Urnengang
Stimmung: Demokratisch aktiv, aber politisch schmollend
Musik: Garstige Lieder - Wahlversprechen aus fünf Jahrzehnten BRD

Lange habe ich mit mir gerungen, ob es mir denn erlaubt sei zu den Wahlen vom letzten Sonntag meine Stimme zu erheben, obwohl ich sie nicht abgegeben habe.
Eigentlich müsste mich der Ausgang der Wahlen in meinem Ego bestätigen, getreu nach dem Motto eines notorischen alten Nörglers und Besserwissers, "Ich hab’s euch ja schon immer gesagt, aber auf mich hört ja sowieso keiner".
Eigentlich müssten die langen, betretenen Gesichter der betroffenen Politiker in mir hohntriefende Schadenfreude auslösen und den vermeintlichen Siegern (das sind die weniger Abgewatschten) müsste ich ins Poesiealbum schreiben: "Ihr habt zwar diesmal noch Schwein gehabt, aber nur weil ihr weniger schlecht seid als die Anderen. Ihr seid noch nicht einmal befriedigend und von Gut oder Spitze weit entfernt."
Die Entscheidung zur Wahl zu gehen oder von diesem demokratischen Grundrecht keinen Gebrauch zu machen ist eine individuelle Entscheidung und hat vielschichtige Gründe.
Ich bin diesmal nicht zur Wahl gegangen, weil es Nichts gab, was für mich wählbar gewesen wäre.
Und eine Entscheidung für das vermeintlich kleinere Übel, wie die Wahl zwischen Tod durch Erhängen und Tod durch Erschießen, ist für mich -der ich noch etwas am Leben hänge- keine Wahl.
Und jetzt erfahre ich aus den Medien, dass es Millionen von Menschen auch so ging. Die Mehrheit ist nicht zur Wahl gegangen und hat kein Kreuz auf dem Stimmzettel gemacht.
Aber dennoch haben sie sich diese Menschen entschieden und gewählt.
Sie haben sich dazu entschieden KEIN Kreuz zu machen.
Sie haben sich dazu entschieden KEINE der angebotenen Möglichkeiten zu wählen.
Sie haben sich dazu entscheiden KEINE der Parteien mit der Vertretung IHRER Interessen zu beauftragen.
Sie haben sich dazu entschieden KEINE weitere Unterstützung für dieses System und seine Akteure zu leisten und haben aus dem Wahlzettel einen Denkzettel gemacht.
Denn Demokratie ist kein kurzes Lotteriespiel, bei dem man jahrelang hohe Einsätze bezahlen muss um an einem Sonntag sein Kreuzchen machen zu dürfen. Um dann hinterher festzustellen, dass man wieder nur der Dumme ist.
Wenn ich jetzt in die langen Gesichter der nichtgewählten Politiker blicke und ihren Erklärungen und Diskussionen lausche, dann wird mir klar, dass die Jungs und Mädels nichts begriffen haben und auch nichts begreifen wollen.
Wer sich für ein Amt oder eine Funktion zur Wahl stellt, erhält von seinen Wählern den Auftrag, das umzusetzen und sich für das einzusetzen, was er vor seiner Wahl ins Amt gesagt hat.
Man nennt das Wahlversprechen, das heißt es wird etwas versprochen. Auf dieser Basis sind früher Verträge geschlossen worden. Heute ist ein Wahlversprechen eine Art verbaler Fehltritt, nach dem Motto "Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern".
Wer überwiegend parteipolitisch taktiert und auf den eigenen Machterhalt fokussiert ist, dazu noch in der Sache wenig Fachkompetenz, gesunden Menschenverstand und ein Auge und Händchen für das Machbare hat, wird zur Belastung für eine Gesellschaft.
Wer dann jahrelang, hartnäckig und verbohrt eine Politik gegen den Willen der Mehrheit eines Volkes betreibt wird bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit dafür bestraft.
Das ist normal, das weiß jeder normale Mensch.
Jetzt wird versucht das Verhalten der Wähler zu analysieren, zu erklären, zu deuten, die Gründe zu erforschen, das Ergebnis zu interpretieren, Schuldige zu suchen, Verantwortungen zu verschieben, zu lamentieren, zu ignorieren und schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass man selbst nichts falsch gemacht hat, sonder nur der Wähler nicht verstanden hat um was es eigentlich geht.
Der Wähler ist schuld!
Der dumme Wähler, der trotz aller Bemühungen der Politiker, die hohe Qualität der Politik und die Größe der Probleme nicht verstanden hat.
"Es ist uns nicht gelungen unsere Politik dem Wähler verständlich zu machen", höre ich aus Politkermündern fast täglich.
Und das stimmt mich traurig.
Deshalb habe ich keinen Grund zur Freude.
Noch nicht einmal zur Schadenfreude.
Weil ich ein dummer, dummer Wähler bin.
Na, denn – dann bis zum nächsten Urnengang.

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