Walther Lechler hat wesentlich dazu beigetragen, dass die 12 Schritte Selbsthilfegruppen
einen Weg hier nach Deutschland gefunden haben.
Er war viele Jahre Leiter der »Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb« –
und brachte dann den Förderkreis Ganzheitsmedizin Bad Herrenalb in die Welt.
Der Link zum »Förderkreis Ganzheitsmedizin« - - > http://foerder-kreis.de/
Walther ist ein Pionier in Sachen seelische Gesundheit; wir schätzen ihn sehr.
Im folgenden erzählt er aus seinem bewegten Leben.
Aus dem "Blauen Buch" der Selbsthilfegruppen »EA/ Emotions Anonymous« - - > http://www.emotionsanonymous.de/
Therapie und Selbsthilfe
Ein kleiner Junge wird erwachsen 
- aus dem Leben von Walther L.
Als kleiner Junge war ich unzufrieden. Obwohl ich in einer Familie lebte, in der sich alle – meine Großeltern,
meine Eltern und mein jüngerer Bruder – sehr um mich kümmerten, suchte ich nach irgendetwas, ich wusste
nicht was. Mir schien, als gäbe es etwas, dass ich finden müsse. Ich fühlte mich uneins mit der Welt.
Als ich jung war, gab es in meiner Familie viele kranke Menschen, einschließlich meiner Mutter, die einmal
operiert wurde. Ich sah viele Krankenhäuser von innen und traf viele Ärzte.
Ich entschied mich, Arzt zu werden, damit ich dieses Gefühl des Un-Wohlseins überwinden könne. Aber das Medizin – Studium war nicht die Antwort, die ich suchte. Meine Studien waren nicht die Antwort. Meine Beziehungen zu anderen Menschen waren auch nicht die Antwort.
Meine Eltern, meine Großeltern und mein Bruder liebten mich. Aber ich fühlte mich nicht wert genug, ihre
Liebe zu empfangen. Darum musste ich die besten Noten in der Schule erwerben. Wenn ich nicht die besten
Noten bekam, wenn ich schlechtere als die besten bekam, kam ich heim und heulte, und meine Eltern taten
alles, um mich zu beruhigen und sie sagten : "Es ist schon recht, Walther, wir wissen, dass Du arbeitest."
Viele Kinder spielten; ich nicht. Ich lernte nicht, weil ich lernen wollte, sondern weil ich meinen Eltern eine
Freude und ihre Zuneigung erwerben wollte. Alle waren stolz auf mich. Mein Bruder spielte lieber. Er hatte Freundinnen. Zu meinem Bedauern hatte ich keine Freundinnen. Ich lernte es, einen hohen Preis für die
Liebe meiner Eltern zu bezahlen. Ich meinte, ich müsste für die Liebe, die sie mir unentgeltlich geben
wollten, einen hohen Preis bezahlen.
Ich tat alles, um andere Menschen zur Liebe zu mir zu bewegen. Ich hatte Angst, den Kontakt mit den
anderen zu verlieren. Später war ich furchtsam. Ich liebte mich selber nicht. Ich war dünner als ich jetzt
bin und konnte darum nie kurze Hosen tragen. Ich sah aus wie ein Storch! Ich hatte auch Pickel.
Im Alter von fünfzehn hätte ich eine Brille tragen müssen; ich trug aber keine.
Wenn ich über Land wanderte, sah ich wunderbare Blumen; aber das waren keine Blumen, es waren
weggeworfenes Papier und Zigarettenschachteln! Während des Krieges habe ich viel gelitten. Ich konnte
nicht verstehen, warum Menschen einander töten, oder warum ich in ein fremdes Land geschickt werden
sollte, um dort Soldat zu sein und zu kämpfen. Während meines ersten Monats in der Deutschen Luftwaffe
wollte ich desertieren und in die Schweiz gehen. Damals gab es aber ein Gesetz, nachdem die Familie
jedes Deserteurs in ein Konzentrationslager geschickt wurde. So musste ich also bleiben.
An jedem Tag in der Kaserne und bei den Märschen betete ich zu Gott. Er solle mir helfen, da ich nicht
töten wollte. Währen der drei Jahre meines Dienstes in der Luftwaffe habe ich persönlich niemanden
jemals getötet. Ich war nicht im aktiven Kampf, sondern diente z.B. als Spezialist für Fallschirme oder
auf andere Art; und ich half dadurch, London und all die anderen großen Städte mit Bomben zu belegen ...
Ich war noch auf der Suche und wusste, dass das, was ich tat, nicht das war, was ich eigentlich tun wollte.
Ich dachte, die Medizin sei die Antwort auf mein Suchen ; sie war es aber nicht.
1949 habe ich geheiratet. Meine Frau war schon Ärztin, da sie während des Krieges studiert hatte.
Sie war eine schöne Frau ; aber ich war ein kleiner Junge und nicht fähig, Verantwortung für eine Ehe
auf mich zu nehmen. Als ich hörte, sie sei schwanger, heirateten wir, weil ich "das Richtige" tun wollte.
Ich fühlte mich aber so, als sei ich in einem Käfig oder einem Gefängnis. Ich empfand mich noch nicht
bereit zur Ehe, obwohl ich schon 26 Jahre alt war. Ich war unreif und unfähig, auf die Situation die
richtige Antwort zu geben, unfähig zur Verantwortung ; ich war in einem Zustand von Un – Verantwortungsfähigkeit.
In dieser Zeit dachte ich an Abtreibung. Ich schämte mich dieser Gedanken, weil ich wusste, das das
unrecht war ; aber ich dachte daran. Wenn ich heute meine Tochter sehe, die jetzt 27 Jahre alt ist, weiß
ich, dass es ein Verbrechen ist. Aber ich war eben schwach, ein Schwächling, noch ein kleines Baby.
Wie kann ein kleines Baby ein Baby haben und verantwortlich sein ? Das ist unmöglich.
Meine Eltern und meine Schwiegereltern taten alles, um uns zu helfen. Ich war entzückt, als das Baby
geboren war, fühlte mich aber doch wie ein Tier im Zoo, ruhelos wie sich ein Tiger im Käfig fühlt, weil er
nicht in seiner eigenen Welt lebt. Meiner Frau machte ich das Leben elend. Sie war viel reifer als ich.
Sie versuchte alles. Sie verstand, was im Leben notwendig ist, was vorrangig war. Ich aber dachte zuerst
immer an das zweitrangige.
In meinem Kopf hatte ich viele gute Ideen : Ich wollte reisen, in fernen Ländern studieren.
Aber ich wollte die Wirklichkeit nicht annehmen.
Das verursachte in mir Schwierigkeiten und führte zu einer ernsten Depression und vielen Selbstmord
–Versuchen. Heute weiß ich, dass meine Selbstmordversuche, meine Phantasien und Ideen für mich
nur der Ausdruck, das Signal waren, dass ich meine Lebensweise ändern müsse.
Heute verstehe ich, dass Selbstmordgedanken ein Segen sein können, wenn Du ihre richtige Bedeutung
verstehst, die heisst : Du sollst Dein Leben ändern, Deine jetzige Existenz loslassen und eine neue
Existenz finden.
Das war aber sehr schwer auszuführen. Es ist ebenso hart, wie Selbstmord zu verüben.
In meiner Klinik halte ich Vorträge, und einer dieser Vorträge hat den Titel : "Wie nehme ich mir
auf die richtige Art das Leben ?"
Die meisten meiner Gäste sind hier, um die beste Art und Weise zu finden, sich zu töten.
Dabei merken sie, dass ich nicht denselben Begriff von Selbstmord habe. Die Lebensweise, mit der die
Wirklichkeit nicht gepackt werden kann, muss aufgegeben werden, damit wir eine neue Art zu leben,
eine neue Existenz finden können. Eine Raupe muss sterben, um ein Schmetterling zu werden.
Sie könnte nie ein Schmetterling werden, wenn sie nicht bereit wäre, zu sterben.
Du weißt doch genau, dass Du, wenn Du noch eine Raupe bist, eben eine Raupe bist. Wenn Du das
aber aufgibst, weißt Du nie, ob Du ein Schmetterling werden wirst.
- wird fortgesetzt -