Türenschlagen
Es ist kurz nach Mittag. Die Sonne scheint aus einem herrlich blauen, wolkenlosen Himmel fast senkrecht auf dein Grab. Dicht gedrängt steht mein Schatten neben mir, wie ein gut erzogener Hund am rechten Bein seines Herrn.
Die Wärme eines schönen Sommertages liegt in der Luft. Es ist so still, als hätte sich die Welt zum Mittagschlaf zurückgezogen. Das ist gut so. Nur du und ich. Wie früher. Weißt du noch?
Sicher weißt du das noch.
Wir mussten auch früher nicht viel reden um uns zu verstehen. Ein Blick genügte um zu wissen was der Andere denkt. Ein zuckender Mundwinkel, zusammengekniffene Lippen, ein kurzes Augenschielen, ein leichtes Schulterzucken oder eine kurze Handbewegung sprachen Bände. Wir brauchten das Wort nicht, brauchten keine langen Sätze und Erklärung.
Nur bei Meinungsverschiedenheiten gab ein Wort das andere, meist in hitzigen Grundsatzdiskussionen über Sport, Filme, Motorräder und –auch das kam vor- Schule verteidigten wir unsere Standpunkte hartnäckig, bis einer von uns mit den Worten "das musst ausgerechnet du sagen, du hast ja keine Ahnung" das Ende der verbalen Phase einleitete.
Dann folgten noch ein paar nachgehakte Sticheleien, mit Schweigen beantwortet und zunehmender Übergang zu Mimik, Gestik und Pantomime. Wenn es ganz schlimm wurde, flog auch mal eine Tür so heftig in den Rahmen, dass auf der anderen Seite der Schlüssel aus dem Schlüsselloch flog.
Kannst du dich noch daran erinnern, wie ich über deinen Lieblingsverein Bayern München und deinen damaligen Superstar Lothar Matthäus hergezogen bin. Als dir die Gegenargumente ausgingen hast du mit den Worten "das musst ausgerechnet du sagen. Du hast ja keine Ahnung. Du kannst ja gar nicht Fußball spielen. Du kannst ja nur kleinere Spieler umhacken und an der Hose festhalten. Du .... du ...."
Dann bist du aufgesprungen, wütend aus dem Zimmer gerannt und wolltest die Türe mit aller Wucht zuwerfen. Aber die Türe war noch zu schwer für dich, wurde vom Teppichboden gebremst und fiel nur mit einem leisen, gummidichtungsgedämpften, schmatzenden "Blopp" ins Schloss. Da kamst du noch einmal zurück, hast die Tür aufgerissen, kurz geguckt ob ich noch da bin und dich dann von außen mit deinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür geworfen um deinem theatralischen Abgang die notwendige akustische Untermalung zu geben.
Es ist dir nur teilweise gelungen.
Ich lag im Zimmer am Boden und krümmte mich vor Lachen.
Dann wartete ich. Es dauerte nicht lange, bis die Tür wieder langsam aufging und dein Kopf im Türspalt erschien. Wir sahen uns nur stumm an und fochten ein Duell der Blicke aus – bis der erste Mundwinkel zuckte, das erste spöttische Grinsen sich um Augen und Lippen formte. Nachgegeben hat keiner von uns, aber wir haben uns arrangiert. Wie Zähne die gegeneinander beißen, aber einander brauchen um etwas zu vollbringen.
Ich fühle mich ohne dich wie ein Oberkiefer ohne Unterkiefer.
Pass auf dich auf da wo du jetzt bist.
Ich dich "liebetiger"

