Nutellabrezel
Manchmal hat man Dinge über längere Zeit total vergessen und dann sind
sie plötzlich in einer Stärke wieder da, als wären sie gerade erst
geschehen. Bis ins letzte Detail zeigt sich die Erinnerung. Teilweise
vollkommen unwichtige Kleinigkeiten in einer Präzision und
Deutlichkeit, die fast erschreckend wirkt. Mir ist gerade beim Lesen eines Emails das Wort „Nutellabrezel“ ins Auge gestochen und sofort war die Erinnerung da.
Ich sah dich vor mir, gegenüber am Tisch sitzen.
In der einen Hand eine halbe, angenagte Brezel von der Nutella tropfte und in der anderen Hand ein Messer, von dem ebenfalls Nutella tropfte. Dazwischen dein Gesicht, grinsend mit einer Zahnlücke in den oberen, mit Nutella beschmierten Schneidezähnen und Nutellaflecken von den Augenbrauen bis zur Kinnspitze.
Dann hast du versucht, dir mit der Hand mit dem Nutellamesser die Haare aus der Stirn zu streifen, was nur teilweise gelang, aber zur Folge hatte dass vom Messer ein dicker Klecks Nutella auf deinen Haaransatz tropfte. Du musst es bemerkt haben, denn dein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, wie es frecher nicht hätte sein können.
Man sah dir an, dass es dir gut ging.
Dieses Gesicht konnte ich lange vor mir sehen und die Erinnerung festhalten, bis du den Blickkontakt abgebrochen und dich wieder mit dem Beschmieren deiner Brezel beschäftigt hast.
Fast war ich versucht dir zu sagen „nicht so viel Nutella, Tiggi. Dir wird noch schlecht werden“, aber mir war klar, dass das verlorene Liebesmüh gewesen wäre.
Seit du nicht mehr da bist, habe ich kein Nutella mehr gegessen.
Aber jetzt im Moment, während die Erinnerung langsam verblasst, kann ich es wieder riechen.
Pass auf dich auf.
Ich dich „liebetiger“

