
„In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive they may
find ... „ mit dieser Frage beschäftigten sich Zager & Evans schon
im Jahr 1969 und landeten mit dem gleichnamigen Song im Juli selbigen
Jahres einen Number- One-Hit.
Längst hat man seit dem den Ernst der Lage erkannt und greift deshalb
das Thema gesellschaftlicher Veränderungen und die Zukunft der
Menschheit gerne auch von der wissenschaftlichen Seite auf. Teilweise
kommen da ganz ordentliche Ergebnisse zustande, teilweise kann man die
Ergüsse aber auch in den Mülleimer kippen, wo sie dann vor sich hin
rotten, bis sie irgendein „Experte“ im Rahmen einer wissenschaftlichen
Studie einem medialen Recycling zuführt.
Am besten gefallen mir persönlich immer die Interpretationen und
Auslegungen zu solchen Studien und Denkmodellen weil sich hier dann die
Laien (früher sagte man auch Stümper dazu) mit meist gefährlichem
Halbwissen ihr eigenes Disney- oder Legoland aufbauen.
Dieser Tage wieder geschehen im
KulturSPIEGEL:
«Die Redaktion des
KulturSPIEGEL hat das Szenario der Heidelberger Sozialforscher
weitergeführt, sich dieses neue Land ausgemalt, seine Bewohner und ihr
Leben beschrieben - als Gedankenspiel und als Inspiration, sich ein
eigenes Bild zu machen von einer Zivilgesellschaft und ihren Bürgern»
Prädikat: Für Menschen im Vorschulalter durchaus lesenswert.
Freigegeben bis 6 Jahre.
Leider stehen die geistigen Ergüsse der Redaktion des KulturSpiegel im
entsprechenden Artikel ziemlich weit hinten unter dem Titel
„Deutschland im Jahr 2020“, aber man sollte sich schon den ganzen
Artikel von Anfang bis Ende durchlesen um die Lernresistenz der
Redaktion zu erkennen. Außer die Gedanken der Redaktion sind satirisch
gemeint und ich bin einer der Leser, der ihnen auf den Leim gegangen
ist.
Wie auch immer, nach Ansicht des KulturSpiegels stellt sich im Jahre
2020, etwa 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, die Situation wie folgt
dar (Auszug):
«Im Jahr 2020 ist der Alltag der Menschen sehr viel weniger
reglementiert. Und wo der Staat sich zurückzieht, da entsteht Raum für
die Bürger - zumal sich gut ausgebildete Menschen keinem starren System
mehr unterwerfen. Alle Lebensgemeinschaften sind rechtlich
gleichgestellt. Die mehr als 100.000 Steuervorschriften wurden durch
ein Stufenmodell ersetzt, und man kann durch soziale Arbeit seine
Steuerlast mindern.
Die Übergänge von Arbeit zur Rente zum Ehrenamt sind fließender
geworden. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, da die Menschen besser
qualifiziert sind und Deutschland seinen Status als Exportweltmeister
von Hochtechnologie gefestigt hat. Weil Bildung als Grundlage von
Innovation und Innovation wiederum als gesellschaftliche Aufgabe
verstanden wird, wurde massiv in Schulen und Universitäten investiert -
vom Staat, von der Wirtschaft und den Bürgern.
Es gibt genügend Ganztagsschulen, das dreigliedrige Schulsystem wurde
durch eine überarbeitete Idee der Gesamtschule ersetzt. Förderstunden
für schwache Schüler werden von Elterninitiativen übernommen. Es ist
außerdem üblich geworden, dass Eltern sich in der Schule engagieren -
in Projektgruppen oder als Botschafter für ihre Berufe. Bei der
Pisa-Studie im Jahr 2020 steht Deutschland auf Platz 2.
Das Entscheidende ist: Im Jahr 2020 haben die Menschen eine Art
kollektives Bewusstsein entwickelt - sie fühlen sich als Teil von
etwas, als Teil ihres Landes, ihres Unternehmens (das den Mitarbeitern
zwecks Förderung der Kreativität größere Freiräume gibt), ihrer Gruppe.
Allerdings spricht man nun vom "Schwarm", in dem Gleichgesinnte sich
zusammenfinden. Zukunftsforscher glauben, dass das Modell der
Kleinfamilie im Jahr 2050 vom Schwarm, der aus dem selbstgewählten
Freundeskreis besteht, endgültig abgelöst sein wird»
Der Schwarm meiner Jugend waren die Beatles, die Pinup-Girls aus dem
Playboy und die frühreife Tochter meines Fußballtrainers. Die Beatles
wurden reich und sind teilweise schon tot, die damaligen Pinup-Girls
aus dem Playboy haben sich ihre Silikonkissen wieder entfernen lassen
und die frühreife Tochter meines Fußballtrainers ist zur
Matrone mit
ausgeprägter Oberlippenbehaarung mutiert, wie ich
bei einem der letzten Klassentreffen mit Erschrecken feststellen musste.
Nur ich habe mich (anscheinend) nicht verändert!
Doch zurück zum eigentlichen Thema.

Obwohl
der Staat bei seinem fluchtartigen Rückzug nur verbrannte Erde
zurücklässt, denn er zieht sich nur dort zurück wo für ihn nichts mehr
zu holen ist, wird nach den Vorstellungen der Redaktion des
KulturSPIEGEL aus dieser verkohlten, geschröderten und ausgemerkelten
bundesdeutschen Erde binnen kurzer Zeit ein „Wunder der Prärie“
entstehen.
„Die Wüste lebt“ meinen die Visionäre und beschreiben unter dem
Titel „Disney Land“ munter den dritten und vielleicht letzten Teil des
bundesdeutschen Epos neuer deutscher Zeitrechnung.
Die real existierenden 5 Millionen Arbeitslose und Sozialschmarotzer
(Tendenz steigend) haben darin selbstverständlich keinen Platz finden
können. Sie haben sich entweder selbst als Arbeitnehmer eingestellt
oder sind im Rahmen der Entwicklungshilfe zur dauerhaften Befriedung
des Iraks bei der Ausübung ihres Berufs für Volk und Vaterland im Felde
geblieben. Ein kleiner Rest Drückeberger hat sich rechtzeitig selbst vom Acker
gemacht und sich dem Dienst am Vaterland durch Flucht ins Ausland oder gleich in die ewigen Jagdgründe entzogen.
Vor die Wahl gestellt, haben die rüstigen Rentner die Zeichen der
Zeit erkannt, haben im Interesse der Nation ihren Widerstand gegen
sozial- und umweltverträgliches Ableben aufgegeben und waren mit der
Verschickung in Ferienlager der Sahelzone einverstanden. Und wenn sie
nicht gestorben sind, dann „walken“ sie dort noch immer gruppenweise
durch die Gegend und spielen „weiße Massai“.
Die PISA-Kinder von heute haben auf wundersame Weise den Übergang von
der Klingeltonerkennung und dem gezischelten „isch“ zum innovativen
Spezialisten für Kommunikationstechnologie und biometrische Spracherkennung
geschafft.
Nachdem das Motto „Kinder an die Macht“ erfolgreich in „Macht
wieder Kinder“ umdefiniert und der Besitz von Verhütungsmitteln unter
Todesstrafe gestellt wurde, ist es trotz der nicht vorhandenen
Kindergartenplätze und dem einer eigenen Zeitrechnung unterliegende
deutschen Schulsystem innerhalb von wenigen Jahren gelungen, die durch staatliche
Natursprungprämien gestiegene Geburtenrate durch den Engpass der
Ausbildungsstellen zu manöverieren.
Und das trotz der zur Profitoptimierung in Niedriglohnländer
abgewanderten „Global Player“ und Zuwanderung der „Working Poor“, die
dort von den
Früchten ihrer Arbeit nicht mehr leben konnten.
Nur zu Ihrer Erinnerung, bevor Sie zum Schwärmen abheben – wir schreiben (noch) das Jahr 2006.

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