Fremde Menschen
So langsam wird das durch den Wohnungswechsels entstandene Chaos wieder überschaubar.
Aber es wird noch Wochen und Monate brauchen um alles wieder an seinen Platz und in die gewohnte Ordnung zu bringen.
Langsam müsste ich auch Übung bekommen, denn seit deinem Tod treibt es mich wie einen Nomaden durch das Land. Wie auf der Flucht vor unserer gemeinsamen Vergangenheit.
Vertrautes und Gewohntes lasse ich hinter mir.
Neues und Unbekanntes erwartet mich. Neue Umgebung und neue Menschen. Menschen, die meine Geschichte nicht kennen. Menschen, für die ich selbst neu und unbekannt bin. Meist gehe ich ihnen aus dem Weg und meide den Kontakt. Nur ein Kopfnicken und "Guten Tag" oder ein flüchtiges "Hallo" im Treppenhaus oder auf der Straße.
Aber früher oder später ergibt sich aus der Situation ein Gespräch und dann kommt irgendwann die Frage: "Haben Sie auch Kinder?".
Meist genügt ein kurzes "Ja" ohne weitere Erklärungen als Antwort um das Gespräch wieder auf Alltägliches und das Wetter zu lenken.
Doch diesmal war es ein kleiner Junge der die Frage stellte.
Er war mit seiner Mutter im Keller und hat ihr beim Befüllen der Waschmaschine "geholfen", während ich vor dem Bullauge meines Wäschetrockners kniete um den Filter zu reinigen. Unsere Gesichter waren etwa auf gleicher Höhe. Er hatte große neugierige blaue Augen.
"Hast du auch Kinder?", wollte er leicht keuchend wissen während er neben mir versuchte ein großes Handtuch in die Waschmaschine zu stopfen.
"Ja, ich habe auch Kinder", antwortete ich mit einem leichten Lächeln und ahnte schon wie das Gespräch weitergehen würde.
"Wie viele?", kam die nächste Frage.
"Eins" und um der nächsten Frage zuvorzukommen, fügte ich hinzu "einen Jungen."
Aber der Kleine ließ nicht locker : "Kann ich mal mit dem spielen?"
Ich lachte bei dem Gedanken daran kurz auf und antwortete dann: "Nein, mit dem kannst du nicht spielen."
Doch der Kleine war hartnäckig und seine Fragen kamen in immer schnellerer Folge.
"Warum?"
"Weil mein Sohn nicht hier ist."
"Warum?"
"Weil fort gegangen ist."
"Warum?"
"Weil er woanders wohnt."
"Warum?"
Ich sah die Mutter an, die mit dem Zusammenlegen der Wäsche beschäftigt schien und wusste nicht was ich jetzt sagen sollte. Dann entschloss ich mich für: "Weil er in Amerika wohnt. Das ist weit weg."
"Warum?"
"Weil er dort arbeiten muss."
"Warum?"
"Ja, so wie dein Papa auch arbeiten muss."
"Kommt er dich mal besuchen?"
Die Mutter bemerkte mein Zögern und sah ihren Sohn tadelnd an, während sie weiter die Wäsche zusammenlegte und ich nach einer passenden Antwort suchte.
"Ja, manchmal kommt er mich besuchen."
Dabei spürte ich wie mir der Schmerz durch die Kehle stieg, sich in Brustraum ausbreitete und blutig-galliger Geschmack den Rachen füllte. Wie gerne hätte ich dem Kleinen meine Hand auf die Schulter gelegt, ihm die Haare verwuschelt und gesagt: "Weißt du, mein Sohn war auch mal so ein netter kleiner Feger wie du. Er hatte Augen wie du, war so neugierig wie du und hatte auch so viele Fragen. Aber jetzt ist er tot und er wird mich nie mehr besuchen kommen."
Aber statt dessen stand ich abrupt auf und schlug die Tür des Wäschetrockners mit einem lauten Knall zu. Mit einer gewissen Genugtuung sah ich, wie Mutter und Kind dabei zusammenzuckten und mich erschrocken ansahen.
Mit einer gemurmelten Entschuldigung raffte ich meine Sachen zusammen und verließ fluchtartig die Waschküche um mit tränennassen Augen durchs Treppenhaus in die Sicherheit der Wohnung zu steigen.
Dort am Fenster, an der Glaswand, da wo die Sonne gleich früh am Morgen hinscheint, steht dein Bild und gibt mir Geborgenheit.
Daneben das kleine Teelicht, das durch den Luftzug der hinter mir zuschlagenden Wohnungstür leicht flackert.

Pass auf dich auf in Amerika, da wo ich dich jetzt gerade hingeschwindelt habe.
Ich dich "liebetiger".

