Kursbuch Lebensbalance - Texte und Weghinweise für Geist & Seele

20.09.2007 um 15:44 Uhr

Die kleine Seele und die Finsternis - >Weisheitsgeschichten<

Die kleine Seele und die Finsternis

Es war einmal eine kleine Seele, die sich als
das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele
und deshalb auf Erfahrung erpicht.
"Ich bin das Licht", sagte sie. "Ich bin das Licht."
Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte
die Erfahrung davon nicht ersetzen.
Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte,
gab es nichts  a u ß e r  dem Licht.
J e d e  Seele war großartig, jede Seele war herrlich,
und jede Seele erstrahlte im Glanz
Gottes ehrfurchtgebietenden Lichts. Und so war
diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne.
Inmitten des grandiosesten Lichts -
von dem sie ein Teil war - konnte sie sich selbst
nicht sehen und auch nicht erfahren,
wer-und-was-sie-wirklich-ist.
Nun geschah es, dass diese Seele sich danach
sehnte und verzehrte, sich selbst kennenzulernen.

Und so groß war ihr Verlangen, dass Gott
eines Tages zu ihr sagte :
"Weißt du, Kleines, was du tun musst,
um dein Verlangen zu befriedigen ?"
"Oh, was denn, Gott ? Was ?
Ich werde  a l l e s  tun !" sagte die kleine Seele.
Du musst dich vom Rest von uns trennen",
gab Gott zur Antwort, "und dann musst du
für dich die Finsternis herbeibeschwören."
"Was ist die Finsternis, oh Heiligkeit ?"
fragte die kleine Seele.
"Das, was du nicht bist", erwiderte Gott,
und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und
machte sich sogar in ein anderes Reich auf.
Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht,
sämtliche möglichen Formen von Finsternis
in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.
Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus :
"Vater, Vater, warum hast du mich verlassen ?"
So wie wir das auch in unseren dunkelsten
Zeiten getan haben.
Doch Gott hat uns alle nie verlassen, sondern
uns immer zur Seite gestanden, bereit,
uns daran zu erinnern, wer-wir-wirklich-sind;
bereit, immer bereit, uns nach Hause zu rufen.
Seien wir deshalb der Finsternis ein Licht
und verfluchen sie nicht.

Aus : "Gespräche mit Gott / Ein ungewöhnlicher Dialog"
von Neale Donald Walsch (Goldmann)

Das besondere Kino-Erlebnis: 
»Gespräche mit Gott « als Film, Oktober 2007  Fröhlich
Der Link - - > 
http://www.gmg-derfilm.de/

                                        

12.04.2007 um 11:07 Uhr

Eine Gruppe Touristen - >Weisheitsgeschichten<

Eine Gruppe Touristen fuhr
durch eine wunderschöne Gegend.

Doch die Vorhänge des Zuges
waren zugezogen, so dass keiner
der Reisenden die geringste Ahnung
hatte, wie es draussen aussah.

Sie waren die ganze Zeit damit
beschäftigt, darüber zu debattieren,
wer auf den Ehrenplatz dürfe,
wem diese Ehre nun zustände,
wer der Beste sei, wer der Schönste,
wer der Begabteste.

So ging es fort,
bis die Reise vorbei war ...

Wenn du jetzt verstehst, bist du frei,
dann weisst du, was Spiritualität ist.


- Anthony de Mello -

10.04.2007 um 12:55 Uhr

" WER BIST DU ? " - >Weisheitsgeschichten<

"W e r  b i s t  d u ?" 

Eine Frau lag im Koma.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, sie käme in den Himmel und stände vor dem Richterstuhl.
" Wer bist du? " fragte eine Stimme.
" Ich bin die Frau des Bürgermeisters", erwiderte sie.

" Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern wer du bist. "
" Ich bin die Mutter von vier Kindern. "
" Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist. "
" Ich bin Lehrerin. "
" Ich habe nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist. "
Und so ging es weiter.

Alles, was sie erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage zu sein :
" Wer bist du? "
" Ich bin eine Christin. "
" Ich fragte nicht, welcher Religion du angehörst, sondern wer du bist. "
" Ich bin die, die jeden Tag in die Kirche ging und immer den Armen und Hilfsbedürftigen half."
" Ich fragte nicht, was du tatest, sondern wer du bist."
Offensichtlich bestand die Frau die Prüfung nicht, denn sie wurde zurück auf die Erde geschickt.

Als sie wieder gesund war, beschloss sie, herauszufinden, wer sie war.
Und darin lag der ganze Unterschied.


- Anthony de Mello -

07.04.2007 um 14:45 Uhr

Fußspuren - >Weisheitsgeschichten<

F u ß s p u r e n

Eines Nachts hatte ein Mensch einen Traum.

Er träumte, er gehe, gemeinsam mit Gott, den Strand entlang.

Über dem Himmel hin leuchteten die Szenen aus seinem Leben auf.

Für jeden der Szenen bemerkte er im Sand zwei Paar Fußspuren:
die eine gehörte zu ihm selbst, die andere zu Gott.

Als die letzte Szene vor ihm aufgeleuchtet war, blickte er zurück auf die Fußspuren und bemerkte, dass lange Zeit den Weg entlang nur ein Paar Spuren im Sand zu sehen war. Er bemerkte auch, dass dies geschehen war während der schwersten und traurigsten Zeit in seinem Leben.

Das machte ihm ernstlich Kopfzerbrechen, und er fragte Gott:
"Herr, Du sagtest, als ich mich entschied, dir zu folgen, du werdest meinen ganzen Weg mitgehen. Aber ich bemerkte, dass während der schlimmsten Zeit meines Lebens nur ein Paar Spuren da waren.
Ich verstehe nicht, dass - als ich dich am meisten brauchte - du mich verlassen hast."

Gott antwortete: "Mein kostbares Kind, ich liebe dich und wollte dich niemals verlassen!
Während deiner Zeit voller Last und Leiden, als du nur ein paar Spuren gesehen hast, da habe ich dich getragen."

-Eine alte englische Legende-

03.04.2007 um 15:16 Uhr

Die volle Tasse - >Weisheitsgeschichten<

Es war einmal ein westlicher Professor der Philosophie. Er reiste zu einem Zen-Meister, um ihn nach Gott, der Unendlichkeit, der Meditation und vielem anderen zu befragen.

Der Meister hörte sich schweigend all die Fragen des Mannes an.
Nach einer Weile sagte er:  "Du hast eine weite Reise hinter dir und du siehst müde aus.
Ich werde dir eine Tasse Tee machen."
Während der Meister den Tee zubereitete, brannte der Professor vor Ungeduld.  Er war schließlich nicht zum Teetrinken gekommen, sondern um Antworten auf alle seine Fragen zu bekommen! Wahrscheinlich war dieser
Zen-Meister gar kein weiser Mann und wollte nun nur Zeit gewinnen.  Sollte seine Reise gar umsonst gewesen sein?

Und als er schon fast am Aufstehen war, kam der Meister mit dem Tablett, auf dem der frisch gebrühte Tee stand.
So entschied der Professor, den Tee zu trinken und erst dann zu gehen.
Der Meister nahm die Kanne und begann dem Professor Tee in seine Tasse einzuschenken. Schnell war die Tasse voll und der Tee lief über den Rand und über die Untertasse.

"Halt, Sie Narr! Was tun Sie denn da? Sehen Sie denn nicht, dass die Tasse voll ist? Und dass auch die Untertasse bereits übergelaufen ist?"
Da lächelte der Meister und sprach: "Und genau so ist es mit dir. Dein Verstand ist wie diese Tasse: überfüllt mit Fragen.  Selbst wenn ich dir Antworten geben würde, hätten sie gar keinen Platz mehr in deinem Kopf, denn es
passt dort genauso wenig hinein wie in diese Tasse.
Geh also und leere deine Tasse. Und komm wieder, wenn Platz in dir ist."

- Zen-Geschichte, umgeschrieben -

22.03.2007 um 17:40 Uhr

Die drei Filter des Sokrates - >Weisheitsgeschichten<

Von Sokrates im antiken Athen (469-399 v.u.Z.), dem Lehrer von Platon und Aristoteles,
wird folgende Geschichte erzählt:

D i e  d r e i  F i l t e r  d e s  S o k r a t e s

»Weißt du, was ich gerade über einen deiner Freunde hörte?«,
fragte ihn ein Bekannter.

»Moment mal«, sagte Sokrates. »Bevor du mir irgendetwas sagst, möchte ich mit dir
einen kleinen Test machen. Er wird >dreifacher Filter< genannt.«

»Dreifacher Filter?«, fragte der Mann.
»Ja«, sagte Sokrates, »so heißt dieser Test. Bevor du mir über meinen Freund etwas sagst, möchte ich, dass du das, was du sagen willst, drei Mal filterst. Der erste Filter ist der der Wahrheit.
Bist du dir wirklich sicher, dass das, was du mir erzählen willst, wahr ist?«

»Nein«, sagte der Mann, »ich hatte das gerade gehört und wollte es dir einfach weitergeben.«
»Okay«, sagte Sokrates. »Du weißt also nicht, ob es wirklich wahr ist. Lass uns nun den zweiten Filter anwenden, den der Güte. Ist das, was du mir über meinen Freund sagen willst, etwas Gutes?«
»Nein, im Gegenteil«, sagte der Mann, »es ist etwas Schlechtes.«

»Also«, fuhr Sokrates fort, »du willst mir über ihn etwas Schlechtes erzählen, und du bist dir nicht sicher, ob es wahr ist. Du kannst den Test trotzdem noch bestehen, denn es gibt noch einen dritten Filter, den des Nutzens : Ist das, was du mir über meinen Freund erzählen willst, für mich nützlich?«

»Nein, nicht wirklich«, antwortete der Mann.
»Dann«, schloss Sokrates, »wenn das, was du mir sagen willst, nicht unbedingt wahr, nicht gut und auch nicht nützlich ist, dann sage es mir lieber nicht.«

15.03.2007 um 16:43 Uhr

Himmel und Hölle - >Weisheitsgeschichten<

Ein Weiser bat den Schöpfer der Welt um die Gunst, noch zu seinen Lebzeiten einmal einen Blick in den Himmel und die Hölle tun zu dürfen, was ihm an allerhöchster Stelle auch gern gewährt wurde.

So besuchte der alte Mann die Hölle und studierte die dortigen Verhältnisse sehr genau.
Es schien ihm eigentlich alles sehr zivilisiert zuzugehen, doch fiel ihm auf, dass die Insassen abgehärmt und hohlwangig ihrer Wege gingen, obwohl die Tische, an denen sie aßen, überreichlich mit den allerfeinsten Dingen gedeckt waren.
Des Rätsels Lösung war : Sie kamen nicht heran.
Denn zum Essen stand einem jeden von ihnen nur ein riesiger Löffel mit einem langen Griff zur Verfügung, mit dem er die Speisen zwar aufnehmen, nicht jedoch zum Mund führen konnte.
Das war die Strafe, die der Weltenschöpfer sich für jene Neunmalklugen ausgedacht hatte, die der Auffassung waren, sie seien die wichtigste Person in ihrem Leben.

Das leuchtete dem Weisen ein. Wie staunte er jedoch, als er im Himmel die gleichen langen Löffel gewahrte. Auch hier gab es nichts anderes zum Essen als eben dieses unpraktische Besteck, das in der Hölle als Foltergerät galt.
Im Himmel jedoch waren die Seligen wohlgenährt, und von heiterer Seelenruhe, was den Weisen eine Zeit lang sehr verwirrte - bis das Essen aufgetragen wurde: riesige, dampfende Schüsseln voll irdischer und himmlischer Genüsse.

Was unser Weiser dann sah, gab selbst ihm noch zu denken (obwohl Weise wirklich sehr viel denken und meist auch alles gründlich zu Ende). Erstaunt beobachtete er, wie sich die Himmelsbewohner mit ihren langen Löffeln gegenseitig fütterten.
Und er fand, dass es höchste Zeit sei, die Lebenden auf diesen einen bedeutsamen Unterschied zwischen Himmel und Hölle hinzuweisen.
Er verabschiedete sich und eilte schnellen Schrittes in seine Heimat zurück.


- eine Weisheitsgeschichte der Sufis -