Blogger Salon

OK, OK, das ist nicht jedermanns Geschmack, aber man wird ja wohl mal fragen dürfen.
Doch gesehen haben Sie bestimmt schon mal einen, auch wenn es "nur" ein Italo-Western oder DDR-Western war.
Waren Sie schon mal in einem Salon?
Darf man Wikipedia glauben, dann hat sich in diesem Salon ein elitärer Zirkel von Künstlern getroffen, um den offiziellen höfischen Kunstgeschmack zu propagieren und ein bisschen Inzucht und Protektion zu betreiben und neue Ideen zu unterdrücken.
Was das jetzt mit meiner ersten Frage zu dem Western zu hat?
Na, in jedem guten Western kommt ein Saloon, die anglo-amerikanische Version des französischen Salon, vor.
Auch der Western-Saloon diente dem männlichen Lustgewinn durch kollektiven Alkoholgenuss, gruppendynamische Glück- und Kampfspiele und der seriellen Damenbesamung.
Die Baulichkeit eines solchen Saloons bestand (meist) aus einer überdimensionierten Fassade mit einem dahinterliegenden wesentlich kleineren Schuppen, aus roh behauenen Baumstämmen zusammengebastelt, so eine Art Blockhaus. Fenster hatte dieses Gebäude nur zur Straße, damit man aus dem Halbdunkel sehen konnte was draußen auf der "Main Street" los war und das eigene Pferd im Auge behalten konnte.
Die Zeit dieser Saloons und der Blockhäuser ist längst vorbei.
Sollte man eigentlich meinen.
Wurde ihnen doch durch die "Neuen Medien" die lukrative Geschäftsgrundlage bei Glückspiel und Sex entzogen.
Black Jack, Cybersex und digitale Rammelopern holt sich der Konsument heute aus dem Internet. Und nur wegen Alkohol schwingt sich auch kein Mann mehr aufs Pferd. Zumindest keiner der verheiratet ist.
Umso erstaunter war ich, als ich jetzt im Internet einen Blogger Salon fand, der "Die Zeit" überdauert zu haben scheint.

Ich also sofort mit meinem Braunen und einem kräftigen "Hüha" vor den Salon, runter vom Pferd, kurz die Hose hochgezogen und den Staub der Multimedia-Wüste aus dem Klamotten geklopft, mit etwas Spucke die Haare angepappt und dann voller Vorfreude auf die kommenden Männerwonnen mit klingenden Sporen nix wie rein in die halbdunkle Verruchtheit des Blogger Salons.
Drinnen erst mal orientierungslos. Dämmriges Zwielicht. Staub schwebt durch die Luft. Stille – bis auf das Nachklappern der Pendeltür in meinem Rücken.
Keiner da?
Riecht leicht muffelig hier!
Irgendwo scheint etwas zu klappern. Klappern gehört ja zum Handwerk, aber es ist nur die Tür hinter mir.
An der Wand hängt in vergilbtem Braungrau ein altes Plakat aus besseren Zeiten
Siegerehrung Preisbloggen Sommer 2004 und Eröffnung des Blogger Salons
Darunter verstaubte Schaukästen, vermutlich mal an der Wand angebracht um Besucher und Gäste über Informatives und Wichtiges zu informieren.
Der Schaukasten für DESIGN ist leer.
Der Schaukasten für LITERATUR ist ebenso leer, wie die Schaukästen für REISEN und POLITIK.
Im Schaukasten WIRTSCHAFT hängt ein Zettel über "Blawgs", wer oder was zum Henker das auch immer gewesen sein mag.
Im Schaukasten WISSEN finde ich eine kurze Information über "Suchtechnik", wobei mir das in einem derart übersichtlichen Salon mit überschaubarem Vergnügungsangebot nun doch etwas sehr prahlerisch vorkommt.
Sinnigerweise hängt im Schaukasten für FEUILLETON ein vergilbter Artikel über den "Freitod", den hier vermutlich schon so mancher zockende, bockende und bloggende Looser begangen hat.
Erst im Schaukasten ERZÄHLEN werde ich an diesem, nun wirklich nicht sehr attraktiven, einladenden Ort und der stimulierenden Atmosphäre eines Mausoleums dann endlich fündig.
Unter dem Datum des 5. August des Jahres 2004 scheint eine Sekte namens Antville.org über ihre Aktivitäten in dieser "kleinen Stadt" und ihr "pan-o-rama", über "cloud scapes", "streetart", "interieur", "domino" und die "ausserlomographische Opposition" zu berichten.
Irgendeine furchtbare Katastrophe muss mit der ZEIT über diese Stadt und den Blogger Salon gekommen sein. An den Wänden und am Fußboden ziehen nur noch Ameisen ihre Bahn und tragen Staub von hier nach da.
"Nix wie weg hier", denke ich mir, als mich das leise Rascheln eines Papiers zusammenzucken lässt und meine Aufmerksamkeit erregt.
"Wie wahr", denke ich mir, "wie wahr!"
Tief berührt von den letzten Worten eines Menschen, den Die Zeit eingeholt hat und dessen Gebeine sicher längst von den Ameisen skelettiert wurden, eile ich raschen Schrittes hinaus in das gleißende Sonnenlicht eines wunderschönen Tages, wo schon der Braune voller Tatendrang und freudig wiehernd auf mich wartet.
Vorbei an einem verwitterten Ortschild, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat, trägt mich der Braune dann über die "Mainstream-Street" von "Tombstone-Antville-City", das wir hiermit mitsamt seinem "Blogger Salon" gerne den Zombies überlassen.
Auf zu neuen Abenteuern.

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