Heute
Ich habe es nicht vergessen.
Pass auf dich auf, wo immer du auch bist.
Ich dich "liebetiger"
CU
In einem Zustand, den man
weder als wach noch als müde bezeichnen kann, sollte man sich
eigentlich vor den Fernsehapparat setzen und auf die Bildröhre starren
bis der Hirntod eintritt.
Aber jetzt ist es fast 1:00 Uhr morgens und es kommen nur die
Wiederholungen vom Vortage und zweitens ist der Fernseher kaputt. Er
gibt beim Einschalten nur noch ein schwaches „puff“ von sich und zeigt
danach das gleiche dunkle Bild wie vor dem Einschalten. Selbst einige
Klapse mit der flachen Hand, mehrmaliges auch rasches Ein- und
Ausschalten, oder Klopfen gegen die Bildröhre und verbale Drohungen
bringen keine Änderung.
Tot ist tot.
Und so kam es, dass ich wie Winnetou am Lagerfeuer vor einem dunklen
Fernsehschirm, in dem sich mein Gesicht verzerrt widerspiegelte, hockte
und über Sinn und Unsinn des Lebens und seinen diversen
Ungerechtigkeiten nachdachte.
Warum müssen Fernsehapparate ausgerechnet dann kaputt gehen, wenn man
sie wirklich dringend braucht? Warum entscheiden sie sich für den
„plötzlichen Fernsehtod“, ohne Vorankündigung, ohne Hinweis auf
irgendwelchen technischen Gebrechen oder Wehwehchen.
Morgen wird dann ein herbeigerufener Fernsehtechniker mit
vorwurfsvoller Miene vor dem defekten Geräte stehen und mir sicher
mitteilen, dass bei einem derart alten Gerät eine Reparatur
wirtschaftlich einfach nicht vertretbar wäre und ich mich mit dem
Erwerb eines Neugerätes anfreunden sollte. Sie hätten da
zufälligerweise gerade einige hervorragende Geräte im Angebot und
blablabla....
Ich will aber kein anderes Gerät.
Ich möchte genau dieses behalten. Es
ist für mich nicht nur ein Fernsehgerät, sondern ein Teil meines
Lebens. Ein Teil meines Lebens mir dir.
Wir haben den Fernsehapparat zusammen gekauft und den Verkäufer ganz
schön genervt, weil wir uns zuerst ewig Zeit bei der Auswahl des
Gerätes gelassen haben und es dann, kurz vor Feierabend, auch noch
sofort mitnehmen wollten. Als er gemerkt hat, dass er uns seinen
Superlieferaufbauundinstallationsservice mit Funktionsgarantie und
Transportversicherung nicht verkaufen konnte, hat er uns
zähneknirschend den Selbstabholerschein für das Zentrallager in die
Hand gedrückt. Und da standen wir dann mit einer Riesenkiste auf der
Laderampe und wussten nicht wie wir dieses Riesenteil ins Auto bekommen
sollten, während hinter uns die herunterrasselnden Rollläden des
Zentrallagers das kommende Wochenende anzeigten.
Ich hatte dir ja gleich gesagt, dass wir ein kleineres Gerät nehmen
sollten. Aber nein, du musstest ja ein Riesengerät mit einer
Superbildschirmdiagonale, mit DolbySurroundSystem und allem sonstigen
Schnickschnack haben. Nach einigen Versuchen war klar, dass wir dieses
Gerät originalverpackt nicht ins Auto bekommen würden. Also haben wir
das Gerät auf der menschenleeren Verladerampe des Zentrallagers
ausgepackt und mit vereinten Kräften, viel Fluchen und Schwitzen auf
der Rückbank unseres gewiss nicht kleinen Personenkraftwagensplatziert. Da saß er dann, unser neuer Fernseher, dick und fett wie
eine in Schwarz gekleidete Matrone, mit der Bildröhre zur Rückenlehne
und mittels mehrere Sicherheitsgurte an das Fahrzeug gefesselt. Ich
kann noch heute dein vor Stolz grinsendes Gesicht vor mir sehen, als du
die Gurte noch mal nachgezogen hast.
Wir haben den Apparat gut nach Hause gebracht. Nur eine kleine
Scheuerstelle an der Verkleidung der unteren Frontlautsprecher
zeugt noch heute von unserer logistischen Glanzleistung.
Vor diesem Fernsehapparat haben wir viele unserer gemeinsamen Tage
beendet, nicht wenige lange Nächte begonnen und so manches Nickerchen
gehalten. Vor seinem Bildschirm habe ich mit dir zusammen auf dem
Teppich gelegen und über Viererketten, Abseitsfallen, Tore, Fouls und
Elfmeter beim Fußball diskutiert. Wir haben beim Eishockey gefiebert,
haben geschrieen, geflucht, gejubelt und sind uns in die Arme gefallen
wenn unser Verein gewonnen hat.
Und ich habe dich durch die Wohnung gejagt um dir die Fernsteuerung
abzunehmen, weil du wieder mal solange durch die Kanäle gezappt bist,
bis ich den Sinn der drei oder vier Spielfilme, die ich mir dadurch
gleichzeitig im Nachtprogramm ansehen musste, nicht mehr begriffen
habe.
Wir haben auf dem Teppich vor dem Fernsehapparat gelegen, haben uns
unzählige Male unsere Lieblingsfilme angesehen. Du hast dann immer
deinen Kopf zu mir hergeschoben und wie eine Katze den Rücken gekrümmt,
damit ich dich besser kraulen konnte. Noch heute höre ich deinen Atem
aus deinem leicht geöffneten Mund, wenn du eingeschlafen warst.
Mein Blick streichelt zärtlich die abgeschabte Stelle an der
Verkleidung des Frontlautsprechers und durch das gekippte
Wohnzimmerfenster streicht kühle Nachtluft wie eine Katze um meine
Beine. Im dunklen Bildschirm spiegelt sich der einsame Schatten meines
verzerrten Gesichts.
Ich werde um diesen Fernsehapparat kämpfen. Das verspreche ich dir.
Pass auf dich auf Tiger, wo immer du jetzt auch bist.
Ich dich „liebetiger“.
Genau in
dieser Situation betrat heute ein Vater mit seinem Sohn den nur mäßig mit
Hotelgästen besetzten Frühstückraum eines kleinen Hotels am Rande der großen
Stadt München.
Nun erregen
seit deinem Tod Väter mit Kind meine besondere Aufmerksamkeit, während es
früher eher die Mütter waren, an denen mein Auge hängen blieb.
Dieser Vater blieb kurz in der Tür zum Frühstücksraum stehen und sah sich suchend um, während er die linke Hand locker auf der Schulter seines etwa 7-jährigen Sohnes liegen hatte, der ebenfalls neben ihm stehen geblieben war.
Bei diesem Anblick kam in mir schlagartig die Erinnerung an unsere gemeinsamen Hotelaufenthalte hoch und der Kloß im Hals brachte mich zum Husten, wodurch ich die Aufmerksamkeit des Kindes erweckte.
Ich schenkte dem Jungen ein entschuldigendes Lächeln, während ich mir leicht mit der geballten Faust auf die Brust klopfte um den Hustenreiz zu lösen. Ich muss wohl ausgesehen haben wie Tarzan, bevor er zu seinem tierischen Schrei ansetzte, denn der Junge lächelte zurück und und ich nickte ihm zu.
Wir hatten auch noch Blickkontakte während sein Vater sich für einen Tisch an der gegenüberliegenden Wand entschieden hatte und seinen Sohn sanft aber bestimmt dorthin vor sich her schob, wie ein Schubschiff seinen Lastkahn.
Der Junge setzte sich mit dem Gesicht zu mir an den Tisch und während sein Vater auf ihn einredete, genügte ihm Kopfschütteln und Nicken um seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Vermutlich ging es zwischen Vater und Sohn um die Rollenverteilung beim weiteren Ablauf des Frühstücks.
Du weißt, was
ich meine.
Entweder „Hotel
Mama“ wie zu Hause, wo alles bissfertig auf dem Teller bereitgestellt wird oder
„gnadenloses Männerfrühstück mit Selbstversorgung“.
Wir haben
uns immer für das selbstversorgende „Männerfrühstück“ entschieden, auch wenn
sich dabei auf deinem Teller meist nur Erdnussbutter und Toast in allen möglichen
Farbvarianten häufte. Dazu gab es dann noch literweise Kaba und wenn ich nicht
aufpasste, dann auch noch einige Gläser Coca Cola, die du mir immer als dunklen
„Grapefruitsaft“ verkaufen wolltest, weil du genau wusstest, dass ich den nicht
trinke.
Ich bin dann gegangen und ließ die zweite, noch halbvolle Tasse Kaffee auf dem Tisch stehen, denn ich konnte den Anblick von Vater und Sohn, die zusammen einträchtig zum Buffet gingen und sich dort offensichtlich ein „Männerfrühstück“ zusammenstellten, nicht mehr ertragen.
Zu oft bin ich früher neben Dir am Frühstücksbuffet gestanden, ohne dass mir damals die Bedeutung und Einmaligkeit dieses herrlichen Augenblicks bewusst gewesen ist.
Doch Versäumtes kann man leider nicht nachholen.
Pass auf
Dich auf, wo immer Du auch jetzt bist.
Ich Dich
„liebetiger“
Ostern, das Fest der Christen, die an die Auferstehung vom Tode
glauben. Für die meisten Menschen wohl aber makaber, sich das bildlich
auf einem Friedhof vorzustellen. Mir entlockt der Gedanke ein leises
Lächeln. Und seltsamerweise ein warmes, angenehmes Gefühl der Nähe zu
dir.