Kursbuch Lebensbalance - Texte und Weghinweise für Geist & Seele

22.03.2007 um 13:14 Uhr

Die kleine Seele und die Finsternis - >Geschichten zum Nachdenken<

Es war einmal eine kleine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht.

"Ich bin das Licht", sagte sie.
"Ich bin das Licht."  Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen.
Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts  a u ß e r  dem Licht.
J e d e  Seele war großartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz Gottes ehrfurchtgebietenden Lichts.
Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne.
Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen.
Und so groß war ihr Verlangen, dass Gott eines Tages zu ihr sagte :
"Weißt du, Kleines, was du tun musst, um dein Verlangen zu befriedigen ?"
"Oh, was denn, Gott ? Was ? Ich werde  a l l e s  tun!" sagte die kleine Seele.

"Du musst dich vom Rest von uns trennen", gab Gott zur Antwort, "und dann musst du für dich die Finsternis herbeibeschwören."
"Was ist die Finsternis, oh Heiligkeit ?" fragte die kleine Seele.
"Das, was du nicht bist", erwiderte Gott, und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich sogar in ein anderes Reich auf.
Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.

Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus :
"Vater, Vater, warum hast du mich verlassen ?"
So wie wir das auch in unseren dunkelsten Zeiten getan haben.

Doch Gott hat uns alle nie verlassen, sondern uns immer zur Seite gestanden, bereit, uns daran zu erinnern,
wer-wir-wirklich-sind;
Bereit, immer bereit, uns nach Hause zu rufen.

Seien wir deshalb der Finsternis ein Licht und verfluchen sie nicht.


Aus : "Gespräche mit Gott / Ein ungewöhnlicher Dialog", Band 1 – Neale Donald Walsch ( Goldmann )

22.03.2007 um 13:04 Uhr

Die Geschichte von Agnes - >Geschichten zum Nachdenken<

Agnes war alt. Am Sonntag kam immer Besuch ins kleine Haus am Dorfrand.
Kinder und Kindeskinder, Schwiegersöhne und -töchter ließen sich am gedeckten Mittagstisch nieder. Am Samstag schleppte Agnes jeweils einen Berg Lebensmittel heran und stand den ganzen Sonntagmorgen am Herd, wie schon ihr ganzes Leben lang.

An einem sonnigen Tag freundete sich Agnes mit einem jungen Mädchen aus dem Dorf an.
Die beiden verstanden sich ohne viel Worte, und Agnes fühlte sich in Gesellschaft der 16jährigen plötzlich wieder lebendig und irgendwie mutig.
Als sie sich eingestand, dass ihr die Familiensonntage eigentlich zu viel waren, dass sie doch für ein Leben lang mehr als genug geschleppt und gekocht hatte, strich sie kurzerhand die Einladungen.

Sie verabredete sich mit dem jungen Mädchen, holte ihre besten Kleider aus dem Schrank, fuhr in die Stadt, flanierte herum, ging ab und zu ins Kino oder saß im Sommer in einem Straßencafe und übte das Nichtstun.
Das ungleiche Paar fand immer irgendetwas, was beiden Freude machte.

Sie lachten viel zusammen und amüsierten sich über die neugierigen Blicke der andern.
Agnes war seit sehr, sehr langer Zeit vollkommen glücklich.
Selbst an Werktagen verbrachte sie jetzt ihre Zeit mit Spazieren und mit Nichtstun, anstatt sich gedrängt zu fühlen, ihre Pflicht zu tun, die doch schon längst zur automatischen Routine geworden war.

Agnes lebte ganz in der Gegenwart, es schien ihr, als sei die Vergangenheit von ihr abgefallen wie ein muffiger, zu eng gewordener Mantel.
Ihre Rente und das wenige Gesparte setzte sie bis zum letzten Rappen für ihre neue Lebensart ein.

Die Familie reagierte empört. Was war bloß mit der Mutter los ? War sie jetzt doch noch senil geworden ? Musste man da nicht eingreifen ? Gab sie nicht alles Geld für das junge Mädchen aus ?
Mutter überhörte gelassen die Kritik ihrer Kinder. Über den Dorfklatsch lachte sie auf ihren Sonntagsausflügen.

Agnes hatte die Narrenfreiheit des Alters erreicht, sie war keinem Rechenschaft schuldig.
Spät, aber nicht zu spät, nahm sie sich die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie für gut befand. Als Agnes zwei Jahre später starb, lag ein friedliches, beinahe verschmitztes Lächeln auf ihrem Gesicht.
Zu erben gab’s nichts.

Aus : Tarot-Karten als Lebenspfad / Bachmann, Dettwiler