liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

12.04.2006 um 23:11 Uhr

Ostergefühl

Es wird Ostern, doch nicht Frühling.
Es ist kalt und es regnet. Mal in Strömen, dann wieder in feinen dünnen Schleiern, wie Nebel. Der Himmel grau, bewölkt und hier und da durchstoßen vom diffusen Licht einer fernen Sonne.
Kein Wetter, das man sich zu Ostern wünscht
In Kontrast dazu die bunten Blumensträuße auf den Gräbern. Schnittblumen, zerzaust vom böigen Wind und Gestecke mit bemalten Ostereiern.

Ostern, das Fest der Christen, die an die Auferstehung vom Tode glauben. Für die meisten Menschen wohl aber makaber, sich das bildlich auf einem Friedhof vorzustellen. Mir entlockt der Gedanke ein leises Lächeln. Und seltsamerweise ein warmes, angenehmes Gefühl der Nähe zu dir.
Mit geschlossenen Augen kann ich dich sehen. Sehe dein, für dich typisches Grinsen. Ich sehe die begleitende Bewegung deiner Hände zum Klang deiner Stimme, ohne deren Worte zu verstehen. Du bist so nah bei mir, dass ich die Nähe deines Körpers atme und seine Wärme spüre.
Ich kenne dieses Gefühl, den Schmerz und die Stärke, die von ihm ausgehen. Immer wieder unglaublich schön und überwältigend. Eigentlich unbeschreiblich, stumm ertragen, mit Wonne gelitten und immer furchtsam hoffend erwartet.
Fast sechs Jahre lang ist mir dieses Gefühl schaler Ersatz und doch an Intensität mit sonst nichts zu vergleichen.
Es gibt mir die Kraft und die Wärme in der Kälte meiner Zeit ohne dich.

Frohe Ostern und pass auf dich auf.
Ich dich „liebetiger“

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPetra01 schreibt am 18.04.2006 um 14:36 Uhr:Ich lese hier schon eine ganze Weile mit, wollte auch schon so oft einen Kommentar hier lassen, doch jedes mal bin ich nach dem Lesen Ihrer Briefe an den geliebten Sohn so ergriffen, dass mir einfach die Worte fehlen. Ich finde es so wunderschön, aber auch sehr traurig, diese Briefe zu lesen und so Ihren Sohn ein kleiens bisschen kennen zu lernen. Es gibt sicher nichts schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Da ich selbst zwei Kinder habe, kann ich mir vorstellen, dass man nie wirklich über den Tod des Kindes hinweg kommt.

    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft bei der Trauer und schicke ganz liebe Grüße, Petra
  2. zitierenSternenblume schreibt am 21.04.2006 um 18:28 Uhr:Ich habe gestern den Link zu ihrem Blog bekommen und es geht mir genauso wie den anderen Lesern hier, es wird mir traurig ums Herz, ihre Worte sind so ergreifend.

    Ich selbst habe zwei Kinder und bin so unglaublich dankbar, dass sie noch bei mir sind. Dazu trägt sicherlich auch der Gedanke bei dass in einer Sekunde die heile Welt einbrechen kann, es ist alles so zerbrechlich, dessen sind sich die meisten Eltern leider nicht bewusst.

    Es gibt auch für mich nichts schlimmeres als wenn die Eltern ihr eigenes Kind zu Grabe tragen müssen. Ein Schmerz, der mit nichts anderem vergleichbar ist und durch nichts gelindert werden kann.

    Ich wünschen Ihnen und ihrer Frau ebenfalls die Kraft durch die schwere Zeit zu kommen.

    Herzliche anteilnehmende Grüsse

    Natascha

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