Auroville - u/Heimat in Indien

25.12.2004 um 18:04 Uhr

Rainer und Stefanie - unsere Geschichte

von: mahout

Wie sich herausstellte, hatten die drei bei ihrer Suche nach einer „Housesitting“-Moeglichkeit mehr Glueck gehabt und waren im Haus eines Deutschen untergekommen, der fuer mehrere Monate in Deutschland weilte. Das Haus war sogar so geraeumig, dass sie uns anboten nach dem Einholen des Einverstaendnisses des Eigentuemers mit ihnen gemeinsam dort zu wohnen. Vorausgesetzt natuerlich, dass es uns dort gefiel.

 

Kaum  war das Mittagessen beendet draengten wir vor Neugier auch schon zum Aufbruch. Ulli fuhr mit Michaela und Leo auf dem Motorrad voraus und wir folgten auf unseren Fahrraedern so schnell wie wir mit den Beinen kurbeln konnten. Der Eingang zum Grundstueck lag nur hoechstens 800 Meter vom „solar kitchen“ entfernt. Nach dem „Gate“ gelangten wir nach etwa 50 Meter zunaechst zu einem grossen Carport in dem zu unserem Erstaunen ein alter weisser Golf mit platten Reifen und ein weiteres weisses Auto stand, dessen beste Tage offensichtlich ebenfalls schon lange zurueck lagen. Erneut 50 Meter weiter, umgeben von einem gepflegten Rasen mit alten Mangobaeumen stiessen wir auf ein zweistoeckiges grosses unverputztes Backsteinhaus mit Flachdach und einem Turm der das ganze nochmals ueberragte.

Wir konnten unser Glueck kaum fassen, im Vergleich zum Gaestehaus mutete dieses Gebaeude schon von aussen wie Villa zu Hundehuette an. Der Eingang fuehrte direkt in die Kueche, wo uns vor allem die schoene Granitarbeitsplatte ueber der ganzen Kuechenzeile ins Auge fiel, waehrend der Boden im ganzen Haus nur aus einfachen Terakottafliessen bestand. Im Wohnzimmer gab es einen wuchtigen offenen Kamin und wir fragten uns angesichts der 34 Grad die gerade herrschten, wann es denn wohl so kalt werden wuerde, dass man hier Feuer machen muesse. Allerdings bewies die russgeschwaerzte Rueckseite der Feuerstelle, dass es sich hierbei nicht nur um eine Atrappe handelte.

 

Gleich hinter dem Wohnzimmer und noch im Erdgeschoss sollte unser Zimmer sein. Im Schlafzimmer stand ein nur einssechzig breites franzoesisches Bett mit durchgelegener Matratze, die angesichts des muffigen Geruchs im Zimmer offensichtlich mit Kokosfasern aelteren Datums gefuellt waren. Wie wir auf dem kleinen Bett wirklich Ruhe finden sollten, war mir im Moment zwar noch etwas schleierhaft, aber irgendwie wuerde es sicherlich gehen. Direkt angeschlossen fanden wir zu unserer Freude eine schoenes weiss-gelb gefliesstes Bad mit westlicher Toilette und noch ein schmales Arbeitszimmer. Ulli und Michaela wollten im Obergeschoss wohnen, was uns sehr recht war.

 

Wir konnten unser Glueck kaum fassen. Jetzt musste nur noch der Eigentuemer zustimmen und dann galt es die neue Sachlage Bernard vom Geastehaus schonend beizubringen, denn schliesslich hatten wir fuer vier Wochen fest gebucht. Ein schlechtes Gewissen hatten wir deshalb schon. Da wir zum einen unser Zimmer nicht wie haeufig ueblich im voraus bezahlen mussten, besass das Gaestehaus zwar keine Handhabe den vollen Preis einzufordern, andererseits wollten wir unsere Zeit in Auroville nicht gleich mit einem handfesten Streit um die Kosten fuer gebuchte Zimmer beginnen. Auch war uns Bernard schon am ersten Abend durch sein cholerisches Verhalten gegenueber seinen Angestellten ausgefallen, so dass uns vor dem Gespraech mit ihm schon ein bischen Bange war. Vielleicht konnte man sich jedoch auf einen Kompromiss einigen, der beide Seiten zufriedenstellte. Jetzt hiess es erstmal abwarten.

 

Jedoch bereits am folgenden Tag passierte etwas, das unser schlechtes Gewissen nachhaltig daempfen sollte.

11.07.2004 um 05:23 Uhr

Rainer und Stefanie - unsere Geschichte

von: mahout

Das Sharnga-Gästehaus war schön gelegen zwischen altem Baumbestand, bot einen kleinen Swimmingpool, im hinteren Bereich eine angeschlossene Pferdekoppel, einen großen Affenkäfig (nein nicht unser Zimmer) und sogar einen eigenen Internetanschluss. Die einzigste Einschränkung bestand darin, dass die Betten in unserem Zimmer mit einem hohen hölzernen Fußende ausgestattet waren, so dass ich mit meinen zwei Metern Körperlänge nur mit angezogenen Beinen hätte schlafen können. Bei unserer Frage nach einer alternativen Schlafmöglichkeit begegnete man uns mit typisch indischer Flexibilitaet und Bernard schickte nach einer Säge um das überflüssige Fußende einfach abzusägen. Das wollten wir unserem Gastgeber dann doch nicht antun und so entschloss ich mich mit einer Extramatratze kurzerhand auf dem Boden zu schlafen.

Überhaupt war ich so hundemüde, dass mir in diesem Zustand wohl auch eine Strohmatte fürs erste gereicht hätte. Sobald wir im Zimmer wieder allein waren fielen wir erleichtert in die Kissen, machten uns lang und verbrachten die nächsten zwei bis drei Stunden dann erst einmal damit intensiv an der Matratze zu horchen, um uns etwas zu erholen.

Die Außentemperatur lag bei sehr angenehmen 32 bis 34 Grad und nachdem wir uns etwas frischer fühlten, die Koffer ausgepackt und unsere Fahrräder mit dem mitgebrachten Werkzeug wieder komplett verschraubt und aufgepumpt hatten, war sogar noch genug Energie vorhanden für einen ersten Erkundungsausflug vor dem Abendessen. Der Linksverkehr war noch etwas ungewohnt für uns und da in Auroville relativ wenig Verkehr herrscht, ertappten wir uns immer wieder wie wir schon ganz automatisch immer wieder zur rechten Seite der Straße bzw. des Weges tendierten.

Auf der Terrasse des Solar-Cafes auf dem Dach der des „Solar-Kitchens", der zentralen Kantine in Auroville, legten wir eine kleine Pause ein und gönnten uns auf Kosten unseres Gästehauses für umgerechnet zusammen 1,60 Euro je einen kalten Cappuccino mit leckerem Vanilleeis, einen Eistee sowie einen Limonensaft und ein Käse-Salatsandwich. Klar, dass wir Bernard den Betrag wieder erstatteten, aber da wir noch keine Gelegenheit hatten in Auroville ein Konto zu eröffnen, hatte er uns freundlicherweise angeboten in der Zwischenzeit unsere Rechnungen über sein Gästehauskonto zu begleichen. Bevor wir uns wieder auf den Weg machten, nutzen wir die Gelegenheit im angeschlossenen Internet-Cafe unseren Lieben in Deutschland noch schnell ein Email zu senden, dass wir gut angekommen und wohlauf sind.

Wieder zurück beim Abendessen bemerkten wir zu unserer Enttäuschung, dass wir die einzigsten deutschsprechenden Gäste waren. Außer uns saßen noch etwa sechs Franzosen am Tisch, die ganz offensichtlich keine Lust hatten sich mit uns auf Englisch zu unterhalten. Nach kurzer Zeit gesellte sich noch ein kleines sehr aufgewecktes Mädchen zu uns, das nach unserer Vermutung die Tochter Bernards war und die uns im weiteren Verlauf mehr und mehr faszinierte. Obwohl noch so klein schaffte sie es ohne sichtbare Anstrengung sich mit allen Anwesenden in ihrer Muttersprache ganz selbstverständlich und souverän zu unterhalten. Dabei wechselte sie je nachdem ob sie mit den indischen Angestellten, den Gästen oder Bernard sprach ständig zwischen Englisch, Französisch, Deutsch und Tamil.

Der zweite Tag begann um 8.30 Uhr mit einem bescheidenen "Continentalen" Frühstück, das aus lediglich drei Scheiben trockenem Brot, etwas Marmelade und eine Schale Tee bestand. Mehr hungrig als satt radelten wir danach gleich zum "Financial Service" um die obligatorische indische Anmelde- bzw. Registrierungsprozedur zu erledigen und um unser Konto zu eröffnen mit dem wir hier fast überall mit Angabe der Kontonummer und unserer Unterschrift bargeldlos bezahlen können.

Während des Mittagessens, das wir nach unserer gerade noch rechtzeitigen Anmeldung wie die meisten Aurovillianer in der Solar-Kitchen einnahmen trafen wir zu unserer großen Freude Uli mit seiner Familie wieder, die wir vor Wochen in Frankfurt kennengelernt und die nun ihre ersten 14 Tage in Auroville bereits hinter sich hatten.

06.07.2004 um 12:36 Uhr

Rainer und Stefanie - unsere Geschichte

von: mahout

Am Abreisetag und noch tief in der Nacht hörte ich meine Mutter schon lange vor dem Weckton meines Handys in der Küche hantieren. Das Schlafzimmer meiner Eltern grenzte direkt an die Küche und im Doppelbett, das meine Mutter seit dem Tod meines Vaters seit vielen Jahren nicht mehr benutzte lagen ich und mein Sohn Denis, der die letzte Nacht in meiner Nähe verbringen wollte. Die letzten Stunden hatte es geregnet und ich war froh, dass ich die beiden Fahrräder die sich jetzt in dicken Kartonhüllen auf dem Gepäckträger meines alten Autos befanden gut mit Plastikfolie umhüllt hatte. Denis, der ganz anders als ich ein richtiger Tiefschläfer ist, war kaum wach zu kriegen. Danach durfte man ihn genau wie seine Mutter die nächsten zwei Stunden am besten nicht ansprechen. Morgenmuffel kann ich auf den Tod nicht ausstehen; warum hatte er ausgerechnet diese Eigenschaft von seiner Mutter geerbt?

Eine halbe Stunde später waren wir drei bereits auf dem Weg nach Mannheim, wo Stefanie ebenfalls die letzte Nacht bei ihren Eltern verbracht hat und sicher schon auf uns wartete. Mittlerweile hatte es zu regnen aufgehört und so fühlte ich mich bezüglich den Kartons auf dem Dach gleich etwas sicherer. Der Stop dauerte gerade so lange bis ich Stefanies Koffer und Rucksack in den Kofferraum gewuchtet hatte. Der Abschied zwischen Stefanie und ihrer Mutter war kühl wie immer, ihr Vater war auf der Arbeit und ihr jüngerer war zu faul um wegen seiner Schwester mitten in der Nacht aufzusetehen. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Im Auto war Stefanie ungewöhnlich still, sie hatte sich sosehr gewünscht, dass ihre Mutter sie wenigstens bei diesem Abschied einmal die Arme nehmen würde. Ich legte meine Hand auf ihr Knie, sie tat mir so leid, aber das war natürlich nicht wirklich ein Trost für sie.

 

Die Fahrt dauerte überraschend kurz, denn der einkalkulierte Stau war nicht eingetreten. Glücklicherweise hattenwir zwei Rollbretter,wie man sie normalerweise zum Möbeltransportieren benutzt, mitgenommen sodass der Transport vom Parkplatz zum Check-In-counter problemlos zu bewältigen war. Doch die gute Stimmung sollte schlagartig umschlagen als man uns mitteilte, dass die Fahrräder zwar angemeldet sind, jedoch die Auskunft unseres Reisebüros falsch wäre, dass es einen Bonus von 10 kg Freigepäck gäbe und anstatt der 25 Euro pro Kilogramm Übergepäck solle es nun 35,33 Euro kosten.

 

Wir waren erst mal platt und fingen fieberhaft an zu rechnen. Nach langer wütender Diskussion am Schalter verzichtete man auf das Wiegen der Räder und beschränkte sich auf eine grobe Schätzung, die uns zwar nach meiner Einschätzung einige Kilos ersparte aber letztendlich war der Betrag immer noch 1.000 Euro. Am liebsten hätte ich die Kartons mit Inhalt einfach stehen gelassen so sauer war ich; meine Mutter damit zurückzuschicken und das indische Rolleisen benutzen wollte ich auch nicht. Es half alles nichts, diese Kröte mussten wir wohl oder übel schlucken.

 

Mittlerweile hatten wir uns verabschiedet und steuerten zielsicher auf unser Gate zu an dem ein stirnrunzelnder Mitarbeiter auf uns zu warten schien. Nach wenigen Sukunden wurde mir schlagartig klar, dass es ein schwerwiegender Fehler war so früh am Abflug-Gate zu sein. Wir waren mal wieder der ersten und der Schalterangestellte hatte noch viel Zeit. Deshalb fand er es wohl eine gute Idee unser Handgepäck, das bisher alle Kontrollen unbeanstandet passiert hatte erneut einer Gewichtskontrolle zu unterziehen. „So kann ich sie nicht ins Flugzeug lassen, das Übergepäck müssen sie aufgeben!“ Ich spürte wie mein Blutdruck ansatzlos neue Rekordmarken anstrebte und redete mir den Mund fusselig um zu retten was zu retten war. Einen Teilerfolg konnte ich zwar erzielen, denn Nachzahlen mussten wir nicht mehr, jedoch mussten wir einen Teil unseres Handgepäcks in eine dünne Pappschachtel umladen, bei der wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgingen, dass wir sie bzw. den Inhalt wenn überhaupt nur noch in Teilen zurückbekommen würden.

 

Der Flug mit Gulf Air verlief dagegen weitestgehend problemlos. „Überraschend“ war nur, dass wir unplanmässig in Bahrain zwischenlandeten um eine „kleine“ Reparatur zu erledigen und sich bei unserer zweiten diesmal planmässigen Zwischenlandung im Oman die Flugnummer geändert wurde ohne, dass es jemand für nötig hielt dies bekannt zu machen. So wussten wir bis kurz vor dem Abflug nicht von welchem Gate denn nun unser Anschlussflug starten sollte, doch durch die Ereignisse des Tages waren wir schon so weit abgehärtet, dass uns die vielen Falschauskünfte, die uns mehrfach von einem Ende des Flughafens zum anderen sandten, kaum noch aus der Ruhe brachten.

 

Umso größer war unsere Freude, dass bei unserer Ankunft in Chennai neben unseren Koffern, auch die Räder und sogar die dünne Pappschachtel alles gut überstanden hatten.

 

Vor dem Flughafen wurden wir erfreulicherweise wie versprochen und geplant von unserem indischen Fahrer erwartet. Anfangs wunderte mich noch über sein untypisch unglückliches Gesicht als er mich mit den zwei riesigen Karton erblickte, die ich so gut es eben ging hinter mir herschleifte. Mir wurde jedoch schnell klar, dass er das daran lag, dass er das von unserem Gästehaus zugesicherte Fahrzeug, das ausreichend groß für zwei Fahrräder sein sollte, leider nicht dabei hatte. Was tun?

 

Nach kurzer Diskussion lies uns der Fahrer, der offenbar die rettende Idee hatte, auf dem Flughafenparkplatz bei 32 Grad im Schatten kurzerhand stehen machte sich eiligst auf den Weg. Nach rund vierzig Minuten bog er bereits wieder strahlend um die Ecke und brachte zwei Rollen Schnur mit, die dünner als ein Schnüsenkel war. Skeptisch, aber was blieb mir anderes übrig, half ich ihm die Fahrräder in ihren mittlerweile ziemlich ramponierten Kartons auf das Dach zu legen und mit der Schnur notdürftig durch die Fenster an den Haltegriffen im Fahrzeuginneren zu befestigen. Einsteigen mussten wir dadurch zwar jetzt ebenfalls durch die Fenster, aber was soll ich sagen, das ganze hielt unfallfrei alle Brems- und Beschleunigungsmanöver aus bis wir 160 Kilometer bzw. dreieinhalb Stunden später in Auroville ankamen.

 

04.07.2004 um 16:52 Uhr

Rainer und Stefanie - unsere Geschichte

von: mahout

Uli, Michaela und ihr drei Monate alter Sohn Leo lebten in einer schönen großen Altbauwohnung in Frankfurt-Sachsenhausen, die ganz nach unserem Geschmack mit viel Liebe zum Detail eingerichtet war. Uli, der seit zehn Jahren jedes Jahr ein paar Monate in Auroville verbrachte hatte Michaela bei ihrem ersten Besuch dort kennen gelernt und vor rund einem Jahr geheiratet. Man konnte spüren, dass sie eine glückliche Familie waren. Und als ob uns Leo, der gerade zahnte, uns dies beweisen wollte, strahlte und nuckelte er die ganze Zeit sichtlich zufrieden und selbstvergessen am Finger von seinem stolzen Vater. Er war wahrlich das ausgeglichenste Kind, das wir je getroffen hatten. Insgeheim bewunderten wir einerseits den Mut mit einem so kleinen Kind diesen Schritt zu wagen, andererseits fragten wir uns ob nicht doch wohl auch etwas unverantwortlich oder leichtsinnig sei, diesen armen Wurm mit seinem noch unterentwickelten Immunsystem dem Schutz, den Viren und den Bakterien Indiens auszusetzen.

 

Uli gab als seinen Hauptberuf energetischer Heiler an, was mich einigermaßen überraschte, denn einerseits erinnerte mich sein selbstbewusstes Auftreten eher an einen Geschäftsmann und andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass die beiden sich mit dem Einkommen eines energetischen Heilers und Michaelas Gehalt als Heilpädagogin eine solche Wohnung in einem der beliebtesten Stadtviertel von Frankfurt leisten konnten. Uli schien jedenfalls noch mehr Talente zu haben, denn das Essen das er kochte war ausgezeichnet und der Abend wurde länger und länger und wir fanden irgendwie überhaupt keinen Punkt an dem man hätte sagen können: „So war nett bei euch aber jetzt müssen wir nach Hause“. Bereits weit nach 22:00 Uhr machten wir noch einen gemeinsamen Spaziergang, während Leo still und zufrieden im Arm seines Vaters schlief. Zum Schluss wurden wir sogar noch zu Leos Taufe eingeladen, die wir aber leider absagen mussten, da wir uns zu diesen Termin zu einem Wanderurlaub in der Türkei befinden würden. Auf jeden Fall freuten wir uns sehr schon bald alle drei in Indien wiederzutreffen.

 

Überhaupt war für uns jetzt ganz allgemein der Zeitpunkt angebrochen, an dem wir uns mehr oder weniger bewusst und auf unterschiedlichste Weise von unserer näheren und weiteren Heimat Schritt für Schritt verabschiedeten. Mit Ryanair für ein paar Euro zwei Tage nach Rom, drei Wochen auf dem berühmten Lykischen Küstenwanderweg durch die Türkei, viele Fahrradtouren, Abschiedspartys mit Freunden sowie noch ein paar Fotos von liebgewonnenen Orten und mit der Familie. Gefühlsmäßig schwankten wir häufig zwischen Euphorie über den baldigen Aufbruch und Niedergeschlagenheit über die vielen Dinge die uns am Herzen lagen und die wir notgedrungen zurücklassen mussten. Das Beste, was man tun konnte war Ablenkung und so waren wir insgesamt sehr aktiv.

 

Langsam aber sicher kam der Flugtermin näher und als wir rückblickend nochmals kritisch Bilanz zogen konnten wir ganz zufrieden sein. Mit meinem Arbeitgeber konnte ich über meinen Anwalt, obwohl ich nur zwei Jahre dort beschäftigt war, nach zähen Verhandlungen eine Abfindung herausschlagen, die die voraussichtlichen Lebenshaltungskosten in Indien für fast drei Jahre decken würden. Mein Sohn nahm den Wegzug seines Vaters wider erwarten ganz locker auf und freute sich schon mich besuchen zu können. Unsere Eltern gingen mittlerweile ganz vernünftig mit dem Thema um und sogar meine Mutter, die sich, seit ich vor vielen Monaten erstmals ihr gegenüber von unseren Absichten sprach, weigerte auch nur ein Wort über ihre ablehnenden Gefühle zu sprechen, hatte ihre Haltung aufgegeben und war zu einer sachlichen Auseinandersetzung bereit.

 

Letztendlich hatten uns auch die Sorgen, die Zweifel an unserem Verstand und negativen Prophezeiungen einiger unserer Verwandten und Bekannten nicht mehr aus der Ruhe bringen können. Die Entscheidung war schon lange gefallen, es gab kein zurück mehr, wir waren zuversichtlich das Richtige zu tun. Im Gegenteil, dies wird eine besondere Erfahrung in unserem Leben werden, eine die wir uns schwer erkämpft hatten. Egal wie es auch ausgehen mag, wir würden es uns ewig vorwerfen wenn wir diese Gelegenheit nicht genutzt hätten und zurückkommen können wir immer. Auf nach Indien ......

 

 

04.07.2004 um 09:13 Uhr

Rainer und Stefanie - unsere Geschichte

von: mahout

4.)

Moskitonetze gibt´s in Indien sicherlich auch, aber so ein schönes wie das Modell Hacienda von Brettschneider wahrscheinlich nicht. Würfelform, aus waschbarem Polyester und mit 2,5 Meter Kantenlänge sowie zwei sich überlappenden Eingängen, Himmelbettfeeling inklusive. Auf die bei Vorhängen übliche Bleischnur verzichteten wir aus Gewichtsgründen, allerdings nicht auf ein zusätzliches Imprägniermittel, das die lästigen Insekten bereits tötet wenn sie sich auf das Netz setzen.

 

5.)

Auf Sportgeräte von guter Qualität wollten wir ebenfalls auf keinen Fall vor Ort verzichten müssen. Also musste zusätzlich ein Basketball mit Ballpumpe, ein Leuchtfrisbee, zwei Badmintonschläger, zwei Tischtennisschläger und eine Taucherbrille mit Schnorchel ins Gepäck.

 

Eine Sache, die uns ärgerte war, dass die Kontakte bzw. die Personen die wir durch unsere Reise nach Auroville bereits kennen gelernt hatten auf unsere Emails nicht reagierten. Wir hatten noch so viele Fragen und offenbar hatte keiner Lust darauf uns diese zu antworten. Nun waren das natürlich meistens Leute die in häufigem Kontakt zu Reisenden und Auroville-Interessierten standen und wir vermuteten deshalb, dass sie derartige Emails schon so oft bekommen hatten, dass sie irgendwann einfach keine Lust mehr hatten darauf zu reagieren.

 

Am meisten beschäftigte uns die Frage wo wir nach unserer Ankunft wohnen könnten. Am liebsten wäre uns natürlich gewesen, wenn wir das Haus von jemanden hätten hüten könnten, der vor hatte Auroville für ein paar Wochen oder Monate zu verlassen.  Vor Ort hatte man uns erzählt, dass dies die einfachste, beste und günstigste Methode sei um hier anfänglich angenehm zu wohnen. Nach mehreren Anläufen hatten wir es dann geschafft wenigstens eine entsprechende Anzeige in den „News & Notes“, dem wöchentlichen Rundbrief von Auroville, zu veröffentlichen. Aber da wir nicht vor Ort waren um uns persönlich vorzustellen und uns auch sonst niemand wirklich kannte, waren die Reaktionen einerseits verständlicherweise sehr zurückhaltend und anderseits wiederum so unklar, dass wir uns nicht darauf verlassen konnten und wollten.

 

Als nächstes gingen wir im Internet die Gästehausliste durch und suchten nach Unterkünften unter deutscher Leitung. Das Center Guesthouse, das wir bereits kannten, war uns wie ein oder zwei andere auch zu teuer und so stießen wir letztendlich auf das Sharnga Guesthouse. Bei unserem Telefonaten war zwar Sigrid nie zu erreichen, sondern immer nur ihr französischer Partner Bernard aber wir konnten uns auch mit ihm trotz unserer Englischschwächen ganz gut verständigen. Umgerechnet neun Euro pro Tag für das Doppelzimmer inkl. Frühstück und Abendessen für zwei Personen erschienen uns auch für indische Verhältnisse durchaus akzeptabel und so sagten wir zu.

 

Nachdem wir wie schon erwähnt nicht die gewünschten Insider-Auskünfte erhalten konnten, so wollten wir doch wenigstens die Möglichkeiten abklopfen herauszufinden ob ebenfalls jemand konkrete Pläne hegte aktuell von Deutschland nach Auroville zu ziehen. Wir meldeten uns daher einerseits für das nächste AVI-Jahrestreffen an und fragten zusätzlich bei der AVI-Geschäftsstelle in Berlin nach ob dort weitere Fälle von Auswanderern Richtung Auroville bekannt sind. Von dort bekamen wir in den folgenden Tagen zwei Email-Adressen und kurze Zeit später meldete sich eine Familie aus Frankfurt, gerade mal 100 Kilometer von uns entfernt, die uns gleich zum Essen einluden und deren Abflug genau vierzehn Tage vor dem unseren starten sollte. Welch ein willkommener Zufall!