Lesen oder Lassen?

14.10.2007 um 20:31 Uhr

Ein Puppenheim

von: chil   Kategorie: Klassiker

Autor: Henrik Ibsen

Original: Et Dukkehjem (1879)

meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt  von 5

Eigentlich könnte man ja meinen, Nora Helmer hat alles, was sie sich wünscht. Sie hat eine schöne Wohnung, ein Kindermädchen, einen Dienstboten, drei wunderbare Kinder (um die sich das Kindermädchen kümmert) und einen Mann, der sie verehrt und auf Händen trägt.  Doch etwas ist faul im Hause Helmer.

Noch bevor Torvald seine jetzige Stelle als gutverdienender Bankdirektor angetreten hat, riet ihm der Arzt zu einer Reise in den Süden. Weil aber nicht genügend Geld vorhanden war und Torvald zu stolz war, einen seiner Freunde um einen Kredit zu bitten, sah sich Nora gezwungen, das Geld ohne dem Wissen von Torvald aufzutreiben. Leider hat sich Nora das Geld ausgerechnet von Rechtsanwalt Krogstadt geborgt. Dieser steht nun, kurz vor Weihnachten vor der Tür der Helmers um mit Nora zu sprechen. Weil er nämlich dem Bankdirektor scheinbar nicht mehr zu Gesicht steht, will dieser ihn kündigen. Er bittet Nora, Torvald umzustimmen, da er sich andernfalls gezwungen sähe, Torvald vom Kredit an Nora zu erzählen.

Diese will unbedingt vermeiden, dass ihr Mann von dieser unehrenhaften Tat erfährt und versucht deshalb, Torvald umzustimmen. Leider gelingt ihr das nicht, hat sie doch vor kurzem erst für Frau Linde, ihre frühere Freundin in der Schule, vorgesprochen und ihr eine Anstellung verschafft. Allerdings ausgerechnet jene, die früher Krogstadt bekleidete. Als Krogstadt schließlich von seiner endgültigen Kündigung erfährt, schreibt er Torvald einen Brief, in dem er ihm erklärt, dass er Nora eine große Summe Geld geborgt hat, allerdings nur, weil jene die Unterschrift ihres Vaters gefälscht hatte. Für Nora ist dies der Alptraum. Sie fürchtet sich davor, was geschehen wird, wenn ihr Mann, der Parademann schlechthin, von dieser unehrenhaften Tat erfährt.

Und er erfährt schließlich auch davon. Es geschieht das Erwartete: Er will vor allem sich selbst davor schützen, dass diese Schmach öffentlich wird, er macht sich hauptsächlich Sorgen um sich selbst. Und in einem zweiten Schritt auch noch um seine drei Kinder. Er geht sogar so weit, Nora zu verbieten, sich um die Kinder zu kümmern. Um sie vor Schlechtigkeit zu bewahren, wie er meint. Nora jedoch fasst einen für sie ganz untypischen Entschluss. Sie beschließt, ihren Mann und ihre Kinder zu verlassen, um sich erst einmal auf die Suche nach ihr selbst zu begeben.

Das wohl bekannteste Theaterstück von Henrik Ibsen hat schon für viel Aufsehen und viel Kontroverse gesorgt. Nora lebt in einer Ehe, die so typisch für viele ist. Sie und ihr Mann leben nebeneinander her, beide spielen ihre Rollen perfekt. Torvald steht für „den“ Mann, er bevormundet Nora, sagt ihr, was sie zu denken und tun hat und behandelt sie wie seine Puppe. Doch an der Situation ist Nora nicht ganz unschuldig. Sie lässt sich bevormunden, weil sie sich nicht die Mühe macht, selbst zu denken. Sie spielt lieber das kapriziöse Dummchen und lässt sich von ihrem Mann auf Händen tragen.

Nach und nach wird klar, dass Torvald vor allem eines liebt: Den Mann, als den er sich geben kann, indem er vorgibt, Nora zu lieben. Oft wurde versucht, Ibsen anzuhängen, er würde sich für die Sache der Frauen einsetzen. Doch er selbst hat diese Ansicht mehrmals heftig bestritten. Mit den Worten „ Ich… muss aber die Ehre von mir weisen, bewusst für die Sache der Frau gewirkt zu haben […]. Für mich hat sie sich als eine Sache des Menschen dargestellt...“ (siehe Nachwort zu „Ein Puppenheim“, Insel Verlag S. 150) wies er den Gedanken entschieden von sich.

Widersprüchlich dazu ist, dass er sich sehr oft wohl bewusst doch für die „Sache der Frau“ eingesetzt hatte, zum Beispiel, als er sich dafür einsetzte, dass auch Frauen im Skandinavischen Verein, in dem er Mitglied war, zu den Generalversammlungen und Ämtern zugelassen wurden (womit er aber keinen Erfolg hatte). Ibsen selbst hat das Stück übrigens immer nur „Ein Puppenheim“ genannt. Der vermeintliche Titel „Nora“ stammt nicht von ihm, sondern vom Herausgeber des Taschenbuchs zum Stück.

Die Rezeption des Werkes hat sich von der Uraufführung 1879 bis heute drastisch geändert. Weil viele Theaterintendanten das Ende zu unbefriedigend empfanden, wurden zahlreiche „andere Schlüsse“ geschrieben und aufgeführt, doch eines ist geblieben: Damals wie heute möchte man beide Protagonisten am liebsten an den Schultern packen und kräftig durchschütteln. Man möchte ihnen zurufen, doch endlich vernünftig zu werden. Ein „sapere aude“ aus dem Publikum rufen. Doch es ist zwecklos. Nora geht, wohin werden wir nie erfahren. Als „aktuell“ könnte man das Stück auch in unserer Zeit noch nennen. Denn oft genug sind viele Ehescheidungen genau das, was Nora getan hat: eine Flucht vor der Realität, Verantwortung und der Aufgabe „miteinander“ zu leben.


  • Taschenbuch: 159 Seiten
  • Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 11., Aufl. (Oktober 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3458320237
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    29.09.2007 um 17:50 Uhr

    Früchte des Zorns

    von: chil   Kategorie: Klassiker

    Autor: John Steinbeck

    Original: The Grapes of Wrath (1939)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Tommy Joad hat die letzten vier Jahre im Gefängnis verbracht, weil er in Notwehr einen anderen Jungen mit einer Schaufel erschlagen hatte. Seine Zeit ist um und per Anhalter macht er sich in seinen vom Gefängnis zur Verfügung gestellten Schuhen und Kleidungsstücken auf den Weg nach Hause zur Farm seiner Leute. Das letzte Stück muss er zu Fuß weiter gehen. Auf seinem Weg trifft er Casy, den Prediger. Die beiden mochten sich immer schon, deshalb begleitet Casy Tommy zur Joad-Farm.  Die Umgebung hat sich verändert, es gab lange keinen Regen mehr und viele der Baumwollfelder wirken vernachlässigt. Als Casy und Tom zur Farm kommen, ist diese leergeräumt und verlassen. Zufällig treibt sich der alte Knecht noch in der Gegend herum, dieser erzählt Tom und dem Prediger von den Ereignissen der letzten vier Jahre.

    Die Großgrundbesitzer haben die Felder aufgekauft, Traktoren erledigen jetzt die Arbeit, die früher eine ganze Familie ernährt hat. Weil die Farmer kein Auskommen mehr finden, machen sich alle auf den Weg nach Kalifornien, weil dort angeblich Pfirsichpflücker gesucht würden. Auch die Familie von Tom hat schon gepackt und die Farm verlassen. Sie sind schon zur Farm des Onkels weiter gezogen. Casy und Tom verbringen die Nacht auf der alleinstehenden Farm und machen sich nächsten Morgen auf zur Farm des Onkels.
     Natürlich ist die Freude groß, dass der älteste Sohn es noch rechtzeitig geschafft hat. Am nächsten Morgen brechen Toms Mutter, Toms Vater, Toms Bruder Noah, Toms Bruder Al, seine schwangere Schwester Rosasharn und ihr Verlobter, seine jüngsten Geschwister Winfield und Ruthie, Onkel John, der Prediger Casy und die beiden Großeltern mit einem Wagen auf von Oklahoma nach Kalifornien, das Land, das der Familie wie das gelobte Land vorkommt.

    Wie so viele Farmer aus Oklahoma und Arkansas dieser Tage, reisen auch sie auf der Route 66. Die Reise ist beschwerlich, der Weg ist lang. So muss die Familie im Laufe der Zeit auch eine Menge Rückschläge und Verluste hinnehmen. Die Geschichte ist spannend und endet genauso unbefriedigend und verzweifelt, wie die Gesamtsituation ist.
     John Steinbeck hat die Reise mit einem Treck selbst auf sich genommen, um die Tatsachen genau schildern zu können. Und das ist ihm auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen.

    Man hat den Staub der Landstraße in den Haaren, übernachtet mit den Joads in den Auffanglagern auf dem Weg nach Kalifornien und hofft und bangt mit ihr. Die Suche nach Arbeit stellt sich als ziemlich aussichtlos heraus, weil nicht nur einige Farmer sich auf den Weg ins gelobte Land gemacht haben, sondern so ziemlich alle aus Arkansas und Oklahoma. Die Großgrundbesitzer drücken die Löhne und die Menschen hungern.

    Mit viel Atmosphäre hat Steinbeck die Situation – eigentlich ein Tatsachenbericht in Romanform – erfasst und beschrieben. Wäre die Geschichte dreißig Jahre später geschrieben worden, hätte man Steinbecks Stil wahrscheinlich zu dem des New Journalism gezählt. Kein Wunder, dass er für diese starke Geschichte, die man fast nicht mehr weglegen kann, den Pulitzer-Preis erhielt. Ein Must-Read!


  • Taschenbuch
  • Verlag: Dtv (Januar 1985)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423104740
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    16.05.2007 um 22:40 Uhr

    Farm der Tiere

    von: chil   Kategorie: Klassiker

     

    Autor: George Orwell

    Original: Animal Farm (1945)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Farm der Tiere: Ein Märchen.

    Die Tiere auf der Herren-Farm, die dem Ehepaar Jones gehört, leben eigentlich das ganz normale, relativ ruhige Leben, das Farmtiere nun mal leben. Sie stellen ihre Existenz eigentlich nicht in Frage – zumindest so lange, bis Old Major, ein kluges Schwein, seine Visionen von einer Farm der Tiere unter den Tieren verbreitet. Old Major stirbt, seine Ideen leben aber weiter. Die Tiere bringen sich selbst das Lesen und das Rechnen bei, eines Tages kommt dann auch die Gelegenheit, bei der sie die Farmer vertreiben können.
     

    Anfangs leben die Tiere noch gleichberechtigt nebeneinander, die Arbeit wird geteilt, alles was sie produzieren ebenfalls. Leider geht das nicht lange gut. Die Schweine erheben sich über die anderen Tiere. Nun sind zwar alle gleich – aber einige sind eben gleicher.

    Orwells Roman, 1945 erschienen, ist wohl zu jeder Zeit von großer politischer Brisanz. Damals zwar als Fabel auf den Kommunismus gemeint, trifft die Geschichte auch heute noch den Nerv der Zeit. Mit den besten Absichten kann noch so großes Unheil angerichtet werden. Und dass es ausgerechnet die Schweine sind, die sich über die anderen Tiere erheben, kommt auch nicht von ungefähr, wie Orwell in seinem interessanten Nachwort klar macht. Genauso lesenswert wie „1984“, genauso wichtig, genauso aktuell.


     
  • Taschenbuch: 144 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 36., Aufl. (Januar 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257201184
  • 29.04.2007 um 10:45 Uhr

    Jane Eyre

    von: chil   Kategorie: Klassiker

    Autorin: Charlotte Bronte

    Original: Jane Eyre. An Autobiography. (1847)

    meine Bewertung: VerrücktVerrücktVerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Ich will auch so ein geniales Buch!

    Die kleine Jane Eyre wurde vom Schicksal alles andere, als reich bedacht. Sie verlor schon früh ihre Eltern und wurde deshalb in die Obhut ihres Onkels und ihrer Tante gegeben. Ihr Onkel kümmerte sich um die kleine Waise genauso, wie um seine drei eigenen Kinder. Die Tante jedoch hasst Jane geradezu, weshalb Janes Leben eine sehr traurige Wendung nimmt, als ihr Onkel stirbt. Sie wird von der Tante verachtet, weil sie nicht so ist, wie ihre eigenen Kinder. Jane liest und ist klug, allerdings gab es gewiss schon hübschere Kinder, als sie. Die Tante beschuldigt sie zu Unrecht, ein falsches Kind zu sein und einen verkommenen Charakter zu haben. Sobald es irgendwie geht, entledigt sich die Tante ihrer verhassten Ziehtochter, indem sie sie in ein Mädchenpensionat schickt.

    Jane bleibt zuerst vier Jahre als Schülerin dort, dann weitere zwei Jahre als Lehrerin. Anfangs sind die Zustände in der Schule sehr schlecht. Es wird an allem gespart, viele Mädchen erkranken und sterben. Doch Jane schafft es, sich den Anforderungen anzupassen und entwickelt sich zu einer ausgezeichneten Schülerin. Als Lehrerin schafft sie es, aus den Kindern viel herauszuholen. Als ihre Mentorin in der Schule heiratet und die Schule deshalb verlässt, muss sich Jane um eine neue Stelle umsehen. Sie setzt ein Inserat in die Zeitung.

    Nicht lange, nachdem Janes Inserat erschienen ist, erhält sie ein Angebot. Sie soll in einem Herrenhaus namens Thornfield als Hauslehrerin arbeiten. Jane nimmt die Stelle an und reist in die bezeichnete Grafschaft. Sie ist angenehm überrascht, als sie ihre Stelle antritt. Ihre Aufgabe ist es, sich um die Ziehtochter von Mr. Fairfax Rochester zu kümmern. Mr. Rochester ist selten auf Thornfield, seine französische Ziehtochter Adele hingegen immer. Und diese soll auf die gute alte englische Art erzogen werden. Als Mr. Rochester dann doch einmal in Thornfield auftaucht, traut Jane ihren Augen kaum. Sie ist Mr. Rochester schon einmal begegnet. Aus dieser Tatsache entwickelt sich eine Art Freundschaft, die Angestellte und der Herr unterhalten sich oft. Doch für Jane wird aus diesem rein freundschaftlichen Gefühl etwas mehr. Doch gerade zu dieser Zeit beschließt Mr. Rochester, zu heiraten und unheimliche Dinge geschehen auf Thornfield.

    Als Jane die Hintergründe dieser seltsamen Vorkommnisse entdeckt, wird es abermals Zeit, ihre Stelle zu verlassen. Ohne jemandem Bescheid zu sagen, flieht sie früh am Morgen vom Anwesen. Sie hat sich mit nichts auf dem Weg gemacht und ist beinahe am Verhungern, als sie schließlich in einem kleinen Häuschen aufgenommen wird. Man rettet ihr dort nicht nur ihr physisches Leben, sondern auch ihr Herzleid wird nach einiger Zeit gelindert.

    Charlotte Bronte hat einen wirklich bemerkenswerten Roman geschaffen. Es handelt sich um einen Schmöker, in dem man sich sehr schnell verliert, wenn man erst einmal gewagt hat, die ersten Schritte in diese Welt zu tun. Sie schafft es, die Lebensweise, die strengen Formvorschriften und die Langsamkeit des Lebens im England des 19. Jahrhunderts. Neben Charles Dickens ist sie wahrscheinlich eine der wenigen Autoren, die es vermögen, ein Lebensgefühl mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu vermitteln, dass man meint, dabei gewesen zu sein.

    Freilich ist anzumerken, dass das Wenige, das eigentlich passiert, auf weniger Seiten hätte ebensogut untergebracht werden können, allerdings wäre dann auch die Stimmung verloren gegangen. Das Buch ist bis zum Ende spannend, man kann nicht wirklich im Voraus sagen, wie sie ausgehen wird, da ja die Heldin, die der Leser schon so ins Herz geschlossen hat, schon derart oft vom Schicksal heimgesucht wurde. Die Stärke der Geschichte ergibt sich nicht so sehr aus der Handlung, sondern aus der Wortwahl und den Beschreibungen Charlotte Brontes. Trotz dieser vielen Beschreibungen bleibt das Buch bis zum Ende lebendig, man reist mit Jane herum, drückt ihr die Daumen und hofft für sie.

    Das Buch ist geprägt vom Leben seines Verfassers, die Parallelen von Janes zu Charlotte Brontes Leben sind auffällig, wenn man die Biografie der Autorin kennt. Empfehlenswert ist also die Lektüre eines Werkes, in dem ein Essay über die Bedeutung des Buches und das Leben der Bronte-Geschwister enthalten sind, beispielsweise von Diogenes. Ein Klassiker nicht zu Unrecht und dabei doch so spannend, lebendig und lesenswert. Aufschlagen und sich darin verlieren!


  • Taschenbuch: 675 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 10., Aufl. (Januar 1988)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257215819
  • 17.03.2007 um 20:31 Uhr

    Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

    von: chil   Kategorie: Klassiker

    Autor: James Joyce

    Original: A Portrait of the Artist as a young Man (1917)

    meine Bewertung: Verrückt Verrückt von 5

    Ich wills trotzdem haben!

    Die Hauptfigur dieses ersten Romans von James Joyce ist Stephen Dedalus. Stephen wächst in Irland auf und geht dort in eine katholische Schule. Im Laufe der Erzählung entwickelt sich Stephen von einem Kind zum Erwachsenen, der sich viele Gedanken macht, vor allem über die Religion und die innenpolitische Situation Irlands seiner Zeit. Immer wieder sieht er sich mit elementaren Fragen konfrontiert, auch denen des Heranwachsens. Während des Lesens entwickelt sich der Leser gleichsam mit Stephen mit, dessen Sprache immer komplexer wird - genauso wie seine Gedanken.

    Als Leser findet man doch recht gut in die wunderbare Sprache Joyces hinein, es ist halt kein Werk, das man neben dem Fernsehen oder in der U-Bahn lesen sollte. Man sollte sich Zeit nehmen und in das Leben Dublins eintauchen. Allerdings muss ich gestehen, dass das Werk in mir keine Euphorie wecken konnte, da ich die Handlung an sich nicht besonders ansprechend fand und für mich einige Ansichten Stephens die Religion betreffend sehr radikal sind. Aber das ist eine Glaubenssache, im wahrsten Sinne des Wortes. Weiters würde ich empfehlen, vor der Lektüre ein wenig in die Geschichte Irlands hineinzulesen, so versteht man viele Anspielungen, die einem sonst entgingen. Auf Amazon.de kann man übrigens in das Buch reinlesen, wenn man sich ein eigenes Bild machen möchte.


  • Gebundene Ausgabe: 285 Seiten
  • Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek; Auflage: 1 (19. Juni 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3937793151
  • 26.02.2007 um 21:54 Uhr

    Dracula

    von: chil   Kategorie: Klassiker

    Autor: Bram Stoker

    Original: Dracula (1897)

    meine Bewertung: VerrücktVerrückt VerrücktVerrücktVerrückt von 5

    Will ich auch!

    Jonathan Harker, ein englischer Anwaltsgehilfe, muss in das ferne Transsilvanien reisen, um sich dort mit Graf Dracula auf dessen Schloss zu treffen. Harker soll mit dem Grafen alle nötigen Formalitäten abwickeln, die für den Kauf eines neuen Anwesens für Dracula in London nötig sind. Schon bei seiner Ankunft in Transsilvanien bemerkt der Brite den starken Aberglauben der Bevölkerung, die größtenteils aus einfachen Bauern besteht. Die Menschen bekreuzigen sich, sobald er den Namen "Dracula" erwähnt, schenken ihm Kruzifixe und geben ihm wilden Knoblauch mit auf die Reise zum Schloss des Grafen. Harker, ein Mann von Welt, belächelt die netten Bauern und begibt sich furchtlos auf das Schloss.

    Schon bald jedoch bemerkt er einige Seltsamkeiten. So scheint der Graf beispielsweise kein Spiegelbild zu haben, er isst nicht, ist tagsüber nicht anwesend, riecht unangenehm und kriecht des Nachts eidechsenähnlich an den Mauern des Schlosses hinab. Harker will sich natürlich aus dem Staub machen, bemerkt allerdings, mittlerweile zum Gefangenen des Grafen geworden zu sein, der sich aber als liebenswürdiger Gastgeber erweist und ein anregender Gesprächspartner ist. Als Dracula jedoch nach London abreist, lässt er Harker im Schloss alleine mit drei seltsamen untoten Frauen, die sich seiner annehmen sollen. Harker entkommt und landet erst einmal in einem rumänischen Krankenhaus, bevor er nach Hause nach London in die Arme seiner Verlobten Mina entlassen wird, die er bald darauf ehelicht. Über die Zeit auf Schloss Dracula schweigt er.

    Zur gleichen Zeit beginnt Lucy Westenra, eine enge Freundin von Mina, nachts schlafzuwandeln. Eines Morgens findet ihr treuer Freund Dr. Seward merkwürdige Male an Lucys Hals vor. Weil sie außerdem immer schwächer und blasser wird, schickt er nach seinem ehemaligen Lehrer, Professor Van Helsing, der in allen Bereichen der Wissenschaft mehr als nur bewandert ist. Van Helsing erkennt die Zeichen und erfährt zufällig von Harkers Aufenthalt auf Schloss Dracula. Van Helsing schart Seward, Quincy Morris und Lord Goldalming um sich, um Lucy von ihren Qualen mittels Pfählen zu erlösen. Später stoßen auch noch die Harkers zu den Männern und gemeinsam machen sie sich auf die Jagd nach Graf Dracula. Diese Suche ist umso dringlicher, da auch Mina gebissen wurde und kurz davor steht, sich in einen Vampir zu verwandeln.

    Stoker hat einen faszinierenden Roman geschaffen, der für seine Zeit ungewöhnlich war. Damals war die Literaturszene vom Realismus geprägt, Stokers Werk ist jedoch der Schwarzen Romantik zuzuordnen. Ungewöhnlich ist nicht nur die Thematik, sondern auch die Erzählweise des Werks. Der Leser liest abwechselnd in den Tagebüchern von John Harker, Mina Harker, Lucy Westenra und Doktor Seward, er bekommt also seinen Gesamteindruck aus verschiedenen Perspektiven. Dies ist sehr interessant, da Stoker es versteht, zwischen den Sichtweisen der Personen einen Schalter umzulegen, so dass jeder Bericht nach seiner erzählenden Person klingt. Durch das Fehlen eines zentralen Erzählers verschafft Stoker seinem Werk eine gewisse Seriosität, es klingt wie ein Tatsachenbericht.

    Natürlich muss auch dieser Roman als das betrachtet werden, was er ist: Ein Kind seiner Zeit. Nicht nur die etwas antiquierte Sprache, sondern auch die Haltung gegenüber Ehre und Tapferkeit, sowie Frauen sind geprägt vom damaligen Weltbild. Nicht zu leugnen ist die unterdrückte Erotik, die durch die Zeilen dieser ach so prüden Zeit schimmert.

    "Dracula" war nicht der erste Vampirroman - einige Geschichten rund um Blutsauger reichen bis ins frühe Mittelalter - allerdings einer, der es zu Weltruhm brachte und so oft verfilmt wurde, dass "Dracula" das wohl bekannteste ungelesene Buch aller Zeiten ist. Als Vorlage für Stokers Grafen diente angeblich Vlad III. Drăculea, Fürst der Walachei, der durch seine Grausamkeiten bekannt wurde und um dessen Figur sich bis heute zahlreiche Mythen und Legenden ranken. Stoker hat sich mit der Schilderung der Topografie und des Schlosses nicht an exakte Tatsachen gehalten, dennoch lebt ein Großteil des Tourismus in Rumänien heute vom Vampirglauben.

    Alles in allem ist "Dracula" ein spannender Vampirroman, den man durchaus gelesen haben sollte. Er weckt das Interesse an der realen Person des Vlad Tepes und am Vampirglauben allgemein. Außerdem vermittelt er einen sehr guten Eindruck des damals herrschenden Weltbildes und ist eine interessante Mischung aus Abenteuer-, Liebes- und Horrorroman. Ein paar Längen kann man dadurch leicht verzeichen.


  • Broschiert: 473 Seiten
  • Verlag: Ullstein Tb; Auflage: 2., Aufl. (Oktober 1997)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548243177
  • 25.01.2007 um 22:46 Uhr

    Grieche sucht Griechin

    von: chil   Kategorie: Klassiker

     

    Autor: Friedrich Dürrenmatt

    Original: Grieche sucht Griechin (1995)

    meine Bewertung: VerrücktVerrückt VerrücktVerrücktVerrückt von 5

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    Arnolph Archilchos ist eine ziemlich ruhige Erscheinung. Er ist Unterbuchhalter in der Petit-Paysan Fabrik, in der Abteilung Geburtszangen, nicht in der Atomwaffen-fabrik und lebt in einer kleinen Wohnung. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen, er ist Temperenzler, gläubiger Altneupresbyterianer und ein Mensch mit einer sehr genauen Vorstellung einer moralischen Weltordnung. Archilochos gönnt sich wenig, doch regelmäßig verkehrt er im "Chez Auguste", einer kleinen Kneipe, die Madame Bieler und ihr Gatte führen. Dort trinkt er stets ein Glas Milch und isst Nudeln.

    Eines Tages ergreift Madame Bieler Initiative und überredet den stillen, dicklichen Unterbuchhalter eines Unterbuchhalters eine Heiratsanzeige aufzusetzen, da er eine Frau brauche, die sich um ihn kümmere. Archilochos befolgt den Rat Madame Bielers und setzt die Annonce "Grieche sucht Griechin" in die Zeitung. Es dauert nicht lange, da meldet sich wirklich eine Griechin und verabredet sich mit Archilochos im "Chez Auguste".

    Überwältigt von der Schönheit und dem Liebreiz der Griechin Chloé, die erzählt, von einem reichen Archäologen-Ehepaar als Dienstmädchen aufgenommen worden zu sein, kann Archilochos sein Glück kaum fassen. Die beiden verlieben sich auf Anhieb und auch sonst wird der einfache Unterbuchhalter eines Unterbuchhalters schier mit Glück überhäuft. Er wird zum Direktor der Petit-Paysan-Werke befördert, wird von allen Männern auf der Straße sehr freundlich begrüßt, wenn er mit seiner Verlobten - denn Archilochos und Chloé wollen heiraten - in der Stadt spazieren geht. Als er dann noch zum Weltkirchenrat befördert wird, ihm ein kleines Schlösschen überschrieben wird und er in den besten Kreisen verkehrt, kann er sein Glück kaum fassen.

    Erst als Archilochos vor den Altar tritt und seiner Braut das "Ja-Wort" gegeben hat, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Zu spät bemerkt er, wen er da geheiratet hat...

    Dürrenmatt hat ein vor Ironie triefendes, gesellschaftskritisches Werk geschrieben, das wirklich wert ist, gelesen zu werden. Man fiebert mit der wirklich spannenden Geschichte von Archilochos mit, man weiß, dass da etwas nicht stimmen kann, doch würde mann dem einfachen Griechen sein Glück von Herzen gönnen. Anzumerken ist noch eine Besonderheit dieses Buches: Dürrenmatt hat einen eigenen Schluss für Leihbibliotheken angefügt - einzigartig, meines Wissens, allerdings wieder typisch Dürrenmatt: Publikumsbeschimpfung auf seine Art -gönnt er doch seinem "zartbesaiteten" Leihbibliotheks-Leser ein Happy End.  Sprachlich ausgefeilt, gut durchdacht und witzig-ironisch. Was will man mehr von einer guten Geschichte?


  • Broschiert: 155 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 10., Aufl. (Januar 1985)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257225148
  • 13.12.2006 um 09:25 Uhr

    Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

    von: chil   Kategorie: Klassiker

    Autor: Milan Kundera

    Original: Nesnesitelná lehkost bytí (1982)

    meine Bewertung: VerrücktVerrückt VerrücktVerrücktVerrückt von 5

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    Eines Tages lernen sich der Arzt Tomas und die Serviererin Teresa in einer Bar kennen. Die beiden verlieben sich ineinander, doch ist diese Liebe für Teresa mit einem Wermutstropfen behaftet. Tomas weigert sich zunächst, sie bei sich übernachten zu lassen und hat außerdem viele Affären, weil er der Meinung ist, man könne Liebe und Geschlechtsverkehr strikt voneinander trennen. Einige Zeit toleriert Teresa dieses Verhalten, allerdings verletzt es sie zutiefst.

    Nach dem Prager Frühling fliehen Tomas und Teresa aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Dort ist Tomas vor politischer Verfolgung sicher und kan als Arzt praktizieren. Durch Sabina, eine weitere Geliebte von Tomas, kann Teresa als Fotografin arbeiten. Eigentlich sollten die beiden glücklich sein, doch Teresa wird immer unglücklicher. Zwar achtet Tomas peinlich darauf, sich zu waschen, bevor er von seinen Geliebten zu Teresa zurück kommt, allerdings vergisst er dabei sein Haar. Allabendlich muss Teresa mit dem Geruch eines weiblichen Schoßes im Haar von Tomas einschlafen.

    Teresa hält es schließlich nicht mehr an der Seite von Tomas aus. Sie war bisher duldsam, doch dann packt sie ihre Koffer und kehrt zurück in die Tschechoslowakei. Nun steht Tomas vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er in der Schweiz bleiben, wo er vor politischer Verfolgung sicher ist, oder soll er Teresa, die er wirklich liebt, nachfolgen?

    Neben dem Tomas-Teresa Handlungsstrang entwickelt sich auch noch eine zweite Handlung. Sabina, die Geliebte von Tomas, hat noch einen weiteren Liebhaber. Dieser ist verheiratet und hat eine ältere Tochter. Als die Ehefrau von Franz hinter dessen Geheimnis kommt, wirft sie Franz raus. Doch wird Sabina bei ihm bleiben?

    Milan Kundera hat ein wunderbares Buch über die Liebe geschaffen. Er schafft es mit seiner Sprache, die Verzweiflung seiner Figuren einzufangen, die alles andere als platt sind. Ungewöhnlich ist auch die Haltung des Erzählers dem Leser gegenüber. Dieser spricht zum Leser und lässt ihn auch nicht im unklaren darüber, dass es sich "nur" um einen Roman handelt. Auch die philosophischen Gedanken,die mit der Handlung verknüpft sind, verhelfen dem Werk zu einer unglaublichen Tiefen und es macht Spaß, den Überlegungen des Autors zu folgen.


  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek; Auflage: 1 (27. März 2003)
  • ISBN-10: 3937793003
  • ISBN-13: 978-3937793009