22.10.2008
Lieber Schweinehund,
VERPISS DICH!
Danke,
Anke.
Liebe Freundin,
weisst Du, was mir passiert ist? Ich habe Juli gehört. Erinnerst Du Dich? Du hast mir immer und immer wieder "Wir beide" geschickt. Wir hatten ein Lied. Und irgendwie... fühle ich mich verraten. Wir werden nicht immer so bleiben. Wir sind schon lange so anders.
Sicher, es liegt auch an mir, weil ich mehr als eine große Veränderung durchgemacht hab. Aber Du? Du weisst so unglaublich viel über mich. So viele Dinge, die ich nie nie niemals irgendwem anders erzählen würde. Egal wie nah mir diese Person ist oder kommt. So viele Dinge, die mir so unglaublich wehtun würden, wenn sie irgendwer erführe. Und dann hast Du's irgendwann einfach getan. Du hast geredet. Es fing an mit kleinen, winzigen Dingen. Die ich Dir im Vertrauen erzählte und die ich dann von anderen Leuten zu hören bekam.
Ich fing an zu bröseln. Die einzige Person, der ich jemals vorbehaltlos vertraut hatte, fing an mich zu verraten. Ich zog mich zurück, war unendlich verletzt. Einsam. Und Du gingst einfach weiter. Verändertest Dich, entferntest Dich von mir, ließt mich nicht mehr teilhaben an Dir und Deinem Leben. Ich war so enttäuscht von Dir. Das ist jetzt alles schon ein bisschen her. Ich beruhigte mich. Redete mir und anderen ein, dass wir uns zu sehr voneinander entfernt hätten. Ich ärgerte mich über mich selbst. Weil ich Dir immer noch den Rücken freihielt und Dich verteidigte. Aber das war es, was ich immer getan hatte. Was ich auch immer noch tun würde.
Die letzten Tage haben mir gezeigt wie weit wir wirklich sind. Wie zuende wir sind. Du lügst mir mitten ins Gesicht, ohne auch nur mit einerWimper zu zucken. Ich verstehe das nicht, komme mit dem Schmerz nicht klar. Und trotzdem hab ich wieder versucht uns zu halten. Du sagtest ab. Vertröstetest mich wie so oft. Und dann meldest Du Dich nicht einmal zu meinem Geburtstag.
Warum muss das so zu Ende sein? Was ist denn nur passiert? Weisst Du noch, dass Du Patentante meiner Kinder werden solltest? Ich werde ihnen nicht von Dir erzählen. Nur die Erinnerung an uns werde ich behalten. Die unzählbar vielen Stunden und Augenblicke. Du warst meine erste und einzige richtige beste Freundin.
Was ist nur passiert...
Ich bin traurig.
Deine Anke.
Liebstes Du,
gestern Nacht lag ich hier. So vollkommen ins Fieber versunken träumte ich. Träumte ich von Dir. Was genau ich träumte werde ich Dir nicht erzählen, aber ich wachte mit zum zerspringen klopfendem Herzen auf. Es schlug und schlug und rannte und rannte – doch irgendwie nur im Kreis und alles drehte sich um Dich. Aber dieser Traum warf so viele Fragen in meinen Kopf. Er schmiss sie gegen meine Schläfen und ballerte sie gegen die Türen meines Kleinhirns (oder wo die Emotionen sonst so sitzen).
Unpräsent warst Du in meinem Leben schon lange nicht mehr. Etwas von Dir war immer schon da. Mal mehr. Mal weniger. Aber immer so sehr da, dass kein Tag ohne einen Gedanken an Dich verging. Und alles drehte sich um Dich… Was ist nur passiert, dass diese Präsenz so übermächtig und wunderbar unglaublich wurde? Wollte ich mich nicht immer genau dagegen wehren? War nicht immer ich diejenige, die von der funktionierenden Freundschaft zwischen dem Dir und dem Mir predigte?
So gesehen habe ich wirklich verloren. Verloren gegen mich selbst. Verloren gegen das Ich. Das würde Dich zu meiner größten Niederlage machen. Dem Verlust meiner Glaubwürdigkeit vor mir selber. Die Personifikation meiner größten Schwäche: Meines Herzens.
Und auf der anderen Seite macht genau das Dich zu meinem höchsten Gewinn. So vollkommen und gegen jede Vernunft. Wie ein Sechser im Lotto, der aber irgendwie schon von weitem zu erahnen war.
Ich kann nicht wissen, wie Du darüber denkst. Ich kann Dich fragen. Ich kann es mir erzählen lassen. Und trotzdem werde ich wohl wieder und wieder so aufwachen wie gestern. Das große P im Gesicht und im Bauch die Angst Dich zu verlieren.
Meine größte Niederlage und mein höchster Gewinn.
Ich liebe Dich.
Deine Anke.
Mit oder ohne Kiki.
Aber Anke ist mehr ich und mehr Ernst.
Liebe kleine Stadt,
ich muss Dir etwas sagen. Ich bin noch nicht lange hier. Vor ein paar Wochen hörte ich noch vielen klugscheißerische Mäulern zu, die schon im Voraus versuchten, Dich mir schlecht zu reden. Doch nun bin ich hier. Und neulich Nacht ist es passiert. Liebe kleine Stadt, ich habe mich ein bisschen in Dich verliebt. Noch ist es nur so ein kleines Kribbeln, was man sehr genau erfühlen muss. Aber es ist da und es ist schon so groß, dass ich Dich gegen alle spitzen Zungen verteidige.
Ich weiß, Du bist keine Weltmetropole und Stadtfeeling ist wirklich etwas anderes. Dir fehlt die Weltmännischkeit, die Chicago besitzt, der pompöse Charme von Köln, die Geschäftigkeit von Hamburg. Und trotzdem, Du hast dieses ganz besondere Flair. Versprühst ein bisschen von dieser Wohlfühl-Atmosphäre. Mit deinen kleinen, gedrungenen Häuschen, die sich eng an eng quetschen, aber gerade doch soviel Abstand wahren, als würden sie sich schämen einander zu berühren.
Wenn ich nachts durch die Innenstadt gehe, dann fühl ich mich irgendwie geborgen. Liebe kleine Stadt, Du bist so wunderbar altbacken und naiv. So ruhig. So weihnachtsgedichthaft. Du leuchtest ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Gerade soviel, dass es nicht zu aufdringlich ist. Nur so ein bisschen. Von innen.
Wenn man tagsüber auf den Markt lebende Hühner, Blumenkohl und Staubsaugeraufsätze neben frischem Honig und Räucherschinken angepriesen bekommt, wenn Nicole mit der Stimme einer uralten Marktschreiervettel ihre Weintrauben anpreist, dann muss ich schon ein wenig in mich hineinlächeln. Süß bist Du, liebe kleine Stadt. Charmant. Und bunt.
Und auf der anderen Seite bist Du so unglaublich modern und international. Eine der modernsten Fachhochschulen Deutschlands nennst Du Deine. Und doch weiß noch nicht einmal jeder Deiner Einwohner, dass es sie gibt. Fast 6% Deiner Einwohner sind heute Studenten. Und doch weiß noch nicht einmal jeder Deiner Einwohner, dass es uns gibt.
Du bist verschlafen, liebe kleine Stadt. Aber nur von außen. Von innen leuchtest Du. Aber nur ein bisschen. Gerade soviel, dass es nicht zu aufdringlich ist. Nur so ein bisschen. Von innen.
Ich hab mich ein bisschen verliebt in Dich, liebe kleine Stadt.
Deine Anke