Ein schöner Tag
Herrliches Wetter, strahlender Sonnenschein und nur ein leichter warmer Wind. Bestes Motorrad- und Cabriowetter. Früher wären wir sicher irgendwo durch den Odenwald gebraust oder hätten unser Zeit auf einem Fußballplatz verspielt. Ein Tag um mit der Seele in der Luft zu baumeln.
Viel Zeit habe ich mir mitgebracht. Viel Zeit um meinen Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen und mich mit dir zu unterhalten.
Anfangs stehend, aber das gefällt mir nicht so gut, die Distanz zu dir ist mir zu groß. Wir standen uns früher auch nicht mit zwei Meter Entfernung gegenüber. Als die Beine nicht mehr wollen und mir auch das Kreuz weh tut, setze ich mich einfach auf die Kante von Brunos Grab. Ich denke er hat da nichts dagegen, auch wenn ich ihm den Rücken zukehre. Dass mich ein anderer Friedhofbesucher missbilligend ansieht, ist mir egal. Vielleicht bringe ich nächstes Mal einen Campingstuhl mit.
Ich seh dich lachen bei diesem Gedanken, denn du weißt genau dass ich da keine Skrupel hätte.
Auf dem Friedhof ist es still und die Erde auf deinem Grab riecht nach Sonne. Jemand hat meine Blumen, mein "Vergissdeinnicht" aus dem Topf genommen und auf dein Grab gepflanzt. Sie gedeihen gut und haben schon neue Blüten bekommen. Meine Kerzen stelle ich drum herum und zünde die Dochte an. Der leichte Wind bewegt die Flammen und bringt sie manchmal fast zum erlöschen. Aber eben immer nur fast. In einigen Tagen werden sich die Flammen bis auf den Grund hinuntergefressen haben und dann sanft erlöschen. Wenn der Wind sie nicht vorher ausbläst oder sie der Regen ertränkt.
Elton John fällt mir ein und sein Lied "Like a candle in the wind". Während ich in Gedanken nach dem Text suche, höre ich vom Dach der Einsegnungshalle einen Raben sein heiseres "Krah krah" über den Friedhof rufen. Ich suche ihn mit den Augen und sehe, dass er mich beobachtet. Das "Krah Krah" scheint offensichtlich mir gegolten zu haben. Wir starren uns einige Minuten lang an und Gedankenfetzen ziehen mir wie Nebelschwaden dabei durch den Kopf.
Dann gibt der Rabe auf und fliegt davon, über dem nahen Wald sehe ich ihn verschwinden.
Jetzt ist die Stille und Einsamkeit auf dem Friedhof noch stärker zu spüren, als vorher. Fast vermisse ich diesen schwarzen Totenvogel.
Am Himmel ziehen kleine Kumuluswolken in bizarren Formen ihre Bahn. Dazwischen die verwehte Kondensspur eines Flugzeuges mit einem silberglänzenden Pünktchen am Anfang.
"So ist das Leben", denke ich mir und spüre dieses vertraute Brennen im Rachen, "ein glänzender Anfang, gefolgt von einer geraden Linie, die mit zunehmender Länge und Zeitdauer verwischt und schließlich ganz verweht, noch bevor der Verursacher hinter dem Horizont verschwunden ist. So wie du verschwunden bist, von einer Minute auf die andere. Und weil die Erde eine Kugel ist, musst du irgendwann auf der anderen Seite wieder auftauchen."
Und so lange bleibe ich jetzt hier sitzen und starre in den Himmel.
Und wenn du wieder kommst, dann flieg ein paar Haken, damit ich dich besser erkennen kann.
Leb wohl und pass auf dich auf, da wo du jetzt bist.
Ich dich "liebetiger"

