RUF! MICH! AN!
Stimmung: Antrag studierend und Bleistiftstummel kauend
Musik: Reinhard Mey - Antrag auf Erteilung eines Antragformulars

Nachdem der Bundeswirtschaftsminister Clement gerade dabei erwischt wurde, wie er versucht die Langzeitarbeitslosen um eine volle Monatszahlung zu bescheißen, wenn sie von der Arbeitslosenhilfe zum Arbeitlosengeld II wechseln, bietet er ihnen auch noch seine "persönliche" Mithilfe beim Ausfüllen des 16-seitigen Formularmonsters an.
Maximal 30-45 Minuten werde man zum Ausfüllen dieser "hervorragenden" Formulare benötigen meint der Superminister Clement Wenn es jetzt Kritik gebe, zürnte der Minister, zeige das nur, dass sich viele Betroffene nicht rechtzeitig um die notwendigen Informationen gekümmert hätten. Wer Geld vom Staat beanspruche, müsse diese Arbeit aber auf sich nehmen. "Wer nicht zurechtkommt, soll mich anrufen!", so Clement.
Also so ein Angebot lasse ich mir doch nicht zweimal machen!
Aber verdammt noch mal wo bekomme ich denn jetzt auf die Schnelle diese Formulare her. Die Bundesagentur für Arbeit hat zwar vor einigen Tagen mit dem Versand begonnen, schafft es aber pro Tag nur ca. 600 Stück dieser vielseitigen Bürokratiemonster nebst Anleitungen und Erklärungen zu verschicken.
Bis ich da, vermutlich als einer der letzten von den 1,3 Millionen dienstälteren Langzeitarbeitslosen in 2166 Tagen drankomme, ist Rot-Grün längst abgewählt und der Herr Clement ist in die Zwangspensionierung mit vollen Bezügen und Beratervertrag geschickt worden, obwohl ich ihn lieber samt Kollegen auf der Guillotine gesehen hätte.
Die Formulare finde ich als Muster bei www.tacheles-sozialhilfe.de
Und die Nummer von dem Herrn Superminister Clement wollte ich mir auch besorgen und hab ihn zuerst mal auf seiner Website
Nach den Bildern auf der Website zu urteilen, ist das ein schönes Mehrfamilienhäuschen in der Berliner Scharnhorststraße, wo der Herr Minister da wohnhaft ist.
Telefon hat der Superminister für Wirtschaft und Arbeit auch. Ich hab ihn dann gleich unter der auf der Website angegebenen Telefonnummer 030/2014-9 angerufen, aber da war nur die Telefonzentrale dran.
"Guten Tag", hab ich gesagt, "meine Name ist Gerhard Mustermann. Ich bin mit Frau Erika Mustermann verheiratet und wohne in Musterstadt. Ich bin Langzeitarbeitsloser und habe Probleme mit dem Ausfüllen des Antrags auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch, Klammer auf SGB II Klammer zu, amtliche Formularnummer BA Alg II –A1- 2004.07, dem Zusatzblatt 1 zur Feststellung der angemessenen Kosten für Unterkunft und Heizung, dem Zusatzblatt 2 zur Einkommenserklärung/Verdienstbescheinigung für den Antragsteller sowie für Angehörige, dem Zusatzblatt 3 zur Feststellung des zu berücksichtigenden Vermögens und dem Zusatzblatt 4 zur Eintragung weiterer Angehöriger.
Ich würde daher gerne die professionelle Hilfe von Herrn Superminister Clement annehmen, die er mir angeboten hat. Nach eigener Aussage kann der Herr Minister diese Formulare in 30-45 Minuten ausfüllen. Er wird doch sicher jetzt ein halbes Stündchen Zeit für einen in Nöten befindlichen Bürger und SPD-Wähler haben. Wären Sie wohl bitte so nett, mich mit dem Herrn Minister zu verbinden."
Erstaunt höre ich wie die Dame am anderen Ende der Leitung mir mitteilt, dass das leider im Moment nicht möglich wäre, da der Herr Minister beschäftigt sei.
"Ach das verstehe ich," gebe ich zur Antwort, "er ist sicher damit beschäftigt, jemand anderem der vor mir angerufen hat, beim Ausfüllen des Antrags zu helfen. Dann warte ich halt die halbe Stunde. Wissen Sie ich habe ja Zeit, seit ich keine Arbeit mehr habe. Das war vor, jetzt lassen Sie mich mal nachdenken, das war gleich nach meinem 25-jährigen Betriebsjubiläum. Damals wurde die Firma bei der ich gearbeitet habe, mit einem anderen Unternehmen verschmolzen und in eine GmbH umstrukturiert, die erhebliche Lizenzzahlungen an die –nun amerikanische- Muttergesellschaft zu zahlen hatte. Ich hab da als gelernter Diplom-Ingenieur für Mess- und Regeltechnik als Business Unit Manager –Industrial Service Management- gearbeitet. Ein knappes Jahr später wurde ein Großteil der Mitarbeiter entlassen oder in den Vorruhestand geschickt. Mir wurde so ein wildgewordener Cowboy aus USA vor die Nase gesetzt, der weder die Bundesstaaten seines Heimatlandes aufzählen konnte, noch Geschäftskultur, Organisationsform, Gesetze und Regelwerke des europäischen Marktes und seiner Kunden kannte. Ein halbes Jahr später schrieben wir tiefrote Zahlen und Motivation und Engagement der verbliebenen Mitarbeiter war plattgemacht. Der Betrieb war insolvent, wurde abgewickelt und wir gingen zum Arbeitsamt. Da hab ich zum ersten Mal in meinem Leben die Behörde, die ich jahrzehntelang durch meine Beiträge finanziert hatte, von innen gesehen.
Genutzt hat es nichts und kurz vor der Bundestagswahl 1998, ja ich kann mich noch genau daran erinnern, da hab ich dann die SPD gewählt, weil der Gerhard Schröder sich um wirtschaftlichen Aufschwung, soziale Gerechtigkeit und die Schaffung neuer Stellen kümmern wollte. Ich bin dann sogar in die Partei eingetreten, hab auf der Straße Handzettel verteilt und an der Basis mitgearbeitet. Unentgeltlich natürlich, was denken denn Sie. Ich kann doch als Arbeitsloser nicht schwarz für die Roten arbeiten. Das wäre ja ein Ding gewesen! Nein, ich hab immer pünktlich meine Parteibeiträge bezahlt. So lange ich das noch konnte. Aber nach der Einführung des Euro und der Teuerung ist das halt nicht mehr gegangen. Das Rauchen hatte ich ja schon vorher aufgegeben und das Geld lieber in die Partei investiert.
Ja meine Frau, die kennen Sie ja auch, ja das ist dieeeeee Erika Mustermann, ja die auf den Personalausweisen, ja die Erika Mustermann aus Musterstadt. Genau! Also die hat ja noch Arbeit. Und da liegt jetzt auch zum Beispiel eines der Probleme, warum ich nicht weiß was ich in die Anträge reinschreiben soll. Also das Geld, das ich jetzt beantrage gibt es ja erst im Januar 2005. Eventuell auch erst im Februar, aber das ist eine andere Sache. Was er sich dabei gedacht hat muss ich mal mit dem Herrn Minister persönlich besprechen, wenn er mir mal zufällig übern Weg und vor die Flinte lauft.
Aber jetzt zurück zu meinem Problem.
Also ich bin in dritter Ehe mit Frau Erika Mustermann verheiratet. Ja, die zwei anderen hießen auch Mustermann, haben auch für die Bundesdruckerei in Berlin gearbeitet, wurden dann pensioniert und haben sich kurz danach scheiden lassen. Die erste Erika Mustermann ist mit einem Amerikaner nach USA abgedüst und die zweite Erika soll, so habe ich gehört, wohl als Drittfrau von irgendeinem Asylbewerber dessen Ausweisung verhindert haben.
Also das Problem ist, dass ich auf dem ‚Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch Klammer auf SGB II Klammer zu‘ unter ‘II Persönliche Verhältnisse‘ Angaben zum Partner des Antragsteller machen muss. Und jetzt weiß ich nicht was ich da eintragen soll, weil ich nicht sicher bin, ob ich im Januar 2005 noch einen 'nicht dauernd getrennt lebenden Partner‘ habe oder 'allein stehend‘ bin. Denn meine Frau, die jetzige Erika Mustermann, macht mir in letzter Zeit mit ihren Äußerungen über Langzeitarbeitslose und Sozialschmarotzer in dieser Beziehung doch Sorgen. Ganz unter uns, von Harmonie und Ehefrieden ist da bei Mustermanns schon lang keine Rede mehr. Seit die Kinder nach Australien ausgewandert sind und die Bank mir den Dispokredit gekündigt und die Kreditkarten eingezogen hat, wird das Gehalt meiner Gattin auch nicht mehr auf das gemeinsame Konto überwiesen. Ja, gleich nachdem das Geld aus dem Verkauf unserer Eigentumswohnung verbraucht war, hat sie sich ein eigenes Konto eingerichtet und gibt mir jeden Monat ein kleines Taschengeld. Ja viel brauche ich auch nicht mehr. Das Auto, meinen 5-er BMW, habe ich, lassen Sie mich mal nachdenken, ja den habe ich gleich nach der Euroumstellung an einen Osteuropäer verkauft. Ich hab gedacht, bevor mir der Wagen noch irgendwo gestohlen wird, über die offenen Ostgrenzen verschwindet und die Versicherung mir auch noch Versicherungsbetrug unterstellt wie bei der Frau Gsell, da verkauf ich lieber und hab das Geld. Na, viel war es nicht was ich bekommen habe, obwohl der Wagen gerade erst zwei Jahre alt und scheckheftgepflegt war.
Das bringt mich jetzt direkt zu meiner nächsten Frage an den Herrn Minister, denn auf dem ‘Zusatzblatt 3 zur Feststellung des zu berücksichtigenden Vermögens‘ heißt es: ‘Vermögen ist die Gesamtheit der in Geld messbaren Güter einer Person, bewertet zum Zeitpunkt der Antragstellung, soweit das Vermögen nicht später erworben wurde. Von Bedeutung sind ihr eigenes Vermögen und das Vermögen der mit Ihnen im Haushalt lebenden Angehörigen‘.
Weiter heißt es da, dass die Angaben durch geeignete Nachweise zu belegen sind.
Denn ich habe ja da noch das alte Motorrad, das habe ich zwar dieses Jahr aus Kostengründen nicht angemeldet, aber so um die 2000 Euro könnte ich eventuell noch dafür kriegen. Ich müsste jetzt halt nur genau wissen, welches Vermögen ich noch haben darf um ab Januar 2005 Arbeitslosengeld II zu bekommen. Verstehen Sie, ich muss das jetzt wissen, weil wenn ich jetzt in den Antrag reinschreibe, dass das Motorrad 2000 Euro wert ist und ich deswegen im Januar 2005 kein Arbeitslosengeld II bekomme, da kann ich nicht mitten im Winter das Motorrad für 2000 Euro verkaufen, denn da bekomme ich höchstens noch die Hälfte dafür.
Ist denn der Herr Minister Clement immer noch nicht zu sprechen? Das dauert ja ewig. Da hat er wohl gerade einen ziemlich schwierigen Fall in der Beratung, der Arme.
Und wie soll ich das denn jetzt mit der Briefmarkensammlung von meinem Großvater machen?
Nein, die ist nicht komplett, da sind halt ein paar Marken drin mit dem Hakenkreuz und Adolf Hitler drauf. Von Hindenburg sind auch noch ein paar Marken dabei. Den wertsteigernden Trauerrand bei einigen Marken hab ich selbst mit Tusche gemalt. Und dann sind da noch jede Menge Briefmarken mit ganz irren Werten drauf. Ja echt, das sind Briefmarken dabei, die haben wirklich mal 1 Mrd. Deutsche Mark gekostet. Wie soll ich die denn jetzt bewerten? In Euro oder in D-Mark. Mit dem Nennwert oder dem Zeitwert?
Weiter unten auf dem Formular wird dann gefragt, ob mein Ehegatte/Lebenspartner oder weitere im Haushalt lebende Personen über Konten und Geldanlagen verfügen. Als ich meine Frau, Erika die Dritte, danach gefragt habe, was glauben Sie was die zu mir gesagt hat – nach soviel Ehejahren? Ich habe immer gedacht, die Erika das wäre eine richtig freundliche, nette Dame in den besten Jahren, wie sie da so von den Musterausweisen der Deutschen Bundesrepublik herunterlächelt. Also diese Dame – die Frau Bundesrepublik- hat zu mir gesagt, dass mich das einen Sch....... angehe.
Hallo, sind sie noch da?
Hallo! Haaaaaloooooooooooo!!!
Ja das ist ja ein Ding. Da rufe ich den Herrn Minister Clement an und warte dann am Telefon ganz geduldig bis ich an die Reihe komme, unterhalte die Dame am Telefon noch ein bisschen mit ein paar lustigen Geschichten aus meinem Leben und dann wirft man mich plötzlich aus der Leitung.
Hat sich da jetzt jemand anderer vorgedrängelt oder braucht der Herr Minister für das Ausfüllen der Formulare doch länger als eine halbe Stunde?"
Und was mach ich jetzt?
Ich glaube ich muss mir jetzt was ganz Radikales überlegen, bevor ich wieder wertsteigernde Trauerränder auf Briefmarken mit Politikerköpfen male.
Ich könnte vorher natürlich auch die Telefonaktion von Tacheles unterstützen und nochmal beim BMWI anrufen und den Herrn Clement verlangen.

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