr allein.  Ich fühlte mich sicherer und spürte, dass es ein Ziel und einen Sinn im Leben gab.
Dann kamen viele Jahre der Verlassenheit und Finsternis. Ich machte viele Erfahrungen mit Frauen, weil ich meinte, wenn ich die richtige Frau gefunden hätte, wären all meine Probleme gelöst.
Ein Teil meiner Lebensgeschichte, der gut war, liegt darin, dass ich meine jetzige Frau kennenlernte.
Ich war Chefarzt und hatte große medizinische Verantwortung.
Ich verbarg mein wirklich Selbst hinter einem weißen Kittel, meinem Titel und meinem Gehirnwissen. Jedermann starrte mich an, jedermann glaubte an mich, jedermann glaubte, ich sei ein weißer Magier.  Aber unter diesem weißen Mantel war ein kleiner unsicherer Junge, der scheu und furchtsam war, der vor vielen Dingen Angst hatte, besonders vor Frauen.

- wird fortgesetzt -