
An einem Samstag vor einigen Wochen habe ich mich unter die
Erdbeerpflücker gemischt, da es der Besten aller Frauen reichlich spät
einfiel, mich aus unerfindlichen Gründen, die ihre Ursache in den
Tiefen der weiblichen Seele haben müssen (ein sehr interessantes Thema,
auf das ich aber zu einem späteren Zeitpunkt eingehen möchte) mit einem
selbstgebackenen Erdbeerkuchen erfreuen zu müssen.

Natürlich waren keine frischen Erdbeeren im Hause und alle in
erreichbarer Nähe liegenden Gärtnereien und Supermärkte hatten bereits
geschlossen oder hatten nur noch Ware im Angebot, die sich bereits auf
dem Weg zum Marmeladengelee mit beginnender Pilzbildung befand.
Hilfe in der Versorgungsnot bot sich mir in Form eines Schildes, das
„ERDBEEREN ZUM SELBERPFLÜCKEN“ offerierte. Nun bin ich von Geburt an
kein Mensch dem beim Anblick eines Gemüsebeetes, eines früchtetragenden
Baumes oder Strauches, oder eines trächtigen Ackers das Wasser im Munde
zusammenläuft oder gar die Freudentränen aus dem Auge kullern. Aber was
tut man(n) nicht alles um die Beste aller Frauen zu beglücken (auch das
ein hochinteressantes Thema, auf das ich aber auch zu einem späteren
Zeitpunkt nicht näher eingehen werde).
Also, langer Rede kurzer Sinn, bevor ich mich richtig versah, befand
ich mich auf einem Acker mit langen, schnurgeraden Reihen voller
pflückbereiter Erdbeeren, das Kilo zum Preis von 1,90 Euro. Ein
entsprechendes Sammelbehältnis hatte ich gegen Entgelt am Eingang
erwerben können und wollte mich nun unverzüglich ans Werk machen, um
meine hausmännlichen Pflichten an diesem Tage zumindest teilweise zu
erledigen. Nach einem kurzen informierenden Blick auf meine zahlreichen
Mitpflücker, die sich scharenweise auf dem Acker tummelten, nahm
ich auch deren hockende Position ein, wie jemand der auf einer Wiese im
halbhohen Gras versucht seine Notdurft zu verrichten, ohne von der
Straße aus gesehen werden zu können.
Allerdings stellte ich alsbald fest, dass ich in dieser Position, die
vorher so zahlreichen roten Erdbeeren nun vor lauter Blattwerk nicht
mehr richtig sehen konnte und meine Beinmuskulatur war von dieser
Hockposition auch nicht gerade begeistert. Während ich die Sträucher
nach roten, erdbeerkuchentauglichen Früchten absuchte, entwarf ich im
Geiste das Zuchtverfahren für Hochstammerdbeeren und kam zu dem
Schluss, dass sich das Zuchtergebnis aus zeitlichen Gründen sicher
nicht mehr zum Wohle meiner Generation auswirken würde. In einem für
mich eigentlichen unverständlichen und spontanen Anfall von
Kommunikationsfreudigkeit wollte ich dies meinem Pflücknachbarn
anvertrauen, der sich mit seinen zahlreichen Familienangehörigen
bedrohliche nahe an mich herangefressen hatte, denn ein Sammelbehältnis
führte er nicht mit sich.
„Die Erdbeeren müssten höher hängen“, gab ich scherzhaft zum Besten und
hatte nicht erwartet, dass diese Bemerkung bei meinem Hocknachbarn
einen derart verständnislosen Gesichtsausdruck auslösen würde. Er
(der Mann da neben mir) hatte offensichtlich nicht nur keine
Ahnung von
Hochstammerdbeeren,
sondern war zudem der deutschen Sprache nur soweit mächtig um ein
„Hmmmm gudd“ von sich zu geben, bevor er sich die nächste Beere
einverleibte.
Mir wurde schlagartig klar, dass
- ein weiterer Versuch zum Aufbau einer konstruktiven Kommunikation
über die Zuchtproblematik der Hochstammerdbeere unmöglich war und
- beim Weiterpflücken in die Richtung, aus der offensichtlich
ausländische Mitbürger fremder Nation kam, mit äußerst niedrigeren
Pflückerträgen gerechnet werden musste.
Ich entschloss mich deshalb, mir eine andere Pflückreihe zu suchen und
quälte mich mit lautem Ächzen und Stöhnen aus der Hocke in eine, aus
orthopädischer Sicht, gekrümmte Stehposition. Mit der linken Hand
drückte ich mein halbvolles Pflückbehältnis gegen die Leiste und mit
der anderen Hand versuchte ich mein Rückrat wieder in eine schmerzfreie
Position über dem Beckenbereich zu bringen, um zum aufrechten Gang
meiner Vorfahren zurückkehren zu können.
Um nicht den Anschein eines gebrechlichen unsportlichen älteren Herrn
zu erwecken, versuchte ich gleichzeitig so zu tun, als wäre diese
Haltung notwendig um meine nähere Umgebung zu erkunden. Um diesen
Eindruck zu verstärken, nahm ich die Hand vom schmerzenden Lendenwirbel
und legte sie schützend gegen das gleißende Sonnenlicht über die Augen.
Wenn Sie jemals Pierre Price als Winnetou gesehen haben, wissen Sie was
ich meine und jetzt ersetzen Sie einfach gedanklich Pierre Price durch
Ralf Wolter und die Silberbüchse durch einen halbvollen Karton
Erdbeeren und die Prärie durch einen Erdbeeracker.
Die Erkenntnis, dass ich mich erdbeerpflückend vom vertrauten
heimatlichen Acker auf deutschem Boden, quer durch das fremdsprachige
Europa bis ins ferne Morgenland vorbearbeitet hatte, erfüllte mich mit
Erstaunen. Der Acker war übersät mit fremdländisch aussehenden Menschen
in fremdländischer Kleidung. Trotz Temperaturen weit der für einen
Mitteleuropäer noch angenehmen 25 Grad Celsius hockten zwischen den
Reihen bundesdeutscher Erdbeeren bis zu den Augenbrauen vermummte
Gestalten, die sich durch hellgraue bis anthrazitfarbige, sackartigen
Gewänder vor der Sonne zu schützen versuchten.
„Sieht aus wie der Betriebsausflug eines Nonnenklosters, dessen
Teilnehmer(innen?) sich zur kollektiven Befriedigung eines biologischen
Bedürfnisses in die Büsche geschlagen haben, während der Bus mit
laufendem Motor auf dem nahen Parkplatz wartet“, zog mir durch den
Kopf, während ich mich hastig vom Acker machte und mich mit meinem
halbvollen Karton an der Zahlstelle in eine längere Schlange wartender
Menschen einreihte. Auch hier schien Deutsch eine Fremdsprache zu sein
und wie ich beobachten konnte nahm das Gewicht der von den Wartenden
gesammelten Erdbeeren mit zunehmender Wartezeit durch Eigenverzehr
kontinuierlich ab.
Als ich endlich an der Reihe war und meinen Karton auf die Waage
stellen konnte, hatte ich eine repräsentativen Streifzug durch die
Sprachen Osteuropas bis weit über den Bosporus, die Karpaten und den
Ural hinaus hinter mir.
Der Knopfdruck einer Verkäuferin veranlasste die Waage nach dem
Wiegevorgang einen Zettel mit dem unglaublichen Zahlbetrag von 97 Cent
auszugeben, was mich veranlasste den sagenhaften Betrag von 1 Euro auf
den Tisch zu legen. Während ich beharrlich auf die Herausgabe der mir
zustehenden 3 Cent Wechselgeld wartete, erlaubte ich mir eine Bemerkung
machen zu müssen: „Sie müssen ihr Schild ändern. Statt
Erdbeeren zum Selberpflücken muss das
Erdbeeren zum Selberessen
heißen, denn hier bei ihnen kommt doch so gut wie nichts mehr an. Sie
brauchen eine Personenwaage und müssen die Leute mit ihren Schüsseln
und Körbchen zusammen wiegen. So verdienen sie doch nix. Das rentiert
sich doch nicht!“
Die Antwort der offensichtlich polnischen Verkäuferin, möchte ich ihnen
ersparen, da ich nicht ausschließen kann, dass ich wegen meiner
mangelhaften polnischen Sprachkenntnisse etwas falsch verstanden haben
könnte.
Mit meinen 3 Cent Wechselgeld und meinem Schächtelchen
selbstgepflückter Erdbeeren machte ich mich hurtig auf den Weg nach
Hause, wo die Beste aller Frauen sich bereits Sorgen wegen meines
langen Ausbleibens machte.
„Wo warst du denn so lange?“
„Na Erdbeeren besorgen, es gab ja um diese Zeit nirgends mehr welche!“
„Und wo kommt dann diese Handvoll Erdbeeren her?“
„Aus Anatolien.“
„Du meinst sicher Andalusien, aber in Erdkunde warst du noch nie gut. Außerdem reichen die Erdbeeren nicht für einen Kuchen.“
„Ich mag auch gar keinen Erdbeerkuchen mehr.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich jetzt keine Zeit zum Kaffee trinken und Erdbeerkuchen essen
habe. Ich muss mich um die Aufzucht der Hochstammerdbeere, der
„Fragaria contus altus“ kümmern und einen „Business Case“ schreiben.“
„Was für einen Business Case?“
„Ich werde Landwirt und dann baue auf meinem Gelände Hochstammerdbeeren
an. Und zur Erntezeit darf dann jeder der mag soviel essen wie er will
und das kostet gar nix.“
„Aber da gehst du doch pleite, wie willst du mit einer solchen Geschäftsidee Geld verdienen?“
„Ganz einfach - ich vermiete für viel Geld die Leitern, die man zum Pflücken braucht!“
Also echt - den Gesichtsausdruck der Besten aller Frauen hätten Sie sehen sollen!
Sie hat sich halt auch noch nie so intensiv mit der EU-Osterweiterung beschäftigt, wie ich.
Strawberry Fields for ever – irgendjemand ist mit so etwas schon mal
richtig reich geworden. Mir fällt nur im Moment nicht ein, wer das war.

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