liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

19.09.2004 um 18:49 Uhr

Offenes Fenster

Eigentlich ist der Tag noch nicht zu Ende, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass es das jetzt für heute gewesen ist.
Es war kein Tag, den man sich merken oder an den man sich zurück erinnern muss.
Jetzt sitze ich im Büro, sehe wie immer am Computer flüchtig meine elektronische Post durch und schaue mal auf den Bildschirm, mal aus dem Fenster, an dem ein großes Insekt mit vielen und langen Beinen versucht durch die geschlossene Scheibe ins Zimmer zu kommen.

Vermutlich sucht es ein geschütztes Plätzchen zu finden, bevor das heraufziehende Gewitter, dessen dunkelgraublauen regenschweren Wolken sich am Himmel zusammenrotten, sein Leben bedroht.
"Was denkt sich dieses Insekt jetzt", geht mir durch den Kopf. "Hat es Angst? Fürchtet es um sein Leben? Was ist das für ein Insekt? Wo kommen Insekten überhaupt her? Ist es ein Vaterinsekt auf dem Weg zur Arbeit oder ein Mutterinsekt das auf dem Heimweg vom Gewitter überrascht wurde? Oder ist es noch ein Kindinsekt, das sich verirrt hat und den Weg nach Hause nicht findet? Kann mich das Insekt sehen? Weiß es dass ich da bin? Weiß es wer ich bin? Soll ich jetzt das Fenster öffnen und Schicksal spielen oder geht mich das nichts an?"

Am Horizont vollzieht sich ein schaurig-schönes Schauspiel. Gedankenverloren starre ich auf die Wolken, die der zunehmende Wind antreibt. Heftiges Wetterleuchten am Himmel schleudert wilde Schattengebilde durch das sterile Leuchten des Computerbildschirms an die Wände. Ein grummelndes Geräusch ist zu hören, als hätte sich die nahe liegende Großstadt einen Frosch aus dem gefräßigen Hals geräuspert.

Das wenige verbliebene Licht des gehenden Tages hat sich hinter die Wolken zurückgezogen. Schattenspielern gleich ziehen nun die Wolken in sich immer schneller verändernden Formen und Figuren an mir vorbei.
Wie ein alter auf Celluloid gebannter Schwarzweißfilm, mit Kratzern, Lichtblitzen, braungelben Flecken und undefinierbaren Rumpelgeräuschen läuft die herannahende Bedrohung durch das Gewitter vor mir ab. In der Hauptrolle das ums Überleben kämpfende Insekt an meiner Fensterscheibe.

Wer bin ich?
Bin ich Regisseur?
Bin ich Kameramann?
Oder Schauspieler?
Oder Zuschauer?
Was mach ich hier?

Plötzlich tritt ein Effekt ein, der in alten Filmen die Räder an den Postkutschen rückwärts laufen lässt.
Bei den Speichenrädern der Postkutschen kann ich das Phänomen erklären, aber bei den Gewitterwolken bin ich etwas ratlos.

Ich sehe die Drehbewegung der Erde.
Ich bewege mich mit der Erde und der Himmel bleibt stehen.
Ich bin wie das Insekt draußen an der Fensterscheibe.
Kann mich jemand sehen?
Weiß jemand dass ich da bin?
Weiß jemand wer ich bin?
Wird mir jemand das Fenster öffnen, wenn mein Leben bedroht ist?

Abrupt stehe ich auf und reiße das Fenster auf.
Durch den entstehenden Luftzug wird das Insekt ins Zimmer gesaugt und taumelt gegen den hellerleuchteten Bildschirm, wo es -wie mir scheint- erschöpft und keuchend sitzen bleibt.

"Da hast du aber noch mal Schwein gehabt, alter Junge", sage ich laut.

Draußen reiten die Wolken auf dem Sturm und heftige Böen fetzen gischtartige Wasserkaskaden durch die Büsche. Ich muss viel Kraft aufwenden um das Fenster wieder zu schließen.
Das war knapp.

Pass auf dich auf Tiger, es kommt es ein Unwetter.
Ich weiß nicht wo du jetzt bist, aber ich hoffe es hat dir jemand das Fenster aufgemacht und du hast ein gutes Plätzchen gefunden.

Ich dich "liebetiger"


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