liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

05.09.2005 um 00:39 Uhr

Bananenflanke

Lieber Tiger

nun ist es schon nach Mitternacht und ich sitze noch immer im Büro.
Vor mir der gleißende Bildschirm und neben mir das weit geöffnete Fenster. Im Haus gegenüber flackert ein Fernsehgerät seine bunten Bilder in die Nacht und streut Farben auf den Rasen. Es ist still, nur im Zimmer summt leise der Ventilator des Computers und vom dunklen Nachthimmel grummelt das Geräusch eines weit entfernten Flugzeugs.

Die Luft ist noch warm, auch wenn langsam die zunehmende Kühle der Nacht zu spüren ist. Kein Stern steht am Himmel, der aussieht wie dunkelblauer Samt und jedes Geräusch zu schlucken scheint. Irgendwo dort draußen wirst du jetzt wohl sein und wenn es stimmt was man in der Kirche lernt, dann wirst du mir jetzt sicher von irgendwo her zusehen.  
Wenn ich mir das so vorstelle und an dich denke, wird mir ganz warm.
Ein schönes Gefühl.
Mit geschlossenen Augen geht es noch besser. Dann kann ich dich sehen. Ich kann dich sehen, wie du mir zusiehst. Ich kann dich sehen, wie du in der für dich typischen Art da stehst und zu mir herüber siehst. Wie jemand, der beim Fußballspiel gerne mitspielen würde, aber sich nicht traut zu fragen. Früher hätte ich dir in einer solchen Situation den Ball zugespielt und du hättest ihn gestoppt und dann mit dem linken Bein zurück gespielt. So haben wir immer unsere Spiele begonnen und uns warm gespielt um dann keuchend, schiebend und drückend um den Ball zu kämpfen. Du hast immer gesagt, ich wäre ein alter Hacker, wenn ich mal die Notbremse ziehen musste, weil du mich wieder mal gekonnt getunnelt hattest.
Ja, ich gebe es ja zu, manchmal war das nicht ganz legal, wie ich dich vom Ball getrennt habe. Aber so wie du mir oft ein Bein gestellt hast, war das auch nicht gerade die feine englische Art.
Aber was soll’s – Hauptsache wir hatten Spaß und konnten lachen.

Das ist es, was mir am meisten fehlt.
Dein Lachen. Dein Lachen fehlt. Und dein Lächeln. Dieses einmalig schöne Lächeln.
Und deine Bananenflanken und die Freude in deinem Gesicht, wenn du an mir vorbei ins Tor getroffen hattest. Deine jubelnden Zickzackläufe über den Rasen waren einfach grandios. Du hast dich gefreut wie ein kleines Kind, wenn du mit ausgebreiteten Armen wie ein Flugzeug über den Rasen gekurvt bist, während ich den Ball in gespielter Wut so hoch in den Himmel gedroschen habe, wie ich nur konnte.

Was würde ich dafür geben, wenn ich das noch einmal erleben dürfte.  
Ich werde jetzt noch ein bisschen an dich denken und aus dem Fenster in den dunklen Nachthimmel starren. Vielleicht sehe ich dich dort mit ausgebreiteten Armen irgendwo herumkurven.

Pass auf dich auf.
Ich dich „liebetiger“


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenFelicia schreibt am 14.09.2005 um 19:30 Uhr:Verdammt, ich könnte heulen... Und ich dachte, es geht mir schlecht, aber ich hab mich wohl geirrt... Es tut mir so leid!!!
  2. zitierensandymaus schreibt am 22.09.2005 um 15:36 Uhr:Ich habe jetzt lange Zeit gebraucht, um Deine Briefe zu lesen. Immer wieder musste ich aufhören, weil ich vor lauter Tränen nichts mehr gesehen habe.

    Ich kann (Gott sei Dank) nicht nachfühlen, wie Du Dich fühlen musst. Ich bewundere Dich nur, dass Du immer wieder die Kraft findest, Deine Gefühle in Worte zu fassen.

    Eltern, die ihre Kinder so früh verlieren, gebührt mein ganzer Respekt und meine Hochachtung!

    Ich bin ein Jahr älter als Dein Sohn jetzt wäre und ich möchte mir gar nicht vorstellen, einmal so fühlen zu müssen wie Du!

    Alles was ich \"durchmache\", ist so nichtig und klein.

    Ich bewundere Dich...
  3. zitierenFelicia schreibt am 22.09.2005 um 17:39 Uhr:Das geht mir absolut genauso wie Sandy... Es muss so furchtbar schlimm sein! Allein schon, das alles noch zu schreiben. deine Gedanken... Ich hoffe so für dich, dass du wieder glücklich wirst!
  4. zitierenPuppi schreibt am 28.09.2005 um 22:03 Uhr:Habe jetzt zum ersten Mal alle Einträge gelesen und es kullern mir einfach ständig Tränen übers Gesicht. Die Welt ist manchmal so ungerecht...und mir zeigt es das ich doch eigentlich wirklich keine Probleme habe, auch wenn ich das manchmal denke... Ich wünsche Dir einfach unendlich viel Kraft und Stärke und hoffe das bald wieder öfter die Sonne in dein Herz scheint!!!

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