liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

10.05.2007 um 08:55 Uhr

Heute

Heute vor sieben Jahren, wenige Minuten vor 8:00 Uhr am Morgen bist du für immer gegangen.
Ich habe es nicht vergessen.
Pass auf dich auf, wo immer du auch bist.

Ich dich "liebetiger"

CU

28.12.2006 um 14:01 Uhr

Nach Hause

Hallo Tiger,

nicht nur zwischen den Jahren rast die Zeit und die Tage toben in ihrer Hektik an mir vorüber. Kaum begonnen sind sie auch schon wieder vergangen. Zeit zum Nachdenken und Erinnern blieb in den letzten Monaten kaum.
Doch nun, während um mich herum der übliche Stress zum Jahresende seinem Höhepunkt zustrebt, kehrt bei mir allmählich Ruhe ein.
Was bis hierin nicht geschafft wurde, kann warten und ich fühle mich wie ein Läufer, der sich mit der Gewissheit, dass ihn niemand mehr einholen kann auf den letzten Metern zum Ziel etwas Zeit lässt und den Zieleinlauf genießt.
Der Schreibtisch ist fast leer und die Mailbox mit einem entschlossenen Mausklick von all dem in den letzten Monaten angesammelten Unrat befreit. Draußen auf dem Flur klappern noch einige Kollegen mit Geschirr und der Geruch von frischem Tee und Gebäck zieht durch die offene Bürotür. Danach verlieren sich ihre Stimmen irgendwo in der Stille der fast leeren Büros.
Am späten Nachmittag wird es noch einen kleinen Umtrunk geben und anschließend werde ich mich, wie in den letzten Monaten auch, auf den Weg machen um die 400 Kilometer nach Hause zu fahren.

Es ist nicht mehr das „nach Hause“, das du kennst.
Es ist nur der Ort an dem ich wohne, aber dennoch wäre es schön wenn du da wärst und wir ein paar Tage gemeinsam verbringen könnten.
Aber ich werde dich besuchen kommen und einige Zeit in der Dunkelheit bei dir am Grab verbringen. Solange bis die Kälte durch die Schuhsohlen und an den Beinen hoch kriecht und das angenehme Gefühl deiner Nähe vertreibt. Wie gerne würde ich dich noch einmal in die Arme nehmen, deine kurzen Haare verzauseln und dir einen zärtlichen Knuff auf die Rippen geben.


Pass auf dich auf, wo immer du auch jetzt sein magst.
Ich dich „liebetiger“

01.11.2006 um 22:51 Uhr

Ganz nah

Vor mehr als sechsundzwanzig Jahren stand ich an deinem Brutkasten und mir fiel ein Stein vom Herzen, als die Ärzte sagten, dass es noch mal gut gegangen ist mit dir.
Denn als sie bemerkten, dass mit dir etwas nicht stimmt, das war es auch schon fast zu spät.
Still war es in dem Raum und sehr hell durch das Licht. Ganz weiß, mit einem hohen Anteil an ultravioletten Strahlen um die Anzahl der Leukozyten in deinem Blut zu senken.
Mein Gott, wie hast du mir damals leid getan, doch ich konnte dir nicht helfen in dem Kasten der dir das Leben bringen sollte.
Unnatürlich laut klang meine Stimme in dem leeren Raum, als ich damals mit dir sprach. Und doch war es nur ein Flüstern, nur unwesentlich lauter als das leise Summen der Lichtröhren.
Du hast damals den Kopf in meine Richtung gedreht und dem Klang meiner Stimme gelauscht.
Nur du und ich.
Ganz nah.

Mehr als sechsundzwanzig Jahre ist das jetzt her und doch kann ich mich an so viele Dinge erinnern.
Es ist heute wieder mal spät geworden und die Dunkelheit des vergangenen Tages lässt die Umgebung nach wenigen Metern in nachtschwarzem Samt verschwinden.
Es ist still auf dem Friedhof, nur aus der Ferne sind die Geräusche anderer Menschen zu hörenund ich starre auf den Stein, der deinen Namen trägt.
Diesmal kann ich dich nicht sehen, doch ich spüre dass du da bist.
In diesem Moment bin ich dir näher als jemals zuvor, denn ich habe durch deinen Tod die Bedeutung des Augenblicks und die Flüchtigkeit der Zeit erfahren.
Und ich weiß, dass du mein Flüstern hörst und dem Klang meiner Stimme lauschst.
Genau wie damals.
Nur du und ich.
Ganz nah.

Pass auf dich auf.
Ich dich „liebetiger“

20.10.2006 um 00:33 Uhr

Fernsehapparat

In einem Zustand, den man weder als wach noch als müde bezeichnen kann, sollte man sich eigentlich vor den Fernsehapparat setzen und auf die Bildröhre starren bis der Hirntod eintritt.
Aber jetzt ist es fast 1:00 Uhr morgens und es kommen nur die Wiederholungen vom Vortage und zweitens ist der Fernseher kaputt. Er gibt beim Einschalten nur noch ein schwaches „puff“ von sich und zeigt danach das gleiche dunkle Bild wie vor dem Einschalten. Selbst einige Klapse mit der flachen Hand, mehrmaliges auch rasches Ein- und Ausschalten, oder Klopfen gegen die Bildröhre und verbale Drohungen bringen keine Änderung.
Tot ist tot.

Fernsehapparat Und so kam es, dass ich wie Winnetou am Lagerfeuer vor einem dunklen Fernsehschirm, in dem sich mein Gesicht verzerrt widerspiegelte, hockte und über Sinn und Unsinn des Lebens und seinen diversen Ungerechtigkeiten nachdachte.
Warum müssen Fernsehapparate ausgerechnet dann kaputt gehen, wenn man sie wirklich dringend braucht? Warum entscheiden sie sich für den „plötzlichen Fernsehtod“, ohne Vorankündigung, ohne Hinweis auf irgendwelchen technischen Gebrechen oder Wehwehchen.
Morgen wird dann ein herbeigerufener Fernsehtechniker mit vorwurfsvoller Miene vor dem defekten Geräte stehen und mir sicher mitteilen, dass bei einem derart alten Gerät eine Reparatur wirtschaftlich einfach nicht vertretbar wäre und ich mich mit dem Erwerb eines Neugerätes anfreunden sollte. Sie hätten da zufälligerweise gerade einige hervorragende Geräte im Angebot und blablabla....

Ich will aber kein anderes Gerät.

Ich möchte genau dieses behalten. Es ist für mich nicht nur ein Fernsehgerät, sondern ein Teil meines Lebens. Ein Teil meines Lebens mir dir.
Wir haben den Fernsehapparat zusammen gekauft und den Verkäufer ganz schön genervt, weil wir uns zuerst ewig Zeit bei der Auswahl des Gerätes gelassen haben und es dann, kurz vor Feierabend, auch noch sofort mitnehmen wollten. Als er gemerkt hat, dass er uns seinen Superlieferaufbauundinstallationsservice mit Funktionsgarantie und Transportversicherung nicht verkaufen konnte, hat er uns zähneknirschend den Selbstabholerschein für das Zentrallager in die Hand gedrückt. Und da standen wir dann mit einer Riesenkiste auf der Laderampe und wussten nicht wie wir dieses Riesenteil ins Auto bekommen sollten, während hinter uns die herunterrasselnden Rollläden des Zentrallagers das kommende Wochenende anzeigten.
Ich hatte dir ja gleich gesagt, dass wir ein kleineres Gerät nehmen sollten. Aber nein, du musstest ja ein Riesengerät mit einer Superbildschirmdiagonale, mit DolbySurroundSystem und allem sonstigen Schnickschnack haben. Nach einigen Versuchen war klar, dass wir dieses Gerät originalverpackt nicht ins Auto bekommen würden. Also haben wir das Gerät auf der menschenleeren Verladerampe des Zentrallagers ausgepackt und mit vereinten Kräften, viel Fluchen und Schwitzen auf der Rückbank unseres gewiss nicht kleinen Personenkraftwagensplatziert. Da saß er dann, unser neuer Fernseher, dick und fett wie eine in Schwarz gekleidete Matrone, mit der Bildröhre zur Rückenlehne und mittels mehrere Sicherheitsgurte an das Fahrzeug gefesselt. Ich kann noch heute dein vor Stolz grinsendes Gesicht vor mir sehen, als du die Gurte noch mal nachgezogen hast.
Wir haben den Apparat gut nach Hause gebracht. Nur eine kleine Scheuerstelle an der Verkleidung der unteren Frontlautsprecher zeugt noch heute von unserer logistischen Glanzleistung.

Vor diesem Fernsehapparat haben wir viele unserer gemeinsamen Tage beendet, nicht wenige lange Nächte begonnen und so manches Nickerchen gehalten. Vor seinem Bildschirm habe ich mit dir zusammen auf dem Teppich gelegen und über Viererketten, Abseitsfallen, Tore, Fouls und Elfmeter beim Fußball diskutiert. Wir haben beim Eishockey gefiebert, haben geschrieen, geflucht, gejubelt und sind uns in die Arme gefallen wenn unser Verein gewonnen hat.
Und ich habe dich durch die Wohnung gejagt um dir die Fernsteuerung abzunehmen, weil du wieder mal solange durch die Kanäle gezappt bist, bis ich den Sinn der drei oder vier Spielfilme, die ich mir dadurch gleichzeitig im Nachtprogramm ansehen musste, nicht mehr begriffen habe.

Wir haben auf dem Teppich vor dem Fernsehapparat gelegen, haben uns unzählige Male unsere Lieblingsfilme angesehen. Du hast dann immer deinen Kopf zu mir hergeschoben und wie eine Katze den Rücken gekrümmt, damit ich dich besser kraulen konnte. Noch heute höre ich deinen Atem aus deinem leicht geöffneten Mund, wenn du eingeschlafen warst.

Mein Blick streichelt zärtlich die abgeschabte Stelle an der Verkleidung des Frontlautsprechers und durch das gekippte Wohnzimmerfenster streicht kühle Nachtluft wie eine Katze um meine Beine. Im dunklen Bildschirm spiegelt sich der einsame Schatten meines verzerrten Gesichts.
Ich werde um diesen Fernsehapparat kämpfen. Das verspreche ich dir.

Pass auf dich auf Tiger, wo immer du jetzt auch bist.
Ich dich „liebetiger“.

14.09.2006 um 08:01 Uhr

Hotelfrühstück

Menschen im Hotel zu beobachten ist oft der einzige Zeitvertreib für allein reisende Geschäftsleute, die beim Frühstück nicht Zeitung lesen, sondern nur ihre Ruhe haben wollen.
Meist kehrt bei der zweiten Tasse, die früher noch von einer Zigarette begleitet und abgerundet wurde, die notwendige Ruhe und Abgeklärtheit ein, um den zeitlichen Ablauf des kommenden Tages in Gedanken durchlaufen zu lassen.

Genau in dieser Situation betrat heute ein Vater mit seinem Sohn den nur mäßig mit Hotelgästen besetzten Frühstückraum eines kleinen Hotels am Rande der großen Stadt München.
Nun erregen seit deinem Tod Väter mit Kind meine besondere Aufmerksamkeit, während es früher eher die Mütter waren, an denen mein Auge hängen blieb.

Dieser Vater blieb kurz in der Tür zum Frühstücksraum stehen und sah sich suchend um, während er die linke Hand locker auf der Schulter seines etwa 7-jährigen Sohnes liegen hatte, der ebenfalls neben ihm stehen geblieben war.

Bei diesem Anblick kam in mir schlagartig die Erinnerung an unsere gemeinsamen Hotelaufenthalte hoch und der Kloß im Hals brachte mich zum Husten, wodurch ich die Aufmerksamkeit des Kindes erweckte.

Ich schenkte dem Jungen ein entschuldigendes Lächeln, während ich mir leicht mit der geballten Faust auf die Brust klopfte um den Hustenreiz zu lösen. Ich muss wohl ausgesehen haben wie Tarzan, bevor er zu seinem tierischen Schrei ansetzte, denn der Junge lächelte zurück und und ich nickte ihm zu.

Wir hatten auch noch Blickkontakte während sein Vater sich für einen Tisch an der gegenüberliegenden Wand entschieden hatte und seinen Sohn sanft aber bestimmt dorthin vor sich her schob, wie ein Schubschiff seinen Lastkahn.

Der Junge setzte sich mit dem Gesicht zu mir an den Tisch und während sein Vater auf ihn einredete, genügte ihm Kopfschütteln und Nicken um seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Vermutlich ging es zwischen Vater und Sohn um die Rollenverteilung beim weiteren Ablauf des Frühstücks.

Du weißt, was ich meine.
Entweder „Hotel Mama“ wie zu Hause, wo alles bissfertig auf dem Teller bereitgestellt wird oder „gnadenloses Männerfrühstück mit Selbstversorgung“.
Wir haben uns immer für das selbstversorgende „Männerfrühstück“ entschieden, auch wenn sich dabei auf deinem Teller meist nur Erdnussbutter und Toast in allen möglichen Farbvarianten häufte. Dazu gab es dann noch literweise Kaba und wenn ich nicht aufpasste, dann auch noch einige Gläser Coca Cola, die du mir immer als dunklen „Grapefruitsaft“ verkaufen wolltest, weil du genau wusstest, dass ich den nicht trinke.

Ich bin dann gegangen und ließ die zweite, noch halbvolle Tasse Kaffee auf dem Tisch stehen, denn ich konnte den Anblick von Vater und Sohn, die zusammen einträchtig zum Buffet gingen und sich dort offensichtlich ein „Männerfrühstück“ zusammenstellten, nicht mehr ertragen.

Zu oft bin ich früher neben Dir am Frühstücksbuffet gestanden, ohne dass mir damals die Bedeutung und Einmaligkeit dieses herrlichen Augenblicks bewusst gewesen ist.

Doch Versäumtes kann man leider nicht nachholen.

Pass auf Dich auf, wo immer Du auch jetzt bist.
Ich Dich „liebetiger“

06.08.2006 um 23:24 Uhr

Momente

Hallo Tiger,

die Ereignisse der letzten Wochen haben sehr viel Zeit und Kraft gekostet und für Dich blieben nur die stillen, kurzen Momente vor dem späten Einschlafen und frühen Aufwachen.
Nur die Momente zwischen Licht und Dunkelheit, Augenblicke zwischen Realität und Traum, bevor sich hinter schweren Augenlidern die Gedanken im Unbewussten verloren.

Wir haben Erna zu Grabe getragen und ihr auf dem Friedhof einen schönen Platz in der Nähe ihres geliebten Waldes gegeben.
Dann mussten wir ihren Haushalt auflösen und haben uns tagelang vorsichtig durch die Jahrzehnte ihres Lebens getastet.
War es schon nicht einfach ihren Hausrat in gut und schlecht zu trennen, so sind wir an den oft übermächtigen Erinnerungen kläglich gescheitert und fanden uns meist nach Stunden auf dem Boden sitzend umgeben von bunten Kinderzeichnungen, vergilbten Schulzeugnissen, alten Fotos und Briefen in einer Schrift, wie sie heute kaum noch jemand lesen kann.
Es ist schwer einen Menschen zu verlieren dem man in Liebe und Freundschaft verbunden ist, aber schier unmöglich ist es die Spuren seines Lebens zu ordnen und der Bedeutung seiner Person gerecht zu werden.
Irgendwie und mit der Hilfe von Freunden haben wir es schließlich geschafft.
Nun ist die Wohnung leer, Möbel und Hausrat sind verteilt und guten Zwecken zugeführt worden, die Erinnerungen sind in Kisten und Kartons verpackt und werden uns sicher noch monatelang beschäftigen, bis wir die Kraft haben sie in unser tägliches Leben integrieren zu können.

Auf der Anrichte in der Diele steht nun Ernas Bild neben deinem Bild und vor beiden brennt eine Kerze. Wenn ich mich auf meinem Bürostuhl etwas zurücklehne, dann kann ich durch die offene Bürotüre eure Bilder, die flackernden Kerzen und den Strauss lachsfarbener Rosen daneben sehen.
So wie jetzt ...
Bis die Augen brennen und die Erinnerung an die Zeit mit Dir sich schmerzend durch die Kehle frisst.

Ich dich „liebetiger“.

21.06.2006 um 00:34 Uhr

Tears in Heaven

Heute war ein schlimmer Tag. Irgendwie bin ich froh dass er vorbei ist.
Vor mehr als einer Woche war Oma Erna mit einer Gehirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert worden und die Ärzte in der Notaufnahme machten uns keine Hoffnungen mehr. Die Blutung wäre nicht zu stoppen und würde früher oder später zum Tod führen.  Es sei alles nur eine Frage der Zeit.

Heute, um zwei Uhr morgens kam dann der Anruf aus der Klinik, dass es ihr sehr schlecht gehe und sie den Tag wohl nicht überleben wird.
Ich habe sie noch gesehen, habe ihre Hand gehalten und ihren Kopf gestreichelt, wohl wissend, dass unter ihren weißen Haaren der Tod auf sie wartet.
Am frühen Nachmittag ist Erna ihm dann gefolgt und mit einem tiefen, letzten Atemzug ist sie ihren Weg zu Ende gegangen.
Sie wird mir fehlen. Und das nicht nur, weil sie immer so köstlich gute Kuchen backen konnte, aber immer behauptete sie wären ihr dieses eine Mal misslungen.

Nun ist es Abend geworden und ich bin müde, kann aber noch nicht schlafen.
In der Wohnung ist es schwül. Die verbrauchte Luft des vergangenen Tages will noch nicht weichen. Fenster und Türen sind weit geöffnet, doch es wird sicher noch Stunden dauern bis die kühlende Nachtluft die Hitze des Tages verdrängt hat.
Ich lehne in der geöffneten Türe zur Terrasse und starre gedankenverloren in die samtige Dunkelheit des Gartens
Draußen ist es still. Es ist vollkommen still. Eine eigenartige Stille.
Kein Blatt raschelt, kein Zweig bewegt sich, kein Geräusch dringt von den Nachbarhäusern herüber, kein Motor und keine Stimme stört diese Stille.
Es ist als hielte die Welt, die heute einen lieben Menschen verloren hat, in stillem Gedenken den Atem an.  

Hinter mir, im dunklen Wohnzimmer erklingt leise die Melodie von „Tears in Heaven“.
Den Text dazu krame ich mehr aus der Erinnerung, als dass ich ihn höre:

Would you know my name
If I saw you in heaven?
Would it be the same
If I saw you in heaven?
Would you hold my hand
If I saw you in heaven?
Would you help me stand
If I saw you in heaven?

Pass auf Dich und Erna auf und vergesst meinen Namen nicht.
If I saw you in heaven!

Ich dich „liebetiger“

13.06.2006 um 14:01 Uhr

Verdorrte Rosen

An einem kleinen Strauß verdorrter Rosen, der im Fahrtwind der vorbeifahrenden Autos an der Leitplanke der Autobahnauffahrt baumelt, fahre ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit vorbei. Fast automatisch bleibt mein Blick kurze Zeit daran hängen und ruft Erinnerungen wach.

Wie immer Erinnerungen an Dich, aber in diesem speziellen Fall auch Erinnerungen an den Unfall, der hier vor einigen Monaten geschah.
Zusammen mit einem öligdunklen, verbrannten Fleck auf dem Asphalt und einigen heruntergebrannten Kerzen war mir dieser Rosenstrauß am Straßenrand lange Zeit typisch für die Trauer von Angehörigen und Freunden. Nur kurze Zeit brannten Kerzen an der Unfallstelle, selten sah ich Menschen dort. Einmal nur, kurz nach dem Unfall bei dem ein Mädchen sein junges Leben verlor, sah ich eine Gruppe junger Leute hinter der Leitplanke stehen.
Das ist jetzt fast ein Jahr her. Irgendwann werden die Reste der sichtbaren Trauer von den Straßendiensten entfernt werden und dann fährt man vorbei und nur noch die Räder verspüren die Veränderungen im Asphalt.

Man fährt vorbei, aber mit der Trauer es ist nicht vorbei.
Man muss sich nur erinnern oder erinnert werden. Dann ist es wieder da, dieses Gefühl der Leere, der Einsamkeit und der Wehmut, die weh tut und –wie ich weiß- auch Mut macht.
Auch wenn die Rosen an der Leitplanke verdorren und irgendwann verschwunden sind.
Irgendwo, auch wenn man sie nicht sieht, gibt es Menschen, die sich erinnern.
Ich weiß es, denn sie suchen. Sie suchen nach Menschen, die ihre Trauer verstehen und teilen können, wenn Freunde sie längst vergessen und verlassen haben.
Und ich weiß, dass sie sich finden, denn sie finden auch mich und ich finde sie. Wir finden uns im Gespräch, wir finden uns durch und in  Bücher und wir finden uns im Internet.
Auch wenn die verdorrten Rosen längst von den Leitplanken verschwunden sind.

Pass auf Dich auf, wo immer du auch bist.
Ich Dich „liebetiger“

P.S.
Gestern lag ein Strauß frischer Wiesenblumen an der Unfallstelle, direkt unter den verdorrten Rosen.

10.05.2006 um 07:30 Uhr

Leben auf Zeit

Sechs Jahre, auf den Tag und fast die Stunde genau, bist du nicht mehr hier und  ich vermisse dich wie am ersten Tag.
Die Wunde, die durch deinen Tod gerissen wurde, sollte eigentlich durch die Zeit heilen, doch die Wunde ist die Zeit.
Die Zeit mit dir, die Zeit als das Unfassbare geschah, die Zeit nach deinem Tod, die Zeit ohne dich und die Zeit, die mir selbst noch bleibt.

Leben, nennen wir Menschen die Zeit zwischen Geburt und Tod.
Nicht immer sind wir uns bewusst, was das wirklich bedeutet. Zumindest mir war das nicht klar und dir vermutlich auch nicht, denn sonst wären wir nicht so sorglos mit unserer Zeit umgegangen.
Tja, wenn wir gewusst hätten, dass die Zeit nicht unendlich ist, dann ... dann hätten wir manches sicher anders gemacht und uns mehr Zeit genommen.
Und ich hätte Dich öfter in den Arm genommen und Dir die Haare zerzaust, auch wenn Du das nicht so gerne mochtest und dich meist heftig gewehrt hast.

Unsere Zeit zum Leben, sie ließ uns oft zum leben keine Zeit.
Seit deine Zeit so plötzlich zu Ende ging, ist mir das klar geworden. Doch jetzt ist es zu spät.
Sechs Jahre ohne Dich sind eine lange Zeit. Eine Zeit voller Fragen nach dem Warum. Eine traurige Zeit, in der ich lange gebraucht habe um wieder den Mut zu finden mit anderen Menschen lachen zu können.
Auch wir beide haben gerne gelacht und so manchen Quatsch gemacht. Ich muss es immer wieder denken, wenn ich mir alte Fotos und Videofilme ansehe.
Es war eine schöne Zeit mit Dir.
Und es war ein schönes Leben mit Dir.
Doch es war ein Leben auf Zeit.  
Leb nun wohl in deiner Zeit und pass auf Dich auf, wo immer du auch bist.

Du weißt, dass ich heute ganz besonders nahe bei dir sein werde.
Ich dich „liebetiger“

12.04.2006 um 23:11 Uhr

Ostergefühl

Es wird Ostern, doch nicht Frühling.
Es ist kalt und es regnet. Mal in Strömen, dann wieder in feinen dünnen Schleiern, wie Nebel. Der Himmel grau, bewölkt und hier und da durchstoßen vom diffusen Licht einer fernen Sonne.
Kein Wetter, das man sich zu Ostern wünscht
In Kontrast dazu die bunten Blumensträuße auf den Gräbern. Schnittblumen, zerzaust vom böigen Wind und Gestecke mit bemalten Ostereiern.

Ostern, das Fest der Christen, die an die Auferstehung vom Tode glauben. Für die meisten Menschen wohl aber makaber, sich das bildlich auf einem Friedhof vorzustellen. Mir entlockt der Gedanke ein leises Lächeln. Und seltsamerweise ein warmes, angenehmes Gefühl der Nähe zu dir.
Mit geschlossenen Augen kann ich dich sehen. Sehe dein, für dich typisches Grinsen. Ich sehe die begleitende Bewegung deiner Hände zum Klang deiner Stimme, ohne deren Worte zu verstehen. Du bist so nah bei mir, dass ich die Nähe deines Körpers atme und seine Wärme spüre.
Ich kenne dieses Gefühl, den Schmerz und die Stärke, die von ihm ausgehen. Immer wieder unglaublich schön und überwältigend. Eigentlich unbeschreiblich, stumm ertragen, mit Wonne gelitten und immer furchtsam hoffend erwartet.
Fast sechs Jahre lang ist mir dieses Gefühl schaler Ersatz und doch an Intensität mit sonst nichts zu vergleichen.
Es gibt mir die Kraft und die Wärme in der Kälte meiner Zeit ohne dich.

Frohe Ostern und pass auf dich auf.
Ich dich „liebetiger“