liebetiger - Briefe an einen geliebten Menschen

30.07.2005 um 05:04 Uhr

Verdamp lang her

Schlagartig wach.
Im Zimmer dämmrige Stille.
Matt erleuchtet von den rötlichen Punkten des Digitalweckers, die sich zu einem konstant verschwommenen drei Uhr zweiundvierzig vereinen, zwischen dem ein pulsierenden Doppelpunkt  im Sekundentakt das Atmen der Zeit anzeigt.
Mein Herzschlag passt sich an das rhythmische Blinken der Sekundenanzeige an, während die Augen auf das Vergehen der Zeit starren und mein Verstand zu ergründen versucht, warum ich jetzt aufgewacht bin.
Es ist Samstag, ich muss heute nicht früh aufstehen. Ich kann mir heute Zeit lassen, hab keine Termine, kann einfach ausschlafen und in den Tag hineinleben. Es gibt keinen Grund jetzt wach zu werden, es gibt keinen Grund jetzt aufzustehen, es gibt keinen Grund jetzt wach zu liegen und auf die Anzeige des Weckers zu starren.
Und doch ist da etwas. Etwas Undefiniertes, ein seltsames Gefühl, unwirklich und real, wie Nebel und doch greifbar nahe. Nicht direkt vor mir, aber bei mir. Vertraute Nähe, vertraute Gefühle. Gefühle aus einer längst vergangenen Zeit. Wärme, Zärtlichkeit, Liebe, Freundschaft, Lachen und Geborgenheit formen sich zu einem Rhythmus. Wie ein Schlagzeug, das langsam den Einsatz für die anderen Instrumente einzählt, beginnen die Lichtpunkte des Weckers eine Melodie zu formen:

Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Grab woor.

Verdamp lang her, dat mir jesprochen hann

Ja, das werde ich heute tun.
Das ist es, was mit gefehlt hat, was im täglichen Irrsinn des Lebens zu kurz kam.
Die Gespräche mit dir, sie haben mir gefehlt. Das stille Verstehen und die gemeinsame Erinnerung, die über deinen Tod hinaus Teil meines Lebens geblieben ist.
Und die Nähe zu dir, die mir gut tut, auch wenn sie so weh tut. Heute komm ich dich besuchen und bringe viel Zeit mit. Viel Zeit zum Erinnern und zum Erzählen.
Und jetzt werde ich noch ein bisschen schlafen, während die Lichtpunkte des Wecker von der Vergänglichkeit der Zeit erzählen.

Verdamp lang her, verdamp lang
Verdamp lang her, verdamp lang
Verdamp lang her, verdamp lang

Ich dich „liebetiger“

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSternenmaedchen schreibt am 01.08.2005 um 21:27 Uhr:hm..ich habe jetzt alle einträge gelesen und ich konnte mein weinen einfach nicht mehr zurück halten. ich habe seitdem ein sehr doofes gefühl im bacuh, ich weis nicht wie ich es beschreibn soll, es kommt wohl dem worte \'hilflos\' ziemlich nahe.ich möhcte zu gerne etwas tun, da ich das passierte selbst so ähnlich erlebt habe, wie erwähnt..es ist ein schreckliches gefühl nix tun zu können, gegen die leere, die der mensch hinterlässt...ich bewundere deine stärke, dass hier alles aufzuschreibn, ich habe es noch nicht geschafft...
  2. zitierenChabby schreibt am 06.10.2005 um 21:46 Uhr:Ich habe selbst sehr viele Menschen verloren, die mir sehr wichtig waren. Die Menschen, denen ich mich anvertrauen konnte. Die Menschen, die an mich geglaubt haben. Doch dann waren sie weg, übrig blieb ein sehr großer Scherbenhaufen und ich mittendrin. Ich wollte weg von Zuhause, aber es ging nicht. Ich wollte nich mehr leben, aber ich war zu schwach, einfach zu schwach. Ich fing an mich zu ritzen, aber nach der Zeit fühlte ich mich nur noch schlimmer. Ich vertraute einem mein Leben an und es war das beste, was ích tun konnte. Dieser Jemand ist jetzt immer fürmich, egal wie ich mich benehme, ich kann immer zu ihm kommen. Jetzt bin ich ganz froh, dass ich damals zu schwach war. Der Jemand heißt Jesus, er ist für jeden da, probiers aus, er hilft dir und füllt die Lücken mit seiner Liebe, sodass sie fast überquellen. Er nimmt den Schmerz und lässt sehr gute und glückliche Erinnerungen an den Menschen zurück. Er hilft wirklich, nötig ist nur eun Gebet.

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