Machopan - Rauchzeichen

09.08.2006 um 05:45 Uhr

Kein schöner Land

„In the year 2525, if man is still alive, if woman can survive they may find ... „ mit dieser Frage beschäftigten sich Zager & Evans schon im Jahr 1969 und landeten mit dem gleichnamigen Song im Juli selbigen Jahres einen Number- One-Hit.

Längst hat man seit dem den Ernst der Lage erkannt und greift deshalb das Thema gesellschaftlicher Veränderungen und die Zukunft der Menschheit gerne auch von der wissenschaftlichen Seite auf. Teilweise kommen da ganz ordentliche Ergebnisse zustande, teilweise kann man die Ergüsse aber auch in den Mülleimer kippen, wo sie dann vor sich hin rotten, bis sie irgendein „Experte“ im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie einem medialen Recycling zuführt.

Am besten gefallen mir persönlich immer die Interpretationen und Auslegungen zu solchen Studien und Denkmodellen weil sich hier dann die Laien (früher sagte man auch Stümper dazu) mit meist gefährlichem Halbwissen ihr eigenes Disney- oder Legoland aufbauen.

Dieser Tage wieder geschehen im KulturSPIEGEL:
«Die Redaktion des KulturSPIEGEL hat das Szenario der Heidelberger Sozialforscher weitergeführt, sich dieses neue Land ausgemalt, seine Bewohner und ihr Leben beschrieben - als Gedankenspiel und als Inspiration, sich ein eigenes Bild zu machen von einer Zivilgesellschaft und ihren Bürgern»
Prädikat: Für Menschen im Vorschulalter durchaus lesenswert.
Freigegeben bis 6 Jahre.

Leider stehen die geistigen Ergüsse der Redaktion des KulturSpiegel im entsprechenden Artikel ziemlich weit hinten unter dem Titel „Deutschland im Jahr 2020“, aber man sollte sich schon den ganzen Artikel von Anfang bis Ende durchlesen um die Lernresistenz der Redaktion zu erkennen. Außer die Gedanken der Redaktion sind satirisch gemeint und ich bin einer der Leser, der ihnen auf den Leim gegangen ist.

Wie auch immer, nach Ansicht des KulturSpiegels stellt sich im Jahre 2020, etwa 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, die Situation wie folgt dar (Auszug):
«Im Jahr 2020 ist der Alltag der Menschen sehr viel weniger reglementiert. Und wo der Staat sich zurückzieht, da entsteht Raum für die Bürger - zumal sich gut ausgebildete Menschen keinem starren System mehr unterwerfen. Alle Lebensgemeinschaften sind rechtlich gleichgestellt. Die mehr als 100.000 Steuervorschriften wurden durch ein Stufenmodell ersetzt, und man kann durch soziale Arbeit seine Steuerlast mindern.
Die Übergänge von Arbeit zur Rente zum Ehrenamt sind fließender geworden. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, da die Menschen besser qualifiziert sind und Deutschland seinen Status als Exportweltmeister von Hochtechnologie gefestigt hat. Weil Bildung als Grundlage von Innovation und Innovation wiederum als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, wurde massiv in Schulen und Universitäten investiert - vom Staat, von der Wirtschaft und den Bürgern.
Es gibt genügend Ganztagsschulen, das dreigliedrige Schulsystem wurde durch eine überarbeitete Idee der Gesamtschule ersetzt. Förderstunden für schwache Schüler werden von Elterninitiativen übernommen. Es ist außerdem üblich geworden, dass Eltern sich in der Schule engagieren - in Projektgruppen oder als Botschafter für ihre Berufe. Bei der Pisa-Studie im Jahr 2020 steht Deutschland auf Platz 2.
Das Entscheidende ist: Im Jahr 2020 haben die Menschen eine Art kollektives Bewusstsein entwickelt - sie fühlen sich als Teil von etwas, als Teil ihres Landes, ihres Unternehmens (das den Mitarbeitern zwecks Förderung der Kreativität größere Freiräume gibt), ihrer Gruppe. Allerdings spricht man nun vom "Schwarm", in dem Gleichgesinnte sich zusammenfinden. Zukunftsforscher glauben, dass das Modell der Kleinfamilie im Jahr 2050 vom Schwarm, der aus dem selbstgewählten Freundeskreis besteht, endgültig abgelöst sein wird»

Der Schwarm meiner Jugend waren die Beatles, die Pinup-Girls aus dem Playboy und die frühreife Tochter meines Fußballtrainers. Die Beatles wurden reich und sind teilweise schon tot, die damaligen Pinup-Girls aus dem Playboy haben sich ihre Silikonkissen wieder entfernen lassen und die frühreife Tochter meines Fußballtrainers ist zur Matrone mit ausgeprägter Oberlippenbehaarung mutiert, wie ich bei einem der letzten Klassentreffen mit Erschrecken feststellen musste.
Nur ich habe mich (anscheinend) nicht verändert!

Doch zurück zum eigentlichen Thema.
Obwohl der Staat bei seinem fluchtartigen Rückzug nur verbrannte Erde zurücklässt, denn er zieht sich nur dort zurück wo für ihn nichts mehr zu holen ist, wird nach den Vorstellungen der Redaktion des KulturSPIEGEL aus dieser verkohlten, geschröderten und ausgemerkelten bundesdeutschen Erde binnen kurzer Zeit  ein „Wunder der Prärie“ entstehen.
„Die Wüste lebt“ meinen die Visionäre und beschreiben unter dem Titel „Disney Land“ munter den dritten und vielleicht letzten Teil des bundesdeutschen Epos neuer deutscher Zeitrechnung.

Die real existierenden 5 Millionen Arbeitslose und Sozialschmarotzer (Tendenz steigend) haben darin selbstverständlich keinen Platz finden können. Sie haben sich entweder selbst als Arbeitnehmer eingestellt oder sind im Rahmen der Entwicklungshilfe zur dauerhaften Befriedung des Iraks bei der Ausübung ihres Berufs für Volk und Vaterland im Felde geblieben. Ein kleiner Rest Drückeberger hat sich rechtzeitig selbst vom Acker gemacht und sich dem Dienst am Vaterland durch Flucht ins Ausland oder gleich in die ewigen Jagdgründe entzogen.

Vor die Wahl gestellt, haben die rüstigen Rentner die Zeichen der Zeit erkannt, haben im Interesse der Nation ihren Widerstand gegen sozial- und umweltverträgliches Ableben aufgegeben und waren mit der Verschickung in Ferienlager der Sahelzone einverstanden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann „walken“ sie dort noch immer gruppenweise durch die Gegend und spielen „weiße Massai“.

Die PISA-Kinder von heute haben auf wundersame Weise den Übergang von der Klingeltonerkennung und dem gezischelten „isch“ zum innovativen Spezialisten für Kommunikationstechnologie und biometrische Spracherkennung geschafft.
Nachdem das Motto „Kinder an die Macht“ erfolgreich in „Macht wieder Kinder“ umdefiniert und der Besitz von Verhütungsmitteln unter Todesstrafe gestellt wurde, ist es trotz der nicht vorhandenen Kindergartenplätze und dem einer eigenen Zeitrechnung unterliegende deutschen Schulsystem innerhalb von wenigen Jahren gelungen, die durch staatliche Natursprungprämien gestiegene Geburtenrate durch den Engpass der Ausbildungsstellen zu manöverieren.
Und das trotz der zur Profitoptimierung in Niedriglohnländer abgewanderten „Global Player“ und Zuwanderung der „Working Poor“, die dort von den Früchten ihrer Arbeit nicht mehr leben konnten.

Nur zu Ihrer Erinnerung, bevor Sie zum Schwärmen abheben – wir schreiben (noch) das Jahr 2006.

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