liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

15.01.2005 um 13:37 Uhr

Spiel des Lebens

Beim Aufräumen im Keller sind mir in einem Karton die alten Spiele im wahrsten Sinn des Wortes in die Hände gefallen. Du weißt, die Spiele, bei denen man sich so schön aufregen kann, auch wenn sie „Mensch ärgere dich nicht“ oder nur  „Fang den Hut“ oder „Monopoly“ oder „Barricade“ oder „Mister X“ heißen.
Du hast immer gerne gespielt. Zumindest solange du gewonnen hast. Solange du gut über die Runden kamst, die Anderen fangen, rauswerfen, fressen oder heimschicken konntest, war die Welt für dich in Ordnung. Wobei, zumindest habe ich das so in Erinnerung, dir das besonders bei mir eine spezielle Freude bereitet hat, während andere Mitspieler eher deine Großmut und Gnade erfahren durften. Ein verschmitzter Blick über Spielfeld, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen, ein gespieltes Nachdenken und ich wusste ganz genau wessen Spielfigur dran glauben musste. Um Gnade habe ich nie gebettelt. Wir haben uns in die Augen gesehen und im Moment deines Triumphes hast du gewusst, dass dich die Rache des väterlichen Imperiums einige Runden später gnadenlos treffen wird.
Es war der besondere Reiz des Spiels, dass du dir meistens mich als Gegner ausgesucht hast.  Konntest du mich nicht schlagen oder heimschicken, dann war es deine Schwester, die dran glauben musste, während deine Mutter meist(!) Gnade fand.
Du warst der Mensch, der um das Spielfeld ins Ziel raste, während hinter ihm das Hauen und Stechen der Mitspieler im vollem Gange war.
Du warst der Besitzer von Schlossallee und Parkstraße. Inhaber aller Bahnhöfe, der Wasserwerke und Elektrizitätswerke und im Gefängnis warst du immer nur auf Besuch.
Als „Mister X“ bist du in den Untergrundbahnen Londons verschwunden und mit Schiffen, Doppelzügen und Taxis deinen Verfolgern entkommen.
Und bei Barricade hattest du immer einen Gönner, der dir half alle Hindernisse, die ich dir in den Weg legte, in einer Art konzertierten Aktion aus dem Weg zu räumen und mir wieder vor die Nase zu setzen.
Keiner konnte bei „Fang den Hut“ so bitteln, betteln und treuherzig gucken wie du, wenn dir klar wurde, welcher Hut in Gefahr war und alle Ablenkungsmanöver und alle Schummelversuche nichts mehr halfen.

Alle diese Spiele habe ich noch.
Meist an Weihnachten oder zwischen den Jahren werden sie wieder aus dem Keller geholt und mit Freunden und Bekannten bei einem guten Glas Wein gespielt.
Bis auf ein Spiel, das ich nicht mehr spielen kann, weil ich sein Ende nicht ertrage.
„Spiel des Lebens“ mit dem „Tag der Abrechnung“ kann ich nicht mehr spielen, seit ich weiß, dass dieser Tag der Abrechnung für jeden Spieler kommt.

Du hast dieses letzte Spiel gewonnen und bist als Erster von uns durchs Ziel gegangen.
Das hättest du nicht tun müssen. Ohne dich macht das Spielen keinen Spaß mehr.

Pass auch dich auf, dort hinter der Ziellinie.

Ich dich „liebetiger“.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenhatschepsut schreibt am 18.01.2005 um 23:22 Uhr:du schreibst schön...ich glaube dir könnte auch meine Geschichte gefallen...Eine Liebe, die ich nie vergessen kann und will...auch wenn sie mir das Leben schwer macht...schau mal vorbei, die geschichte heißt \"Wahrheit\"
  2. zitierenMehoeller schreibt am 22.01.2005 um 12:38 Uhr:dein Eintrag hat mich sehr berührt.

    Lisa

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