Autor: Tom Sharpe
Original: Wilt in Nowhere (2004)
meine Bewertung:


von 5
Ich will Wilt!
Henry Wilt lebt ein beschauliches Leben als Berufsschullehrer in der kleinen Stadt Ipford in England. Total beschaulich ist Wilts Leben nur dann, wenn man die vier heftig pubertierenden Teenagertöchter Emmy, Penelope, Josephine und Samantha mal außer Acht lässt und auch seine stark beleibte Frau Eva, die sich nervtötend schnell und nervtötend intensiv für Dinge begeistern kann, auch nicht mitzählt.
Diesen Sommer wird die ganze Familie Wilt von Evas Onkel Wally und Tante Joan nach Amerika eingeladen. Die beiden sind zwar nicht besonders liebenswürdige Charaktere, aber sie haben Geld. In Eva erwacht also der Plan, ihre Verwandten dazu zu bringen, die Vierlinge in ihrem Testament reich zu bedenken. Für Henry, der schon wenig erfreuliche Bekanntschaft mit dem konservativen Onkel Wally gemacht hat, könnte der Sommer nicht schrecklicher sein. Weil er sich auf keine langen Debatten mit Eva einlassen will, greift er zu einer List, um daheim bleiben zu können.
Die Frauen machen sich alleine auf den Weg nach Amerika, Henry hingegen beschließt, zu Fuß das alte England zu erforschen. Er packt seinen Rucksack und marschiert los. Doch weder Evas, noch Henrys Reise sind von Erfolg gekrönt. Eva kommt schon im Flugzeug in Berührung mit einem Drogenkurier, der das Gepäck der Mädchen dazu benutzt, eine sehr wertvolle Fracht loszuwerden. Henry wandert durch Englands kleine Dörfer und Gaststätten, doch seine Reise wird zur Odysee, als er ausrutscht und sich den Kopf anschlägt. Daraufhin wacht er erst im Krankenhaus aus einer langen Ohnmacht auf, während der mysteriöse Dinge vorgefallen zu sein scheinen.
Zum einen ist da ein abgefackeltes Herrenhaus, ein Wagen voll pädophilen Schundheftchen, eine Prostituierte mit Spezialgebiet SM und schließlich noch ein toter Schattenminister. Angesichts des Inspektors, der zu seiner ständigen Überwachung neben seinem Bett abgestellt wurde, scheint es Henry das Beste zu sein, sich an nichts erinnern zu können. Und das Problem ist: Er kann sich wirklich an nichts erinnern.
Zur selben Zeit in Amerika sorgen die Vierlinge für ein richtiggehendes Chaos. Sie übertragen Onkel Wallys und Tante Joans Bettgeflüster per Lautsprecheranlage in den Garten, so dass die ganze Stadt über das Sexualleben ihres berühmtesten und erfolgreichsten Unternehmers Bescheid weiß, sie befragen die Dienstmädchen über ihren Lohn und die Arbeitsverhältnisse und erweisen sich auch sonst als alles andere als würdige Erben. In Folge der sich überschlagenden Ereignisse erleidet Onkel Wally mehrere Herzinfarkte, weshalb sich die Wilts schleunigst auf den Weg nach Hause machen.
Zum Glück haben alle Beteiligten nichts vom Großeinsatz der DEA mitbekommen, die haben nämlich sogar das Abwasser des Anwesens auf Drogenspuren untersucht, mussten aber unverrichteter Dinge wieder abziehen. Und als die Familie wieder vereint und die Sache halbwegs aufgeklärt ist, schwören sie sich, ihren nächsten Urlaub wieder im Lake District zu verbringen.
Die Geschichte um Familie Wilt ist amüsant und spannend und auf jeden Fall eine empfehlenswerte Lektüre. Als positiv zu erwähnen ist vor allem, dass in dieser Familie zwei wahrliche Anti-Helden die Protagonisten darstellen. Zum einen hätten wir da Henry, einen etwas unausgelasteten Berufsschullehrer, der an Sex eher wenig bis gar nicht interessiert ist und nicht gerade viel hermacht. Zum anderen ist da noch Eva, die mit ihren Kindern sichtlich überfordert ist und ziemlich beleibt zu sein scheint. Schade ist nur, dass vor allem diese Beleibtheit ständig thematisiert wird und Eva dadurch zur Zielscheibe von allerlei Spott wird - in einem Buch, in dem es eigentlich um etwas anderes geht.
Auch dass das Verhältnis zwischen Henry und Eva nicht wirklich angesprochen wird, macht das ganze etwas vage. Liebt Henry seine Frau? Ist er prinzipiell nicht an Sex interessiert oder nur nicht an Sex mit seiner Frau? Wie ist die Beziehung zu seinen Kindern? Die beiden Handlungsstränge der Geschichte laufen so vor allem parallel und treffen sich nur am Anfang und am Ende, wodurch man durchaus das Gefühl haben könnte, da fehle etwas. Trotzdem kurzweilige Unterhaltung.
Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Goldmann; Auflage: 1 (Dez. 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442463157