Seit dem Prozessbeginn gegen den Autobahnraser von Karlsruhe melden sich in allen Medien die von rücksichtlosen Rasern auf bundesdeutschen Autobahnen Genötigten und Drangsalierten.

Jeder gibt gerne seinen Senf dazu, was ihm mit diesen Verkehrsrowdies schon so alles passiert ist und gibt dazu noch gute Ratschläge wie man sich dagegen wehren kann.
Und (fast) alle Anrufer sind gottfroh, dass dieser berufsmäßige Autobahnkiller mit seiner 460 PS starken arbeitgeberseitig gestellten Mördermaschine jetzt ins Gefängnis muss. Leider, leider nur für 18 Monate, lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung wäre für so einen Verrückten besser gewesen.
Kaum ein Forum im Internet, in dem dieses Thema nicht zu konträren Ansichten und teilweise zu Diffamierung der Andersdenkenden führt.
Wen wundert’s, sind doch fast alle volljährigen Bürger im Besitz eines Führerscheins und auf die eine oder andere Art auch Verkehrsteilnehmer.
Das trifft auch auf mich zu.
Ich war heute mit dem PKW einige Stunden auf bundesdeutschen Autobahnen unterwegs und konnte mir im Radio diese Erfahrungsberichte meiner Mitmenschen über den Umgang mit notorischen Dränglern in aller Ruhe anhören. Eigentlich hätte es ein schöner Tag für mich und den BMW 740i mit 270 PS, 8-Zylinder Motor mit 4 Liter Hubraum und einem Leergewicht von knapp 2 Tonnen werden können. Die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs beträgt zwar 250 km/h, aber ich rollte fast gemächlich mit 160 – 180 km/h über den morgendlichen Beton und Asphalt der A5 von Freiburg kommend in Richtung Frankfurt!
Doch da!
Da sprengten plötzlich in die Quer, die Polos, Fiestas, Corsas, Puntos, Clios und Unos daher!
Ergänzt durch einige Audis, BMW und Mercedes älteren Baujahrs oder solchen mit zwei oder mehr potent aussehenden Auspuffrohren. Dazwischen noch kleinere Lieferwagen, Kombi und diese neuartigen, allradgetrieben Geländewagen.
Vorbei mit Friede, Freude und Eierkuchen. Vorbei mit Reisen statt Rasen.
Jetzt wird geblinkt, die Fahrspuren gewechselt, eingeschert, ausgeschert, gebremst, drängelt, gebummelt, nur links gefahren und -das ist das besonders Schöne auf deutschen Straßen- gelehrmeistert.
Zwischen die Kleinwagen, die in schöner Einigkeit, Stoßstange an Stoßstange mit 100-130 km/h ohne genügenden Sicherheitsabstand (Faustregel: Geschwindigkeit / 2) in Richtung Arbeitsplatz brettern fahre ich mit dem BMW wie ein heißes Messer in die Butter.
Plötzlich habe ich den TÜV-Stempel eines Opel Coma direkt vor der Motorhaube.
Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs bewegt sich knapp im dreistelligen Bereich und scheint außerdem in direktem Zusammenhang mit dem Rhythmus des Blinkers zu stehen.
Das stört aber die Fahrerin wenig, denn während ich das ABS unter dem Bremspedal arbeiten spüre um schnellstmöglich knapp 100 km/h Geschwindigkeitsunterschied in Wärme und Reibung umzuwandeln, hat sie mich noch nicht einmal bemerkt. Die eine Hand lässig mit dem Handgelenk auf dem oberen Rand des Lenkrades, die andere Hand am Handy und den Kopf gegen die Seitenscheibe geneigt, ist ihr der Blick in Innen- und Außenspiegel verwehrt.
Also warte ich geduldig hinter ihr, bis sie der Meinung ist, mit ihrem Fahrzeug den Überholvorgang beenden zu können. Dass der Überholte längst beim letzten Parkplatz zum Pinkeln abgebogen ist, hat sie überhaupt nicht registriert.
Ich sehe endlich die freie Fahrspur vor mir, drücke das Gaspedal durch, spüre den Schub der Hinterräder, sehe die Tachonadel auf 170 km/h hochschnellen und trete voll in die Eisen, weil der dunkelgrüne Mercedes älteren Baujahres mit blau qualmender Dieselfahne zum Überholen des noch 400 Meter weit entfernten LKW’s ansetzt. Auch dieser Fahrer kann mich nicht gesehen haben, denn in seinem Innenspiegel kann ich nur seine Stirnglatze erkennen und im linken Außenspiegel nur seinen schiefhängenden Krawattenknoten.
Der Geschwindigkeitsunterschied zum vorausfahrenden LKW ist minimal. Wenn der ältere Herr in diesem Tempo weiterzuckelt könnte er den Lastwagen noch vor Einbrechen der Dunkelheit erreichen.
Ich versuche ihn mit gesetztem Blinklicht auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, was er mir jedoch mit einer Vollbremsung dankt.
Meine Bremsen sind besser als seine, aber hinter mir ertönt das Quietschen und Pfeifen blockierter Reifen. Ich warte auf den Knall und mir wird bewusst, dass es noch Fahrzeuge ohne ABS geben muss.
Der Mercedes vor mir drosselt seine Geschwindigkeit weiter und ich sehe den Lastwagen am Horizont enteilen. Rechts von mir brettert der Opel Coma vorbei, die junge Dame telefoniert noch immer.
Ich entschließe mich ihr zu folgen, wechsle ordnungsgemäß die Fahrspur und beschleunige.
Der Herr im Mercedes beschimpft mich wild gestikulierend mit ausgestrecktem Zeigefinger in beliebigen Positionen. Ich lasse ihn und sein stinkendes Dieselfahrzeug mit heftig blinkender Lichthupe rasch hinter mir. Während ich schnell zur Dame mit Handy im Opel Coma aufschließe und sie gerade noch rechtzeitig daran hindern kann mir schon wieder vor die Schnauze zu fahren, wird im Autoradio weiter über den Autobahndrängler von Karlsruhe berichtet.
In rascher Folge überhole ich mehrere Fahrzeuge ohne Probleme. Einen Kleinlaster der ohne Blinker die Fahrspur wechseln will halte ich mit der Lichthupe in Schach, denn auch die Leistungsfähigkeit des besten ABS ist irgendwann beendet. Der Fahrer des Kleinlastern bedankt sich für sein kurzes Schlangenlinienmanöver mit einem langanhaltenden Hupkonzert.
Hinter mir nichts mehr, alle abgehängt und beständig kleiner werdend im Rückspiegel. Vor mir weiter vorne nur noch ein Fahrzeug, korrekt rechts fahrend. Alles OK! Alles im grünen Bereich!
Denkste!
Der rechts fahrende PKW entdeckt plötzlich, -wie ich auch- einen Lastwagen in der Autobahneinfahrt, gefolgt von einer Reihe ungeduldiger PKW. Obwohl der Lastwagen noch nicht einmal die Beschleunigungsspur erreicht hat, hält es der Fahrer des vor mir fahrenden VW Kombi für angebracht die Fahrspur schon mal zu wechseln. Mich hat er dabei offensichtlich übersehen, denn er zuckt erst dann erschrocken zusammen als ich mit rauchenden Reifen neben ihm auftauche. Erst macht er ein Gesicht als wäre ich vom Himmel gefallen und dann blickt er starr gerade aus und scheint mich ignorieren zu wollen. Ich hätte ihm aber soviel zu sagen.
Während ich noch versuche den Blickkontakt mit dem Fahrer links von mir herzustellen um mich für den heftigen Verbrauch von Reifengummi zu bedanken, kann es der Fahrer des ersten PKW hinter dem Lastwagen, der zwischenzeitlich die Beschleunigungsspur gerade erreicht hat, nicht erwarten und setzt zum Überholmanöver an. Dazu überfährt er die noch durchgezogene Linie, die hier die Beschleunigungsspur von der Autobahn trennt. Dreck, Steine und zerquetsche Bierdosen fliegen hoch. Es prasselt auf meiner Windschutzscheibe als würde ich durch einen Sandsturm fliegen. Bei dem Wagen der meiner Windschutzscheibe eine Sandstrahlung zukommen lässt, handelt es sich um einen VW Golf, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Einige Aufkleber auf der Heckscheibe, darunter einer mit der Aufschrift „Kevin an Bord“ und daneben „Überholen sie ruhig – ich kaufe ihren Schrott auf“.
Der Schriftzug GTI scheint ebenso selbstgemacht zu sein, wie der doppelrohrige Auspuff, der das Fahrzeug zwar mit einem sonoren Sound ausstattet aber nicht mit Speed. Und Speed könnte er jetzt dringend brauchen, denn ich bin trotz Gewaltbremsung nur noch wenige Meter von seiner verrosteten Stoßstange weg. Links von mir fährt immer noch der VW Kombi, vermutlich um mich zu bestrafen, weil ich ihn so erschreckt habe.
Ich bin eingekeilt, doch die Situation löst sich sofort, da der Lastwagen durch Blinkzeichen anzeigt, dass er jetzt auf die Autobahn auffahren möchte. Da der Golf seinen Überholvorgang noch nicht abgeschlossen hat, zieht er abrupt nach links um dem Lastwagen Platz zu machen. Während neben mir der Fahrer des VW Kombi heftig bremst, trete ich das Gaspedal durch bis zum Bodenblech, denn vor mir ist die Autobahn nun frei. Zwar bin ich zum Überholen auf der falschen, weil rechten Fahrspur, aber das ist mir egal. Ich handle in Notwehr. Der BMW schießt nach vorne. Der Lastwagen rechts verschwindet und der röhrenden Golf auf der linken Fahrspur wird zum Punkt am Horizont.
Während ich mehrere Fahrzeuge ohne Probleme passiere und im Radio einer Expertengruppe lausche, die über die Problematik des notorischen „Links fahren“ und die Gefährlichkeit von „Rechts überholen“ diskutiert, bemerke ich im Rückspiegel einen schwarzen Punkt, der schnell größer wird. Auf meinem Tacho steht der Zeiger auf 180 km/h, der Punkt hinter mir ist schneller. Viel schneller. Ein Porsche, schwarz wie die Nacht, elegant, schön und gefährlich wie eine Raubkatze. Er schließt zu mir auf, hält genügend Abstand aber es ist klar, dass er auf die Gelegenheit wartet um mich zu überholen.
Auf der rechten Fahrspur fliegen Lastwagen, Wohnwagengespanne und PKW an uns vorbei. Ich sehe weiter vorne eine passende Lücke auf der rechten Spur, groß genug um den Porsche passieren lassen zu können. Ich zeige meine Absicht mit dem Blinker frühzeitig an. Der Porsche versteht, beschleunigt und schließt auf. Als ich auf die rechte Fahrspur in die etwa 300 Meter lange Lücke zwischen zwei LKW einschere röhrt neben mir der Boxermotor auf und der Porsche schießt an mir vorbei. Ein schönes Bild – Eleganz und Kraft- das nur dadurch gestört wird, dass der PKW hinter dem Kleinlastwagen vor mir ohne Blinker nach links ausschert.
Ich sehe die Bremslichter des Porsche aufglühen, die Luft färbt sich leicht bläulich und ich warte auf den Knall. Doch der Porschefahrer schafft es noch seinen Wagen von ca. 240 km/h so herunterzubremsen, dass er nicht auffährt.
Aber verdammt knapp war es schon.
Im Radio kommt die Nachricht, dass der Raser von Karlsruhe wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde. Mit Tempo 220 bis 250 fuhr er auf der linken Fahrspur der dreispurigen A5 bis auf wenige Meter auf den KIA-Kleinwagen einer jungen Frau auf. Vor Schreck verriss die Frau ihr Lenkrad, schleuderte über die beiden Fahrspuren und den Standstreifen und prallte neben der Autobahn in den Wald.
Die Frau und ihre zweijährige Tochter auf der Rückbank waren sofort tot.
Mir wird schlecht, denn in dem Kleinwagen, der vor dem Porsche versucht mit 120 km/h einen mit 110 km/h fahrenden Kleinlaster zu überholen, sitzt eine junge Frau und auf der Rückbank ist ein Kindersitz zu erkennen.
Vermutlich hört sie kein Autoradio und das Fahrzeug hat sicher auch keine Rückspiegel, denn die junge Frau macht mir nicht Eindruck, dass sie bemerkt hat, wie knapp sie gerade dem Tode entronnen ist.
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