
Vor einigen Tage habe ich Post von meiner Krankenkasse bekommen.
Das neue Informationsmagazin für die Versicherten für den Januar 2005.
Vom bloßen Hingucken sprang mir gleich auf der Titelseite die
Information ins Gesicht, dass die Beitragssätze gesenkt werden:
„Beitragssenkung – Klare Position zu Gesetzesvorgaben“ stand da und
erfreute mein Herz, das unverzüglich auf die spontane
Adrenalinausstoßinformation mit erhöhter Pulsschlag reagierte.
Schnell die Finger nass gesabbert und umgeblättert auf Seite 18, wo
unter der Überschrift „
Beitragssatzdiskussion ohne Ende?“ in
fettgedruckten Lettern die wahre Nachricht ins Großhirn drang.
«
Die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) wird die gesetzliche Regelung
voll umsetzen und senkt zum 1. Juli 2005 ihren Beitragsatz um 0,9
Prozent auf 13,3 Prozent. Mitglieder müssen dennoch mehr bezahlen.
Entlastet werden dagegen die Unternehmen über sinkende Lohnnebenkosten»
Weiter heißt es:
«
Trotz der deutlichen Absenkung müssen Versicherte aller Kassen ab Juli
2005 mehr Geld ihr Krankenversicherung ausgeben. Dies wird in der
öffentlichen Diskussion von Politikern und Managern anderer Kassen
gerne verschwiegen. Die SBK steht aber für Vertrauen und
Ehrlichkeit. Deshalb möchten wir auch über diese zusätzlicher Belastung
der Versicherten offen sprechen.
Grund für die finanzielle Mehrbelastung der Versicherten ist, dass nach
dem neuen Gesetz die Versicherten trotz der Beitragssenkung 0,9 Prozent
ihres Lohns zusätzlich für die Finanzierung von Zahnersatz und
Krankengeld entrichten müssen. „Der Gesetzgeber entlastet die
Unternehmen durch niedrigere Lohnnebenkosten. Die Versicherten haben ab
Juli 2005 eine maximale monatliche Mehrbelastung von 15,86 Euro. Dies
gilt für Versicherte, deren Einkommen in Höhe der
Beitragsbemessungsgrenze von 3.525 Euro liegt. Für andere
Versicherte liegt die Belastung unter diesen 15,86 Euro.
Der durchschnittliche Beitragsatz der Krankenkassen liegt derzeit bei
14,2 Prozent. Die Regierung hatte den Bürgern versprochen, er würde
Ende 2004 bei 13,6 Prozent liegen. Die tatsächliche wirtschaftliche
Entwicklung ist aber schlechter verlaufen als prognostiziert.
Konjunkturbedingt schrumpft deshalb die Basis der Einnahmen. Für
Beitragssatzsenkungen gibt es daher zur Zeit wenig Spielraum. Hinzu
kommt: Bei der Gesundheitsreform hatte man damit kalkuliert, dass die
Ausgaben in den nächsten Jahren nicht stärker steigen als die
Einnahmen. Dies ist jedoch - bei sinkenden Einnahmen – schon aufgrund
der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts eine
unrealistische Einschätzung.»
Mit zunehmender Lektüre hatte sich mein Herzschlag wieder normalisiert,
was jedoch durch das Anschwellen der Leber mehr als kompensiert wurde.
Medizinisch bedenklich wurde mein Gesundheitszustand aber erst, als sich
die Galle einmischte und in der Rachenhöhle nach dem rechten sehen
wollte. Grund war der Satz «
Die Ministerin hat diese Finanzproblematik
erkannt und erstmals die Prognosen der SBK und anderer Kassen
bestätigt, die größere Beitragssatzsenkungen für unwahrscheinlich
hielten, wenn parallel dazu der ebenfalls gesetzlich festgelegte
Schuldenabbau erreicht werden soll», denn das hatte sich noch im
November 2004 ganz anders angehört.
„
Hab ich es euch nicht gleich gesagt“, röhrte die Milz los, als sich
diese Information in Windeseile durch meine Innereien fraß. Die Lunge gab
einen tiefen Atemzug in Auftrag, während sich die Augen angriffslustig
zu schmalen Schlitzen verengten. Die Galle nutzte diese Gelegenheit um
sich im ganzen Rachenraum umzusehen und dem eingebauten Zahnersatz den
Stinkefinger zu zeigen. „Ihr seid schuld, ihr seid schuld“, hörte ich
die Galle rufen während heftiges Nervenzucken die nach körperlicher
Gewalt rufenden Extremitäten durchfuhr.
„Ach Scheiß drauf“ meinte der Darm und entledigte sich eigenmächtig mit
gleichzeitigem Anheben des rechten Beines einer übelst riechenden
Gaswolke, wobei das Großhirn darauf beharrlich mitteilte, dass zu
keiner Zeit eine Gefährdung der übrigen Bevölkerung bestand.
„Kommt Jungs“, meinten die Füße, „wir gehen nach Berlin und hauen der Gesundheitsulla einen auf den Sack.“
„Die hat doch keinen“, meckerte das Zwerchfell, „hab ich euch schon mal gesagt.“
„Dann gibt’s halt was auf die Eier“, begehrten die Füße auf und machten Anstalten sich in Bewegung zu setzen.
„Hiergeblieben Jungs“, griff der Verstand in die Diskussion ein, „wenn
hier jemand geht, dann bestimme immer noch ich das, denn schließlich
bin ich der Chef hier.“
Leise hörte ich die Mandeln vor sich hinkichern, während von weiter
unten aus dem Verdauungstrakt dumpfes Rumoren zu hören war, das nichts
Gutes verhieß.
„Wie meinst du das“, ließ sich da auch schon der Anus betont langsam
und provozierend deutlich vernehmen, „wie kommst DU da drauf, dass DU
der Chef hier bist.“
Plötzlich war es ganz still, denn das hörte sich gar nicht gut an.
„Wir können doch nicht nach Berlin zur Gesundheitsulla gehen und ihr
eine auf den Sack hauen, nur weil ihr euch verarscht vorkommt“,
versuchte sich der Verstand zu rechtfertigen.
„Jetzt pass mal auf du Klugscheißer da oben“, ließ sich der Darm
vernehmen, „über eine Verarschung bestimmen immer noch wir hier unten
und nicht du da oben. Ist das klar?“
„Genau“, meinte der Anus, „der Kollege hat recht. Du kannst da oben
reden, machen und denken was du willst. DU kannst von mir aus auch
glauben, dass DU der Chef bist. Aber eines ist so sicher wie der
nächste Gang zur Wahlurne. Wenn ICH hier unten will, dass Verdautes und
Unverdautes, das ihr euch da oben reingezogen habt uns auch wieder
verlässt, dann setzen sich die Füße so schnell in Bewegung, so schnell
könnt ihr da oben gar nicht gucken. Und wenn ich mich dazu entscheide,
einfach mal ein paar Tage einzuschnappen, weil mich jemand geärgert
hat, dann bläht sich der Darm, bevor sich der Magen füllt und die ganze
Scheiße durch die Speiseröhre wieder nach oben kommt. Hab ich recht,
Galle?“
„Genau“, assistierte die Galle und schickte ein paar Tropfen Gallensaft
nach oben, was bei Rachenraum und Zunge auf wenig Gegenlieb stieß.
„Noch so ein Atemzug“, meldete die Nase, „und ich stelle die Frischluftversorgung mangels Masse ein.“
„Hey hey hey, Jungs“, schaltete sich jetzt die Lunge in das Geschehen
ein, „wenn ich die Luft anhalte, dann habt ihr alle schlechte Karten
und dann wird es da oben im Hirn ziemlich duster. Hab ich mich klar
genug ausgedrückt?“
„Ist ja schon gut“, lenkte das Gehirn ein, „mach bloß keinen Scheiß!“
„Das ist unsere Aufgabe“, begehrte sofort der Magendarmtrakt auf.
„Das will euch auch keiner streitig machen“, machte das Herz einen
Vorschlag zur Güte, „können wir jetzt alle man zusammen überlegen was
zu tun ist und dann eine demokratische Entscheidung aller Betroffener
darüber herbeiführen?“
„Wir sind alle betroffen, wenn die da oben Scheiße bauen“, versuchte die Galle nochmals die Diskussion anzuheizen.
„Genau“, mischte sich der Blinddarm ein, „Um was geht es denn eigentlich?“
„Die da oben haben uns verarscht!“, informierte die Milz.
„Hamm wir gar nicht“, wehrten sich die Zähne, „wir haben damit überhaupt nichts zu tun.“
„Natürlich“, grollte die Galle, „das ist alles nur wegen euch und euren Karies.“
„Wir haben keine Karies und können auch keine mehr bekommen“, begehrten die Zähne auf, „wir sind nämlich die Dritten.“
„Aber Zahnfleischbluten habt ihr wohl!“, kreischte Blinddarm.
„Das heißt nicht Zahnfleischbluten, das heißt jetzt Parodontose“, mischte sich das Gehirn ein.
„Klugscheißer“, grummelte der Anus, „überleg dir lieber was wir mit der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt machen.“
„Wir wünschen ihr Zahnausfall“, riefen die Zähne.
„Atemnot und Hitzewallungen“, schlug die Lunge vor.
Ich bin für „Herzkammerflimmern und erhöhter Blutdruck“ meinte das Herz.
„Haarausfall wäre auch nicht schlecht“, sagte der Verstand, „mit Schuppenbildung natürlich.“
„Und richtig schöne fette Pickel, mit großen gelben Köpfen“, meinte die Haut.
„Und richtig dolle Verdauungsbeschwerden, Magenkrümmen und Sodbrennen“, grölte begeistert der Magendarmtrakt.
„Und Durchfall“, brummelte der Anus und ließ es sich nicht nehmen
gleichzeitig für einen übelriechenden Druckausgleich zu sorgen, der den
anderen Körperteilen ehrfürchtiges Verstummen abrang.
„Und Menstruationsbeschwerden“, kicherte das Zwerchfell leise in die verdächtige Stille.
„Was’n das?“, wollte der Blinddarm stellvertretend für alle anderen Organe wissen.
„Das ist die Strafe Gottes für alle die keinen Sack und keine Eier haben“, ließ das Hirn wissen, „und die Leute anlügen.“
„Klugscheißer“, meinte der Anus noch, bevor er seine Tätigkeit
beleidigt einstellte und sich fortan weigerte sich zu öffnen, „ich habe
euch da oben gewarnt! Wer nicht hören will muss fühlen.“
Und jetzt werde ich wohl
wieder zum Arzt gehen müssen, weil bei mir die Hirnblähungen von der Gesundheitsulla eine "
Obstipation Vulgaris" verursacht haben .
Aber die Praxisgebühr werde ich wieder nicht bezahlen 
.

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