liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

29.07.2004 um 20:06 Uhr

Briefe an einen geliebten Menschen

"Du schreibst Briefe und veröffentlichst sie im Internet?", werde ich manchmal von Menschen gefragt, die glauben mich etwas besser zu kennen.
"Ja ich schreibe Briefe", bestätige ich dann, "an ihn" und zeige dabei auf das Bild meines Sohnes "und manchmal auch Gedichte. Aber die finde ich nach einiger Zeit nicht mehr so gut. Warum fragst du?"

Meist druckst mein Gesprächspartner dann ein bisschen herum und ich kann ihm ansehen, dass er sich sorgt, weil er sich vielleicht zu weit vorgewagt hat. Die Zaghaften geben hier bereits auf und antworten auf meine Gegenfrage "was willst du sonst noch wissen?" mit einem Schulterzucken und einem "Nichts, nur so halt".

Die Mutigen aber gehen weiter.
Manchmal etwas zögernd, vorsichtig um sich spähend und tastend auf einem ungewohnten unsicheren Terrain, manchmal auch aufrecht geradlinig ohne Arg, aber dennoch mit einem gewissen Respekt vor dem Thema.

"Was gibt dir das, warum machst du das?", wollen sie dann wissen, "und warum machst du das öffentlich?"

"Du meinst ich sollte meine Gedanken und Gefühle lieber für mich behalten oder in ein Tagebuch schreiben und den Schlüssel verstecken oder an einer Kette um den Hals tragen?"

"Nein, das habe ich nicht gemeint. Auf jeden Fall nicht so, wie du es jetzt ausdrückst. Ich meine, dass diese Gedanken, die Worte und Sätze die du schreibst doch sehr persönlich sind, dein Privatleben und deine Familie betreffen. Also ich könnte sowas nicht ins Internet stellen!"

Ich warte an dieser Stelle dann meist ein wenig, damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde eine leichtfertige, schnelle Antwort geben, dabei weiß ich genau was ich sagen werde. Und ich sage es bewusst mit einer brutalen Offenheit:

"Dein Kind ist auch nicht mit zertrümmerten Knochen allein auf einer Landstraße in einer Lache heißem Kühlwasser und stinkendem Benzin gestorben. Du hast nicht den Unfallbericht gelesen und die Polizeifotos gesehen. Du hast dich auch nicht durch den Obduktionsbericht deines Kindes gekämpft, wo mit chirurgischer Genauigkeit beschrieben wird, wie dein toter Sohn in Einzelteile zerschnitten und untersucht wird. Du hast dich nicht fragen müssen woher du eigentlich die Kraft nimmst um weiter zu lesen, um zu erfahren dass die Oberschenkelknochen gebrochen waren, das Becken und die Kniescheiben gebrochen waren, die Finger und die Unterarme Splitterbrüche hatten, einige Rippen gebrochen waren, die Milz und die Leber gequetscht und gerissen waren, die Lunge einen Riss hatte aber gesund und kräftig aussah. Gesund wie das Herz, das Herz eines sportlichen jungen Menschen, leider nur mit einem Riss der zum Tode führte. Und du hast dem Menschen, der daran die Schuld trägt und dir dein Kind genommen hat, nicht zuhören müssen, wie er sich mit der Hilfe seines Anwalts aus der irdischen Verantwortung gewunden und davon gelogen hat. Du warst nicht bei der Urteilsverkündigung dabei, hast nicht die Gleichgültigkeit und das Schulterzucken der Sachverständigen, Rechtsanwälte und Richter gesehen, als es um das Recht für dein Kind ging. Und du hast nicht die Erleichterung im Gesicht des Täters gesehen, als er als freier Mann den Gerichtssaal verlassen konnte. Du hast nicht erlebt, wie um die Höhe der Geldstrafe gefeilscht wurde. 4000 DM ist den Richtern das Leben meines Sohnes wert gewesen. Und ich saß dabei, konnte nicht glauben was ich sah und hörte. Der Richter konnte mir nicht in die Augen sehen, mein Anwalt meinte entschuldigend, dass eben nicht mehr drin gewesen wäre, der Sachverständige gab mir die Hand und entschuldigte sich und dem Anwalt des Beklagten stand der Triumph ins Gesicht geschrieben. Du hast das alles nicht erleben müssen und ich wünsche dir, dass du es auch niemals erleben musst. Damals habe ich mich verändert. Ich habe mich aus den Konventionen dieser Gesellschaft verabschiedet. Ich habe mich von diesem Rechtsstaat losgesagt. Ich habe mich von Freunden und Bekannten zurückgezogen. Ich bin sarkastisch, ja manchmal auch bewusst böse, geworden. Still und nachdenklich bin ich auch geworden, schlafe wenig, meist nur 4-5 Stunden. Meine Arbeitsweise hat sich geändert, mehr vom Gefühl geleitet als vom Verstand. Und ich bin ungeduldiger geworden, härter und auch gewaltbereiter gegen Menschen und Institutionen, die meinen die Regelwerke unserer Gesellschaft nach Belieben zu ihren Gunsten auslegen zu können. Meine Wertvorstellungen haben sich verschoben. Lange Zeit habe ich mich mit dem Tod beschäftigt. Zuerst mit dem Tod des Täters. Gewaltsam, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Blut zu Blut. Rache. Blutrache. Dann habe ich mich mit meinem Tod beschäftigt.
Als endgültiges Ende der Trauer und des Leidens. Ein gewaltsames Ende der Sinnlosigkeit.
Wie macht man das? Wie ist man sicher, dass es funktioniert? Woher nimmt man den Mut dazu selbst Hand an sich zu legen?
Und die ganze Zeit habe ich mit dem Verlust und dem Tod meines Sohnes gelebt. Was hat er gespürt als er gestorben ist? Was ist nach dem Tod? Wo ist er jetzt? Warum ist das ausgerechnet ihm passiert? Warum nicht mir? Ich habe Tage und Nächte an seinem Grab verbracht, sah die Veränderungen am Grab. Sah die frischen Blumen welken, die Kränze verschwinden, die aufgeworfene Erde zusammensacken, habe stundenlang auf das Holzkreuz gestarrt, als würde dort die Antwort auf meine stummen Fragen stehen. Und ich spürte, dass ich gegen die Zeit, um meine eigene Vergangenheit und die veränderte Zukunft kämpfte. Fast zwanzig Jahre lang, war ich mit meinem Sohn zusammen. Ein lange Zeit ist das -und doch zu kurz. Dann begann ich zu schreiben. Zuerst nur für mich – gegen das Vergessen. Dann für ihn, für Ingo – zur Erinnerungen an meinen besten Freund. Dann fasste ich den Mut, diese Texte zu einem Buch zusammenzufassen und aus Furcht vor der Öffentlichkeit und den Konsequenzen unserer Gesellschaft unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Erst danach fand ich im Internet Gedenkseiten von verstorbenen Kindern und habe zum ersten Mal erfahren, dass ich nicht alleine war, sondern das Schicksal anderer Eltern teilte. Ich habe von diesen Eltern viel Hilfe erfahren, weil sie mir zugehört haben. Dann habe ich mich dazu entschlossen für Ingo eine Gedenkseite im Internet zu erstellen und selbst mit Texten und Fotos zu gestalten. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt bis zu den Briefen. Heute ist mir egal was die Leute denken. Es ist meine Art mit dem Tod meines Sohnes umzugehen. Ich habe mir das nicht gewünscht."

Wenn ich dann erschöpft von der langen Rede verstumme, die Hände wie zum Gebet auf dem Tisch gefaltet um ihr Zittern erträglich zu machen und die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, folgt betretenes Schweigen. Und ich sitze einem Menschen gegenüber, dessen Augen verlegen an den Wänden oder in der Ferne hinter mir verzweifelt nach einem Ausweg aus dieser misslichen Lage suchen, in die ihn seine Frage "Warum schreibst du Briefe, warum machst du das?" gebracht hat.

"Und", füge ich dann leise hinzu, "ich kann Nachts nicht mehr schlafen, weil ich von Ingo’s Augen träume, die man ihm entfernt hat nachdem er tot war. Sie haben ihm die Augen weggenommen. Einfach so. Ohne zu fragen, ohne etwas zu sagen. Erst nach Monaten habe ich durch den Obduktionsbericht davon erfahren. Wir haben Ingo ohne seine Augen begraben ohne es zu wissen. Ich bin, weiß Gott, kein religiöser Mensch, aber ich träume davon, wie Ingo seine Augen sucht und ich nicht in der Lage bin sie ihm zu geben, weil ich nicht weiß wo sie sind. Wie soll ich ihm das erklären? Und jetzt sag mir bitte nicht, dass ich darüber hinweg kommen und positiver mit seinem Tod umgehen soll. Aber nimm dir Zeit, lass mich erzählen, höre mir zu und frage. Aber erwarte keine Antworten die du mit dem Verstand begreifen kannst. Versuche auch nicht dir vorzustellen wie das ist wenn du ein Kind verlierst, denn die Gnade deines Denkens wird es verhindern. Sonst würdest du den Verstand verlieren. Dort wo du aufhören wirst zu denken, dort ungefähr beginnt die Realität dessen was wirklich geschehen ist und immer noch geschieht. Also gib mir keine Ratschläge, bis du es nicht selbst erfahren musst."

Nur wenige Menschen kamen danach wieder und haben mich ertragen.
Denn es gehört viel Mut dazu wieder zu kommen.
Und es gehört noch mehr Mut dazu nach Worten zu suchen und diese zu schreiben oder zu sagen.

Nichts ist mehr wie es einmal war.
Alles hat sich verändert.
Auch ich.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenclaudia schreibt am 30.07.2004 um 12:03 Uhr:Gestern habe ich deine Briefe an deinen Sohn gelesen und sie haben mich sehr nachdenklich gemacht.

    Nachdenklich und traurig. Als ich heute diesen Eintrag sah, war es als hättest du eine Antwort auf meine Fragen gegeben.

    Ich danke dir dafür.
  2. zitierenlilith schreibt am 02.08.2004 um 01:07 Uhr:es gehört auch viel mut dazu, diese intensiven und intimen gefühle auszudrücken und öffentlich zu machen. aber es ist wichtig, das zu zu tun, denke ich. für alle, die in derselben situation sind und für uns anderen, die wir uns immer wieder gern sprachlos davon machen.

    danke, lil
  3. zitierenclaudia schreibt am 02.08.2004 um 22:45 Uhr:wir haben nicht immer die Worte, manchmal nur die Gedanken ...... die Gefühle
  4. zitierenMarietta schreibt am 02.12.2007 um 10:30 Uhr:Auch ich habe vor einem jahr am 1 november meinen geliebten sohn verloren und vor 11 jahren meine unvergessliche tochter manuela........ich leide wahnsinnig, möchte nur noch zu meinen kindern

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