Blaue Farben
Zwischen ausgefransten Wolkenlöchern zeigt sich Blau in vielen Schattierungen am Himmel.
Helles, wässriges Blau, eigentlich nur einen Hauch von Farblos entfernt, schimmert in südlicher Richtung, in der sich die Wolken bewegen.
Kräftiges, sommerlich freundliches Blau, wie es sich für einen Sonntag im Juni gehört, leuchtet direkt über mir. Weiter nach Nordwesten färbt sich dieses Blau aber dunkler, wird samtiger, weicher, weniger strahlend, bis es sich zu Violett verfärbt und bedrohlich wirkt.
Dicke Wolken beginnen den Horizont zu verkleistern. In immer kürzer werdenden Zeitabständen schafft es die schon tiefstehende Sonne noch, sich dagegen zu wehren.
Hinter mir freundliches, fast frühlingshafte Farben am Himmel. Über mir die kraftvollen Töne des Sommers und vor mir die Farbaggressionen eines kommenden Unwetters. Für Motorradfahrer ein untrügliches Zeichen sich auf den Weg nach Hause zu machen oder sich nach einer gemütlichen Wirtschaft umzusehen. Es ist die Zeit zwischen Nachmittagskaffee und Abendessen. Es ist etwa die Zeit, zu der die Engländer ihren Tee trinken.
Frische Kerzen habe ich zu deinem Grab gebracht und später liegt noch ein langer Weg nach Hause vor mir. Draußen, vor dem Friedhof steht mein Auto mit offenem Schiebedach und noch leise knisterndem Motor.
Es war ein langer Tag, den ich heute mit vielen anderen Menschen und ihren Familien verbracht habe. Sie waren um ihre kleinen Problemchen und ihr unbewusstes Glück zu beneiden. Doch zuletzt konnte ich sie nicht mehr ertragen und mich mit der Ausrede einer langen Heimreise früh davongemacht.
In Wahrheit wollte ich zu dir, um meinen Sonntag auf meine Weise mit dir zu beenden.
Die Zeit wird knapp, der stärker werdende Wind kündigt das drohende Unwetter unmissverständlich an. Die Kerzen flackern heftig und trotz der nachmittäglichen Stunde werfen sie kleine zuckende Schatten auf die frisch gepflanzten blauen Blumen, deren Name ich immer wieder vergesse.
Meine Gedanken gehen zu dir und ich sehe dein Gesicht vor mir.
Ich kann dir genau ansehen, dass du denkst, dass ich nachher richtig nass werde weil das Gewitter sicher schneller sein wird als ich. Aber da hast du dich getäuscht, denn beim ersten Regentropfen, der mich mitten auf die Stirn trifft bin ich weg, das schwöre ich dir.
Aber jetzt möchte ich noch ein bisschen hier bei dir am Grab stehen, dem Flackern der Kerzen zusehen und mit meinen Gedanken und Erinnerungen nach dir greifen.
Lass mich einfach deine Nähe spüren und mit dir schweigen.
Lass mich die Farbe des Windes sehen, das aufgeregte Geplapper der Birkenblätter hören, über die Blumen mit dem vergessenen Namen nachdenken und die blauen Farben des Himmels erleben.
Aber wenn mich der erste Regentropfen mitten auf die Stirn trifft, dann werde ich gehen und dir noch rasch sagen, dass du auf dich aufpassen sollst, da wo du jetzt bist.
Und jetzt lass uns gemeinsam auf den Regen warten und durch unsere Träume wandern.
Ich dich "liebetiger"

