Lesen oder Lassen?

23.10.2007 um 23:17 Uhr

Warum folgten sie Hitler

Autor: Stephan Marks

Original: Warum folgten sie Hitler? (2007)

meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

Laut Wikipedia.de[1] versammelten sich am 15. März 1938 zehntausende Menschen, um am Wiener Heldenplatz Hitler zuzujubeln, der den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündete. Auch der Einzug der Wehrmachtstruppen drei Tage zuvor wurde von den Österreichern durchaus mit Begeisterung gefeiert. Doch woher kam diese Begeisterung? Was macht die Faszination Adolf Hitler für die Menschen damals aus?

 

Genau dieser Frage geht der Sozialwissenschaftler Stephan Marks nach. Für sein Buch haben er und sein Team mit zahlreichen ehemaligen HJ-Funktionären, SS-Offizieren, NSDAP-Mitgliedern, BDM-Mitgliedern und Zeitzeugen gesprochen und in umfangreichen Interviews, gestützt von umfassender Recherche, versucht, die psychologischen Grundlagen eines für unsere Begriffe unerklärlichen Phänomens zu ergründen. Im ersten Kapitel beschäftigt sich das Buch mit dem sogenannten magischen Bewusstsein. Marks versteht unter dem magischen Bewusstsein eine Art Bewusstseinszustand, der dem früher Kulturen entspricht, entwicklungspsycho-logisch betrachtet also auf einem sehr niedrigen Verarbeitungsniveau steht. Der Autor geht davon aus, dass die Faszination für die Person Adolf Hitler auf Zuschreibungen und Projektionen besonderer Fähigkeiten, fast magischer Fähigkeiten, beruht. In den Interviews mit den Zeitzeugen wurde oft so von damals gesprochen, als empfände man eine „Heilige Scheu“. Viele der Interviewten scheinen auch eine Art „religiöses Tabu“ in Hitler und den Ereignissen gesehen zu haben – ein Umstand, der zum großen Schweigen damals wie heute beigetragen haben könnte.

 

Im zweiten Kapitel beschreibt Marks ein Phänomen, das er als Hypnotische Trance bezeichnet. Durch die ausschließliche Fokussierung auf die Person Hitlers, auch durch Kampagnen, und das „Dritte Reich“ wurden Geschehnisse außerhalb ausgeklammert und nicht bewusst wahrgenommen. Reduzierte Kritikfähigkeit und Passivität waren weitere Folgen. Die Interviewten erzählen, „nichts gewusst“ zu haben und „nicht interessiert“ gewesen zu sein. Der Autor geht davon aus, dass Aussagen wie diese nicht unbedingt als praktische Ausreden im Nachhinein darstellen, sondern dass Viele in „lustvollem Unwissen“ und Passivität schon damals alle Verantwortung von sich gewiesen hätten.

 

Marks geht im dritten Kapitel auf die Scham ein, die mit der Niederlage des Ersten Weltkrieges, des Versailler Vertrags, der Armut, Arbeitslosigkeit und Geldentwertung einher ging. Das NS-Programm bot den Menschen Opfer an (Juden und andere Volksgruppen, Behinderte und Homosexuelle), auf die sie ihre Wut und Scham projizieren konnten. Durch die Beschämung und schließlich auch Ermordung dieser Mitbürger wurde vielfach die eigene Scham abgelegt. Man gehörte zu den „Gewinnern“.

 

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Narzissmus und narzisstischer Kollusion. Menschen lechzen nach Bestätigung und Anerkennung, manche mehr und manche weniger, je nachdem wie ausgeprägt der Narzissmus ist. Nicht durch Zufall hatte war jede nationalsozialistische Organisation in viele Untergruppen und Ränge gegliedert, für jeden Rang gab es bestimmte Auszeichnung. So war es für jeden Anhänger relativ einfach, schnell Gratifikationen für seine Bemühungen zu erhalten, was ihn noch näher zur Partei brachte, da ja durch sie die Bestätigung des eigenen Selbst erst möglich wurde.

 

Die Traumata früherer Generationen greift das fünfte Kapitel auf. Die Väter der jüngeren Nationalsozialisten hatten am eigenen Leib die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs miterlebt. Sie gaben diese Traumata an die jüngere Generation weiter. Das NS-Programm idealisierte und heroisierte die Veteranen des Ersten Weltkriegs, Gefühlskälte wurde zum Programm.

 

Im letzten Kapitel beschreibt Marks das Verhältnis zwischen der NSDAP und seinen Mitgliedern als eine Abhängigkeit oder Sucht, wobei Adolf Hitler und das „Dritte Reich“ die Suchtmittel waren. Durch Gruppenerlebnisse wurde Abhängigkeit geschaffen, die durch psychosoziale Dynamik von Klein- und Großgruppen erzeugt wurde.

Marks versucht keineswegs, mit diesem Buch Erklärungen zu liefern oder gar das Verhalten der Menschen damals zu entschuldigen. Er möchte lediglich aufklären, es ist ihm ein Anliegen, aus der Geschichte zu lernen, und nicht bloß über sie. Über die Geschichte könne man genug in der Schule, in Büchern und alten Akten lernen, damit man aber aus der Geschichte lernen und Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen kann, müsse man die NS-Täter und Mitläufer selbst interviewen. Schon Adorno forderte 1966 „die Wurzeln [sind] in den Verfolgern [zu] suchen, nicht in den Opfern.“[2] In einem siebenjährigen Forschungsprojekt ist Marks eben dieser Forderung nachgekommen.

 

Das Buch liest sich sehr interessant, durch Originalzitate aus den Interviews werden die Gedanken und Thesen des Autoren untermauert und man beginnt tatsächlich, zu verstehen. Wobei „verstehen“ natürlich keinesfalls mit „entschuldigen“ oder „verteidigen“ zu verwechseln ist. Auf diese scharfe begriffliche Trennung legt Marks auch Wert. Zwar behandelt dieses Werk nicht primär den Anschluss Österreichs an Deutschland, doch ist meines Erachtens nach die Behandlung des Nationalsozialismus aus einer psychologischen Sicht eine sehr interessante Überlegung, die tatsächlich zu einem Lernen für die Zukunft führen könnte. Man möchte fast meinen, zehntausende irren nicht. Tun sie aber doch. Das Buch hilft, ansatzweise die Euphorie und Begeisterung der Menschen, auch und vor allem in Österreich nach dem Anschluss zu erklären. Da Marks die Grundlagen der besprochenen psychischen Vorgänge geduldig und mit vielen Beispielen erklärt und seine Gedanken durch die Interviews mit den Zeitzeugen belegt und ihm immer wieder ein Kommentar zu seinen eigenen Feststellungen entschlüpft, der eines gewissen Galgenhumors nicht entbehrt, kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.



[2] Adorno, Theodor: Erziehung nach Auschwitz. In: Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt, Suhrkamp 1969. S. 85-101.


  • Verlag: Patmos; Auflage: 1 (2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3491360048
  • ISBN-13: 978-3491360044
  • 09.09.2007 um 13:27 Uhr

    Stadthunde

    Autorin: Katharina von der Leyen

    Original: Stadthunde (2003)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

     

    Es gibt wohl keinen Hundebesitzer in der Stadt, der nicht schon den vorwurfsvollen Satz „Hunde sind in der Stadt doch arm“ von einem vermeintlichen Tierfreund gehört hätte. Tatsächlich ist dem aber nicht so und Katharina von der Leyen räumt mit diesem Missverständnis auf. Sie zeigt auf, in welchen Punkten sich Hunde am Land von Stadthunden utnerscheiden, gibt nützliche Erziehungstipps und Hinweise und macht den Leser auf seine eigenen Verhaltensfehler in der Hundeerziehung aufmerksam.

    Humorvoll, mit vielen lustigen Illustrationen, liebevoll und sachlich korrekt bis ins Detail – so präsentiert sich dieses Werk von Katharina von der Leyen. Nicht nur dieses, auch alle anderen Bücher von ihr würde ich uneingeschränkt empfehlen – man lernt und lacht gleichzeitig, nebenbei wird der eigene Hund auch noch zum Superdog. Was will man mehr?


  • Taschenbuch
  • Verlag: Blv Buchverlag; Auflage: 1 (Mai 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3405164850
  • ISBN-13: 978-3405164850
  • 12.04.2007 um 21:00 Uhr

    Das Welpenbuch

    Autorin: Katharina von der Leyen

    Original: Das Welpenbuch (3. Aufl. 2007)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Her damit!

    Katharina von der Leyen hat einen Ratgeber geschrieben, der jedem angehenden Welpenbesitzer sehr ans Herz gelegt sei. Erfrischend locker und mit überraschend humorvollem Stil lässt sich dieses Buch wunderbar lesen. Auch sie scheut sich nicht, eindrückliche Warnungen auszusprechen. Wenn man nicht bereit ist, sich auch bei strömendem Regen oder Hagel, Blitz und Donner um drei Uhr nachts in den Garten zu stellen und darauf warten, dass der kleine Hund sich löst, sollte man keinen Welpen anschaffen. Gut, man bekommt zwar dadurch einen strahlend frischen Teint, aber man muss sich halt bewusst sein, was man sich da anschafft. Und für welche Dauer.

    Die Kapitel sind übersichtlich gegliedert, das Wichtigste findet sich am Ende noch einmal als Zusammenfassung. Behandelt werden

    * Entwicklungsstadien des Welpen
    * Hundesuche
    * Persönlichkeit der Welpen
    * Ankunft zu Hause
    * Die ersten Wochen zu Hause
    * Die Ernährung des Welpen
    * Gesundheit
    * Erziehung

    Im Anhang finden sich noch nützliche Adressen und ein Verzeichnis weiterführender Literatur. Für den Anfänger ist dieses Werk sicherlich eines der Standardwerke. Ausführlich genug, aber nicht zu detailliert, um den Hundebesitzer-Novizen zu überfordern. Als einziges Manko lässt sich nur sagen, dass es sich hierbei um die 3. "durchgesehene" Auflage aus dem Jahr 2007 handelt. Besonders sorgfältig kann es allerdings nicht durchgesehen worden sein, wenn immer noch Markpreise angegeben werden. Aber solange das der einzige Fehler ist, hat Katharina von der Leyen ein perfektes Buch für Welpen-Beginner geschaffen.


  • Gebundene Ausgabe: 159 Seiten
  • Verlag: Blv Buchverlag; Auflage: 3., durchges. Aufl. (Januar 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3835402374
  • 10.04.2007 um 21:12 Uhr

    Welpe

    Autorin: Brigitte Harries

    Original: Welpe - halten & pflegen, verstehen & beschäftigen (2007)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Für mich auch!

    In diesem aktuellen Ratgeber gibt Brigitte Harries erste Anleitung zum Umgang mit einem Welpen. Sie tut dies in einer liebevollen Art und Weise, erklärt, was sie weshalb für den Umgang mit einem Junghund als für wichtig erachtet und wie man die natürliche Rudelanhängigkeit des Hundebabys dazu nutzt, einen umweltverträglichen Erwachsenen aus ihm zu machen. Die Autorin geht darauf ein, worauf man bei der Anschaffung achten sollte, woran man einen seriösen Züchter und einen gesunden Welpen erkennt. Sie beschreibt die ersten Tage im neuen Heim, wie man das neue Familienmitglied zur Stubenreinheit erzieht und gibt Pflege- und Fütterungsratschläge. Illustriert wird der Ratgeber von 136 Farbfotos.

    Brigitte Harries wuchs bereits mit Hunden auf, studierte Pädagogik und Verhaltensbiologie und gibt in bekannten Hundezeitschriften Expertenratschläge. Dieses zugegebenermaßen eher dünne Ratgeberchen ist sehr gut geeignet, um sich einen ersten, eher oberflächlichen Eindruck zu verschaffen, am besten noch, bevor man sich einen Welpen ins Haus holt. Für die Hundeaufzucht sollte dieses Werk nicht das einzige Nachschlagewerk darstellen, sondern kann lediglich einen groben Überblick geben.


  • Broschiert: 72 Seiten
  • Verlag: Kosmos (Franckh-Kosmos); Auflage: 1 (Februar 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3440103862
  • 20.03.2007 um 11:29 Uhr

    Britannica & ich

     

    Autor: A. J. Jacobs

    Original: Know-it-all; the (2004)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Ich will auch klug werden!

    A. J. Jacobs schreibt für das Klatschmagazin Esquirer. Eines Tages wird ihm klar, dass die Ebbinghaus'sche Theorie der Gedächtniskurve auf erschütternde Weise zutrifft und er schon einen erheblichen Teil seines Schulwissens vergessen hat. Nicht nur dass - sein Schwager Eric ist noch dazu ein Klugscheißer, sein Vater eine Koryphäe auf dem Gebiet der Juristerei. So beschließt Jacobs, der klügste Mensch der Welt zu werden und besorgt sich die 2002er Ausgabe der Encyclopaedia Britannica, die er von A bis Z durchlesen will.

    Dieses ist ein ehrenwertes Vorhaben, schließlich ist die Britannica eins der umfassendsten Lexika. Es sind 33.000 Seiten, 65.000 Artikel, 24.000 Abbildungen und 32 jeweils knapp zwei Kilo schwere Bände, die gemeinsam rund 44 Millionen Wörter beinhalten. Aufgestapelt ergibt das rund 1 m 20 gestapeltes Wissen - und das alles liest Jacobs.

    In seinem Buch "Britannica & ich" findet man Anekdoten aus der Britannica, zu denen Jacobs immer wieder humorvolle Kommentare verfasst. Außerdem erfährt der Leser, was sonst noch so in Jacobs Leben passiert. Humorvoll und doch geistreich gestaltet sich Jacobs Werk, während dessen Lektüre man auch noch das eine oder andere lernen kann. Und wenn nicht, dann bleibt immer noch der Weisheit letzter Schluss: Wissen und Intelligenz sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Nicht dasselbe, aber doch verwandt. Eigentlich möchte man meinen, es sei nicht besonders interessant, wenn jemand ein Buch über ein Buch schreibt, das er gerade liest. Jacobs beweist das Gegenteil.


  • Gebundene Ausgabe: 427 Seiten
  • Verlag: List (August 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3471795138
  • 21.12.2006 um 22:26 Uhr

    Spuk in Wien

     

    Autoren: Christof Bieberger, Alexandra Gruber, Gabriele Hasmann

    Original: Spuk in Wien

    meine Bewertung: Verrückt von 5

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    Die Autoren Bieberger, Gruber und Hasman haben in ihrem Werk verschiedene Begebenheiten und Geschichten zusammengesammelt, die angeblich "gruselig" sein sollen und sich in Wien abspielten. Das Buch gliedert sich in mehrere Teile, zu jedem Teil werden Geschichten erzählt. Irgendwie tu ich mir mit einer Rezension zu diesem Buch schwer. Es ist spurlos an mir vorübergegangen, obwohl die Autoren ja eigentlich das Gegenteil bezwecken wollten und ein Werk über Spuk in Wien verfassen wollten.

    Warum das nicht wirklich gelungen ist, kann vielleicht auch an der Wiener Mentalität liegen, die halt anders ist als jene der Engländer, die stolz auf ihre Gespenster sind. Allerdings hätte man aus dem Bisschen, das die Autoren zusammengetragen haben, durchaus gruselige Geschichten basteln - das funktioniert aber nicht, wenn mans so macht wie die Autoren. Irgendwie lustlos und banal. Und sie selbst scheinen auch nicht so ganz an das zu glauben, was sie "Spuk in Wien" nennen. Fazit: lieber nicht!


  • Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
  • Verlag: Ueberreuter (Januar 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3800070170
  • ISBN-13: 978-3800070176