liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

24.08.2004 um 09:00 Uhr

Golden Goal

Hab geträumt von dir heut Nacht.

Ist mir erst jetzt wieder eingefallen, als ich gerade unter der Dusche stand und die Nadelstiche des heißen Wassers mich langsam zurück in die Jetztzeit holten. So eine Dusche am Morgen, ist schon etwas Feines.

Wir haben Fußball gespielt, heute Nacht, irgendwo auf einer Wiese. Ich weiß nicht wo das war, da war nur diese Wiese und nichts drum herum. Nur Gras, überall Gras und zwei Tore. Du und ich wir haben zusammen in einer Mannschaft gespielt. Du wie immer vorne im Sturm, ganz links als Außenstürmer und ich hinten in der Mitte als Libero, Ausputzer und als letzte Notbremse wenn die Gegner mal bis vor unser Tor kamen. Du weißt was sich meine, meine Spieltechnik in dieser Beziehung war schon immer berühmt-berüchtigt. Hart, aber heftig. Von "Alter Hacker" bis "faule Sau" reichten meine Ehrentitel.

Es war ein gutes Spiel, es ging hin und her. Wir hatten viel Spaß und wenn ich den Ball nach vorne schlug dann meist nach links, wo du an der Außenlinie gelauert hast. Wenn sich der Rechtsaußen beschwert hat, habe ich immer gedeutet, dass er eben weiter vorne stehen müsse und nicht immer hinter der Mittelfeldlinie.

Ich habe dich beobachtet, wie du mit dem Ball gelaufen bist und deine Gegner ausgespielt hast, die immer wieder auf deine Tricks hereingefallen sind. Ich sah dich schwitzen, kämpfen, fluchen und schimpfen wenn es nicht so lief wie du dir das vorgestellt hast. Und ich sah dich lachen und jubeln, wenn du den Ball über die gegnerische Torlinie gebracht hattest. Deine Jubelläufe waren einmalig, wahre choreographische Kunstwerke. Fast schöner wie das Tor selbst. Ich kenne niemand, der sich so wie du über ein geschossenes Tor freuen konnte.

Dann muss ich wohl einige Zeit unaufmerksam gewesen sein, oder ich habe einen Teil meines Traumes vergessen.

Ich weiß nicht, ob die Mannschaften neu eingeteilt wurden oder was passiert war. Erinnern kann ich mich nur daran, dass du plötzlich mit dem Ball auf mich zukamst, die anderen Spieler alle erwartungsvoll im Halbkreis um uns herumstanden und ich der letzte Mann vor dem leeren Tor war. Der "alte Hacker" gegen seinen eigenen Sohn.

Du hast mir keine Chance gelassen, mich gnadenlos vorgeführt und ausgetrickst, um mir dann den Ball durch die Beine in Tor zu spielen.

"Das verzeih ich dir nie", habe ich dir wütend nachgerufen, als du jubelnd und mit hochgerissen Armen an mir vorbei zu dem hinter die Torlinie kullernden Ball gelaufen bist.

Du bist noch ein paar Schritte gelaufen, dann stehen geblieben und hast dich langsam zu mir umgedreht. Lange Zeit hast du nicht gesprochen. Du standst nur da, hast mich angesehen und schienst zu überlegen. Es war totenstill geworden auf dem Platz.

"Das musst du auch nicht", hast du gesagt, dich gebückt, den Ball genommen und bist gegangen. Die anderen Spieler haben mich angestarrt und ich wich ihrem Blick aus.

Ein schlechter Verlierer.

Unter der Dusche ist mir das heute wieder eingefallen, während ich mir das heiße Wasser auf den Schädel trommeln ließ und zwischen den vor das Gesicht gehaltenen Händen blubbernde Geräusche erzeugte.

Ich sah dich mit dem Ball in der Hand im Tor stehen, hörte deine Worte und das heiße Wasser spülte meine Tränen in den Abfluss.

Ich hab das doch nicht so gemeint.
Pass auf dich auf, da wo du jetzt bist.

Ich dich "liebetiger"

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenerphschwester schreibt am 26.08.2004 um 20:59 Uhr:Wir träumen noch sehr lange von unseren Toten, Macho. Manchmal

    sind es gute Träume, manchmal solche, die uns unsere Versäumnisse

    klarmachen ( denn wir haben nie genug getan ! ). Aber ich habe

    gelernt, Frieden mit mir und meinen Toten zu machen. Sie sind

    für mich freundliche Begleiter in meinem lebendigen Leben.



    Das wünsche ich auch dir !

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